„Der Ruhm, wie alle Schwindelware…“

By Jan Haag

Der aktuelle Buchtip von B. E. Mich bei Mississippi:

Kehlmann, Daniel: Ruhm. Ein Roman in neun Geschichten. – Rowohlt, 2009.
Euro 18,90

Gar nicht so einfach, wenn man einfach nur ein Buch lesen will; was nützt mein Wille in den Zeiten der Cholera? Wo soll man anfangen? Bei irgendeiner der inflationären Rezensionen, bei Mississippi, beim Hörbuch oder beim Video – beim Buch jedenfalls erstmal nicht.
Keine Belletristik-Neuerscheinung der großen Verlagshäuser mehr ohne werbendes Video, das uns ein ums andere Mal vor Augen führt, dass Schriftsteller nicht notwendigerweise auch brauchbare Schauspieler oder auch nur gute Selbstdarsteller sind.
Beim Video von Tellkamps Turm rast die Kamera mit uns durch Dresden und auf die markantesten Sehenswürdigkeiten der Stadt zu. Wir sollen uns sicher sein: das ist Dresden. Irgendwann steht dann der Autor mit ulkiger Kopfbedeckung vor uns – an der Elbe Strand.
War Rammstedt mit seiner chinesischen Lesung aus dem „Kaiser von China“ noch ganz witzig, obwohl auch hier die Gestik und Mimik wenig abwechslungsreich bleiben, so gibt das Video zu Kehlmanns neuem Buch gehörig zu denken. Da schreitet der Jungautor in Zeitlupe durch mit Grafitti nicht zu schönende Industrieruinen, durchmisst bewracktes Revier, schwebt ein rotes Propeller-Flugzeug über Alpengipfel, tritt auch irgendwann der Meister himself ans Lesepult vor imaginäres Publikum.
Na, danke schön. Ich wollte doch nur ein Buch lesen!
Der neue Kehlmann – das Buch! – ist zum Glück ganz der alte, und dabei ja noch so jung.
Zugegeben, erst war ich etwas enttäuscht: Nur gerade einmal 200 Seiten und das bei so großzügiger Typographie. Und ein richtiger Roman ist es auch nicht geworden.
Aber bei genauerer Überlegung muss man erkennen, dass Kehlmann noch nie dicke Wälzer geschrieben und uns auch keine „Vermessung der Welt zwei“ versprochen hat; das hätten wir ihm schließlich übel genommen.
Deshalb jetzt also ein bunter Reigen lose zusammenhängender Geschichten, von Schriftstellern und anderen bedauernswerten Figuren, denen alles Mögliche versprochen wird, wie Glück, Erfolg oder auch ein schmerzloser Tod und für die das Versprechen oft genug nicht eingelöst wird. Der Autor lässt seine Figuren regelrecht im Stich (zum Beispiel mitten in kasachischer Steppe – dazu siehe hier im Blog unter dem 25. Januar 2009) und geht allenfalls mit einem, den man am ehesten für sein alter ego halten kann, einigermaßen pfleglich um.
Das neue Buch ist aber auch eine breite Palette demonstrativer Stilproben des derzeit wohl meistgelesenen – auch des besten? – deutschsprachigen Jungautors. Da gibt es nichts was er nicht drauf hat; und trotzdem wird immer locker, flott und süffig erzählt und so gelangt man schneller an das Ende des handlichen Bandes als einem lieb ist und wird allein gelassen mit der Enttäuschung darüber, dass das alles gewesen sein soll und dem eigenen Staunen darüber, dass einer so schreiben kann.

„Dabei muß man auf die verzwickte Gescheitheit hinweisen, die dieser Sprache eignet und (im ja noch jugendlichen Werk) zu größter Aufmerksamkeit nötigt, wenn man genau folgen will.“

Nachtrag: Aus meiner Tageszeitung glotzte mich in einer Ausgabe von Ende Januar ein gewisser Oliver Bendel an. Ein Autor der Romane fürs Handy schreibt und das Ergebnis seiner Bemühungen demonstrativ ins Bild hält: Das Winz-Display mit gerade mal sechs oder so schmalen Zeilchen, die auf normale Sichtdistanz wie kyrillisches Geschnörkel wirken. Ja, Hilfe! Ich wollte doch nur ein Buch lesen.
Dass mir so etwas nicht auch noch gedruckt erscheint. Da seien alle Kehlmänner dieser Welt vor.
Wer ihn jetzt immer noch auch sehen will:
Kehlmann: Das Video
Und nun machen was die rheinische Kollegin befiehlt: LESEN!

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Eine Antwort zu „„Der Ruhm, wie alle Schwindelware…““

  1. Bemich sagt:

    Wow- was für ein Buch! Einfach sensationell, was der Jungmeister da dem werten Publikum geschenkt hat. Ohne große Erwartungen (neun Geschichten und kein Roman?) begonnen, hatte mich der Autor von den ersten Seiten an im Griff: wunderbare Prosa, extrem spannende und phantasievolle Geschichten, ein vibrierendes Spiel mit Form, Stil, Zeit und Perspektive, ein allwissender Erzähler, der auch mal in seinen Text hinabsteigt, um etwa einer seiner Figuren das Leben zu retten- dieses kunterbunte, hochklassige, intellektuell und emotional berührende Panorama prallen Lebens zwischen Sein und Schein ist einfach nur berückend! Ich schließe mich Mr. Blogger an: LESEN!

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