„Mein Jenseits“ von Martin Walser

10. Februar 2010 von Jan Haag

Das Scheitern des Augustin Feinlein

Jetzt versucht Martin Walser ernsthaft „seinem“ Schiller in Sachen Zitierfähigkeit und -häufigkeit Konkurrenz zu machen. „Mein Jenseits“, das neue kleine Werk, ist prall gefüllt mit Sätzen und Passagen, die bestens zum dauerhaft und vielseitig verwendbaren Aphorismus taugen. Hier ist eine Rangliste der besten Sieben:

Platz 7: Jeder muss, um seine Strafe zu ertragen, ein bisschen strenger strafen, als er gestraft worden ist.

Platz 6: Ich bin froh, dass ich etwas nachzuschlagen habe. Hoffentlich brauch ich lange, bis ich es finde.

Platz 5: Das Jenseits muss schön sein. Sonst kannst du es gleich vergessen.

Platz 4: Die Welt entspricht dir nicht, aber du sollst ihr entsprechen.

Platz 3: Ich ging immer an einer Wand entlang, die würde aufhören, dann begänne das Leben, die volle Berührung. Das war ein Irrtum. Diese Wand war das Leben.

Platz 2: Von allen Menschen gleich weit weg, dann bist du am richtigen Ort.

Platz 1: In die Irre gehen. Wissend. Nichts gewöhnlicher als das.

Um es gleich zu sagen: Es ist ein schönes Buch und es ist eine schöne Geschichte. Verheißungsvoll bereits der Auftakt. Eine kleine Abhandlung über das Komischwerden und die damit verbundenen menschlichen „Mödelen“ (Eigenheiten, Skurrilitäten) von älteren Menschen im Oberschwäbischen. „Südlich der Donau sagt man zum Beispiel: Der und der wird auch allmählich komisch. Das merken alle, wissen alle, nur der, der allmählich komisch wird, merkt es nicht.“ Augustin Feinlein, Chefarzt eines Psychiatrischen Landeskrankenhauses, ahnt, dass auch ihn dieses Schicksal ereilen könnte, ja, kann nicht ausschließen, dass es ihn schon eingeholt hat. Er weiß was Älterwerden bedeutet, deshalb hat er an seinem 63. mit dem Zählen der Geburtstage aufgehört. Zudem wird ihm immer mehr klar, dass er im beruflichen Alltag zum Störfaktor geworden, dass die Zeit über ihn hinweg gegangen ist.

Deshalb fliegt er seit einigen Jahren gerne einmal zwischendurch für zwei, drei Tage nach Rom um sich in der Basilika San Agostino, in das Caravaggio-Bild „Madonna dei Pelligrini“ zu versenken. Auch in seiner Heimat hält er sich sehr gerne „immer wieder ohne Anlass im Kirchendämmer“ auf und lässt „die Zeit vergehen“. Das sind kleine Fluchten um das „klinische Quältheater“ zu unterbrechen. Dämmrig, wie die Kirchenräume, sind auch die Zimmer des immer gleichen Hotels, in dem er in Rom wohnt. „Man kann nicht lesen in diesem Hotel … Das ist so befriedigend. Du darfst dich mit dir selber beschäftigen.“ Damit hat Feinlein mehr als genug zu tun. Nebenbei resümiert und reflektiert er einige wesentliche Kapitel süddeutscher Kirchen- und Klöstergeschichte und beschäftigt sich mit der Reliquien-Seeligkeit des oberschwäbischen Katholizismus. Zudem zeigt sich, dass die Liebe seines Lebens, die bisher unerfüllt blieb, dies wohl endgültig bleiben wird.

Lebensgeschichte ist Glaubensgeschichte macht Walser deutlich. Und auch nicht zu glauben, kann eine persönliche Glaubensgeschichte sein. Zwischen glauben und nicht glauben ist nicht viel Platz, lediglich für ein paar Zweifel. Martin Walser setzt  auf die künstlerischen Schöpfungsakte der Musik und der Kunst als lebendigste, oft genug überwältigende menschliche Glaubenszeugnisse. Die Lebensgeschichte eines Menschen handelt immer auch von vergebenen Möglichkeiten, falsch gewählten Alternativen. Diesen trauert Feinlein im fortschreitenden Alter nach, dazu der verlorenen Geliebten, den nicht genutzten Chancen anderer beruflicher Weichenstellungen. Jetzt wünscht er sich „bloß keine Kreuzung mehr. Keine So-oder-so mehr.“ Doch im sechsten Kapitel nimmt die Erzählung für unseren in Liebe und Beruf gescheiterten Protagonisten noch einmal eine kleine, fast dramatische Wende. Dass dieses Buch am Ende jedoch sieben Kapitel haben muss, versteht sich fast von selbst.

Wie man hört, haben wir es mit dem Präludium zum nächsten großen Roman des 82-jährigen Schriftstellers, der im nächsten Jahr erscheinen wird, zu tun. Dort wird uns Prof. Dr. Dr. Feinlein erneut begegnen. Wir Leser freuen uns auf weitere Details aus dem Leben dieses neuen Walser-Helden.

Wie schon vor einiger Zeit bei Lenz, wird auch mit „Mein Jenseits“ eine etwas längere Kurzgeschichte in Apotheker-Manier und dank eines renommierten Autoren-Namen, überteuert an Mann und Frau gebracht. Immerhin ist dieses Buch sorgfältig gedruckt und geschmackvoll ausgestattet. Mit schwarzem Vorsatz und weinrotem Einband. Dazu ein Schutzumschlag, der ein Foto des Autors mit Bodensee im Hintergrund und auf dem Titel eine Abbildung von Anselm Kiefers „Sappho“ zeigt. Martin Walser hat auch nicht die Mühe gescheut, das Werk als Hörbuch einzulesen. Am 9. Februar liest er außerdem im Literaturhaus Frankfurt und am 23. Februar – auf Einladung von Osiander – in Tübingen aus seinem neuen Buch.

Walser, Martin: Mein Jenseits. Novelle. – Berlin University Press, 2010. – Euro 19,90

“Menschen und Orte”

2. Februar 2010 von Jan Haag

An einer Schriftenreihe mit dem Titel “Menschen und Orte” kommt man als Betreiber des Blogs ”Literatur*Orte*Spuren” nur schwer vorbei. Es soll auch gar nicht erst versucht werden, zumal es sich bei diesen Menschen hauptsächlich um Schriftsteller und Schriftstellerinnen handelt. Was mir vorliegt, was in Augenschein genommen wurde, ist zudem so attraktiv, dass ich es sehr gerne hier behandle.

Die Hefte erscheinen in der Edition A.B.Fischer, eines der Tätigkeitsfelder des Atelier Fischer in Berlin. Sie gehen den Spuren besonderer Persönlichkeiten nach und versuchen herauszufinden, was es mit ihrer Bindung an einen bevorzugten Lebensort auf sich hat. In künstlerischen SW-Fotografien, ergänzt mit historischen Bildern, wird die heutige Atmosphäre des Ortes eingefangen. Kurze einführende Texte zeichnen die wesentlichen Lebenslinien nach. Jährlich erscheinen etwa zwei Hefte, sie haben das Format 13,5 x 21 cm, einen Umfang von jeweils 32 Seiten und enthalten ca. 30 Abbildungen in anspruchsvollem Duoton-Druck. Der Umschlag besteht aus farblich wechselndem Edelkarton und einem umgeklebten Etikett mit Titel und Titelbild. Die Preise betragen zwischen Euro 6,00 und Euro 7,80. Ergänzend werden die schönsten in der Reihe veröffentlichten Photomotive auch als Postkarten-Serie herausgegeben. Es sind stimmungsvolle Bilder, die mit einem Originalzitat des jeweiligen Künstlers ergänzt wurden. Die Postkarten haben das Format 10,5 x 14,8 cm und sind ebenfalls im Duoton-Druck, auf 300g /m2 holzfreiem Chromosulfatkarton, gedruckt.

Beispielseiten aus “Wilhelm Busch in Wiedensahl”:In “Menschen und Orte” sind u. a. Ausgaben über Hermann Hesse in Montagnola, Thomas Mann in Nidden, Arno Schmidt in Bargfeld und Annette von Droste-Hülshoff ausnahmsweise einmal nicht in Meersburg, sondern im sogenannten “Rüschhaus” bei Münster, erschienen. Die Reihe wird hoffentlich noch lange und genauso sorgfältig editiert fortgesetzt.

Vor mir liegt die Ausgabe “Christoph Martin Wieland in Oßmannstedt”. Sie ist, wie eigentlich alle, beispielhaft gut gelungen – photographisch, typographisch und ästhetisch für Liebhaber besonderer Druckwerke ein kleiner aber feiner Genuss. Ein wunderbares Mitnehmsel für die Reise zur deutschen Klassik nach Weimar und den unvermeidlichen Abstecher zu Wielands Landgut. Oder als werthaltige Erinnerung für die Zeit danach. Populäre und wohlfeile Ausgaben der Werke des frivolen Klassikers sind ja leider rar auf dem Buchmarkt. Es gibt vereinzelte Reclam-Bände und das Projekt Gutenberg auf “Spiegel Online” bietet digitalisierte Texte in allerdings optisch kaum zumutbarer Aufmachung. Von besonderem Reiz ist jedoch die vor einiger Zeit erschienene Hörbuch-Einspielung des Romans  “Aristipp und einige seiner Zeitgenossen”. Auf 24 CDs wird dieses klassisch-satirische Großwerk in ganz frischer, fast heiterer Weise vorgetragen vom bekannten Mäzen, Germanisten und Arno-Schmidt-Spezialisten Jan Philipp Reemstma. Ein in jeder Hinsicht ausserordentliches Ereignis.

Beispielseiten aus “Christoph Martin Wieland in Oßmannstedt”.

Die Broschüren der Reihe “Menschen und Orte” sind das ideale kleine Geschenk, willkommene Mitbringsel, eine immer passende Aufmerksamkeit für alle Literaturfreundinnen und -freunde. Man darf in diesem Fall aber auch ruhig einmal an sich selbst denken. Zum Atelier Fischer kommen Sie hier:

Atelier Fischer

Edition A.B.Fischer

Die Reihe ist auch über den Buchhandel zu beziehen.

Stuttgarter Antiquariatsmesse

27. Januar 2010 von Jan Haag

“Der Umgang mit Büchern bringt die Leute um den Verstand.” Erasmus von Rotterdam (1465 – 1536)

Wenn eines nicht mehr allzu fernen Tages, alle Texte und Inhalte, alle Erzählungen, Gedichte und Abhandlungen in die Netze der Smart-Phoniker und Kindle-Händler gegangen sein werden, wenn große Teile allen Wissens und Seins im Riesenreich der allgewaltigen Google oder zweitverwertender Schein-Realitäten verschwunden sind, dann wird dennoch ein kleines Häuflein unerschrockener, unbekehrbarer Haptiker übrig bleiben, das unbeirrt weiterhin mit beiden Händen nach gebundenem Papier und gedruckten Texten greift; schrullige Nostalgiker für die die digital fixierte Masse nur wenig Verständnis aufbringen und deren geistige Gesundheit und Gegenwartstauglichkeit von der applikativ operierenden Mehrheit permanent in Frage gestellt werden wird. Menschen, die das analoge Potential haben, dieser buchaffinen Resterampe anzugehören, trifft man kommendes Wochenende in Stuttgart.

Vom 29. bis 31. Januar 2010 bietet der museale Rahmen des Württembergischen Kunstvereins am Stuttgarter Schloßplatz das stilvolle Ambiente für einen der Höhepunkte im Kalender der Buch-Liebhaber. Auf der 49. Stuttgarter Antiquariatsmesse präsentieren Antiquare aus Deutschland, Australien, Frankreich, Italien, Großbritannien, den USA, Österreich, Frankreich, der Schweiz und den Niederlanden wertvolle Manuskripte, Bücher, Autographen und Graphiken aus 5 Jahrhunderten Buchdruck und Buchkunst. Sie verwandeln den Württembergischen Kunstverein für ein Wochenende in einen Marktplatz der Bibliophilie.

Einen Überblick über das Angebot gibt der Messekatalog online.

Doch es wird rund um die Messe noch mehr geboten: Die Geschichte eines jüdischen Jugendbuchverlages in Stuttgart 1939 bis 1945, Antiquare und Antiquariate im Porträt, ein Lesevergnügen für die jüngsten Sammler: Die Ausstellungen, Lesungen und Publikationen rund um die Stuttgarter Antiquariatsmesse sorgen für weitere interessante Eindrücke und Erlebnisse und machen die drei Tage zu einem ganz besonderen Ereignis für Händler, Bibliophile und Sammler – und solche, die es noch werden wollen.

Hier kann also noch einmal zugegriffen und Vorrat für Zeiten des Mangels beschafft werden. Bald werden aus bunten Bestsellern gefragte Rara und aus Rara gänzlich Vergriffenes. Längst ist der Apple gepflückt, die Vertreibung aus dem Paradies vielfältiger, lehrreicher, unterhaltsamer Büchersammlungen und Bibliotheken, die ihren Entdeckern viele Menschleben lang immer wieder Neues, Überraschendes und Erstaunliches boten, in vollem Gange. Wer dann kein Buch zu Hause hat, findet keines mehr.

Betrachtungen eines Unpolitischen

17. Januar 2010 von Jan Haag

Thomas Manns „Betrachtungen“ und ihre Betrachter

„Die Kultur der Vergangenheit kann man nur durch ein streng historisches Herangehen verstehen, nur dann, wenn man sie mit dem ihr entsprechenden Maße misst. Einen einheitlichen Maßstab, dem man alle Zivilisationen und Epochen unterordnen könnte, gibt es nicht, da kein Mensch existiert, der in allen Epochen der gleiche ist.“ (1)

Im Rahmen der „Großen kommentierten Frankfurter Ausgabe“ der Werke Thomas Manns sind jetzt die „Betrachtungen eines Unpolitischen“ erschienen. Zusammen mit dem Kommentarband, für den der Germanist und Thomas-Mann-Spezialist Hermann Kurzke verantwortlich zeichnet.

Die „Betrachtungen“ sind ein Werk über das viel gesprochen und diskutiert, in dem viel herumgelesen wurde und wird, das aber nur Wenige vollständig gelesen haben. Macht nichts. Wichtig ist, zu wissen, dass dieses Buch, wie kein anderes Thomas Manns, vielfach missverstanden wurde, dass die meisten Zu- und Einordnungen Polemik und Vorurteil sind, Haltungen, Formeln, die sich verselbständigt haben. Denn es wurde eigentlich nicht für ein Leser-Publikum geschrieben. Der Autor schrieb sie in erster Linie für sich. Er zog eine Zwischenbilanz seiner bisherigen Laufbahn und verabschiedete das bürgerliche Zeitalter. Machte sich frei für ein neues Denken und einen neuen Weg als Künstler und Bürger einer veränderten Welt.

Erstaunlich, dass gerade dieses Werk immer noch so sehr interessiert und zu Diskussionen und Besprechungen reichlich Anlass liefert. Wie es jetzt wieder nach dem Erscheinen der neuen kritischen Ausgabe beobachtet werden kann. Etwa am Beispiel einer ausführlichen Rezension in der alternativ-liberalen TAGESZEITUNG (taz), verfasst von Michael Rutschky und erschienen in der Ausgabe vom 4. Januar. Hier steht, womit fest zu rechnen war. Rutschky erörtert ausführlich den Bruderzwist und Thomas Manns konfliktreiche Auseinandersetzungen mit Wesen und Art deutscher Nation, Kultur, insbesondere Sprache und Literatur.

Es ist kein unfreundlicher Artikel, aber auch einer der verbreitete Fehleinschätzungen nicht zu vermeiden versteht. „Was den Leser auf die Dauer am Grübeln des Unpolitischen abstößt“, schreibt Rutschky in einer Art Resümee, „das ist…der perfomatorische Selbstwiderspruch.“ Rutschky zieht Parallelen zu Günter Grass, die völlig deplaziert sind und weder Mann noch Grass gerecht werden und kommt schließlich bei der Feststellung an: „Thomas Mann träumte sich seinerzeit ein Deutschland als literarische Erfindung gegen den Rest der Welt zusammen. Das Äquivalent heute ist Peter Handkes Jugoslawien.“

Ja, hätte es nur damals schon die TAZ gegeben und hätte Thomas Mann sie gelesen!

Rutschky nennt Hermann Kurzke als maßgeblichen Interpreten der „Betrachtungen“ und lobt dessen Kommentarband. Doch wirklich auseinandergesetzt hat er sich mit dessen Erkenntnissen nicht, denn Rutschky übersieht, dass es eben Kurzke war, der uns in den letzten Jahren eine ganz andere Sichtweise auf die „Betrachtungen“ nahe gelegt hat.

Der, wie sein Gegenstand stets ironische, und damit auch die nötige Distanz wahrende, oft feinsinnig spöttelnde Hermann Kurzke, hat wesentlich zu frischer Lesart und neuer Interpretation der „Betrachtungen“ beigetragen und damit Maßstäbe gesetzt, die zu berücksichtigen sind, wenn man sich mit diesem Werk heute auseinandersetzt. Nachlesen konnte man das schon seit Jahren in seiner Thomas-Mann-Biographie (2), bestätigt und bekräftigt hat er es u. a. in launischem Referat auf der Herbst-Tagung der Deutschen Thomas-Mann-Gesellschaft 2008 in Weimar.

Die „Betrachtungen“ sind hier vor allem eine demonstrative und nach außen gerichtete Gegenposition zum Bruder, der Konflikt zwischen den Geschwistern schwelte in der Zeit der Niederschrift auf seinem Höhepunkt. Außerdem dürfen Form und Zielrichtung nicht verwechselt werden: „Dass der rhetorische Gestus der Betrachtungen der des Bekenntnis ist, davon darf man sich nicht irritieren lassen; es ist eben nur der rhetorische Gestus.“ (2). Das heißt, dass Mann in den Betrachtungen bewusst zelebriert. Die ganze Wahrheit steht nur in den Tagebüchern und kam erst nach dem Tod des Autors an die Öffentlichkeit. War es also Absicht, wie Kurzke vermutet, dass er die Tagebücher der Jahre 1918 – 1921 nicht wie andere frühe Jahrgänge verbrannte?

Schwierigkeiten: Im März 1918 hatte Thomas Mann die Arbeit am Manuskript abgeschlossen. Der Termin für den Druck war noch unklar, da es … durch den 1. Weltkrieg Probleme mit der Papierzuteilung gab. Erst am 11. November schwiegen nach über vier Jahren Krieg in Europa die Waffen.

Die „Betrachtungen“ sind auch „ein Experimentieren mit verschiedenen Positionen. Die Monarchie, die Sozialdemokratie, die Räterepublik, der Kommunismus und allerlei radikalkonservative Bestrebungen: wir finden Äußerungen für und wider alles.“ (2)

Natürlich war Thomas Mann ein Konservativer, er entstammte dem Patriziat einer ständisch verfassten Stadt-Republik, die Teil eines monarchistischen Staatswesens war. Konservative sind zunächst einmal loyal gegenüber den herrschenden Verhältnissen. Doch mit der Morgen-Dämmerung einer faschistischen Herrschaft hatte diese Loyalität für Thomas Mann ein Ende. Er war sich über die Konsequenzen für alle Konservativen, vor allem aber für alle Künstler, und er definierte ja jede Form von Außenseitertum als Künstlertum, schon früh im Klaren. Er erkannte die „Barbaren“ bereits, während weite Kreise, auch und gerade deutscher Intellektueller, noch große Hoffnungen in die neuen Herren setzten.

Seine „Betrachtungen“, die schließlich im Oktober 1918 in einer Auflage von 6000 Exemplaren erscheinen konnten, halfen ihm die großen Zeitströmungen und Konflikte seiner Generation zu verstehen, so wurde er urteilsfähig für das was Ende der 20er-Jahre als die Zukunft Deutschlands sichtbar wurde.

Lebensumstände: Im Sommer 1918 hält sich die Familie in ländlicher Abgeschiedenheit in der Nähe des oberbayerischen Tegernsees auf. „Wie erwartet war die Reise höllisch“, schreibt er an Ernst Bertram. Der Alltag ist von Geldentwertung und Verpflegungsschwierigkeiten geprägt. „Ich ernähre mich vorwiegend von Honig.“ (Brief an Paul Amann) Frühjahr 1919: Revolution in München. Ermordung des bayerischen Ministerpräsidenten Kurt Eisner und Einsetzung einer Räteregierung. Verschonung der Villa der Familie Mann in München-Bogenhausen vor Plünderung dank Ernst Toller.

Wenn man über die Betrachtungen schreibt, muss auch der Begriff des Opportunismus eine Rolle spielen. Denn diesem hat sich der Autor immer entzogen und in seinen „Betrachtungen“ vergewissert er sich dieser Haltung. Sie sind deshalb auch Pamphlet gegen alle Mitmacher und Mitlacher, Mitschwätzer und Mitläufer, gegen alle Ja-Sager und Nach-Sager.

Wie der Schriftsteller Thomas Mann verweigern auch die meisten seiner Hauptfiguren das Anpassen aus Zugehörigkeits-Verlangen. Tonio Kröger und Felix Krull, sein Erwählter und sein Adrian Leverkühn, ja bereits der kleine Hanno Buddenbrook zu Beginn des 20. Jahrhunderts, sind Anti-Opportunisten, Non-Konformisten – Künstler! Sie bezahlen dafür einen hohen Preis. Sie stehen einsam unter Blauäugigen, um sie ist faustische Kälte. Unter diesem Aspekt sollte man die Betrachtungen unbedingt auch sehen und man sollte auf eine Einordnung in politische Block-Klischees verzichten. Am allerwenigsten ist es möglich Begriffe und Definitionen unserer Gegenwart oder jüngsten Vergangenheit zu verwenden. Die 68er-Maßstäbe und Post-68er-Erfahrungen des Michael Rutschky taugen dafür ganz gewiss wenig.

„Die menschliche Gesellschaft befindet sich in einer ständigen Bewegung, Veränderung und Entwicklung, und in verschiedenen Epochen sowie unterschiedlichen Kulturen erfassen und erkennen die Menschen die Welt auf ihre Art.“ (1)

Thomas Mann: Grosse Kommentierte Frankfurter Ausgabe / Betrachtungen eines Unpolitischen. Text und Kommentar in einer Kassette. Hrsg. von Hermann Kurke. – Frankfurt am Main, 2009

(1)   Gurjewitsch, Aaron J.: Das Weltbild des mittelalterlichen Menschen. – Dresden, 1978 (hier zitiert: 5. Auflage. München, 1997)

(2)   Kurzke, Hermann: Thomas Mann. Das Leben als Kunstwerk. Eine Biographie. – München, 1999


MMX: Thomas-Mann-Gesellschaft tagt in Göttingen

10. Januar 2010 von Jan Haag

“Gewiß, dort gibt es keine Seine
und auch den Wald nicht von Vincennes,
doch sah ich nie so schöne Rosen
in Göttingen, in Göttingen.

Paris besingt man immer wieder,
von Göttingen gibt’s keine Lieder,
und dabei blüht auch dort die Liebe
in Göttingen, in Göttingen.

Was ich nun sage, das klingt freilich
für manche Leute unverzeihlich:
Die Kinder sind genau die gleichen
in Paris, wie in Göttingen.”

Barbara, (d.i. Monique Andrée Serf), französische Chanson-Sängerin, 1930 – 1997. Die Zitate stammen aus dem Chanson „Göttingen“, das 1964 entstanden ist.

In diesem Jahr findet die Jahrestagung der Deutschen Thomas-Mann-Gesellschaft in Göttingen statt. Vom 3. bis 5. September 2010 treffen sich Wissenschaftler und Literaturfreunde in der Paulinerkirche der traditionsreichen Universitätsstadt. Das Thema lautet: „Der Zauberer und die Phantastik – Thomas Mann und das phantastische Erzählen.“ Es werden dabei Vorträge und Diskussionen zu grundsätzlichen Fragen der Phantastik und zu den Erzählungen und Romanen des Schriftstellers zu hören sein. Im Rahmenprogramm sind die Lesung eines bekannten Autors, sowie literarische und kulturhistorisches Spaziergänge durch Göttingen geplant. Nähere Informationen gibt es in Kürze auf der Internet-Seite der Thomas-Mann-Gesellschaft.

„Im September 1828 verließ der größte Mathematiker des Landes zum erstenmal seit Jahren seine Heimatstadt, um am Deutschen Naturforscherkongreß in Berlin teilzunehmen. Selbstverständlich wollte er nicht dorthin. Monatelang hatte er sich geweigert, aber Alexander von Humboldt war hartnäckig geblieben, bis er in einem schwachen Moment und in der Hoffnung, der Tag käme nie, zugesagt hatte.“

Daniel Kehlmann: Die Vermessung der Welt. – Hamburg, 2005

Kehlmann wurde 2008 mit dem Thomas-Mann-Preis der Hansestadt Lübeck ausgezeichnet: „dem scharfsinnigen Essayisten und klugen Geschichtenerzähler, dessen Romane und Novellen mit artistischer Verve und in leichtfüßiger Nachfolge Thomas Manns mit Humor, Ironie und tieferer Bedeutung ihre sehr ernsten Scherze treiben.“

(Der Kopf dieser Seite zeigt die Sternwarte Göttingen. Die Aufnahme wurde von Daniel Schwen gemacht, mit dessen freundlicher Zustimmung sie hier verwendet werden kann.)

Morgenland

4. Januar 2010 von Jan Haag

Nachfolgend veröffentlichen wir Auszüge aus einer Erzählung von Arthur Thomas Wille. Sie trägt den Titel „Morgenland.“ Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors. Die eingestreuten Zitate sind dem „Süddeutsche Zeitung Magazin“ vom 23. Dezember 2009 entnommen.

„Ich mach jetzt mit anderen Kräften einen neuen Auftrag, das ist bei Kundus! Genaueres darf ich nicht sagen! Leider ist es dort, wo die anderen zwei Soldaten gefallen sind. Brauchst Dir aber keine Sorgen zu machen, ich pass gut auf mich auf! Smile!“ (Ein Hauptgefreiter, 19, Kundus 2008)

Als Tereza anrief um mich zu bitten, sie zum Flughafen zu begleiten, war ich überrascht. Wunderte mich, dass sie nicht ihre Schwester oder die sonst jederzeit präsente Dresdner Freundin Kathleen darum gebeten hatte… Ablehnen konnte ich unter diesen Umständen natürlich nicht. Schließlich ging es um Max…

So standen wir dann also, sicherheitshalber viel zu früh, im üblichen Durcheinander der Flughafenhalle. Links die Espresso-Bar, rechts der Duty Free. Vorne die Schalter der Airlines. Das etwas unscharfe Bild des CNN News-Screen über uns. Menschen, die Gepäck tragend oder ziehend, unter dem von dünnem Regen gewässerten Glasdach, durch die hohe, weite Halle eilten, andere die suchend schlenderten. Hin und wieder sahen wir zu den hektisch wechselnden Daten der großen elektronischen Anzeigetafel hinüber, obwohl wir genau wussten, dass unser Flug nicht angezeigt werden würde. So warteten wir, zeitlos, zielvergessen und hatten eigentlich kein wirkliches Interesse, dass dieses Warten ein Ende nahm…

„Spätestens nach dem zweiten Bunkeralarm entwickelt auch der größte Philanthrop blutige Rachegelüste. Die militärisch einfachste Lösung, die hier von den Soldaten auch favorisiert wird, ist der groß angelegte Artillerie-Gegenschlag. Technisch kein großes Problem: Abschussstelle orten, Kanone ausrichten und zurückschießen – dauert weniger als eine Minute… aber die Taliban sind nicht blöd. Schon die Nächsten hätten ein langes Kabel und würden die Rakete neben einem Kindergarten starten.“ (Ein Oberstabsarzt, 34, Kundus 2009)

Es war schon kurios, dass sich Tereza und Max ausgerechnet auf einem Rummelplatz näher kennenlernten. Max besuchte solche Volksfeste so gut wie nie. Der billige Trubel und das Ramschige waren ihm zuwider. Mit den Fahrgeschäften konnte er nie etwas anfangen. Trotzdem hatte ihn eine Laune damals nach einem langen erschöpfenden Arbeitstag dort hin geführt. Auf eine Bratwurst, eine Tüte gebrannte Mandeln, als kleine Belohnung, dass er nach dem Nachtdienst den Tag auch noch durchgestanden hatte… Tereza traf er in der Straßenbahn. Sie war auf dem Heimweg… Später wusste sie selbst nicht mehr genau, warum sie der überraschenden Einladung des ärztlichen Kollegen, den sie bis dahin nur vom Sehen kannte, ihn zu begleiten gefolgt war. Der Tag endete im Bierzelt. Bei einer geteilten Maß Bier, munterer Blechmusik und Pommes, stellten beide fest, dass sie sich mehr zu sagen hatten, als das übliche alltägliche Arbeitsplatz-Gezwitscher…

Max hing an seiner Arbeit. Pläne, beim Militär auszusteigen und eine eigene Praxis zu gründen, hatte er immer wieder verschoben. Die Zeit, für die er sich hatte verpflichten müssen, um das Medizinstudium als Soldat absolvieren zu dürfen, war bereits abgelaufen. Tereza arbeitete als Zivilangestellte in der Klinik…

„Die Flaggen vor unserem Stab waren in letzter Zeit erfreulich häufig oben, das ist jeden Morgen der erste bange Blick, noch vor dem Briefing: kein Halbmast, keine gefallenen Kameraden.“  (Ein Stabsoffizier, 40, Kabul 2008)

In ihrer Trauer war sie schöner als jemals zuvor. Schöner und unerreichbarer als die junge Frau, die uns Max vor sieben Jahren als seine „Neue“ vorgestellt hatte. Damals spekulierten wir sofort, wie lange es diesmal gehen würde. Es war dann also doch für ein ganzes Leben gewesen. Das lange schwarze Haar,  zum Pferdeschwanz gebunden, lag auf der Kapuze des Duffelcoat. Die Brille mit der rot-schwarzen Fassung war neu und schmückte schlicht. Ihre Augen lagen tief, blickten abwesend und müde irgendwohin, hellbraune Haut über hohen Wangenknochen, eine junge Frau, vor Jahren aus dem südöstlichen Europa nach Deutschland gekommen, weil in ihrem Heimatland Krieg war. Ein Krieg, dem ihre Familie entkommen konnte. Sie trug schwarze Stiefel zu dunkelblauen Jeans. Kleiner und dünner wirkend als im beruflichen Alltag, in dem sie eine den Patienten angenehme Autorität ausstrahlte, stand sie übersehbar und einsam im weiten Raum… Obwohl dicht neben ihr, war ich ihr in diesen Augenblicken, unmittelbar vor Ankunft des Flugzeuges, ferner denn je. Jede Berührung jetzt ausgeschlossen…

„Nächste Woche Montag ist Abflug. Seit drei Tagen fliegen uns wieder Raketen um die Ohren, ich hab die Schnauze voll, der Kleine (mein Diensthund) hat auch keinen Bock mehr. Mir geht’s nicht besonders, will heim.“ (Eine Stabsunteroffizierin, 30, Kundus 2009)

Auf CNN wurde ein iranischer Oppostions-Politiker von einem weißhaarigen Reporter interviewt …  An der Espresso-Bar hatte sich eine Gruppe japanischer Touristen niedergelassen… Ein untersetzter Verbindungs-Offizier mit fleckigen schwarzen Schuhen kam zu uns, den Tereza wohl schon kannte. Er berichtete, dass die Maschine vor wenigen Minuten sicher gelandet sei… Viel mehr gab es dann für uns nicht zu tun oder zu sehen. Die Särge wurden direkt zur Carl-Goerdeler-Kaserne gebracht. Zum großen Zapfenstreich.

Weihnachten 2009

23. Dezember 2009 von Jan Haag

Wort und Weg


Wir sind, da wo wir sind, auf Zeit, und auch so niemals ganz.

Wenn wir sprechen oder schreiben, wollen wir verstanden werden.

Wenn wir gehen, wollen wir ankommen.

*

Das Dazugehörigkeitsverlangen lässt uns Worte sagen, die uns nicht gehören.

Der Mensch will bleiben, aber er muss gehen.

Beim Schreiben und Lesen sind wir auf dem Nachhauseweg. (1)

*

Das Einfache verwahrt das Rätsel des Bleibenden und des Großen.

Die wissende Heiterkeit ist ein Tor zum Ewigen.

*

Alles spricht den Verzicht in das Selbe.

Der Verzicht nimmt nicht. Der Verzicht gibt.

Er gibt die unerschöpfliche Kraft des Einfachen.

*

Der Zuspruch macht heimisch in einer langen Herkunft. (2)


1)

Nach: Stadler, Arnold: Rede zur Verleihung des Kleist-Preises am 22. November 2009 in Berlin.

2)

Heidegger, Martin: Der Feldweg. – Frankfurt, 1953.

Kleine Zwischenmahlzeit

13. Dezember 2009 von Jan Haag

Fleischklößchen à la Karlsson

In grauer Vor-Bachelor-Zeit, gliederte sich das Studium zum Diplom-Bibliothekar an der Fachhochschule Hamburg in einen bibliothekspraktischen Teil und einen zweiten, in dem die Möglichkeit und die Pflicht bestand, Wissenschaftsdiszplinen näher kennenzulernen. Innerhalb der Literaturwissenschaft wurde die Kinder- und Jugendliteratur durch die junge, damals noch recht unbekannte Professorin Birgit Dankert vertreten.

Sie dozierte. Wir diskutierten. Zum Beispiel über Astrid Lindgren und dass sie den Nobelpreis verdient hätte, den für Literatur – und wenn nicht diesen, dann auf jeden Fall den Friedensnobelpreis. Die Kneipe nach dem spätnachmittäglichen Seminar hieß Dietze-Köpi. Eigentlich ganz anders, doch alle nannten sie so. Der Wirt war wohl ein gewisser Dietz oder Dietze und was aus dem Hahn floss war reinstes sauberes Königspilsner. Im Sommer saß man im kleinen Garten. Wurde es draußen kalt oder nass, war es drinnen warm und eng. Irgendwo in dem Dreieck das Grindelallee und Grindelhof bilden, nur wenige Schritte vom Haupt-Campus der Hamburger Universität. Auf dem Tresen stand der Teller mit Frikadellen unter einer transparenten Kunststoff-Abdeckung, daneben Senf. Man bediente sich nach Gusto und gab den Verzehr beim abschließenden Zahlen an. Sie waren köstlich: Fest und dunkelbraun, flach, rund und gut gewürzt. Noch flüssiger, süffiger wurde das goldgelb schaumige Pils, wenn man dazu diese Buletten genoss.

Welch ein Erwachen nach dem Umzug in den deutschen Süden. Egal ob Fleischküchle, Frikadellen oder Fleischpflanzerl: Fett, Wurst- und Knochenreste, Sehnen, Wasser, Brot und andere Streckmittel. Keine Frage, man kann in Süddeutschland, in Bayern und Baden-Württemberg sehr gut essen und trinken. Es gibt reichlich Spezialitäten von hervorragender Qualität. Buletten gehören nicht dazu. Nebenbei: Auch die Pils-Biere waren anders, um es zurückhaltend zu formulieren. Schmackhaftes Weizenbier in großer Vielfalt konnte sie jedoch einigermaßen ersetzen.

Meine Kinder wurden mit Astrid Lindgren groß. Besonders gern mochten wir alle den unmöglichen, selbstsüchtigen, besserwissenden Karlsson vom Dach. Dieser „schöne und grundgescheite und gerade richtig dicke Mann in seinen besten Jahren“, der mittels seines Rücken-Rotors einschwebt um sich über Zimtschnecken und Fleischklößchen herzumachen:  „Da fiel sein Blick auf die Fleischklößchen. Wips drehte er an dem Knopf, den er auf dem Bauch hatte. Der Motor fing an zu brummen und Karlsson kam im Gleitflug vom Bett her und schnurstracks auf den Teller zu. Im Vorbeifliegen schnappte er sich einen Fleischkloß, stieg schnell zur Decke empor, kreiste um die Deckenlampe und kaute zufrieden.“

Mit dem jüngst erschienen Astrid-Lindgren-Kochbuch fanden wir bei den Buletten schließlich zur Qualität und zum guten, lange vermissten Geschmack zurück. Sie waren nicht flach sondern rund. Überall und rundum rund, wie Karlssons Bauch und etwa so groß wie Mirabellen. Es ist egal ob man sie auf den Tisch, das Fensterbrett oder in den Kühlschrank stellt. Ihre Haltbarkeit ist sehr begrenzt. Sie gehen so:

Zutaten: 1 trockenes altes Brötchen, 450 g Rinderhack, 1 kleine Zwiebel, 1 TL Salz, 1 TL Piment (kann, wer den leichten Lebkuchengeschmack nicht mag, weglassen), 4 Eigelb, Pfeffer, Semmelbrösel nach Bedarf. – „Das Brötchen in lauwarmem Wasser einweichen. Das Hackfleisch mit dem ausgedrückten Brötchen, der fein gehackten Zwiebel, Salz, Piment, Eigelb und Pfeffer zu einem glatten Teig verarbeiten. Falls der Teig zu feucht ist, Semmelbrösel zugeben, bis die gewünschte Konsistenz erreicht ist. Mirabellengroße Klöße formen und in einer Pfanne mit Fett nach und nach rundherum braun brate. Mit Kartoffelpüree und Preiselbeeren servieren. Die Fleischklößchen schmecken auch kalt!“

Letzteres kann ich ausdrücklich bestätigen und noch anfügen, dass man ihnen auch die Form dünner Frikadellen geben kann; den Genuss beeinträchtigt das nicht. Das Astrid Lindgren Kochbuch ist in qualitätvoller Ausstattung erschienen. Mehr als 80 Rezepte, geeignet für Picknicke, Kinderfeste oder große Familienmenüs, laden zum kulinarischen Lindgren-Erlebnis ein. Aktuell zum Beispiel der echte Lindgren-Weihnachtsschinken. Die Rezepte sind von Ilon Wikland farbig illustriert, wie man das von vielen Astrid-Lindgren-Ausgaben kennt und mit einem Vorwort über die schwedische Küche ergänzt. Es eignet sich für Schweden- und Lindgren-Freunde aller Alterstufen.

Birgit Dankert ist seit 2008 emeritiert, von 1994 bis 2000 war sie Sprecherin der Bundesvereinigung Deutscher Bibliotheksverbände, sie ist Initiatorin der Astrid-Lindgren-Datenbank, Autorin zahlreicher wissenschaftlicher und populärer Aufsätze und Beiträge in Zeitungen, Zeitschriften und Radiosendungen. Zuletzt erschien von ihr: Wer ist diese Frau? Annäherung an Leben und Werk Astrid Lindgrens. – Hannover. Lesesaal, Heft 29, 2009.

Lindgren, Astrid: Karlsson vom Dach. – Oetinger, versch. Ausgaben und Auflagen.

Schrag, Mamke; Wagener, Andreas: Das Astrid Lindgren Kochbuch. – Oetinger, 2009. Euro 16,90

Geschichten aus Oberschwaben

4. Dezember 2009 von Jan Haag

„Sumerwunne

so du dine liehten tage erglenzen wilt

was kan in der welte danne hügelicher sin

und diu sunne

dringet liehtem meien dur den grüenen schilt“

(Frühlingswonne,

die uns den Glanz der lichten Tage schenkt,

was kann in dieser Welt denn schöner sein,

wenn Sonne

strahlend durch des Maien Grünen dringt.)

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„Dennoch gibt es flüchtige Bilder von Heimat: den nachtblauen Sternenhimmel, die trägen Wintertage in der hinteren Stube, das Dämmerlicht draußen, wenn stundenlanges Schneegeflimmer die Grenze zwischen den Gärten, Dächern und dem Himmel auflöste, die Apfelkisten im oberen Flur, die Flaschen mit dem selbstgemachten Johannisbeersaft in den wackeligen Kellerregalen, die Eisblumen am morgendlichen Abortfenster, die Krokusse und Narzissen im Frühlingsgarten, die Sommerlichen Kletterrosen, der tägliche Krach der Düsenjäger…“

Etwa 750 Jahre trennen diese beiden Texte. Der erste stammt von Schenk Ulrich von Schmalegg-Winterstetten, der um 1225 in der Nähe von Ravensburg geboren wurde. Die Sätze des zweiten stehen in dem 1998 erschienen Roman „Ins Offene“, den Karlheinz Ott geschrieben hat. Ott wurde 1957 in Ehingen geboren und gehört inzwischen zu den etablierten deutschen Schriftstellern der mittleren Generation. Zu finden sind beide Zitate in der Anthologie „Geschichten aus Oberschwaben“, die in diesem Herbst bei Klöpfer und Meyer erschienen ist. Die Auswahl erstellt und den Band herausgegeben haben der langjährige Leiter des Kulturamtes des Bodenseekreises, Elmar L. Kuhn und der aus Waldburg stammende Literaturwissenschaftler und Autor Peter Renz. In einer weit gespannten Auswahl versammelt der Band Gedichte, Auszüge aus Erzählungen und Romanen, Erinnerungen, Aufsätzen und Vorträgen.

Oberschwaben war und ist sicher keine traditionell literarische Landschaft. Minnesänger zog es in weinseligere Gegenden, kritisch-kreative Geister suchten oft früh den Weg in die Großstadt. Erst im Laufe des 20. Jahrhundert hat sich die Situation zwischen Donau und Bodensee verändert. Es waren eigenwillige, mutige Frauen, die mit ihren Arbeiten ein Publikum fanden, bald auch über die Region hinaus. Die drei Marien, Maria Beig, Maria Menz und Maria Müller-Gögler, sind bis heute fester Bestandteil eines eher bescheidenen literarischen Kanons der hügeligen Gegend.

Einer der bedeutensten bundesdeutschen Großschriftsteller hatte nach Lehr- und Wanderjahren den Weg zurück zum springenden Brunnen gefunden und sich am See niedergelassen. Martin Walser hat viel getan für die oberschwäbische Literatur und ihre Repräsentanten. Er hat unterstützt und gefördert, geholfen und gelobt, wo er konnte. Walser schreibt vom „hiesigen Ton“: „Der Ton ist fest. Immer durchwachsen. Mühelos feierlich, absichtslos ernst.“ So wie jener der Maria Menz, die meist im Dialekt schrieb, der religiösen Mystik zuneigte und von der ein Gedicht auf den Text von Walser folgt. Walser und Menz waren sich über lange Jahre in Erfurcht von ihrer und Respekt von seiner Seite, auf eine besondere Weise und in aller Gegensätzlichkeit und Distanz verbunden.

Hermann Hesse schildert einen Aufenthalt in Ulm, Siegfried Landauer seine Jugend in Riedlingen, Golo Mann schwärmt vom Salemer Tal. Viele der Autoren und Autorinnen waren nur kurz in Oberschwaben zu Hause oder schreiben lediglich darüber. So staunt man nicht schlecht, dass da auch ein Johannes R. Becher auftaucht, ehemaliger Kulturminister und amtlicher Großschriftsteller der DDR. Im informativen Anhang, der biographische Abrisse zu allen vertretenen Persönlichkeiten bietet, erfährt man, dass der in München geborene, nicht nur den Text zur DDR-Hymne verfasst, sondern auch ein „Lob des Schwabenlandes“ geschrieben hat. „Mein Städtchen du im Donautal – Es war ein Glückverwehen – Es war einmal…Ein Totenmal – Sah ich beim Wiedersehen.“ Der Sammelband und auch wir halten das aus. Wir trösten uns mit dem Satiriker Dr. Owlglass, dem deftigen barocken Sebastian Sailer und dem Biberacher Klassiker Christoph Martin Wieland.

Der letzte Teil des Buches ist mit „Arbeiten, denken und beten“ überschrieben. Möglicherweise die aktuelle oberschwäbische Prioritätenliste. Bis vor wenigen Jahrzehnten musste den meisten Menschen Beten und Arbeiten genügen. Mehr oder weniger behütet von fürstlicher und kirchlicher Obrigkeit, die sich heute schwer damit tut, dass sich die Verhältnisse und Prioritäten – auch in Oberschwaben – verschoben haben.

Das Literarische Forum Oberschwaben hat über viele Jahre den Dichtern und Schriftstellern in loser Bindung Podium und Austausch geboten. Seit einigen Jahren unterstützt auch die Gesellschaft Oberschwaben Literatur und Autoren. In seinem Vorwort zum Buch skizziert Peter Renz, die literaturgeschichtliche Entwicklung bis in die Gegenwart. Im Nachwort macht uns Elmar L. Kuhn mit den historisch-politischen Gegebenheiten vertraut.

Kuhn, Elmar L.; Renz, Peter (Hrsg.): Geschichten aus Oberschwaben. – Klöpfer und Meyer, 2009. Euro 22,90

Herta Müller in Tübingen

25. November 2009 von Jan Haag

“Schreiben ist auch nur eine Arbeit”

Am Abend des 23. November 2009 war Herta Müller auf Einladung der Universität und der Buchhandlung Osiander in Tübingen zu Gast. Im Festsaal der Universität sprach sie mit dem Literaturwissenschaftler Jürgen Wertheimer und las anschließend aus ihrem aktuellen Buch „Atemschaukel“.

Wortbewegte, Literaturfreunde, alle Liebhaber des Gedruckten und Gebundenen wissen, welche Buchhandels- und Bibliotheksdichte – und damit welchen Buchreichtum – das schwäbische Universitätsstädtchen auf engstem Raum, in schmalen Gassen, zu bieten hat. Hier verliert sich nichts, wie etwa im großmäuligen München oder im chronisch unaufgeräumten Berlin. Hier haben Heckenhauer und Osiander, Gastl und Cotta, die traditionsreiche Universitätsbibliothek, eine Geschichte die Jahrhunderte zurückreicht. Ein steter Reigen seliger Geister wandelt zwischen Stift und Österberg, zwischen Schloss und Pressels Gartenhaus. Der Besucher, der Student, der Gast und der Gegenwarts-Literat folgt den Spuren von Hölderlin und Hegel, Mörike und Hesse, Ernst Bloch und Hans Mayer.

Herta Müller kommt gerne nach Tübingen. In keiner anderen deutschen Stadt war sie so oft. Weil die Leute hier an sie geglaubt hätten, sagt sie, und das Publikum immer so großzügig und nachsichtig gewesen wäre. 2000 und 2001 sprach sie, von Jürgen Wertheimer eingeladen, im Rahmen der Tübinger Poetik-Dozentur. Die „Atemschaukel“ ist im lokalen Buchhandel derzeit das meistverkaufte Buch.

So war es nicht überraschend, dass nach der Nobelpreisverleihung und dem folgenden Medienrummel, der Andrang zur Veranstaltung mit der Autorin die bisherigen Größenordnungen sprengte. Rasch waren die Karten für die Plätze im Festsaal der Universität ausverkauft und die Nachfrage damit keineswegs befriedigt. Es mussten digitale Geister und deren Helfer bemüht werden, um zusätzlich zum Original-Schauplatz, auch im Auditorium Maximum öffentliches Sehen und Hören per Video-Übertragung zu ermöglichen, sowie eine weltweite Weitergabe ins Netz der Netze zu speisen.

Schmal, klein, noch kleiner als nach Fernseh-Eindrücken vermutet, ganz in Schwarz gekleidet, sitzt sie Jürgen Wertheimer gegenüber. Das Gespräch wird nicht einfach. Er hat eine gewisse Scheu, seit die „alte Bekannte“ zur Nobel-Preisträgerin wurde; sie wiederum hält eigentlich nicht viel von „öden Befragungen“. Wertheimer fühlt sich also in die Pflicht zur Originalität gezwungen, was ihm letztlich allenfalls ansatzweise gelingt. Denn welche Frage ist in den letzten Wochen noch nicht gestellt worden? So wollen wir, der Fragende und alle im Saal, wissen, wie sie mit Sprache umgeht und die recht schroffe Antwort lautet: „Sprache gibt es für mich nicht; sie begleitet nur, was ich sagen möchte.“ Dann wenigsten Freude am Umgang mit Sprache. Nein. Das Suchen nach dem richtigen Ausdruck hat sie manchmal satt bis zum Überdruss. Sie macht ihre Arbeit, die in ihren Augen eine Arbeit ist, wie die anderer Menschen auch, die versuchen ihr Tagwerk möglichst gut zu erledigen. Sie erfindet auch keine Wörter, wie ihr der Frager unterstellt. Die von diesem genannten Begriffe Herzschaufel und Meldekraut seien reale Bezeichnungen. Herzschaufel ein besonders geformtes Werkzeug zum Kohle bewegen; Meldekraut eine Pflanze, die man mit etwas botanischen Sachverstand kennen müsse. Und Atemschaukel, Herztier, Hungerengel, seien natürlich ebenfalls keine Einfälle von ihr, schließlich handelt es sich bei den Einzelteilen dieser Komposita um ganz gewöhnliche Worte des Alltags.

Dann vertieft sie das Thema doch noch. „Wenn Wörter zusammenkommen, die sich nicht kennen, entsteht Poesie.“ Poesie ist also in der Alltagssprache bereits vorhanden. Aber: „Nicht alles, was mich beeindruckt, kann ich selbst in Worten ausdrücken.“ Und sie gibt zu bedenken, dass wir nicht alle Gefühle mit Worten ausdrücken können. „Nicht für Alles gibt es Wörter.“

Herta Müller sammelt Wörter. Sie schneidet sie aus Zeitungen und Zeitschriften aus und bewahrt sie. „Ich habe zig tausende in der Schublade.“ Im „Wörterbahnhof“ warten sie darauf, dass sie abfahren dürfen. Diese ausgeschnittenen Wörter gehen von der Hand in den Kopf; jene beim Schreiben vom Kopf in die Hand. Die gesammelten Wörter stammen nicht aus literarischen Werken, sondern aus profaner, tagesaktueller Medien-Produktion. Herta Müller fügt sie zu Collagen, neuer Bedeutung, neuen Inhalten zusammen.

Sie berichtet von der Vorgeschichte des Buches „Atemschaukel“: „Ohne Oskar Pastiors Details aus seinem Lageralltag hätte ich es nicht gekonnt“, erklärte Herta Müller über das Zustandekommen dieses intensiven Sprachkunstwerks, dessen Handlung in einem sowjetischen Arbeitslager für Rumäniendeutsche nach dem Zweiten Weltkrieg angesiedelt ist. Sie wollten das Buch eigentlich gemeinsam schreiben. Siehe dazu auch diesen Blog-Artikel:

Oskar Pastior

Der plötzliche Tod Pastiors im Herbst 2006 war ein tiefer Einschnitt. Herta Müller musste mit den Arbeiten pausieren, dann allein weitermachen. „Er hat sich so gewünscht, dass daraus ein Buch wird.“

Und dann liest sie in Tübingen aus diesem Buch. Im Saal wird es sehr still. Anspannung im Publikum. Sammlung und Aufmerksamkeit. Die Dichterin liest mit tiefer klarer Stimme. Werk und Sprache werden stärker wahrgenommen, wenn die Autorin selbst vorträgt. Rhythmus und Melodie entstehen, Thema und Variationen, das Rondo der Worte und Passagen klingt. Sie liest mehrere Kapitel und den Schluss. Dann kräftiger und spürbar herzlicher Applaus. Das ist Bewunderung und eine Form von respektvoller Zuneigung.

Draußen in der Nacht ist es herbstlich. Es regnet und ein kräftiger Wind reisst letzte Blätter von alten Bäumen. Das Dunkel in Tübingen, voll seliger Geister.

Müller, Herta: Atemschaukel. Roman. – Hanser, 2009. Euro 19,90

Müller, Herta: Die blassen Herren mit den Mokkatassen. 3. Aufl. – Hanser, 2005. Euro 17,90

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Hypo-Text:

Es gibt Neues aus Raisting! R. Eferenz Werk hat sich gemeldet und angekündigt, in den nächsten Tagen eine Erklärung abgeben zu wollen.