Ein Zeitgenosse aller Zeiten

10. November 2009 von Jan Haag

250. Geburtstag von Friedrich Schiller (10.11.1759 – 9.5.1805)

Ein Höhepunkt der Jubiläumsfeierlichkeiten ist die Wiedereröffnung des Schiller-Nationalmuseums in Marbach am Neckar nach dessen umfassender Sanierung, am 10. November 2009.  An diesem Tag wird das Gebäude mit einer neuen Dauerausstellung zur Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts, einem Bistro und Shop sowie museumspädagogischen Räumen für die neue Literaturschule des Museums der Öffentlichkeit in neuem Licht präsentiert. In der Marbacher Stadthalle findet ein Festakt statt. Es sprechen u. a. Bundespräsident Horst Köhler und der Philosoph und Schriftsteller Rüdiger Safranski.

images„Wir denken immer, jeder muss doch Lust auf Freiheit haben. Das ist aber nicht so. Heute sagen viele: Sicherheit ist mir viel wichtiger. Wer die Freiheit liebt, muss mehr Risiken in Kauf nehmen. Eine Kultur der Lust auf die Freiheit muss in jeder Generation unter jeden Verhältnissen immer wieder geschaffen werden.

Die Frage, wie der Mensch freiheitsfähig wird, war Schiller ein ganz großes Anliegen. Er wollte einen Beitrag leisten, damit sich die innere Freiheitsfähigkeit der Menschen entwickeln kann. Und dafür setzt er in seinem Verständnis die Kunst. Sie ist für ihn ein wichtiger Übungsplatz für die Freiheit.“ (Rüdiger Safranski)

Hölderlin in Hauptwil

3. November 2009 von Jan Haag

„Jetzt aber, drin im Gebirg“

Die Schweizer Gemeinde Hauptwil liegt im Kanton Thurgau zwischen Bodensee und Säntis-Massiv, westlich von Sankt Gallen. Den Mittelpunkt bildet ein kleiner Weiher, an dessen Ufer sich eine Badeanstalt befindet, die an heißen Sommertagen von den wenigen Kindern und Jugendlichen im Ort genutzt wird. Es ist eine ruhige, eher unscheinbare Siedlung. Für heutige Reisende gibt es eigentlich wenig Grund hier länger zu verweilen. Doch wenn man ohnehin in der Gegend ist, lohnt sich für Literaturfreunde der kleine Abstecher zu einem kurzen Besuch dennoch.

Im Januar 1801 erreichte der Dichter und Gelehrte Friedrich Hölderlin von Stuttgart kommend, nach langer Reise durch das tief verschneite Oberschwaben, über den westlichen Bodensee und schließlich von Konstanz her, die Ortschaft Hauptwil. Den größten Teil des Weges hatte er zu Fuß zurückgelegt. Er trat eine Stelle als Hofmeister bei der Familie Gonzenbach an; seine Aufgabe bestand darin, die dreizehn- und vierzehnjährigen Töchter Augusta Dorothea und Barbara Julia zu unterrichten.

IMG00123

In Hauptwil wurde er freundlich aufgenommen, wohnte in einem Zimmer zum Garten. Er fand sich rasch zurecht und war nicht unglücklich, wie er der Mutter im Brief mitteilte: „Ich kann in der Tat nicht anders sagen, nach der Überzeugung, die ich mir seit 10 Tagen geben konnte, als dass die zahlreiche Familie, in der ich lebe, aus solchen Menschen besteht, unter denen man mit zufriedener Seele leben muß, so viel unschuldiger Frohsinn ist unter den jüngeren, und so ein gesunder Verstand, und edle Gutheit unter den Älteren.“

Das Gehalt betrug 300 Gulden im Jahr, bei freier Kost und Logis. Die Familie Gonzenbach beherrschte den kleinen Ort. Das obere Schloss bewohnte eine ältere Linie; das untere Schloss, das sogenannte Kaufhaus, heute als Wohnhaus genutzt, die Familie des Kaufherrn Anton Gonzenbach. Bei diesem Aufenthalt in der Schweiz lernte Hölderlin die Landschaft des Alpenraums kennen und war von ihr so fasziniert, dass sich das später in hymnischer Dichtung niederschlug. Allerdings dauerte der Thurgauer Aufenthalt nicht lange. Bereits Mitte April trennte man sich wieder. In bestem Einvernehmen und voller Respekt – wie das Haus Gonzenbach versicherte.

IMG00133

Über den raschen Abschied aus Hauptwil gibt es verschiedene Vermutungen und Interpretationen: Zwar wurden auch amouröse Verwicklungen oder politische Differenzen mit dem Dienstherrn vermutet. Doch am wahrscheinlichsten ist, dass sich Anzeichen geistiger Erkrankung bei Hölderlin bemerkbar machten.

Bei einem Spaziergang durch das gegenwärtige Hauptwil kann man feststellen, dass die Gemeinde pfleglich mit der Erinnerung an den Hölderlin-Aufenthalt umgeht. Am ehemaligen Wohnhaus der Familie Gonzenbach ist eine Erinnerungs-Tafel angebracht. Es gibt einen Hölderlin-Weg. Und im Oberen Schloss, dessen Seitenflügel heute ein Altersheim beherbergt, wurde ein Erdgeschoss-Raum zu einem kleinen Hölderlin-Museum umgestaltet. Es ist eine eher schlichte Einrichtung. An den Wänden erzählen einheitlich gestaltete Tafeln von dem Ereignis und ein wenig über das Drumherum. Die Tür steht meist offen. Der Raum ist den ganzen Tag über frei zugänglich.

IMG00136

Von Hauptwil gelangt man nach St. Gallen in einer knappen halben Stunde Autofahrt und damit in das quirlige, umtriebige City-Leben einer großen Kleinstadt. In der Mitte der Stadt liegt der Klosterkomplex. In der Stiftbibliothek werden 900 wertvolle Handschriften verwahrt. Im Kloster lebte bis im Jahre 912 der Mönch Notker, auch genannt der Stammler, einer der ersten großen Dichter und Gelehrten des deutschen Sprachraums.

Herbstlaub

28. Oktober 2009 von Jan Haag

Ärgerlich: Jedes Jahr ein neuer Wälzer

2007 erschienen: Das Haus/House of Leaves von Mark Z. Danielewski. 797 Seiten. Die deutsche Originalausgabe kostete Euro 29,90. Inzwischen gibt es eine Taschenbuch-Version für Euro 18. Unverzichtbarkeits-Argumente: Der erste große Roman des 21. Jahrhunderts. Das extravaganteste Buch der Saison.

2008 erschienen: Die Wohlgesinnten von Jonathan Littell. 1392 Seiten. Deutsche Originalausgabe Euro 36. Taschenbuchausgabe Euro 18. Heftig besprochen und umstritten. Wochenlang im Mittelpunkt der Buchhandlungen. Unverzichtbarkeits-Argumente: Der Skandalroman des bisherigen Jahrzehnts. In Frankreich gefeiert.

Seit einigen Wochen auf dem Markt: Unendlicher Spaß von David Foster Wallace. Für Euro 39,95 bekommt man 1547 Seiten. Ein veritables Preis-Leistungs-Verhältnis. Unverzichtbarkeits-Argumente: Das literarische Ereignis in diesem Jahr. Der Autor hat inzwischen Selbstmord begangen.spass

Dick muss Buch sein, skandalumwittert nach Möglichkeit der Autor, spektakulär die Story rund um das Entstehen des Werks. Aber was man da Jahr für Jahr versucht uns anzudrehen, ist schon nach einigen Monaten kaum noch das Papier wert auf dem es gedruckt wurde. So bekommt man das Haus ganz ohne Bausparvertrag, aber gebraucht, schon für schlappe 15 Euro. Den Littell für 17. Ebay- und Flohmarkt-Verkäufe dabei noch gar nicht berücksichtigt. Wertbeständig sieht anders aus. Es wird ein Wälzer nach dem anderen auf den Markt geworfen. Der jeweilige Vorgänger landet im Ramsch. Vergessen oder bleiben? Über die literarische Qualität wird die Zukunft entscheiden.

*

Ärgerlich: Lenz, Landesbühne

Und damit sind wir beim anderen Extrem. Offensichtlich ist der Verlag festentschlossen jede Kurzgeschichte des greisen Autors zur lohnenden Einzelveröffentlichung zu strecken. War „Die Schweigeminute“ noch recht dichtes und beinahe episches Material, so handelt es sich bei der Landesbühne um ein rechtes Schmierentheater und fast schon um einen Betrugsversuch. Mit großzügigen Kapitel-Überschriften und reichlich Freiraum, ließ sich diese Erzählung auf 120 Seiten strecken, für die 17 Euro verlangt werden. Das Ganze bei bescheidener Papierqualität, schlechter Bindung und einfallsloser Umschlagsgestaltung, die bei Lenz ja schon zur Tradition geworden ist. Dieses Gemecker möchte ich aber nicht als Kritik am Autor und seiner erzählerischen Kraft verstanden wissen. Die Kritik richtet sich ausschließlich an den Verlag. Was ich vom Schriftsteller Siegfried Lenz halte, habe ich vor nicht allzu langer Zeit unmissverständlich beschrieben:

Zu Siegried Lenz

Frankfurt, Ulm und Donaustrand

22. Oktober 2009 von Jan Haag

„Ich war zwischen den Dingen etwas, das da nicht hingehört.“

Nachdem wir wussten, weil es ein Herr mit skandinavischem Akzent verkündet hatte, dass Herta Müller den Nobelpreis bekommen würde, waren die Ulmer Buchhandlungen am LIMIT. Ein Streifzug durch die Läden in den Tagen nach dem Tag X, offenbarte manches SYMBOL. Allerhand Engel, Elfen und bissige Vampire. Von Verblendung bis Verdammnis – alles im Angebot. Aber nichts Lesbares der ausgezeichneten Rumäniendeutschen. „Atemschaukel“, vor kurzem in knapper Auflage erschienen, musste erst wieder in Auftrag gegeben werden. „120 Tausend in einigen Tagen“, verkündete der Verlag zuversichtlich. Es dauerte dann doch etwas länger, bis die Promi- und Sensationslust der Käufer das Werk sogar im Verkaufs-Ranking bei Amazon nach oben spülen konnte.

Mueller_23391_MR.inddHarte Zeiten für Herta. Von leichtem Infekt genesen, konnte sie Spotlights und Beifallsstürmen auf der Frankfurter Bühne nicht mehr entkommen. Selten hat eine Autorin, ein Autor, nach solcher Auszeichnung, so sehr unser Mitleid verdient. Mit schmalen Schultern und hängendem Kopf stand da eine kleine Frau vor vielen Menschen, die gar nicht mehr aufhören wollten mit Klatschen. Es war auch die Bitte um Absolution, weil man sehr wohl wusste, wie wenig ernst und wichtig man gerade diese Autorin vor dem 8. Oktober genommen hatte. Derweil übte sich ein Frankfurter Meta-Kritiker in ungewohntem Schweigen, das er wahrscheinlich für beredt hält.

Herta Müller und ihr Werk waren schon früher mit zahlreichen Preisen bedacht worden. So zum Beispiel mit dem ebenfalls sehr hoch dotierten „International IMPAC Dublin Literary Award“, den sie für die englische Übersetzung von „Herztier“ bekam. Zwei Besonderheiten hat diese Auszeichnung. Von dem außergewöhnlich üppigen Preisgeld (Euro 100.000) geht ein Viertel an den Übersetzer. Und am Preis beteiligen sich neben dem Hauptsponsor IMPAC auch die Kommune Dublin und deren Bibliotheken. Jetzt suchen wir die deutsche Stadt (SDDS) und das zugehörige Erfolgsunternehmen, die dem irischen Beispiel folgen!

Messe-Berichterstattung aus Frankfurt und im Frühjahr aus Leipzig ist ja inzwischen eine ganz eigene Literaturgattung geworden. Wenn es da für Spitzenleistung einen Preis gäbe, hätte diesen sicher Andrea Diener verdient. Ihr Blog ist ganz nah dran an den Stimmungen und der Autorin gelingt es wundervoll, diese ihren Lesern zu vermitteln. Unbedingt vorbeischauen!:

Zu Andrea Diener

*

photo53

Claudio Magris, der diesjährige Preisträger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, ist ein italienischer Germanist. Warum kommt einem diese Berufbezeichnung nur so absurd vor? Kleiner Riese quasi ähnlich absonderlich und selten. (**) Und er – die Ulmer wird es wundern – er hat die Donau als verbundenen und verbindenden Kulturraum entdeckt. Lange vor Langer. Auf einer Flussfahrt mit Buch. Genau betrachtet ist er der originäre Erfinder aller Donaufeste. Zu schön um wahr zu sein, wenn er beim nächsten in Ulm zu Gast wäre.

Und dann schon wieder dieser E-Book-Hype. Zum Gähnen. Toll so ein Kindle! Teuer in Dollar. Was wir lesen dürfen bestimmt Amazon. Nur amerikanische Bücher und Zeitungen drauf. Das Ding ist in aller Munde und vor aller Augen, aber nicht wirklich dabei. Sony-Reader dito. Fortsetzungen folgen. The same procedure next spring in Leipzig. Aufregen nützt nichts. Angst haben vor der Entwicklung auch nicht. Am Ende entscheiden wir selbst, ob Bücher als Haupt-Trägermedium für schöne Literatur verschwinden werden.

Die meisten Chinesen sind nun auch zurück in China. Der eine oder andere Dissident, Kulturschaffende oder Wok-Betreiber hat es vorgezogen hier zu bleiben. Die anderen kommen aber eines Tages wieder. Sie werden es sein, die das ultimative E-Book mitbringen. Den Toyota-Suzuki-Volkswagen der Reader. Den haben dann aldi Lidls für wenig Penny im Angebot. Mehr Plus für Netto. Dann gibt es für den ganzen Druckramsch nur noch Joker. Aber bis dahin haben wir schließlich auch das letzte Feuchtgebiet trockengelegt, hat die Stadt Berlin einen ausgeglichenen Haushalt und Guido Westerwelle die absolute Mehrheit. Also, was kann uns da heute schon passieren?

Sopho„Sophokles war 84, als er die Antigone schrieb, da habe ich noch fast zwei Jahre Zeit.“ Sagte Martin Walser. Er war letzten Herbst in China auf Lesereise. Er wird dort viel übersetzt, gelesen und geschätzt. China hat eine lange Tradition im ehrenden Umgang mit weisen alten Männern. Deutschland im missverstehen wollen. Martin Walser hat es in China gefallen. Und so kam es, dass in Frankfurt Chinesen gerne über den Dichter vom großen Wasser sprachen und dass Martin Walser von China schwärmte. Aber das fiel kaum jemandem auf und kam in den Medien fast nicht vor. Dabei hätte gerade dies wirklich interessant, wichtig, erfreulich und verbindend sein können.

*

(**) Kleine Verbeugung vor dem Meister des prädikatfreien Satzbaus. Weil, Bewunderung quasi Hilfsausdruck: Haas, Wolf: Der Brenner und der liebe Gott. – Hoffmann und Campe, 2009. Euro 18,99

Herbst-Lese (3)

16. Oktober 2009 von Jan Haag

Zwei unterhaltsame deutsche Romane

Im Feuilleton gehört die Behauptung, es gäbe seit Jahren keine lesenswerten Romane über Deutschland und schon gar nicht solche mit Ost-West-Thematik, zum Standard-Repertoire. Doch sie ist Quatsch. Man muss nicht erst Großmeister wie Schulze, Brussig oder Tellkamp bemühen, um festzustellen, dass diese Aussage durch ständiges Wiederholen auch nicht wahrer wird. In der zweiten Reihe, bei Unterhaltungsschriftstellern der jüngeren Generation – deren Existenz in der deutschen Literatur von Kritikern auch gerne bestritten wird – finden wir immer wieder interessante, lesenswerte Beispiele. Zwei Bücher, die in diesem Herbst erschienen sind und sich intensiv mit dem Thema D, einschließlich DDR und Wende, befassen, sollen hier kurz vorgestellt werden. Die behandelten Themen und die geschilderten Milieus der beiden Jung-Autoren könnten dabei reizvoller und gleichzeitig gegensätzlicher nicht sein.

Ein Künstlerroman: Louise im blauweiß gestreiften Leibchen von Mathias Nolte

Die Handlung spielt sich hauptsächlich in Berlin ab. Ost und West, als es diese Unterscheidung noch gab, also zu tiefsten DDR-Zeiten und – in der Haupthandlungsebene – einige Jahre nach der Wende.  Charlotte Pacou wird, kaum dass sie einer trostlosen Beziehung entronnen, fälschlicherweise für eine Privatdektivin gehalten und vom smarten Bankier Daniel Baum mit der Suche nach einem verschollenen Bild beauftragt. Luise 2Dieses schuf einst der sehr junge, hochbegabte Maler Jonas Jabal. Er gab dem Werk jenen Titel, den auch Nolte für seinen Roman verwendet. Jabals tragisches Leben, Lieben und Scheitern wird uns parallel zu der sich entwickelnden Geschichte und der zunehmenden Nähe von Schnüfflerin und Auftraggeber erzählt. Das Buch bietet viel Berlin, viel Kunst und Liebe und auch etwas Spannung. Ein vortrefflicher Unterhaltungsroman eben. Autor ist der ehemalige Buchhändler und Journalist Mathias Nolte, dessen erster Roman „Roula Rouge“ 2007 erschien. Sein neues Werk ist nicht ganz zufällig bei Deuticke erschienen. Die Österreicher haben uns schon mit Namen wie Paulus Hochgatterer („Die Süße des Lebens“), Daniel Glattauer („Gut gegen Nordwind“) und dem wunderbar stillen Walter Kappacher („Selina“) bekannt gemacht und begeistert. Leser und Käufer bekommen gute Literatur mit Niveau, in Büchern, die handwerklich sorgfältig gestaltet und hergestellt werden. Ein greifbarer Genuss, den kein E-Book-Reader je wird bieten können. Die Louise bei Mathias Nolte ist übrigens ein rechtes Früchtchen, entsprechend geht es im Roman manchmal etwas charmant frivol zu. Im nächsten Buch hingegen werden wir mit echten Schweinereien konfrontiert.

Braunkohletagebau_Schleenhain

Der Kontrast: Die letzte Sau von Patrick Hofmann

Südlich von Leipzig, wenige Jahre nach der Wende. Die Menschen in Muckau sind in doppelter Bedrängnis. Von der einen Seite verschlingt sie der sich immer noch weiter ausdehnende Tage-Bergbau, von der anderen das bundesrepublikanische Wirtschaftssystem, einschließlich seiner Demark. Die Siedlung verschwindet. Der Roman beginnt, als nur noch ein Haus übrig ist. Übrig ist auch die letzte Sau. Zu DDR-Zeiten durfte man hier Schweine für die Selbstversorgung halten. Nun steht die Behausung samt Stall vor dem Abriss, die Sau vor der Schlachtung. Die Schlachterin kommt frühmorgens. SAUEntlang der Schlachtungs- und Verwertungskette des nahrhaften Tieres, erzählt der Roman die Geschichte von drei Generationen, deren Leben und Alltag seit Jahrzehnten mit diesem Haus und Grund verbunden waren. Zum Schluß kommen alle noch einmal zusammen. Hier wird deutlich und drastisch erzählt. Dem Leser wird eine literarische Schlachtplatte vorgesetzt. Es ist ein Milieu kleiner Leute, die während der kommunistischen Herrschaft gelernt haben sich durchzuwurschteln, und die genau wissen, dass sie diese Fähigkeiten, erlernte Improvisations-Bereitschaft und ideologische Biegsamkeit, auch im neuen System brauchen werden. Wahre Werte sind die, die man essen kann, ganz nach Brecht, kommt erst das Fressen und dann die Moral. Doch was bleibt Menschen mit solchen fremdbestimmten Lebensläufen anderes übrig. Und so wird zum letzten Mal eine Sau geschlachtet, zerteilt, verwurschtet, verspeist. So sitzt die Familie noch einmal gemeinsam am wackelnden alten Tisch und der Autor erzählt uns von mühsamer Vergangenheit und ungewisser Zukunft. Kein Buch für Vegetarier und Warmduscher.

Nolte, Mathias: Louise im blauweiß gestreiften Leibchen. – Deuticke, 2009. Euro 19,90

Hofmann, Patrick: Die letzte Sau. – Schöffling & Co., 2009. Euro 19,90

Herbst-Lese (2)

10. Oktober 2009 von Jan Haag

Mein kleiner chinesischer Beitrag

Für uns Mitteleuropäer war es schon immer ein Leichtes nach China zu gelangen; es geht am besten mit der Eisenbahn ab Lummerland mit Lokführer Lukas. (1) Und am fernen Bahnsteig werden wir von Frau Mahlzahn in Empfang genommen. Die Reise für Chinesen in der umgekehrten Richtung scheint nicht ganz so einfach. Dennoch ist es nicht Wenigen gelungen, die Einladung als Gast der diesjährigen Frankfurter Buchmesse anzunehmen. Andere, die sich auch auf die Reise machen wollten, kamen nicht an; am Heimatbahnhof fuhr der Zug ohne sie ab. In Frankfurt ging es derweil hoch her. Scheinriesen und Feuerdrachen kraftmeierten aufeinander los. Diplomaten und Politiker kamen ins Spiel.

Nun gehöre ich ja immer noch zu jenen Naiven, die glauben, man bräuchte nur die richtigen Bücher lesen, dann wird das gegenseitige Verständnis gefördert und man kommt damit Lösungen für Konflikte näher. Autoren, Bücher und Leser – geht es auf der Messe nicht hauptsächlich darum? Und irgendwie um China.

Selbst des vielschichtigen Themas völlig unkundig, machte ich mich auf die Suche nach Einstiegslektüre und stieß – wars im Börsenblatt oder bei Amazon? – auf die Autorin Luo Lingyuan. Beim Hinschreiben des Namens wird mir bereits wieder zweiflig. Hatte doch erst neulich der in China lebende und für den deutschen Buchpreis (2) nominierte Hesse und Jungautor Stephan Thome in einem Interview die Problematik der chinesischen Namensgebung und -nennung erläutert.

Luo 2Wie dem auch sei. Luo Lingyuan wurde in der Volksrepublik China geboren und absolvierte Ausbildungen zur Computerwissenschaftlerin und zur Journalistin. Nachdem sie in Shanghai Deutsch gelernt, dabei einen deutschen Studenten kennengelernt und geheiratet hatte, kam sie 1990 nach Berlin und erkannte als Erstes, dass es mit ihren real existierenden Sprachkenntnissen nicht weit her war. „Alles klang anders, als ich es gelernt hatte, ich verstand überhaupt nichts.“ Mit 27 fängt sie neu an, kellnert, putzt, arbeitet in einem Kaufhaus und nebenher lernt sie richtig Deutsch. Bald kann sie die Sprache ihrer neuen Heimat lesen und verstehen, wird Reiseführerin und Übersetzerin. Sie beginnt in der  Zweitsprache auch zu schreiben. 2005 erscheint ihr erster Erzählband, 2007 der erste Roman, „Die chinesische Delegation“ (3).

Darin erleben wir, wie die Reiseführerin Song Sanya eine Abordnung der chinesischen Millionenstadt Ningbo durch Europa begleitet. Während wir mit dieser Gruppe die chinesische Sichtweise auf unseren Kontinent kennenlernen, erfahren wir gleichzeitig Interessantes, Komisches und Intimes über die einzelnen Reisenden und damit auch über ihr Heimatland, dessen Denkweisen und Kulturen. Luos Schreibstil ist sehr realistisch und dialogbetont. Glänzend versteht sie es mit wörtlicher Rede dem Leser ihre Eindrücke und Vorstellungen zu vermitteln. Manchmal ist der Ton ironisch; den chinesischen Bilderreichtum von Schilderungen und Vergleichen hat sie übernommen und setzt ihn gekonnt zur Charakterisierung des handelnden Personals ein.

Das neueste Buch der Autorin – „Wie eine Chinesin schwanger wird“ – ist jetzt pünktlich zur Luo BuchFrankfurter Messe erschienen (4). Darin kehrt die chinesische Fotografin Tingyi nach jahrelangem Aufenthalt in Deutschland, gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten Robert, nach China zurück, um den 70. Geburtstag des Vaters zu feiern. Zu ihrem Entsetzen erklärt das Familienoberhaupt im Kreis der Verwandten, ihre vorrangige Aufgabe bestehe nun darin, möglichst bald schwanger zu werden und der Familie ein weiteres Mitglied zu schenken. Ihr deutscher Partner ist begeistert von diesem Plan, aber die Irrungen und Wirrungen von Liebe und Eifersucht, sowie kulturelle Missverständnisse, bringen erst einmal alles durcheinander. Und wir Leser haben auch mit diesem Buch die unterhaltsame Möglichkeit mehr über Land und Menschen zu erfahren, als uns  gängige Reiseführer verraten.

Deshalb: Alle, die wie ich, über China weniger wie nichts wissen, aber darauf bestehen, chinesische Literatur lesen zu wollen: Luo Lingyuan lesen. Nicht der schlechteste Anfang einer Annäherung. Ein nicht ganz unvergnüglicher Weg damit zu beginnen, China etwas näherzukommen.

Ein schönes Buch über Unverständnis für fremde Kultur gab es vor etlichen Jahren ja schon einmal – und das sehr erfolgreich. Damals andersherum, von Ost nach West. Da kam einer nicht nur von  China nach Europa, sondern – kaum steigerungsfähig – ins bierschunklige München. Erschwerend kam hinzu, dass der Held aus fernöstlicher Vergangenheit in eine bayerische Gegenwart voller technischer Wunder und zwischenmenschlicher Formlosigkeit geriet (5). Allerdings kam er nicht nach Frankfurt, so dass wir uns nicht ausmalen können, wie der Zeitreisende auf die diesjährige China-Messe reagiert hätte. Der Belustigungsfaktor des Buches ist hoch, das Werk immer noch sehr lesenswert.

(1) Ende, Michael: Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer. – Stuttgart, Thienemanns, versch. Aufl. und Ausgaben

(2) Thome, Stephan: Grenzgang. Roman. – Frankfurt, Suhrkamp, 2009

(3) Luo, Lingyuan: Die chinesische Delegation. Roman. 2. Auflage. – München, dtv, 2007

(4) Luo, Lingyuan: Wie eine Chinesin schwanger wird. – München, dtv, 2009

(5) Rosendorfer, Herbert: Briefe in die chinesische Vergangenheit. – München, dtv, versch. Aufl.

Herbst-Lese (1)

4. Oktober 2009 von Jan Haag

Martin von Arndt: Der Tod ist ein Postmann mit Hut

Bei diesem Buch hatte ich auf den ersten Seiten zunächst einen kleinen Naja-Effekt. Naja, ob das was ist? Einige Seiten hat es schon gedauert bis sich Leselust einstellte, Geschichte und Autor mich für sich gewonnen hatten. Die Geduld wurde belohnt.

vArndt_PostmannJulio C. Rampf ist Musiker. Seinen Lebensunterhalt verdient er in einem Studio, das Hintergrundmusik für asiatische Restaurants produziert. Pop-Klassikern wird dabei ein unaufdringliches, breit einsetzbares  Sound-Kleid verpasst. Der Liebe zuliebe war Julio vor Jahren nach Innsbruck gezogen. Jetzt ist die Ehe gescheitert, die Liebe ausgezogen und unser Held mäandert orientierungslos durch die bergumzäunte Landeshauptstadt. Aus dieser und den anderen österreichischen Landeshauptstädten bekommt er nach und nach und jeweils jeden ersten Mittwoch im Monat einen eingeschriebenen Brief ohne Absender, aber mit verblüffendem Inhalt. Diese irritierenden Einschreiben bringt der immer gleiche, titelgebende Postmann mit Hut, dem seine Zubringerdienste vom Empfänger regelmäßig mit einem Schnaps entgolten werden.

Aus der rätselhaften Geschichte entwickelt sich ein Fast-Kriminalfall, der zunehmend an Dichte und Dramatik gewinnt und überraschend endet. Eine wichtige Rolle spielt dabei der ehemalige Polizist Holetschek, mitsamt Hund, den Rampf zunächst zu Rate zieht, der ihm aber immer mehr zum väterlichen Freund und jazzenden Session-Partner wird. Die beiden wechseln problemlos zwischen Tiefsinn und Spürsinn und begegnen während der gemeinsamen Aufklärungsarbeit allerhand randständigen Figuren der Innsbrucker Halb- und Zwischenwelt.vArndt

Von Arndt erzählt in einer bildreichen Sprache, dem Schauplatz entsprechend mit deutlichem tiroler Akzent. Neben dieser Sprachkulisse trägt die Stadt Innsbruck, die wahre Perle Tirols, sehr zur Illustration des Geschehens bei. Das Buch ist darüber hinaus durchsetzt mit musikalischen Bezügen und Anspielungen; eine ganze Reihe klassischer Jazz- und Pop-Titel werden erwähnt. Praktischerweise findet man deshalb am Ende des Buches eine „Playlist.“

Der „Postmann“ ist der zweite Roman des 1968 geborenen Martin von Arndt. Sein erster, der 2007 erschien, heißt „ego shooter“. Eine Geschichte aus der Welt der Computer-Freaks, die sehr positiv aufgenommen wurde. Außerdem hat der Autor Lyrik, Theaterstücke und Sachbücher geschrieben. Er wurde unter anderem mit dem „Großen Literaturstipendium“ des Landes Baden-Württemberg ausgezeichnet. Von Arndt lebt als Musiker und Schriftsteller in Stuttgart. Aus seinem neuen Buch liest er am 17. Oktober in Rottweil, am 25. Oktober in Ludwigsburg und am 1. November in Tübingen.

Arndt, Martin von: Der Tod ist ein Postmann mit Hut. Roman. – Klöpfer & Meyer, 2009. Euro 17,90.

Arno Schmidt und die HfG in Ulm (3)

28. September 2009 von Jan Haag

Nachspiel

1956 hatte Max Bill nach langem internen Richtungsstreit die Hochschule für Gestaltung (HfG) in Ulm mehr oder weniger freiwillig verlassen. An seine Stelle war ein Leitungsgremium getreten, dem Aicher, Gugelot, Vordemberge-Gildewart und Maldonado angehörten. Im September 1957 amtierte Tomas Maldonado als geschäftsführender Rektor. Für ihn war die Bauhaus-Philosophie inzwischen nicht mehr aktuell, sondern ein historisches Phänomen.

Max Bill und Tomas Maldonado.

Bill MaldonadoKnapp zwei Jahre nach dem ergebnislosen Gespräch in Ulm, wandte sich der argentinische Maler in einem Brief erneut an Arno Schmidt: „…streben deshalb, uns Ihrer qualifizierten Mitwirkung zu versichern…Unser Vorschlag für Sie besteht darin: ein zweistündiges, wöchentliches Seminar…über ein Thema, das sich annähernd bezeichnend ließe als: geschichtliches Seminar über moderne Literatur, mit einer Betonung der sprachanalytischen Seite…Ich wünsche sehr, von Ihnen eine positive Antwort zu erhalten.“

Ein wirklich kompromissbereiter, entgegenkommender Ton; der rote Teppich war ausgerollt. Am 20. Oktober reiste Maldonado nach Darmstadt, um Schmidt endgültig für Ulm zu gewinnen. Arno Schmidts Gedanken kreisten in diesen Wochen, neben der täglichen schriftstellerischen Arbeit, um einen Wunsch, dessen Realisierung möglicherweise näher rückte: „ein kleines Häuschen in der Heide, riesen Zaun drum rum und nie mehr raus oder einen Menschen sehen!“ Das waren nicht die optimalen Voraussetzungen für den Emissär aus Ulm sein Ziel zu erreichen. Schmidt gab sich zögerlich, stellte Bedingungen, behauptete gegenüber seiner Frau: „…sieht annehmbarer aus als zuvor.“ Maldonado legte nach: „Ich bin jeden Tag überzeugter, dass Sie in Ulm sobald wie möglich unterrichten sollten.“ Zusammen mit Bense kam er am 11. Dezember noch einmal nach Darmstadt.

Mit der endgültigen Absage ließ sich Schmidt dann bis zum 26. März 1958 Zeit: „Es tut mir leid, dass ich Ihnen…einen abschlägigen Bescheid geben muss; er ist nicht durch ‚Weltfluchtstimmung’ oder Escapismus irgendwelcher Art bedingt…; es ist ganz simpel Arbeitsüberlastung.“ Es war aber immerhin Ulm-Flucht-Stimmung und „Escapismus“ konnte man ihm tatsächlich nicht unterstellen; hatte  er sich doch stets bemüht jegliche Art von Eskapaden zu meiden.

AS HeideDie beiden Künstler müssen sich nicht schlecht verstanden haben. Eine gewisse gegenseitige Sympathie war wohl vorhanden. In Schmidts „Gelehrtenrepublik“ wird „Chubut“ auftauchen, in der Realität eine patagonische Provinz. Winand Herzog hält dies für eine mögliche Reminiszenz an Maldonado. Der Schriftsteller zeigte sich von der kollektiven Wohn- und Arbeitsweise an der HfG angetan. Parallelen finden sich im Werk wieder. Doch das entspricht nicht dem tatsächlichen Verhalten und der Lebenswirklichkeit Schmidts, der sein Einzelgängertum pflegte, ängstlich Kontakte mied, nur ungern und selten zum Verlassen der gewohnten Umgebung bereit war. Leben und Arbeiten an dieser Hochschule wäre für Arno Schmidt ohne Zweifel ein „nightmare“ geworden. Er wird also nie Lehren oder Dozieren.

Arno und Alice sind dann ein letztes Mal umgezogen, aber nicht nach Ulm. 1958 wurde der Heide-Traum im niedersächsischen Bargfeld nahe Celle Wirklichkeit und die intensivste Schaffensphase des besessenen Zettelkasten-Verwalters und sprachlichen Feinmechanikers begann. Sie fand ihren Höhepunkt mit der Veröffentlichung von „Zettels Traum“ im Jahr 1970. Auf inszenierten Bildern sieht man den bemüht lächelnden Verleger Ernst Krawehl, dem Arno Schmidt ein Paket überreicht, welches offensichtlich das unhandliche, umfangreiche Typoskript enthält.

AS Zettel1977 kommt es zur Bekanntschaft von Jan Philipp Reemtsma mit dem Schriftsteller. Der Hamburger Germanist und Millionenerbe wird zum zuverlässigen Mäzen, der das Ehepaar Schmidt aller materieller Sorgen enthebt. Doch bereits am 3. Juni 1979 stirbt Arno Schmidt in Celle im Krankenhaus. 1981 gründen Alice Schmidt und Reemtsma die Arno-Schmidt-Stiftung, die seitdem das Werk herausgibt, den Nachlass, sowie das ehemalige Wohnhaus mit Archiv in Bargfeld betreut. Alice Schmidt ist am 1. August 1983 verstorben.

Die Hochschule für Gestaltung hatte während der ganzen kurzen Periode ihres Bestehens mit finanziellen Schwierigkeiten, Anfeindungen von außen und internen Richtungsstreitigkeiten zu kämpfen. Sie endete in Auszehrung und Siechtum. Dazu Herbert Wiegandt in seiner Ulmer Stadtgeschichte: „Die Schlussphase der HfG begann 1967…Äußerer Anlass war, dass zunächst vom Bund, dann vom Land, die Mittel in untragbarer Weise gekürzt wurden. So sehr dies bestritten wurde, haben hier doch, besonders vom Landtag, ohne Zweifel auch politische Motive unterschwellig, aber auch ausdrücklich, mitgespielt.“

1967 wurde in Ulm eine medizinisch-naturwissenschaftliche Hochschule gegründet, die sich heute, um einen technischen Zweig erweitert, Universität nennt und ihren Hauptsitz auf dem Oberen Eselsberg hat. Aber auch in den Gebäuden der ehemaligen HfG auf dem Kuhberg waren viele Jahre lang Abteilungen untergebracht. Die letzten werden Ende dieses Jahres ausziehen. Dann steht für die dünnen Betonteile der Bill-Bauten eine General-Sanierung an. In Zukunft sollen dort Design-Firmen und –Studios, sowie das HfG-Archiv angesiedelt werden.

Arno Schmidt und die HfG in Ulm (2)

21. September 2009 von Jan Haag

Ein Gespräch unter Männern

Das Angebot eines Lehrauftrags an der jungen Ulmer Hochschule für Gestaltung hatte Unordnung und Unruhe in den Alltag von Arno Schmidt gebracht. Er reagierte, wie so oft wenn massive Annäherungen von außen seinem Universum nahten, barsch und abwehrend. Bereits am 15. September zitierte ihn Alice Schmidt in ihrem Tagebuch: „Die Ulmer Sache nehme ich noch nicht so ohne weiteres an. Was die mir alles aufhalsen werden.“

002

…die Welt der Kunst & Fantasie ist die wahre, the rest is a nightmare.“

Die Vermutung liegt nicht allzu fern, dass die Entscheidung gegen Ulm nicht erst in jenem kuriosen, von Spekulationen umrankten, Gespräch mit Max Bill am 21. September gefallen sein wird. Sie war es wohl schon, mehr oder weniger eindeutig, einige Zeit vorher. Dass der Schriftsteller durch diese Arbeit weniger Freiraum für sein eigentliches Schaffen fürchtete, ist verständlich, dennoch nicht der Hauptgrund für das Scheitern des Ulmer Vorhabens. Die bei Schmidt immer gegenwärtige soziophobische Veranlagung drängte sich wieder einmal in den Vordergrund.

Am 19.9. befiel ihn um die Mittagszeit ein leichtes hellseherisches Fieber. Abends konnte zwar schon wieder im Garten gegessen und ein Spaziergang durch die umliegenden Felder unternommen werden, doch in der Nacht erfüllten sich die dunklen Ahnungen. Ein Telegramm von Bense traf ein, mit der Einladung nach Stuttgart und Ulm. „Können Sie Mittwoch (21.9.) morgen mit mir nach Ulm fahren. Wann können Sie in Stuttgart eintreffen. Bense.“

Alice Schmidt notierte: „Klagen und Stöhnen, dass er wieder fahren soll und unter die Leute müsse. Arno möchte lieber sterben als nach Ulm fahren.“ Doch schon stand die Fahrt an. Erneutes Zetern und Klagen. „So ungern!“ rief er, notierte Alice. (Arno) „flucht. Trinkt aber noch zwei Schnäpse.“ Eine lange und umständliche Reise aus der Saar-Provinz in die württembergische Metropole begann. Auf dem langen Weg bergab zum Bahnhof Serrig wurde er von seiner Frau begleitet. Morgendliche Nachsommer-Frische.

„Die Saar hatte sich mit einem langen Nebelbaldachin geschmückt.“

Der Zug fuhr um 7 Uhr 20. Um 13 Uhr ging es in Frankfurt am Main weiter. Um 16 Uhr 18 die Ankunft in Stuttgart.

Arno Schmidt reiste an diesem 20. September aus einer französisch besetzten Zone mit Sonderstatus – erst ab 1. 1. 1957 gehörte das Saarland nach einer Volksabstimmung im Oktober 1955 zur Bundesrepublik Deutschland – in das 1952 entstandene Baden-Württemberg. In Stuttgart und Ulm waren, in der Folge des Zweiten Weltkriegs, amerikanische Truppen stationiert. Die sowjetisch besetzte Zone (SBZ) nannte sich seit 1949 Deutsche Demokratische Republik (DDR) und wurde von der Sowjetunion an jenem 20. September 1955 als souveräner Staat anerkannt. Dieses Ereignis, das weltpolitisch weitreichende Folgen hatte, fand bei ihm keinen Niederschlag. Auch im Tagebuch seiner Frau blieb es unerwähnt. Die politische und auch die kulturelle Gegenwart nahm das Ehepaar, wenn überhaupt, nur am Rande war. Deshalb ist anzunehmen, dass Arno Schmidt kaum eine Vorstellung hatte, wie die neu entstandene Hochschule in Ulm einzuordnen und zu bewerten war. Auch den mit der HfG maßgeblich verbundenen Persönlichkeiten – wie Max Bill, Otl Aicher, Inge Scholl – dürfte er, um es positiv auszudrücken, relativ unvoreingenommen begegnet sein.

Allein : Teller : wie wärs, wenns nur schwarze gäbe; und mit unregelmäßig gezacktem Rand?“

Die Hochschule für Gestaltung in Ulm wird andere Formen bevorzugen und hervorbringen. Sie befand sich im September 1955 noch in der Orientierungs- und Aufbauphase. Für die neu dazu kommenden Wissenschaftler, Lehrer und Studenten bot diese Situation eigentlich beste Möglichkeiten eigene Ideen, Pläne und Projekte einzubringen. Das war auch ausdrücklich erwünscht. Aus der Kreativität der Einzelnen sollten neue, spannende Ergebnisse des Kollektivs entstehen. Der egozentrische, verheiratete „Eremit“ Schmidt hat die Möglichkeiten und Chancen, die damit – eben auch und ausdrücklich für ihn – verbunden waren, offensichtlich zu keinem Zeitpunkt erkannt.

IMG00355Am Mittwoch, den 21. September fuhr Arno Schmidt mit seinem Gönner Max Bense von Stuttgart nach Ulm. Von der Stadt rund um das bekannte Münster, die 1955 noch von den schweren Kriegszerstörungen gezeichnet war, ist nirgends die Rede. Der Dichter hatte wohl kein Auge und keinen Sinn für touristische Aspekte. Die neu erbauten Hochschul-Gebäude, von Max Bill entworfen und im Stil stark an die Bauhaus-Architektur angelehnt, lagen weit außerhalb der Stadt auf dem Hochsträß, einem Höhenrücken zwischen schwäbischer Alb und Donauebene. Sie entstanden direkt neben dem Fort Oberer Kuhberg, einem Teil der ehemaligen Ulmer Bundesfestung, der im Dritten Reich ein KZ/Arbeitslager beherbergte. Es war ein milder, fast warmer Tag. Wir wissen nicht, ob der für das Land vor den Alpen typische Fönwind blies. Wenn dies der Fall ist, hat man vom Hochsträß aus weite Sicht auf die Kette der über hundert Kilometer entfernten Berggipfel, die bei solcher Witterung unwirklich nah erscheinen.

IMG00404Arno Schmidt hat – so wird es von Bense und Elisabeth Walter bestätigt – zeitweise mit Max Bill unter vier Augen gesprochen und über eine mögliche Anstellung als Dozent verhandelt. Es gibt zu diesem Gespräch keine unmittelbaren Zeugnisse, keine dokumentierten Aussagen der beiden Protagonisten. Wir sind auf Aussagen durch Dritte angewiesen, die ihre mittelbaren Eindrücke später aufzeichneten oder wiedergaben. Festzustehen scheint allerdings, dass das Gespräch „in Ton und Inhalt unerfreulich“ verlief, wie es Winand Herzog formuliert. Es gab keinen Vertragsabschluss. Auch Alfred Andersch und Walter Dirks hatten bereits abgesagt. Alice Schmidt schrieb an Erika Michels: „…es ergab sich, dass die Arbeit meines Mannes darin bestehen sollte, seinen Schülern ‚kristallklare’ Reklametexte und Schlagworte beizubringen.“ Es wurde sogar kolportiert, Bill hätte Schmidt aufgefordert den sogenannten Bill-Hocker sprachlich „zu verkaufen“.

Zur Sprache nur dieses : Meine wäre ‚künstlich’?“

Welche Erwartungen auch immer Schmidt an diese Verhandlungen und die zur Diskussion stehende Aufgabe geknüpft hatte, sie wurden wohl enttäuscht. Alice notierte: „Es sollten aus der Literaturabteilung keinesfalls Journalisten oder gar etwa Schriftsteller hervor gehen, sondern praktische Leute…Außerdem ist Bill ein absoluter Regententyp. Nun sind Bill und mein Mann gleich sehr heftig aneinander geraten. Prof. Bense und Frau Scholl wollten meinen Mann gleich wieder versöhnen und versuchtens mit allen möglichen Versprechungen…Auch wollte Frau Inge Scholl gleich Schülerin meines Mannes sein…Aber mein Mann sagte: diesen Laden macht er so nicht mit.“

Die Reise nach Ulm hatte auch Elisabeth Walter, die Lebensgefährtin und Mitarbeiterin Max Benses an der Universität Stuttgart, mitgemacht. Sie schilderte den Kern des Zerwürfnisses zwischen Bill und Schmidt später so:

„Schmidt: „Das ist ein unverschämter Kumpan! Was der sich einbildet! Er hat zu mir gesagt: ‚Das was Sie schreiben, Herr Schmidt, das habe ich mit 19 auch geschrieben.’ Und da habe ich zu ihm gesagt: ‚Und das…was Sie malen, Herr Bill, die geraden Linien, die Sie ziehen, die habe ich in der Schule schon gemacht, ich bin nämlich Mathematiker.““

IMG00375Wenn diese Sätze so oder so ähnlich tatsächlich gefallen sein sollten, kann man sicher unterstellen, dass die Unterhaltung eine sehr unsachliche Wendung nahm. Vermutlich hat Max Bill mit 19 Jahren ebenso wenig literarische Meisterwerke verfasst, wie Schmidt ein wirklicher Mathematiker war; so weit bekannt, besaß er lediglich eine Neigung zu diesem Gegenstand. Und Elisabeth Walther berichtete weiter: „Die beiden hatten sich eine Stunde lang gegenüber gesessen und sonst nichts mehr gesprochen.“

Der Lehrer soll das Volk bilden ? : schon recht!!! Wer aber bildet den Lehrer?!“

Es ging bald wieder zurück nach Stuttgart und am nächsten Tag weiter nach Darmstadt zu dem Maler und Autor Eberhard Schlotter, der als Vorsitzender der Neuen Darmstädter Sezession Schmidt zeitweise unterstützte. Es sollte eine Wohnung für das Ehepaar Schmidt gefunden werden, das die katholische Provinz endlich verlassen wollte. Von Darmstadt aus bat er seine Frau telegraphisch um einen Anruf: „bitte sofort Darmstadt 7320 R. Gespräch anrufen. Arno.“ Der erfolgte und Alice Schmidt zitierte die Kernaussage ihres Mannes im Tagebuch: „Arno sagt: mit Ulm sei nichts.“ Hatte er es nicht schon immer gewusst?

Die Reise nach Ulm war sehr wahrscheinlich die weiteste die Arno Schmidt nach 1945 unternommen hat. In Kastel brachte am selben Tag der Postbote eine förmliche Einladung für die offizielle Eröffnungsfeier der HfG am 2. Oktober. Die Festansprache wird von Walter Gropius gehalten werden, der das Unternehmen damit zur mehr oder weniger legitimen Bauhaus-Nachfolge adelte.

Bei Schmidts wurde doch noch einmal gegrübelt. Nachdem Alice mit Arno in Darmstadt gesprochen hatte, notierte sie: „Frage: fährt er sofort mit mir nach Ulm und setzt Bill die Pistole auf die Brust: entweder Literaturabteilung ihm völlig allein überlassen oder gar nichts…Andere Frage: hat’s Arno nötig, sich jeden Tag mit den groben Schweizer rumzuboxen und überdies seine eigene Arbeit zum Opfer zu bringen?“

Für Arno Schmidt war die Entscheidung wohl längst eindeutig und ablehnend ausgefallen. Doch hatte er seiner Frau reinen Saarwein eingeschenkt? Wollte er sie vielleicht nicht gänzlich enttäuschen? Auch sie hatte mit Ulm ja Hoffnungen verbunden, unter anderem die auf eine gesicherte materielle Existenz.

Bei Alfred Andersch war die Nachricht vom negativen Verlauf der Verhandlungen in Ulm ebenfalls angekommen. Er schrieb am 23. September an Arno Schmidt: „…gestern berichtete mir Prof. Bense über den Ausgang ihrer Besprechungen mit Herrn Bill. Heute möchte ich Ihnen sagen, dass ich diesen negativen Ausgang erwartet habe…für die Literatur, ja für die Sprache schlechthin, reicht das konstruktivistische Konzept des Herrn Bill einfach nicht aus…Momentan habe ich den Eindruck, dass die Berufung Bills an die Leitung der Schule sich eines Tages noch zu einer Katastrophe auswirken kann.“

„Sie meinen also tatsächlich, dass ein Kunstwerk kollektiv hergestellt werden könnte?“ -: „Abärrjá!“ – „Ein Einzelmensch ist nie vollkommen: wir versuchen seine Lücken zu ergänzen.““

Ganz so schlimm, wie von Andersch prophezeite, kam es nicht. Doch die Ulmer Hochschule machte nicht nur einmal turbulente Zeiten durch und änderte ihre Konzeption und ihr Führungspersonal schon bald, nach heftigen und konfliktreichen Diskussionen. Es gab zwei Fraktionen, die bei den Grundfragen nach Form und Funktion, Kreativität und Wissenschaft, gegensätzlicher Meinung waren. Der reichlich autoritär auftretende Bill wurde durch eine Leitungs-Gruppe ersetzt. Der vielleicht einflussreichste Strippenzieher war Otl Aicher; seine Gefährtin und spätere Gattin, Inge Scholl, hielt sich im Hintergrund und widmete sich verstärkt dem Aufbau der Ulmer Volkshochschule (vh), die eine außergewöhnliche, stark politisch ausgerichtete Institution wurde, die das gesellschaftliche Klima des protestantischen Ulm maßgeblich prägen sollte. Tomas Maldonado, von dem Alice Schmidt geschrieben hatte: „Mit dem Konrektor allerdings, dem Argentinier: Maler Maldonado (der alle Bücher meines Mannes kannte) hat sich mein Mann recht gut verstanden.“, wurde zum Sprecher des neuen Gremiums gewählt. Mit und über Arno Schmidt war deshalb auch noch nicht das allerletzte Wort gesprochen.

Dieser und der noch folgende Arno-Schmidt-Beitrag meines Blogs sind keine wissenschaftlichen Arbeiten. Es wurden allerdings einige maßgebliche Quellen ausgewertet und das gewonnene Material mit größter Sorgfalt verwendet. Eine Liste der verwendeten Literatur findet man auf der Seite Quellen, die in der rechten Spalte geöffnet werden kann.

Bei den Bildern von Arno Schmidt handelt es sich um Photographien seiner Frau Alice, die mit freundlicher Genehmigung der Arno-Schmidt-Stiftung verwendet werden.

Mein besonderer Dank gilt Winand Herzog und Michael Meinert, die mir vor Beginn der Arbeit an diesen Ausführungen mit wertvollen Hinweisen auf den richtigen Weg halfen.

Arno Schmidt und die HfG in Ulm (1)

15. September 2009 von Jan Haag

Die Vorgeschichte

Alljährlich am 18. Januar treffen sich einige Unentwegte vor dem Eingang eines klinkerverkleideten Mehrfamilienhauses im Hamburger Stadtteil Hamm. Sie erheben die mit Schnaps gefüllten Gläser und trinken auf Arno Schmidt. Der von Ihnen verehrte Schriftsteller wurde hier, in der damaligen Arbeitersiedlung, am 18. Januar 1914 geboren. Nach dem frühen Tod des Vaters, eines Polizei-Oberwachtmeisters, zog die Mutter Clara, geborene Ehrentraut, mit den Kindern Arno und Luzie ins schlesische Lauban. Der Junge, der mit drei Jahren und mit Unterstützung der älteren Schwester Lesen gelernt hatte, besuchte die Oberrealschule, machte 1933 Abitur, schrieb erste Gedichte. Er hatte nur wenig Umgang mit Mitschülern. Früh lebte er in eigenen Tagträumen und Lesewelten. Dem Besuch der Höheren Handelsschule folgte eine kaufmännische Lehre in den Greiff-Werken, Greiffenberg. Nach dem Abschluss arbeitete er dort bis 1940 als Lagerbuchhalter.

Bereits 1937 hatte Schmidt die 1916 geborene Alice Murawski geheiratet, eine Arbeitskollegin. Anfang August 1938 unternahm das junge Paar eine siebentägige Reise nach England. Einige Schmidtianer bezweifeln inzwischen, dass diese Reise wirklich stattgefunden hat – Schmidt reiste nicht wirklich gerne. Als sicher gelten Besuche des Paars in Weimar und Oßmannstadt im Jahr 1939. 1940 entstanden die „Dichtergespräche im Elysium“ und der Dichter wurde zur Wehrmacht eingezogen. Während der Kriegsjahre war er unter anderem im Elsaß und in Norwegen stationiert und erlebte das Kriegsende als britischer Kriegsgefangener. 1946 verschlug es Arno und Alice ins niedersächsische Cordingen. Ab 1947 gibt Arno Schmidt „freier Schriftsteller“ als Beruf an. In den folgenden Jahren erschienen „Brands Haide“ und „Schwarze Spiegel“. 1951 wurde er mit dem großen Literaturpreis der Akademie der Wissenschaften und Literatur in Mainz ausgezeichnet. Ab 1951 lebte das Ehepaar Schmidt im kleinen Kastel bei Saarburg, abseits der kulturellen Zentren und des literarischen Betriebs.

*

Die Stadt Ulm an der Donau war nach Kriegsende in weiten Teilen durch Bombenangriffe zerstört. Wie durch ein Wunder war das Münster erhalten geblieben und ragte im Zentrum aus einer Trümmerlandschaft. Schon wenige Wochen nach dem Einmarsch der Amerikaner und der Kapitulation Hitler-Deutschlands begann die geistig-kulturelle Nachkriegszeit. In der Vortragsreihe „Religiöse Aussprachen über christliche Weltanschauung“ sprach bei der ersten Veranstaltung „Romano Guardini über Wahrheit und Lüge“. Am Donnerstag, den 16. August 1945, um halb acht Uhr in der Martin-Luther-Kirche. Kleine handgedruckte Zettel, an Ruinen geheftet, luden dazu ein. Mit Guardini und seiner christlichen Philosophie hatte sich wenige Jahre vorher Sophie Scholl als Studentin in München beschäftigt, bevor sie verhaftet und, ebenso wie andere Mitglieder der Weißen Rose, hingerichtet wurde.

Sophies Schwester Inge gehörte nun, zusammen mit dem aus dem Ulmer Stadtteil Söflingen stammenden Otl Aicher, zu den Organisatoren erster kultureller Veranstaltungen in der aicherskriegszerstörten Stadt. Viele Einwohner hatten ihr Leben verloren, Männer waren in Kriegsgefangenschaft oder galten als vermisst, erste Flüchtlinge in der Donaustadt gestrandet. Scholl, Aicher und einige andere begannen mit ihrer Form des Wiederaufbaus. „Der Enge des nationalsozialisten Weltbildes setzten sie Weltoffenheit und Internationalität entgegen, und die Moderne wurde zu ihrem Leitbild“, formulierte Christiane Wachsmann. Unter Internationalität hatte man dabei nicht die heute vielfach diskutierte „Globalisierung“ zu verstehen, sondern ein aus der Zeit heraus entstandenes Verlangen nach Aufklärung, Humanität und Liberalität.

*

1955 lebte das Ehepaar Schmidt noch immer abseits und in sehr beengten Verhältnissen hoch über der Saar im ländlichen Kastel. Doch mit Hilfe von Gönnern, wie dem ebenso zivilisationskritischen wie lebensfrohen Schriftsteller Ernst Kreuder und des Pädagogen und Literaturfreundes Wilhelm Michels, ein glühender Verehrer und Bewunderer Schmidts, wurden Umzugspläne geschmiedet. Man suchte nach einer geeigneten Wohnung in Darmstadt, wo nach dem Krieg ein kleines geistiges Zentrum entstanden war und das durch großzügige finanzielle Förderung allerhand Künstler und Intellektuelle anzog.

Das war nun auch nicht unbedingt die Welt des Arno Schmidt. „Wenn ich in einer Künstlerfamilie aufgewachsen wäre, wäre ich in allem viel sicherer. Aber so hängt mir meine kleinbürgerliche Erziehung so an.“ Diese Aussage ihres Mannes notierte Alice Schmidt in ihrem Tagebuch, das uns Auskunft gibt über Alltag und Beruf der beiden im Jahr 1955. Man lebte von Übersetzungen, Arbeiten für Zeitungen und Zeitschriften und dem Wenigen was die Bücher einbrachten, zurückgezogen, mit wenigen Kontakten und vielen Katzen – eigenen und denen der Umgebung. 004Annäherungen von Bewunderern und potentiellen Unterstützern wurden von Arno Schmidt in der Regel recht brüsk zurückgewiesen. Trotzdem gelang es dem Ehepaar Michels, das damals in Kronberg im Taunus lebte, so etwas wie ein distanziertes Vertrauen zu gewinnen. Die Zuwendungen in Form von Lebensmittelpaketen waren jedenfalls sehr willkommen.

Inzwischen erschienen u. a. „Aus dem Leben eines Fauns“ und „Das steinerne Herz“. 1955 wurde „Seelandschaft mit Pocahontas“ in der von Alfred Andersch herausgegeben Zeitschrift „Texte und Zeichen“, in der regelmäßig Arbeiten von Schmidt erschienen, gedruckt und brachte dem Verfasser umgehend eine Anzeige wegen Pornographie und Gotteslästerung ein. Das Verfahren wurde, nach langem Bangen angesichts möglicher Konsequenzen für den Verfasser, im folgenden Jahr eingestellt.

*

In Ulm war aus den zaghaften Ansätzen der Nachkriegszeit inzwischen eine lebhafte Volkshochschule und der Plan zu einer Hochschule, die die Bauhaus-Tradition wiederbeleben sollte, entstanden. Bereits am 3. August 1953 wurde der Lehrbetrieb in provisorischen Räumen der Volkshochschule in der Ulmer Innenstadt aufgenommen, während auf dem vor der Stadt gelegenen Kuhberg, unter der Regie von Max Bill, der geplante Gebäude-Komplex erst entsteht. Dieses kulturgeschichtlich bemerkenswerte Ensemble, inzwischen unter Denkmal-Schutz gestellt, ist nahezu unverändert erhalten. Den aktuellen ästhetischen Vorstellungen und Kriterien heutiger Energie-Effizienz entspricht es allerdings kaum.

Am 2. Oktober 1955 war schließlich die offizielle Eröffnung der Hochschule für Gestaltung (HfG) in Ulm durch den damaligen Wirtschaftsminister, die leibhaftige Verkörperung des deutschen „Wirtschaftswunders“, Ludwig Erhard. Die Festansprache hielt Walter Gropius, der Mitbegründer des Weimarer Bauhauses in den Zwanzigerjahren. Unter den 700 Gästen aus aller Welt waren auch viele ehemalige Schüler und Dozenten dieser Gestalter- und Architekten-Schule. Die Zielsetzung der neuen Einrichtung sah so aus: „…wir betrachten die Kunst als höchste Ausdrucksstufe des Lebens und erstreben das Leben als Kunstwerk einzurichten. Wir wollen…gegen das Hässliche ankämpfen, mit Hilfe des Schönen, Guten und Praktischen.“ Solche Sätze waren nicht nur ein ästhetisches Programm, sondern nach 12 Jahren „tausendjährigen Reich“ auch eine politische Zielsetzung.

IMG00373

Einen wichtigen Teil der neuen Hochschule bildete die Abteilung Information. Sie hatte das Ziel Publizisten, Informations- und Sprachspezialisten für eine moderne Industriegesellschaft auszubilden, in der Kommunikation und deren Instrumente große Bedeutung haben würden. Man hatte wenig bescheidene Ziele und wollte zu bestimmten Themenschwerpunkten zeitgenössische Autoren wie Bertold Brecht, Alfred Andersch und Philosophen wie Wittgenstein und Husserl, als Dozenten gewinnen. Auch Arno Schmidt stand wohl, als einer der als fortschrittlicher Sprachavantgardist galt, auf der Berufungsliste. Mit dem Aufbau dieser anspruchsvollen Abteilung beauftragt und ihr Leiter bis 1958, war der Schriftsteller und Philosoph Max Bense, der auch an der Technischen Universität Stuttgart lehrte und die Zeitschrift „Augenblick“ herausgab. 1955 war Arno Schmidt in allen Ausgaben dieser Publikation mit Arbeiten vertreten. Im selben Jahr erschien die Erzählung „Kosmas oder vom Berge des Nordens“ als Supplement zur Zeitschrift.

*

Im zweiten Teil von „Arno Schmidt und die HfG“ wird es um jenes Gespräch gehen, das Arno Schmidt am 21. September 1955 mit dem Rektor der Hochschule, Max Bill, führte – eine ganz besondere Art von Berufungsverhandlung. Der Beitrag erscheint nächsten Montag.

*

Dieser und die noch folgenden Arno-Schmidt-Beiträge meines Blogs sind keine wissenschaftlichen Arbeiten. Es wurden allerdings einige maßgebliche Quellen ausgewertet und das gewonnene Material mit größter Sorgfalt verwendet. Eine Liste der verwendeten Literatur findet man auf der Seite Quellen, die in der rechten Spalte geöffnet werden kann.

Bei den Bildern von Arno Schmidt handelt es sich um Photographien seiner Frau Alice, die mit freundlicher Genehmigung der Arno-Schmidt-Stiftung verwendet werden.

Mein besonderer Dank gilt Winand Herzog und Michael Meinert, die mir vor Beginn der Arbeit an diesen Ausführungen mit wertvollen Hinweisen auf den richtigen Weg halfen.