Fleischklößchen à la Karlsson
In grauer Vor-Bachelor-Zeit, gliederte sich das Studium zum Diplom-Bibliothekar an der Fachhochschule Hamburg in einen bibliothekspraktischen Teil und einen zweiten, in dem die Möglichkeit und die Pflicht bestand, Wissenschaftsdiszplinen näher kennenzulernen. Innerhalb der Literaturwissenschaft wurde die Kinder- und Jugendliteratur durch die junge, damals noch recht unbekannte Professorin Birgit Dankert vertreten.
Sie dozierte. Wir diskutierten. Zum Beispiel über Astrid Lindgren und dass sie den Nobelpreis verdient hätte, den für Literatur – und wenn nicht diesen, dann auf jeden Fall den Friedensnobelpreis. Die Kneipe nach dem spätnachmittäglichen Seminar hieß Dietze-Köpi. Eigentlich ganz anders, doch alle nannten sie so. Der Wirt war wohl ein gewisser Dietz oder Dietze und was aus dem Hahn floss war reinstes sauberes Königspilsner. Im Sommer saß man im kleinen Garten. Wurde es draußen kalt oder nass, war es drinnen warm und eng. Irgendwo in dem Dreieck das Grindelallee und Grindelhof bilden, nur wenige Schritte vom Haupt-Campus der Hamburger Universität. Auf dem Tresen stand der Teller mit Frikadellen unter einer transparenten Kunststoff-Abdeckung, daneben Senf. Man bediente sich nach Gusto und gab den Verzehr beim abschließenden Zahlen an. Sie waren köstlich: Fest und dunkelbraun, flach, rund und gut gewürzt. Noch flüssiger, süffiger wurde das goldgelb schaumige Pils, wenn man dazu diese Buletten genoss.
Welch ein Erwachen nach dem Umzug in den deutschen Süden. Egal ob Fleischküchle, Frikadellen oder Fleischpflanzerl: Fett, Wurst- und Knochenreste, Sehnen, Wasser, Brot und andere Streckmittel. Keine Frage, man kann in Süddeutschland, in Bayern und Baden-Württemberg sehr gut essen und trinken. Es gibt reichlich Spezialitäten von hervorragender Qualität. Buletten gehören nicht dazu. Nebenbei: Auch die Pils-Biere waren anders, um es zurückhaltend zu formulieren. Schmackhaftes Weizenbier in großer Vielfalt konnte sie jedoch einigermaßen ersetzen.
Meine Kinder wurden mit Astrid Lindgren groß. Besonders gern mochten wir alle den
unmöglichen, selbstsüchtigen, besserwissenden Karlsson vom Dach. Dieser „schöne und grundgescheite und gerade richtig dicke Mann in seinen besten Jahren“, der mittels seines Rücken-Rotors einschwebt um sich über Zimtschnecken und Fleischklößchen herzumachen: „Da fiel sein Blick auf die Fleischklößchen. Wips drehte er an dem Knopf, den er auf dem Bauch hatte. Der Motor fing an zu brummen und Karlsson kam im Gleitflug vom Bett her und schnurstracks auf den Teller zu. Im Vorbeifliegen schnappte er sich einen Fleischkloß, stieg schnell zur Decke empor, kreiste um die Deckenlampe und kaute zufrieden.“
Mit dem jüngst erschienen Astrid-Lindgren-Kochbuch fanden wir bei den Buletten schließlich zur Qualität und zum guten, lange vermissten Geschmack zurück. Sie waren nicht flach sondern rund. Überall und rundum rund, wie Karlssons Bauch und etwa so groß wie Mirabellen. Es ist egal ob man sie auf den Tisch, das Fensterbrett oder in den Kühlschrank stellt. Ihre Haltbarkeit ist sehr begrenzt. Sie gehen so:
Zutaten: 1 trockenes altes Brötchen, 450 g Rinderhack, 1 kleine Zwiebel, 1 TL Salz, 1 TL Piment (kann, wer den leichten Lebkuchengeschmack nicht mag, weglassen), 4 Eigelb, Pfeffer, Semmelbrösel nach Bedarf. – „Das Brötchen in lauwarmem Wasser einweichen. Das Hackfleisch mit dem ausgedrückten Brötchen, der fein gehackten Zwiebel, Salz, Piment, Eigelb und Pfeffer zu einem glatten Teig verarbeiten. Falls der Teig zu feucht ist, Semmelbrösel zugeben, bis die gewünschte Konsistenz erreicht ist. Mirabellengroße Klöße formen und in einer Pfanne mit Fett nach und nach rundherum braun brate. Mit Kartoffelpüree und Preiselbeeren servieren. Die Fleischklößchen schmecken auch kalt!“
Letzteres kann ich ausdrücklich bestätigen und noch anfügen, dass man ihnen auch die Form dünner Frikadellen geben kann; den Genuss beeinträchtigt das nicht. Das Astrid Lindgren Kochbuch ist in qualitätvoller Ausstattung erschienen. Mehr als 80 Rezepte, geeignet für Picknicke, Kinderfeste oder große Familienmenüs, laden zum kulinarischen Lindgren-Erlebnis ein. Aktuell zum Beispiel der echte Lindgren-Weihnachtsschinken. Die Rezepte sind von Ilon Wikland farbig illustriert, wie man das von vielen Astrid-Lindgren-Ausgaben kennt und mit einem Vorwort über die schwedische Küche ergänzt. Es eignet sich für Schweden- und Lindgren-Freunde aller Alterstufen.
Birgit Dankert ist seit 2008 emeritiert, von 1994 bis 2000 war sie Sprecherin der Bundesvereinigung Deutscher Bibliotheksverbände, sie ist Initiatorin der Astrid-Lindgren-Datenbank, Autorin zahlreicher wissenschaftlicher und populärer Aufsätze und Beiträge in Zeitungen, Zeitschriften und Radiosendungen. Zuletzt erschien von ihr: Wer ist diese Frau? Annäherung an Leben und Werk Astrid Lindgrens. – Hannover. Lesesaal, Heft 29, 2009.
Lindgren, Astrid: Karlsson vom Dach. – Oetinger, versch. Ausgaben und Auflagen.
Schrag, Mamke; Wagener, Andreas: Das Astrid Lindgren Kochbuch. – Oetinger, 2009. Euro 16,90


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„Wir denken immer, jeder muss doch Lust auf Freiheit haben. Das ist aber nicht so. Heute sagen viele: Sicherheit ist mir viel wichtiger. Wer die Freiheit liebt, muss mehr Risiken in Kauf nehmen. Eine Kultur der Lust auf die Freiheit muss in jeder Generation unter jeden Verhältnissen immer wieder geschaffen werden.



Harte Zeiten für Herta. Von leichtem Infekt genesen, konnte sie Spotlights und Beifallsstürmen auf der Frankfurter Bühne nicht mehr entkommen. Selten hat eine Autorin, ein Autor, nach solcher Auszeichnung, so sehr unser Mitleid verdient. Mit schmalen Schultern und hängendem Kopf stand da eine kleine Frau vor vielen Menschen, die gar nicht mehr aufhören wollten mit Klatschen. Es war auch die Bitte um Absolution, weil man sehr wohl wusste, wie wenig ernst und wichtig man gerade diese Autorin vor dem 8. Oktober genommen hatte. Derweil übte sich ein Frankfurter Meta-Kritiker in ungewohntem Schweigen, das er wahrscheinlich für beredt hält.
„Sophokles war 84, als er die Antigone schrieb, da habe ich noch fast zwei Jahre Zeit.“ Sagte Martin Walser. Er war letzten Herbst in China auf Lesereise. Er wird dort viel übersetzt, gelesen und geschätzt. China hat eine lange Tradition im ehrenden Umgang mit weisen alten Männern. Deutschland im missverstehen wollen. Martin Walser hat es in China gefallen. Und so kam es, dass in Frankfurt Chinesen gerne über den Dichter vom großen Wasser sprachen und dass Martin Walser von China schwärmte. Aber das fiel kaum jemandem auf und kam in den Medien fast nicht vor. Dabei hätte gerade dies wirklich interessant, wichtig, erfreulich und verbindend sein können.
Dieses schuf einst der sehr junge, hochbegabte Maler Jonas Jabal. Er gab dem Werk jenen Titel, den auch Nolte für seinen Roman verwendet. Jabals tragisches Leben, Lieben und Scheitern wird uns parallel zu der sich entwickelnden Geschichte und der zunehmenden Nähe von Schnüfflerin und Auftraggeber erzählt. Das Buch bietet viel Berlin, viel Kunst und Liebe und auch etwas Spannung. Ein vortrefflicher Unterhaltungsroman eben. Autor ist der ehemalige Buchhändler und Journalist Mathias Nolte, dessen erster Roman „Roula Rouge“ 2007 erschien. Sein neues Werk ist nicht ganz zufällig bei Deuticke erschienen. Die Österreicher haben uns schon mit Namen wie Paulus Hochgatterer („Die Süße des Lebens“), Daniel Glattauer („Gut gegen Nordwind“) und dem wunderbar stillen Walter Kappacher („Selina“) bekannt gemacht und begeistert. Leser und Käufer bekommen gute Literatur mit Niveau, in Büchern, die handwerklich sorgfältig gestaltet und hergestellt werden. Ein greifbarer Genuss, den kein E-Book-Reader je wird bieten können. Die Louise bei Mathias Nolte ist übrigens ein rechtes Früchtchen, entsprechend geht es im Roman manchmal etwas charmant frivol zu. Im nächsten Buch hingegen werden wir mit echten Schweinereien konfrontiert.
Entlang der Schlachtungs- und Verwertungskette des nahrhaften Tieres, erzählt der Roman die Geschichte von drei Generationen, deren Leben und Alltag seit Jahrzehnten mit diesem Haus und Grund verbunden waren. Zum Schluß kommen alle noch einmal zusammen. Hier wird deutlich und drastisch erzählt. Dem Leser wird eine literarische Schlachtplatte vorgesetzt. Es ist ein Milieu kleiner Leute, die während der kommunistischen Herrschaft gelernt haben sich durchzuwurschteln, und die genau wissen, dass sie diese Fähigkeiten, erlernte Improvisations-Bereitschaft und ideologische Biegsamkeit, auch im neuen System brauchen werden. Wahre Werte sind die, die man essen kann, ganz nach Brecht, kommt erst das Fressen und dann die Moral. Doch was bleibt Menschen mit solchen fremdbestimmten Lebensläufen anderes übrig. Und so wird zum letzten Mal eine Sau geschlachtet, zerteilt, verwurschtet, verspeist. So sitzt die Familie noch einmal gemeinsam am wackelnden alten Tisch und der Autor erzählt uns von mühsamer Vergangenheit und ungewisser Zukunft. Kein Buch für Vegetarier und Warmduscher.