Urbi et Libri

25. Mai 2012

StadtLesen kommt nach Neu-Ulm

„In der Stadt lebt man zu seiner Unterhaltung, auf dem Lande zur Unterhaltung der anderen.“
(Oscar Wilde)

Ich bin ja gern in Metropolen unterwegs. Einen Tag oder mehrere in München oder Leipzig, Wien, Berlin oder Zürich, notfalls sogar Stuttgart, bringen immer Gewinn, Anregung, Aufregung, Kunst-, Musik- und Literatur-Erlebnisse. Man kann lange davon zehren. Aber im Grunde meines Herzens bin ich ein Kleinstädter, komme aus einer, habe lange in diesen überschaubaren Biotopen gelebt. Und es zieht mich immer wieder hin.

Neulich hatte ich wieder einen meiner Westallgäu-Tage. Das ist so eine kleine Kurz-Kur; der Erholungsbedarf nimmt schließlich von Lebensjahr zu Lebensjahr zu. Der Himmel war blau, die Luft frisch, es wurde flächendeckend geheut (= Gras gemäht); Gras und Kräuter setzten die herrlichsten Aromen und Aerosole frei. Wie fast jedesmal landete ich auch diesmal in einer jener malerisch heimeligen Kleinstädte der Region. Ich saß, ich laß, ich aß (kleine Demo warum wir das “ß” noch brauchen!) und zwischendurch ging ich ein wenig. Er-ging mich zwischen duftenden Wiesen, an Waldränder entlang, bergauf und bergab. Zwischendurch wurde der Blick frei auf die Alpenkette; an Nordhängen und in Mulden der Hochtäler lag noch reichlich Schnee. Der Weg führte schließlich wieder zurück ins Städtchen. StadtLesen auf der Parkbank, im Cafè oder Biergarten. Unter Linden, blühenden Kastanien, wuchtigen Buchen. Mein ganz persönliches StadtLesen.

StadtLesen gibt es seit einigen Jahren auch im großen Stil. Als Kampagne. Dieses StadtLesen ist eine Aktions- und Veranstaltungsreihe die das Thema Lesen in eine breite Öffentlichkeit tragen möchte – ohne Verpflichtung, ohne Hemmschwellen. Konzipiert und realisiert wird das Ganze von der Innovationswerkstatt Sebastian Mettler in Salzburg. Unterstützt und finanziert von Partnern und Sponsoren aus Wirtschaft, Kultur und Medien. Die wohl unvermeidliche Schirmherrschaft haben die UNESCO- Kommissionen Österreichs und Deutschlands übernommen. In ausgewählten StadtLesestädten wird auf einem von der jeweiligen Stadt zur Verfügung gestellten Platz zu freiem Lesegenuss unter freiem Himmel eingeladen. Höhepunkte sind Lesungen bekannter Autorinnen und Autoren, die aus populären Werken lesen. Nach den ersten Jahren in Österreich, gibt es StadtLesen inzwischen auch in Deutschland, der Schweiz und Italien.

Jedes Jahr wird eine begrenzte Anzahl LeseStädte ausgewählt. 2011 waren das u. a. Ludwigshafen, München und Landshut, Innsbruck, Graz und Eisenstadt. Diesmal sind aus Deutschland z. B. Fürth und Berlin, Zwickau und Chemitz, Saarbrücken und Ingelheim dabei.

Und zum ersten Mal macht heuer der Tross auch in unserer Region halt. Vom 5. bis 8. Juli heißt dann die LeseStadt Neu-Ulm. Ab neun Uhr morgens, bis zum Einbruch der Dunkelheit, kann man auf dem Rathausplatz in über 3000 Büchern schmökern. Am 6. Juli findet ein Integrationslesetag statt, an dem Bürgerinnen und Bürger mit Migrationshintergrund dazu eingeladen sind, in ihrer Muttersprache selbst verfasste Texte zu präsentieren. Und gleich am ersten Abend um 20 Uhr liest der bekannte Krimi-Autor und ehemalige Ulmer Gerichts-Reporter Ulrich Ritzel aus “Schlangenkopf”, seinem neuesten Buch rund um den ehemaligen Polizeibeamten Hans Berndorf.

Rathaus-Platz Neu-Ulm mit Brunnen und Skulptur “Drei Männer im Boot” des in Neu-Ulm geborenen Bildhauers Edwin Scharff (1887 – 1955).

Welche Bedeutung dem Ereignis auf lokaler Ebene zukommt, lässt uns das Grußwort von Gerold Noerenberg, seines Zeichens Lese-Biest und Oberbürgermeister von Neu-Ulm, erahnen:
“Bücher bergen Wissen, Geschichten und Schicksale. Sie lehren von der Natur, von der Wissenschaft oder vom Leben und erzählen spannende, phantastische oder traurige Geschichten. Lesen heißt: Aussteigen aus dem Alltag, aufsaugen von Wissen oder abwandern in andere Welten. In einen besonderen Erlebnisraum des Lesens können Sie im “Lesewohnzimmer” der Aktion StadtLesen auf dem Neu-Ulmer Rathausplatz eintreten. Genießen Sie und bleiben Sie ein Weilchen. Ich wünsche Ihnen viel Vergnügen.”

Lesefestivals in vielen großen und kleinen Städten: Leipzig, Köln, Hamburg, in Literaturhäusern, auf Burg Ranis, sogar in Schaffhausen. Leseförderung flächendeckend in Kindergärten, Schulen, Vereinen, Bibliotheken, demnächst vermutlich auch in Altenheimen. Der “Welttag des Buches” im April. “Treffpunkt Bibliothek” im Oktober. Jetzt also auch noch “Stadtlesen”. Glaubt wirklich jemand, dass sich mit all diesem Aktionismus, all dem Gutgemeinten, die Zahl der Lesefähigen und Lesewilligen signikant erhöhen, die Zahl der Leseverweigerer deutlich verringern lässt? Ich melde vorsichtshalber Skepsis an. Letztlich ist es immer ein individueller Schritt. Lesen erfordert Antrieb, Lust, Fähigkeiten und setzt ein Verlangen nach dem voraus was Lesen geben kann: Genussvolle Unterhaltung, Wissen, Bildung, Kritikfähigkeit, Lust am Vertiefen und Studieren, vielleicht sogar den Anstoß zu eigenem Schreiben.

Der Klick zu StadtLesen.


Sudeleien: Ende April 2012

28. April 2012

Handke, Hesse, Walser, Schulze und ich -  und der “Welttag des Buches”

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“Kultur für alle.” – (Hilmar Hoffmann, Kulturbürgermeister von Nürnberg a. D.)

“Der Wunsch nach einem Gedicht ist eher selten anzutreffen, hierzulande, heutzutage, andernorts. Und zwar sowohl was die Zahl der Lesenden als auch die der Schreibenden betrifft.” – (Kathrin Schmidt, Schriftstellerin)

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Beim Sovormichhinsortieren alter Zeitungsausgaben für den Altpapier-Container, musste ich daran denken was ich diese Woche gelesen hatte: “Heute ist der Welttag des Buches”, schrieb Ute G. in einem Beitrag zur Volksaufklärung am Dienstag, den 24. April, in einer auflagestarken schwäbischen Tageszeitung. Sie lag damit nur ganz knapp daneben. Der “Welttag des Buches” fand, gemeinsam mit dem “Tag des Bieres”, auch in diesem Jahr wieder am 23. April statt. Das war ein Montag und meine Stadtbibliothek, wie immer an einem Montag, geschlossen.

Doch auf dem Marktplatz unseres Städtchen, im Schatten sakraler Sandstein-Gotik, hatten die “Bibliophilen Alphabeten e. V.” einen Aktionsstand aufgebaut. Hier wurde der Stoff gratis abgegeben. Jede Menge Lesestoff geschenkt. Eine von vielen “Lesefreunde”-Aktionen zur Inszenierung des “Welttag des Buches”. Aber nicht jeder Buchhändler findet es so toll „mitten in der Debatte um das Urheberrecht und die Umsonst-Kultur 1 Mio Bücher kostenlos zu verteilen“. Es stellen sich Fragen. Wird das geistige Eigentum der Autoren an den verschenkten Werken denn angemessen und pekuniär gewürdigt? Wurde das Einverständnis der Urheber eingeholt? Oder machen die Rechte-Verwerter, in diesem Fall die Verlage, einfach was sie wollen? Was ist noch PR und was schon Piraterie? Wie sollen sich Herr und Frau Mustermann da noch zurechtfinden? Und wo kann ich eigentlich die App herunterladen?

Es gab Bücher für alle. Aber nicht alle Bücher. Die Titelauswahl war beschränkt im Sinne von begrenzt. Es standen 25 Titel zur Auswahl. Dabei die “Schweigeminute” von Siegfried Lenz, Kaminers “Deutsches Dschungelbuch”, die “Vermessung der Welt” von Daniel Kehlmann und die unvermeidliche, aber bissige Stephenie Meyer. Meiner Grundstimmung entsprechend griff ich rasch und möglichst unauffällig zu Peter Handkes “Wunschloses Unglück” – so eine Gratis-Entgegennahme ist mir im Grunde immer leicht peinlich – und betrachtete anschließend das Geschehen noch eine Weile aus dem Rückraum. Dabei fiel mir auf, dass ich eines der wenigen männlichen Wesen war, die das Angebot angenommen und zugegriffen hatten. Die überwiegende Mehrheit derer, die sich um den bunten, mit Luftballons dekorierten Bücherstand drängten, gehörten dem weiblichen Geschlecht an.

Derzeit fordern fortschrittliche Politiker und Politikerinnen immer wieder eine Frauenquote für die Führungsetagen großer Unternehmen. Demzumtrotz fordere ich hier und jetzt eine Männerquote! Mindestens X-Prozent der Lesenden müssen in Zukunft Y-Chromosomen und das SRY-Gen haben. Und wenn wir gerade dabei sind: Ich fordere mit gleicher Vehemenz eine Männerquote beim Personal in Kindergärten, Grundschulen und Altenheimen.

Aber zurück zum Eigentlichen, zum Buch. Mich ließ die Überlegung nicht los, welche Bücher ich an ein breites Publikum verschenken würde, wenn ich freie Wahl hätte. Welche Autoren, welche Titel? So einfach ist das nicht bei einer so undefinierbaren Zielgruppe. Vor allem wenn damit gleichzeitig Werbung für die eigenen Lieblingsbücher verbunden sein soll. (So eine Kampagne nimmt ja immer einen leicht missionarischen Charakter an.) Zwei Pizza-Ecken (prosciutto e con funghi), einen halben Liter San Pellegrino und drei Espressi dopio später – auf windgeschützter Kaffeehaus-Terrasse wärmte bereits eine milde Frühlingssonne – war mir die etwas willkürliche Beschränkung auf eine Auswahl von drei in Frage kommenden Titeln gelungen.

“Unterm Rad” gehört zu den schmäleren Werken Hermann Hesses und wird selten erwähnt wenn es um die wichtigsten Titel des Nobelpreisträgers geht. Es ist eine Schul- und Pubertätsgeschichte rund um kleinstädtische Enge, verständnislose Erwachsenenwelt und die Einsamkeit eines begabten Heranwachsenden, die auf biographischen Erfahrungen des Dichters beruht. Seit Jahrzehnten finden sich Jugendliche und junge Erwachsene darin wieder. Nach dem Wiederlesen im Hesse-Jubiläumsjahr (50. Todestag am 12. August) fragt man sich allerdings sehr ernsthaft, was den Honoratioren in Calw/Gerbersau eigentlich einfällt; ihr jubelndes Feiern des früh Ausgezogenen kann eigentlich nur ein typisch pietistisch provinzielles Missverständnis sein.

“Ein fliehendes Pferd” wird zu jenen von Martin Walsers zahlreichen Erzählungen gehören, die man auch noch in einigen Jahren, vielleicht auch Jahrzehnten, gut und gerne lesen kann. Der Leser erfährt endlich wie deutsche Lehrer ihre reichlichen Ferientage verbringen und warum Scheitern für Beziehungen der Normalfall ist. Ein Mittelstands-Drama und -Panorama von zeitloser Gültigkeit. Die hier verwendete, knappe Novellen-Form gelingt Walser besser als einige seiner überreich mäandernden Romane. Das tragische Scheitern der beiden Paare im besten Krisenalter kontrastiert herrlich mit der Schönheit der Bodensee-Kulisse. Auch wenn man die hervorragende Verfilmung gesehen hat, bleibt dieses Büchlein eine unbedingt lohnende Lektüre.

“Adam und Evelyn” von Ingo Schulze ist für mich eines der wichtigsten und besten Bücher, die sich mit den deutsch-deutschen Fragen und Problemen rund um die geschichtliche Wende 1989/90 in erzählender Form beschäftigen. Die Figuren des Romans sind Menschen des realexistierenden Alltags, mit all den Sorgen und Nöten, die das Leben in der ehemaligen DDR so mit sich brachte. In einer forcierten, meist dialogisch angelegten Erzählweise geht es um Grundsatzfragen wie Gehen oder Bleiben? und die ewige Suche nach dem richtigen Lebensentwurf. Es geht darüber hinaus um Variationen von Liebe und um die uralten Mythen der Geschlechter. Gleichzeitig kommen gesellschaftspolitische Themen zur Sprache, die durch die Wende neu zur Diskussion gestellt wurden und heute eigentlich aktueller sind denn je. Der aus Thüringen stammende Damenschneider Adam, über Ungarn und Österreich nicht ganz freiwillig im idyllischen Bayern gelandet, sieht die schöne neue Welt in die er geraten ist so:

“Von allem zu viel…, zu viele Worte, zu viele Kleider, zu viele Hosen, zu viel Schokolade, zu viele Autos, statt froh zu sein, dass es endlich alles gibt… zu viel, zu viel, eine Inflation, die alles begräbt, die eigentlichen Dinge, die richtigen Dinge.”

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Hesse, Hermann: Unterm Rad. Roman. – Suhrkamp, versch. Jahre. Euro 6

Walser, Martin: Ein fliehendes Pferd. Novelle. – Suhrkamp, versch. Jahre. Euro 6,50

Schulze, Ingo: Adam und Evely. Roman. – dtv, 2010. Euro 9,90

Alle drei Bücher sind auch noch in anderen Ausgaben lieferbar.


“Das Tiefste wirst du endlich schauen…”

17. April 2012

Der Roman “Am Schwarzen Berg” von Anna Katharina Hahn

Welche Stuttgart-Romane von einiger Bedeutung sind eigentlich in den letzten Jahrzehnten erschienen? Bevor ich Anna Katharina Hahns Bücher kennenlernte, wären mir wahrscheinlich vorzugsweise die Werke von drei Autoren eingefallen. Im ersten Fall handelt es sich um einen Roman-Zyklus. In insgesamt neun selbstständigen Erzählwerken – unter dem Motto “Vergangene Gegenwart” lose zusammengefasst – schildert Hermann Lenz (1913 – 1998) Herkunft und Leben des Schriftstellers Eugen Rapp und schöpft dabei fast ausschließlich aus der eigenen Biographie. Die Handlung ist, bis auf Abstecher zu den Schauplätzen des Weltkriegs, in Stuttgart und München angesiedelt. Mit ruhiger Sprache und unspektakulärer Erzählweise, sind die Bücher bleibende Zeugnisse vergangener Zeiten und einer nahezu unscheinbaren Dichter-Existenz.

Da war das Roman-Debüt des Martin Walser (geb. 1927) – “Ehen in Philippsburg” – schon von anderem Kaliber und mit unüberhörbarem Widerhall in Medien und Gesellschaft. Seine Schilderungen der bundesdeutschen Nachkriegszeit und der ersten Schritte eines jungen Akademikers auf dem Weg zum Schriftsteller-Beruf haben ausschließlich die Medienstadt Stuttgart der 1950er-Jahre zur Vorlage.

Während Walser und Lenz in ihren Darstellungen eine bürgerliche Welt abbildeten, entführte Manfred Esser (1938-1996) die Leser in eine dazu völlig konträre. Prollig und streckenweise ordinär geht es zu im Osten der schwäbischen Großstadt. Essers “Ostend-Roman”, der beim Erscheinen (1978) von Leitmedien wie “DER SPIEGEL” und “DIE ZEIT” fast hymnisch gefeiert wurde, ist saftig wirklichkeitsnah und von kraftvoller literarischer Qualität. Erschienen ist er einst im nicht mehr existierenden und inzwischen sagenumwobenden Verlag “März”. Nur noch antiquarisch mit kräftigem Preisaufschlag zu bekommen.

Wohl nicht zufällig findet man in den Büchern Anna Katharina Hahns Spurenelemente dieser drei Vorgänger. Sie blickt hinter die Fassade intellektueller Bürgerlichkeit, entlarvt die schale Behaglichkeit einer auf den ersten Blick sehr sauberen Großstadt zwischen Wohlstand und Weinbergen. Sie zeigt uns die kaum wahrgenommenen Randexistenzen neben den wohlbestallten Ministerialbeamten und Oberstudienräten, die verschämten Schmuddelecken neben den klinisch reinen Straßenbahn-Haltestellen. Dabei kommt die Drastik bei Anna Katharina Hahn ruhig, aber sehr präzise daher, und ist gerade deshalb so schneidend und wirkungsvoll. Kleine kräftige Schläge treffen den Leser immer wieder ganz unvorbereitet. Und sie schildert “Schmerzlinien”, wie sie fast jedes Leben durchziehen.

Anna Katharina Hahn im März 2012 auf der Leipziger Buchmesse

Der neue, im Februar erschienene Roman von Anna Katharina Hahn heißt “Am Schwarzen Berg” und schildert fünf eng miteinander verwobene Schicksale. Als Peter Rau, Sohn der Nachbarn von Emil und Veronika Bub, und gleichzeitig eine Art Ziehsohn des kinderlosen Paares, in eine schwere Lebenskrise gerät, bricht die mühsam aufrechterhaltene Scheinwelt beider Häuser auseinander. Der Gymnasiallehrer Emil Bub hatte einst in Peter einen dankbaren Mitstreiter für seine Mörike-Begeisterung gefunden, seine Frau ein Ziel für brachliegende Muttergefühle. Jetzt kämpfen die beiden gealterten Paare um Wohl und Zukunft des verzweifelt Gescheiterten. Sie tun dies, über Jahrzehnte kumulierten Ballast bequemer Lebenslügen und Scheinwahrheiten im Gepäck, mit nicht tauglichen Mitteln. Hinter der Hilflosigkeit der Helfer zeichnet sich bald die Unaufhaltsamkeit einer Tragödie ab.

Nach “Kürzere Tage” hat Anna Katharina Hahn einen zweiten großartigen Stuttgart-Roman geschrieben; damit wurde diese Gattung innert weniger Jahre gleich zweifach bereichert und erweitert. “Am Schwarzen Berg” ist aber weit mehr als ein Stuttgart-Buch; mehr als ein Werk über bröckelnde Bürger-Idylle. In weiteren kunstvollen Schichten, die uns die Autorin präsentiert, entdecken wir Spuren zum langsam in Vergessenheit geratenden Hermann Lenz, vor allem aber zum unvergesslichen schwäbischen Parnass-Bewohner Eduard Mörike, dem gelernten Theologen und dichtenden Fast-Aussteiger, aus dessen Gedicht “Elemente” der Titel des Romans stammt.

Darüber hinaus gibt es in diesem Buch sehr gegenwärtige Stuttgart-Bezüge voll frischer Aktualität. So wird dieser Roman von zukünftigen Lesern, die er hoffentlich zahlreich findet, als Stimmungsbild der frühen 2010er Jahre gelesen werden können. Unter anderem dienen die Auseinandersetzungen um Stuttgart 21 als Kulisse. Der krisengetriebene Peter Rau treibt sich eine zeitlang samt Kindern in der Parkschützer-Szene herum. Während sie die Geschehnisse schildert, findet die Autorin auch noch Sprachraum um uns mit reichem Vokabular und wie nebenbei von der naturräumlichen Gegenwelt, der artenreichen Flora und Fauna, einer deutschen Metropole zu berichten.

Die Stadtbibliothek Stuttgart einst ...

Traurig-schön hingegen die Schilderung des schweren Abschieds von der alten Stadtbibliothek im Wilhelmspalais, wo die langsam aber stetig im Alkohol ertrinkende Veronika Bub fast ihr ganzes Berufsleben verbracht hat und die jetzt in das neuerbaute koreanische Luftschloss nahe des bald schon ehemaligen Bahnhofsgeländes ziehen muss – nicht nur für sie ein Fast-Begräbnis. Anna Katharina Hahn betrachtet durch die Brille ihrer bibliothekarischen Protagonistin noch einmal die Athmosphäre des charmant gealterten, nicht mehr zeitgemäßen Bibliotheks-Baus:

“Im Lesesaal war es plötzlich ganz ruhig. Ein gleichmäßiges Summen und Murmeln, Blättern und Knistern durchdrang den Raum. Niemand sprach, die Leute hatten die Köpfe über ihre Bücher gebeugt. Stadtverkehr und Spatzengetschilpe aus den Büschen um das Palais drangen nur gedämpft herein… Ein paar Erschöpfte schliefen mit den Köpfen auf den aufgeschlagenen Büchern… Sie alle wurden von der großen, unangreifbren Ruhe eingehüllt, die hier herrschte und von den Tausenden und Abertausenden von Büchern bewacht wurde. Dicht an dicht postierten sie auf ihren Plätzen und bewachten jene, die hinter ihren bunten Rücken Schutz suchten”

... und heute.
Foto: Ursula Doll

Anna Katharina Hahn hat in Hamburg und Berlin studiert und wissenschaftlich gearbeitet. Heute lebt sie mit Mann und zwei Söhnen in Stuttgart. Vor den beiden Romanen wurden von ihr zwei schmale Bände mit Erzählungen veröffentlicht. Die Schriftstellerin liest am 24. April in Tübingen (20 Uhr, Museums-Saal, von Osiander veranstaltet), am 26. April in Kirchheim/Teck (20 Uhr, im Buchhaus Zimmermann) und am 15. Mai in Stuttgart-Möhringen (20 Uhr, in der Pegasus Buchhandlung).

Auf der Seite “Da Capo” finden Interessierte das Mörike-Gedicht “Elemente”.

Hahn, Anna Katharina: Am Schwarzen Berg. – Suhrkamp, 2012. Euro 19,95


Leipziger Begegnungen 2012

3. April 2012

Von Menschen und Büchern rund um die Stadt, ihre Buchmesse und “Leipzig liest” – Der zweite Teil

Werbeblock. Zugegeben, Werbung kann bis zum Brechreiz nerven. (“For you. Vor Ort.”) Sie kann niveau- und geschmacklos sein. Penetrant. An falscher Stelle und zur falschen Zeit. Sie kann echte Gerbersauer Miefigkeit verbreiten. Aber sie kann auch ganz anders. Werbung kann von weltläufiger Urbanität sein, intelligent (“Quadratisch. Praktisch. Gut.”), charmant, witzig, ästhetisch. Gute Werbung hat, was gute Literatur und gute Kunst auch haben: Geist, Geschmack, Ironiefähigkeit.

Die im Volksmund als Löffelfamilie bekannte Leuchtreklame des VEB Feinkost Leipzig wurde 1973 am Firmensitz in der Karl-Liebknecht-Straße errichtet und 1993 zum Kulturdenkmal erklärt.

Im ersten Teil der “Leipziger Begegnungen 2012” hatte ich schon die Kampagne für die appetitlichen Wendl’schen Backwaren und ihre ideenreiche Wortspielerei angesprochen. Jetzt komme ich zu zwei positiv auffälligen Beispielen aus der Buchproduktion.

Das “Diogenes Magazin” Nr. 9, Frühjahr 2012. Mit Beiträgen über Bibliotherapie, Donna Leons intime Sicht auf Venedig, den Vieldenker und -schreiber Paulo Coelho und einer ausführlichen Würdigung des im letzten Jahr verstorbenen Verlegers Daniel Keel. Besonders spannend und anregend sind Gespräche und Interviews mit Autoren wie John Irving oder Lukas Hartmann. Es gibt natürlich ein Gewinnspiel und Anregungen zum literarischen Kochen. Selbstverständlich ist das in erster Linie Verkaufsförderung für Autoren und Bücher des Hauses Diogenes. Die man sich allerdings in der Form gerne gefallen lässt. Das Druckwerk fühlt und sieht sich an als hielte man eine wertvoll gemachte Literatur-Zeitschrift in Händen. Zahlreiche farbige und schwarzweiße Abbildungen, hervorragende typographische Gestaltung und über hundert Seiten auf erstklassigem Papier in bester Druckqualität machen dieses Magazin zu einem begehrten Sammelobjekt. Schön, dass das nächste bereits im Mai erscheinen wird.

Das Hesse-Jahr 2012, rund um den 50. Todestag des Dichters im August, begehen die Verlage Suhrkamp und Insel mit einem Jubiläumsprogamm. In einem aufwendigen Farbprospekt werden Bewährtes und Neuproduktionen präsentiert. Dazu gehören klassische Hesse-Titel wie “Der Steppenwolf”, “Siddhartha” oder “Das Glasperlenspiel”, die in neuer hochwertiger und dennoch preisgünstiger Flexcover-Ausstattung herauskommen ebenso wie zwei neue zehnbändige Kompilationen. Die eine enthält das erzählerische Werk (6137 Seiten für Euro 128), eine weitere die neu editierte Versammlung essayistischer Schriften (7127 Seiten für Euro 148). Interessant sind auch Themenbände, die von Hesse ausgewählte und zusammengestellte Werke von ihm geschätzter Autoren und Kulturkreise enthalten: “Morgenländische Erzählungen”, “Geschichten aus Japan” und anderes.

Das Thomas-Mann-Haus in Nidden, Litauen. Heute internationale Begegnungsstätte.

Spuren. Werbung für die Region Kurische Nehrung im allgemeinen und den heute litauischen Ort Nidden macht Frido Mann, der Enkel des Literatur-Nobelpreisträgers Thomas Mann. Dafür hat er im Auftrag des Mare-Verlages ein wunderschönes, vielschichtiges Buch geschrieben. Thomas Mann und seine Famlie kommen darin am Rande vor, denn in den frühen 1930er Jahren verbrachten sie drei Sommer-Urlaube in diesem am Meer gelegenen, ehemaligen “Worpswede des Ostens”, wie es genannt wurde, weil sich dort einst zahlreiche Maler niedergelassen hatten. Die Einheimischen nannten das Ferienhaus der Manns “Onkel Toms Hütte”. Darin ist inzwischen eine internationale Begegnungsstätte untergebracht, die ein reges Kulturprogramm auf die Beine stellt, das sich u. a. mit Werk und Leben des großen Literaten beschäftigt.

Frido Mann ist ein echter Tausendsassa, rührig und tätig an allen Ecken und Enden. Er hat Musik, Katholische Theologie und Psychologie studiert, jahrelang als Therapeut gearbeitet und nebenbei auch schon immer geschrieben. Heute lebt er als Schriftsteller und Macher in München. In seinem neuesten Buch “Mein Nidden” (Mare, 2012. Euro 18). geht es vorrangig um Kultur, Geschichte und Gegenwart von Ort und Landstrich. Der Autor zeichnet die wechselvolle Geschichte der Kurischen Nehrung im 20. Jahrhundert nach – zwischen Deutschem Reich, Sowjetherrschaft und der Unabhängigkeit Litauens. Mann entwirft gleichzeitig ein einprägsames Bild der überwältigenden Natur und ihrer Mischung aus nördlichem und südlichem Charme. Darüber ein Himmel, der sich fast endlos mit seinen Blautönen über das Haff und die Wanderdünen-Landschaft wölbt.

"Leipzig liest": Irgendwo liest Einer oder Eine - und ganz Viele hören zu. - Foto: Wiebke Haag

Orte (1). Das Lesefestival “Leipzig liest” findet auf der Buchmesse und über die ganze Stadt verteilt statt. Den Tag hindurch und bis hinter Mitternacht, an Orten, die so vielfältig und abwechslungsreich, so skurril oder gewöhnlich sind, wie die Autoren und ihre Stoffe, die dort den begeisterungsfähigen – mal größeren, mal kleineren – Menschenscharen präsentiert werden. Da wird in der Deutschen Nationalbibliothek der 100. Geburtstag der Insel-Bücherei gefeiert. Im Gewölbe der Moritzbastei setzen tief unter Tage zwischen dicken Mauern, hoffnungsvolle Nachwuchs-Schriftsteller zu ersten lyrischen oder epischen Höhenflügen an. Da lässt man die hitzige Dora Heldt gleich in einer Sauna auftreten. (Temperatur und/oder Aufguss unbekannt!)

Orte (2). Die Verlagsbuchhandlung – eine Geschäftsform deren Art akut vom Aussterben bedroht ist. Quicklebendig und ein klein wenig wie von gestern wirkend – was ihren Reiz noch erhöht – ist die nach einem Leipziger Stadtteil benannte Connewitzer Verlagsbuchhandlung. Ihr Ladengeschäft ist vielleicht eines der schönsten das in Leipzig Bücher feil bietet. Im Obergeschoß dieser Handlung finden “Leipzig liest” – Veranstaltungen in einem kleinen, intimen Rahmen statt. Der Verlagszweig hat 2009 den vielgelesenen und verfilmten, in den 1950er Jahre spielenden Leipzig-Roman “Für’n Groschen Brause” (Euro 18,90) von Dieter Zimmer neu aufgelegt. Pünktlich zur Messe erschien das Büchlein “101 Asservate. Alter Worte Wert” (Euro 18) von Thomas Böhme. Der Verfasser las in der Buchhandlung einige seiner 101 Miniaturen, die sich um Begriffe drehen, die nicht mehr geläufig oder bereits aus unserem Sprachgebrauch verschwunden sind: Lakritzstangen und Angebinde, Fisimatenten und Fidibus, Möndchenschieber und Garaus, Kerbholz und Unterpfand.

Orte (3). Nicht weit vom Laden der Connewitzer liegt die Adler-Apotheke. Dort arbeitete ab 1. April 1841 der 21-jährige Apotheker-Gehilfe Theodor Fontane (die Apotheke hieß damals “Zum Weißen Adler”). Er war Mitglied im politisch-literarischen “Herwegh-Klub” und veröffentlichte erste Gedichte in dem Unterhaltungsblatt “Die Eisenbahn”. Bereits 1942 veränderte sich Fontane nach Dresden. Erst Jahrzehnte später entstanden jene Romane, die ihm seinen Platz in der  Literaturgeschichte sicherten und in deren Mittelpunkt berühmte Frauenfiguren wie “Effie Briest”, Lene Nimptsch (“Irrungen, Wirrungen”), “Grete Minde” oder “Frau Jenny Treibel” stehen.

Der Literaturwissenschaftler und Schriftsteller Burkhard Spinnen (“Belgische Riesen”, “Der schwarze Grat”) hat ein Buch über “Theodor Fontanes zeitlose Heldinnen” geschrieben, wie “Sein Glück verdienen” im Untertitel heißt. Die Fotos in dem Band stammen von Lorenz Kienzle. Er hat Orte aufgesucht, die in den Romanen Fontanes beschrieben werden, und diese in ihrem gegenwärtigen Zustand mit einer Plattenkamera festgehalten. Im Rahmen von “Leipzig liest” und im Gespräch mit dem Literaturkritiker Elmar Krekeler stellten Spinnen und Kienzle das Buch am ehemaligen Arbeitsplatz Fontanes vor (Knesebeck, Euro 29,95). Für Burhard Spinnen sind die psychologischen Konstellationen, die Problematik des Absterbens von Hergebrachtem, das Brechen von Konventionen, wie sie Fontane schildert, von zeitloser Gültigkeit.

Burkhard Spinnen (links) im Gespräch mit Elmar Krekeler in der Adler Apotheke. - Foto: Monika Stoye

Interessanterweise entspann sich in den anschließenden Gesprächen eine intensive Diskussion über heutige Schul- und Bildungsformen, die ja wesentlich zur Prägung von Menschen beitragen. Spinnen, der sich selbst als “in der Schule als Junge nicht angekommen” bezeichnete, und der viel zu Lesungen in Schulen unterwegs ist, sprach sich entschieden gegen jede Art politisch festgelegter Formatierung von Kindern und Jugendlichen im Rahmen ihrer Schullaufbahn aus. In seine kritischen Äußerungen schloss er auch die Medien, insbesondere das Fernsehen, ein. Es gehe nicht an, dass sich Casting Shows zum Standard für die Beurteilung junger Menschen entwickeln.

Favoriten (1). Leipzig 2012 – einmal mehr sind es viel zu viele Bücher! “Und so viele dumme Bücher.” (Peter Sodann.) Der Dummheit zu Leibe rücken wollte und will die Aufklärung. Denn nie war sie nötiger als heute: die scharfe Schule der Vernunft. Wärmstens zu empfehlen ist deshalb die Lektüre von Manfred Geiers: “Aufklärung. Das europäische Projekt” (Rowohlt, 2012. Euro 24,95). Ein Buch, das auch für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert war und das in verständlicher, ja unterhaltsamer Form, einen Bogen spannt von den Begründern der Philosophie der Aufklärung wie Locke, Kant und Rousseau bis zu ihren Nachfolgern im 20. Jahrhundert: Hannah Arendt, Karl Popper, Jürgen Habermas und Jacques Derrida. Geier verliert dabei die Lebenspraxis nie aus dem Auge und stellt realistische Bezüge zu Alltag und Gegenwart her. So lesen wir auch als Laien mit Genuss in einer fesselnden Geschichte des aufklärenden Denkens und vernehmen das Plädoyer für Toleranz und Vernunft als hochaktuelle Verpflichtung.

Christian Schüle auf dem orangen Sofa des Universitäts-Radios

Favoriten (2). Schüle, Christian: “Das Ende unserer Tage. Roman”  (Klett-Cotta, 2012. Euro 22,95). Originell, spannend, temporeich. Was wie Science Fiction wirkt, ist großteils längst Gegenwart. Wir schreiben schließlich das Jahr 2012 und der Bundespräsident heißt Christian Wulf. Als Wulf ging und Gauck kam, war die erste Auflage schon im Druck; Verlag und Autor beschlossen die “fiktiven Fakten” nicht mehr zu ändern. So schreibt dieser Roman, der wie eine Zukunftsvision daherkommt, gleichzeitig jüngste bundesdeutsche Geschichte. Im nicht mehr ganz so reichen Hamburg werden Kirchen zu Event-Tempeln umgebaut. Die traditionsreiche Kammfabrik im Süden Hamburgs wird, wie viele andere Firmen der Hansestadt, von chinesischen Investoren übernommen. Der hauptberufliche Journalist Christian Schüle erzählt exemplarisch anhand der Geschichte zweier Männer: Charlie Spengler, Ex-Fabrikdirektor, jetzt Rebell an der Front der Werktätigen und Jungunternehmer Jan Philipp Hertz. Dazu kommen allerhand interessante Nebenschauplätze und -figuren, sowie eine gehörige Portion Zeitgeist und Lokal-Kollorit.

Favoriten (3). “Am Schwarzen Berg” (Suhrkamp, 2012. Euro 19,95). Anna Katharina Hahn hat einen Stuttgart-Roman geschrieben, der gleichzeitig ein Mörike-, Literatur-, und Bibliotheksroman ist. Sie zeichnet ein krasses, hoffnungsloses Bild heutiger Großstadt- und Mittelstands-Verhältnisse. Dazu mehr in einer eigenen Besprechung, die in etwa zwei Wochen auf = conlibri = erscheinen wird.


Leipziger Begegnungen 2012

25. März 2012

Von Menschen und Büchern rund um die Stadt, ihre Buchmesse und “Leipzig liest” – Der erste Teil

Auftakt. Der Marsch der Massen zur Messe. Wie schnell der Rummel-Trummel jeden Morgen hochfährt! Um zehn werden die Schleusen geöffnet und drängend fluten Hunderte die bereits unruhig auf Einlass warteten die lichte hohe Glashalle und die Flure zwischen den Ausstellungsständen. Und schon sitzen auf blauen und roten Sofas morgenfrische oder notdürftig ausgeschlafene Autoren und Autorinnen neben pseudo-wachen Moderatoren, die planmäßig ihre ersten Frage-Stanzen absondern. “Kann man sagen, dass der Stoff Ihres neuen Romans zu Ihnen gefunden hat?”

Zum Messegelände findet man am frühen Morgen am leichtesten mit der im dichten Takt fahrenden Straßenbahnlinie 16. Die Buchmesse ist nun schon seit Jahren am nördlichen Stadtrand zu Hause, deshalb dauert die Fahrt reichlich 20 Minuten. Man verbringt diese Zeit in engstem Kontakt mit erwartungsvollen Menschen, die alle irgendwas mit Büchern oder zumindest buchnahen Dienstleistungen oder Produkten machen, und mit Schülern und Schülerinnen von Leipziger Bildungseinrichtungen mitsamt ihren Lehrerinnen und Lehrern, denen man den Messebesuch in den Tagesplan geschrieben hat und die diese Abwechslung vom Frontal-Unterricht als willkommenen Freiraum nutzen.

Es ist gut wenn man dann schon gefrühstückt hat. Vor der Begegnung mit den literarischen Protagonisten empfiehlt sich der Besuch beim “Brotagonisten”, wie sich die in ganz Leipzig vertretene Bäckerei-Kette Wendl betitelt. Man kann dort an einer “Vollversemmelung” teilnehmen, eine “Wendl-Schleife” genießen, die südlich des Mains auch als “Brezel” bekannt ist, oder man bringt den netten Damen hinter der Theke schonend bei, dass man gerne einen “Knax” hätte. Dazu eine Tasse Heißen vom aromatischen Bohno W. und für unterwegs kommt vielleicht noch der beliebte, nahrhafte “RoggStar” in die Tüte.

In Leipzig wird ab Null Grad Plus im Freien gefrühstückt. Dafür steht allzeit Sitzgarnitur an Sitzgarnitur vor Kneipe, Cafè, Bäckerei und Restaurant. Das gilt ganz besonders für die zwei wichtigsten Straßenzüge der Messestadt: die szenische Karl-Liebknecht-Straße (kurz: Karli) in der Südvorstadt und das enge Barfußgäßchen, stetig überfülltes Zentrum der Fress- und Vergnügungsmeile Drallewatsch im unmittelbaren Stadtkern.

“Ein Rettungsschirm für die Bildung!” – Transparent an einer Leipziger Hochschule.

Bildung. Eine Buchmesse ist lehrreich. Von dem sächsischen Kabarett-Urgestein Gunther Böhnke, der einst zusammen mit Bernd-Lutz Lange das legendäre Duo “academixer” war, erfahren wir “50 einfache Dinge die Sie über Sachsen wissen sollten”. (Westend. Euro 14,99) “Nicht nur, aber vor allem als Appetitmacher auf Sachsen für Nichtsachsen bestens geeignet, amüsant, anekdotisch, regionalstolz, dabei zugleich selbstironisch.” (Sächsische Zeitung).

Natürlich hatte auch ich mir bis zu diesem Zeitpunkt nie tiefergehende Gedanken über die Papiertüte gemacht. Jetzt wurde mir auf die Sprünge geholfen. Unter anderem auf dem Mephisto-Sofa (Mephisto 97,6 = Universitätsradio Leipzig) ging Alexander Neubacher in aller Breite dem selbstgewählten Thema und den damit aus seiner Sicht verbundenen Vorurteilen auf den Grund. Entgegen allgemeiner Vermutung und Hoffnung hat jenes beliebte alternative Verpackungsmittel nach seinen Recherchen eine extrem negative Ökobilanz. Das und noch viel mehr, will er uns in seinem Buch der “Ökofimmel: Wie wir versuchen, die Welt zu retten – und was wir damit anrichten” weissmachen. (DVA, Euro 19,99). Diese Pseudoerkenntnisse verbreitende, ressourcenverschwendende Wichtigtuerei – als SPIEGEL-Buch erschienen – kann leider nicht in der Ökotonne entsorgt werden, sie gehört auf den Sondermüll.

Und auch das hätte ich nie erfahren, wenn ich mich nicht einmal mehr drei Tage durch Leipzigs Frühjahrbuchmesse geschoben, gelesen und gestaunt hätte: Im Mai 2011 schloss im indischen Mumbai die weltweit letzte Fabrik für mechanische Schreibmaschinen.

Karl May. Der sächsische Gauner und Vollblut-Fabulierer wurde am 25. Februar 1842 in Ernstthal geboren und starb am 30. März 1912 in Radebeul. So ist derzeit also willkommene Gelegenheit sowohl 100. Todestag, als auch 170. Geburtstag des Reise-, Heimat- und Abenteuer-Schriftstellers ausgiebig zu begehen. Einige unentwegte Freunde seiner Werke, von denen es noch sehr viele gibt, haben sich in der Karl-May-Gesellschaft organisiert, die auf der Messe mit einem kleinen Stand vertreten war und mehrere interessante Veranstaltungen einbrachte.

So las der populäre Schauspieler Peter Sodann Mays humorvolle Kurzgeschichte “Die Senfindianer” und anschließend einige Passagen aus dessen Autobiographie “Mein Leben und Streben” (Zenodot, Euro 24,90). Sodann schätzt besonders die humane Grundstimmung bei Karl May, wobei er aber auf die mitschwingenden christlich-missionarischen Töne eher verzichten könnte. Ihm gefallen neben den Abenteuerromen vor allem die Geschichten aus dem Erzgebirge.

Bereits vor etlichen Jahren hatte der Leipziger Schriftsteller Erich Loest (“Völkerschlachtdenkmal”, “Nikolaikirche”) eine Roman-Biographie des immer noch verkaufsstarken Schriftstellers veröffentlicht, die jetzt wieder neu aufgelegt wurde. Aus “Swallow, mein wackerer Mustang” (Mitteldeutscher Verlag, Euro 10) wurde an den Messetagen täglich im Kulturradio MDR Figaro daraus gelesen. Ganz aktuell ist eine neue, wissenschaftlich fundierte May-Biographie von Helmut Schmiedt bei C. H. Beck erschienen: “Karl May: oder die Macht der Phantasie.” (Euro 22,95)

Sodann. Peter Sodann als Tatort-Kommissar inzwischen pensioniert und als Bundespräsidenten-Kandidat der Linken nur mit einem Kurzauftritt, hält mit seinen politischen Vorstellungen ungern hinter dem Berg und nutzte den einen oder anderen Messeauftritt um seine Meinung vor stets zahlreichem Publik zu äußern. Man muss diese im Einzelnen nicht immer teilen, es ist jedoch sehr erfrischend, eine bekannte Persönlichkeit zu erleben, die sich so bescheiden unprominent gibt und auf jede falsche Stromlinienform verzichtet.

Sodann erzählt, dass er wie Karl May aus Ardistan stammt, was als Hinweis auf beider Herkunft aus sprichwörtlich einfachen Verhältnissen verstanden werden soll und schreibt den regierenden Politikern Goethes leicht verständliches “edel sei der Mensch, hilfreich und gut” ins Poesiealbum. Er verfügt über ein reiches Reservoir klassischer Dichtkunst aus der er jederzeit passend zitieren kann. Den vergnügten Menschen vor ihm, die immer wieder heftig applaudieren gibt er dann noch Brecht mit auf den weiteren Messe- und Lebens-Weg: “Reicher Mann und armer Mann // standen da und sahn sich an. // Und der Arme sagte bleich: // »wär ich nicht arm, wärst du nicht reich«.”

Verfolgung. Bleiben wir noch etwas bei den politischen Momenten der Leipziger Buchmesse, die es trotz allen Unterhaltungs-Überangebotes Jahr für Jahr auch gibt und die mitunter in berechtigte Empörung und originelle Protestformen münden. Natürlich ist die Buchmesse nicht vorrangig als politisches Forum gedacht. Dennoch gibt es Ereignisse und Zustände auf unserem Planeten vor denen man nicht als Mitmensch und schon gar nicht als Künstler die Augen verschließen kann. Deshalb hat der Verband deutscher Schriftsteller eine Aktion gegen Neo-Nazis gestartet. Deshalb setzt sich die Gesellschaft für bedroht Völker für verfolgte Künstler in China ein und tat dies auf der Leipziger Buchmesse mit einer eindruckvollen Aktion und einer Unterschriftensammlung.

Am Ende dieses ersten Teils der “Leipziger Begegnungen 2012″ ein Zitat des verfolgten, vor den Nazis nach Schweden geflohenen Schriftstellers Kurt Tucholsky, über den in diesem Jahr ebenfalls eine neue Biographie von Rolf Hosfeld (Siedler, Euro 21,99) erschienen ist, und dessen Verzweiflung über seine Zeit und Zeitgenossen ihm 1935 nur noch den Ausweg in den Freitod ließ. So radikal deutlich und politisch er sich artikulierten konnte, so zart und liebevoll konnte er gleichzeitig seinen Gefühlen Ausdruck geben. Die Zeilen stammen aus Tucholskys Roman “Schloß Gripsholm” (Diogenes, Euro 7,90):

“…und dann spielten wir das Bücherspiel: Jeder las dem andern abwechselnd einen Satz aus seinem Buch vor, und die Sätze fügten sich schön ineinander.”

Den zweiten Teil der “Leipziger Begegnungen 2012″ gibt es in etwa einer Woche an dieser Stelle. Dann verrate ich auch jene drei Bücher, die ich persönlich in diesem Jahr am interessantesten fand.


Frankfurter Buchmesse 2011

17. Oktober 2011

Eine kurze Nachlese in Stichworten, wobei fast nur von Büchern die Rede ist

Ob absolviert oder zelebriert – die Frankfurter Buchmesse 2011 ist vorbei. Was bleibt? Der “Sprachkurs Plus: Isländisch, systematisch, schnell und gut” von Cornelsen. Die Freude darüber, dass es gelungen ist eine Verbindung zwischen Buch- und Automobil-Branche zu konstruieren (einfach und zweckmäßigerweise deshalb, weil als Symbol des modernen Golden Kalbes der Audi-Pavillon von der Automobil-Messe noch im Weg stand). Und schließlich, unvergessen, die flammenden Sätze über vulkanische Landschaften eines Literatur- und Island-Experten namens Westerwelle (nein, mit der Brandung an Islands Küste hat das nichts zu tun) – im Hauptberuf Noch-Außenminister.

Copyright: Frankfurter Buchmesse

Auszeichnungen 1. Den Deutschen Buchpreis bekam in diesem Jahr Eugen Ruge für sein “In Zeiten des abnehmenden Lichts” (1). Ein wirklich gutes Buch. Deutsche Geschichte aus radikal östlicher Perspektive; eine Familiengeschichte über vier Generationen, sehr spannend geschrieben. Höhepunkt, wie in so manch gutem Generationen-Roman seit “Buddenbrooks”, das Weihnachtskapitel. Rasant und amüsant wie hier linienharte Stalinisten den Spagat versuchen zwischen völligem Ignorieren und gelassenem Hinnehmen dieser christlich-heidnischen Traditionsveranstaltung. Ein beachtliches und lesenswertes Buch, das diesen Preis ebenso verdient hat, wie den der nächtlichen Kultur-Sendung “Aspekte”, die damit tradtionell Debütanten auszeichnet. Ein guter, ein hoffnungsvoller Schriftsteller also? Ruge hat zwar Schreiberfahrung, doch in der Epik debütiert er mit 57 Jahren, was in der Reife seines Schreibens durchweg deutlich wird. Er hat fast ein Leben lang gesammelt und gewartet, bis er schreiben konnte, was er zu sagen hatte. Ob da dann allerdings noch etwas nachkommen kann?

Auszeichnungen 2. Sibylle Lewitscharoff, 2009 mit dem Leipziger Buchpreis für ihren Roman “Apostoloff“ ausgezeichnet, und in diesem Jahr mit ihrem Philosophen-Roman “Blumenberg” (2) immerhin auf der Short-List für den Deutschen Buchpreis, durfte sich schon einige Tage vor Messebeginn freuen. Über den Wilhelm-Raabe-Literaturpreis und die damit verbundenen 30.000 Euro. Ihre Sprache macht es uns nicht leicht und mit ihrem neuesten Werk setzt sie auch noch richtig voraus. Das ist nicht unbedingt meine liebste Urlaubslektüre, aber die schwäbelnde Stuttgarterin mit den bulgarischen Wurzeln gehört sicher zu den Besten im Land.

Island 1.Eines der ältesten Zeugnisse europäischer Literatur und Ausgangspunkt allen isländischen Dichtens sind die Sagas (3). Sie erzählen vom Leben der ersten Siedler auf Island, der Landnahme, den oft blutigen Familienfehden, den Erkundungsfahrten per Schiff nach England, Schottland und sonstwohin. Islands vielleicht wichtigster Beitrag zur Weltliteratur ist neu übersetzt in fünf gut ausgestatteten Bänden bei S. Fischer erschienen.

Copyright: Frankfurter Buchmesse, Fotograf: Peter Hirth

Island 2. In den letzten Jahren zur regelrechten Titelschwemme angewachsen: Die Island-Krimis. In meiner Stadtbibliothek habe ich eher zufällig das Ur dieser Gattung entdeckt. Der Roman “Schwarze Vögel” (4) von Gunnar Gunnarson erschien erstmals 1929. Seine Handlung beruht auf einem aufsehenerregenden Rechtsfall aus dem Jahr 1802. Ein ehebrechendes Paar war auf Grund von Indizien zum Tode verurteilt worden, weil sie gemeinschaftlich die jeweiligen Ehepartner umgebracht haben sollten. Gunnarson hat für seine Geschichte die Protokolle dieses Prozesses studiert. Der Autor ist einer der wichtigsten isländischen Schriftstellern des 20. Jahrhunderts. Er lebte von 1889 bis 1975. “Schwarze Vögel” (Svartfugl) erschien im Original in dänischer Sprache; erst später erstellte der Autor eine isländische Fassung.

Island 3. Apropos Übersetzer. Kristof Magnusson ist Hamburger mit isländischem Migrationshintergrund. Er sorgt dafür, dass wir in Deutschland den einen oder anderen isländischen Dichter überhaupt lesen können. Zahlreiche Übersetzungen von ihm haben uns Autoren wie Hallgrímur Helgason, Einar Kárason oder Audur Jónsdóttir nähergebracht. Er selbst hat uns im letzten Jahr mit seinem Roman “Das war ich nicht” (5), einer flotten, originellen und überraschungsreichen Geschichte, auch als Autor begeistert. Von ihm gibt es jetzt eine humor- und stimmungsvolle “Gebrauchsanweisung für Island” (6). Die lesbar leichfüßige Annäherung an Land und Leute.

Laxness 1. Der isländische Literaturnobelpreisträger (1955) heißt Halldór Laxness. Er hat große Romane geschrieben. Zum Beispiel “Die Islandglocke” (7). Wie Hermann Hesses “Glasperlenspiel” und der letzte Band der Joseph-Romane von Thomas Mann im Jahr 1943 erschienen (was für ein Jahr für Romane! – und die halbe Welt im Krieg). Rolf Vollmann schwärmte: “Es ist auch ein wunderbarer Swing in dieser Sprache, im ruhigen Duktus ihrer Dialoge und Berichte. Auch die Namen haben schon etwas; das Mädchen … heißt Snaefridur, der Mann Sigurdur, ein Dichter auch, außer daß er Prediger ist und Bischof werden wird; am Schluß sind sie zusammen … Das großartige Deutsch der Übersetzung ist von Hubert Seelow.”

Laxness 2. Die deutschen Ausgaben der Werke von Halldór Laxness werden im Göttinger Steidl-Verlag gepflegt. Dort ist auch die Neuausgabe einer Biographie (8) von Halldór Gudmundsson über den großen Dichter erschienen. Dafür hat der Verleger Gerhard Steidl, der Laxness persönlich gut kannte, einige Schätze aus seinem Privatarchiv gehoben. So präsentiert das Buch zahlreiche nie zuvor publizierte Fotografien aus dem ungewöhnlichen Leben des isländischen Schriftstellers und weitgereisten Weltbürgers.

Frankfurt vor wenigen Tagen. An einem kleinen Tisch im Messe-Cafè. Jung-Autor und Alt-Verleger. Jung-Autor: Haben Sie mein Manuskript gelesen? Was empfehlen Sie mir? Alt-Verleger: Lesen, lesen, lesen. So lange Sie lesen, können Sie nicht schreiben.

Copyright: Frankfurter Buchmesse, Fotograf: Alexander Heimann

Fazit. Willkommener Kontrast zu Menschenmassen, Medienauflauf und Dauer-Propaganda: “Man ist ganz auf sich geworfen. Diese Einsamkeit kann schrecklich sein, es geht aber auch eine große Faszination von ihr aus.” Was Daniela Krien über das Schreiben sagt, trifft natürlich auch auf das Lesen zu. Und das tut uns nach Frankfurt und Reykjavik jetzt so richtig gut.

(1) Ruge, Eugen: In Zeiten des abnehmenden Lichts. Roman einer Familie. – Reinbek : Rowohlt, 2011

(2) Lewitscharoff, Sibylle: Blumenberg. Roman. – Berlin : Suhrkamp, 2011

(3) Böldl, Klaus (Hrsg.): Die Isländersagas in vier Bänden mit einem Begleitband. – Frankfurt : S. Fischer, 2011

(4) Gunnarsson, Gunnar: Schwarze Vögel. Roman. – Stuttgart : Reclam, 2009

(5) Magnusson, Kristof: Das war ich nicht. Roman. – München : Kunstmann, 2010

(6) Magnusson, Kristof: Gebrauchsanweisung für Island. – München : Piper, 2011

(7) Laxness, Halldór: Die Islandglocke. Roman. – Göttingen : Steidl, Neuausg. 2009

(8) Gudmundsson, Halldór: Halldór Laxness. Sein Leben. – Göttingen : Steidl, 2011 (Erweiterte und überarbeitete Ausgabe einer 2002 erstmals auf Deutsch erschienenen Biographie)


Vom Schreiben

26. Juni 2011

Am 29. Juni ist neuerdings der “Tag des Schreibens”

“Zu schreiben endlich er sich setzet,
Ein Blättlein nimmt, die Feder netzet – “ (Eduard Mörike) (1)

“Wir feiern das Schreiben”, heißt es auf der Website von Suite101, einem kommerziellen Autoren-Netzwerk, das von Berlin und Vancouver aus, vor allem aber im WWW, agiert. Jetzt will man den Versuch wagen “im hektischen Informationszeitalter einmal inne zu halten und sich einen Tag lang zu bemühen, richtig zu schreiben und korrekt zu formulieren”. Und hat gleich einmal den 29. Juni zum “Tag des Schreibens” erklärt. (2). Der Aktionstag hat das Ziel für eine bessere Schriftsprache zu werben. Unterstützung kommt dabei von bekannten Namen – wie etwa Frank Schätzing, Heinz-Rudolf Kunze und der Cosmopolitan-Chefredakteurin Petra Winter. Mit ins Boot bekommen hat man u. a. auch Microsoft Network (MSN) und das Online-Magazin netzpiloten.de.

Vom Schreiben. Kurz vor dem “Tag des Schreibens.” Anlass, dieser weitestgehend unterschätzten, vielfältigen Tätigkeit einmal unsortiert und absichtslos Fetzen eigener Erinnerung, sowie markante aufgelesene Äußerungen und Überlegungen bekannter Denker und Schreiber zu widmen.

“Es kratzt und schleift, schnarrt, kreiselt und zwitschert; es pocht, hämmert, klingelt, knattert; es schnalzt, schneuzt, schnurrt, schlozt und piept; es ist Atem zu hören, dann Stille, jemand rutscht auf dem Stuhl hin und her, scharrt mit den Füßen, reibt mit der flachen Hand Oberschenkel und Tischkante, klopft mit den Fingern einen ungeduldigen Takt, schnieft hemmungslos. Kurz gesagt: Jemand dichtet.” (Peter Härtling) (3)

Mit etwa zehn Jahren schrieb ich den ersten Zeitungsartikel. Mit Hand, auf liniertes Papier. Für ein vierseitiges, in einer Auflage von mühselig erzeugten fünf Exemplaren, und als Periodikum gedachtes Organ mit dem ambitionierten Titel das “Das Große im Kleinen”. Alles daran war Handarbeit. Pflichtabnehmer zum Preis von 10 Pfennigen waren Familienangehörige. Es erschien nur eine Ausgabe.

“In einer kahlen Kammer, Dachstube oder Mansarde saß an einem Möbel, das den schönen Namen Schreibtisch durchaus nicht verdiente, der junge Poet. Er dichtete und träumte.” (Robert Walser: Poetenleben, zitiert nach) (4)

“Der Tisch, an dem ich dies schreibe, ist 76,5 cm hoch, seine Platte 69,5 mal 111 cm groß. Er hat gedrechselte Beine, eine Schublade, er mag siebzig bis achtzig Jahre alt sein, er stammt aus dem Besitz einer Grosstante meiner Frau, die ihn, nachdem ihr Mann in einem Irrenhaus verstorben war und sie in eine kleinere Wohnung zu, ihrem Bruder, dem Grossvater meiner Frau verkauft.” (Heinricht Böll: Versuch über die Vernunft der Poesie. Nobelpreisrede, 1972, zitiert nach) (4)

Mit siebzehn oder achtzehn Jahren habe ich im Rahmen einer Verlagsausbildung für eine Fachzeitschrift redigiert und korrigiert, durfte bald schon eigene kleine Artikel und Glossen schreiben und veröffentlichen. Ideensammlungen, Skizzen und Gliederungen entstanden handschriftlich, die Endfassungen zunächst auf einer mechanischen, bald schon auf einer nagelneuen elektrischen Schreibmaschine. Sie wurden in Blei auf einer “Heidelberger” gesetzt, vom Handsetzer umbrochen und im Hochdruck-Verfahren zum Bestandteil der fertigen Zeitschrift. Diese Zeilen hier, entstanden im Juni 2011, wurden mittels Tastatur auf die Festplatte eines schon etwas angejahrten PC getippt. Beim Setzen, Umbrechen und Gestalten hat mich “wordpress” unterstützt. Ich “erscheine” selbstverständlich world wide.

“Ich schreibe am Stehpult, mit der Hand und mit der Maschine. Und ich schreibe laut, das heißt, ich kaue den Satz und spucke ihn wieder aus und kaue ihn noch mal, mache ihn mundgerecht und schreibe fertig, beides zugleich. Ich verstehe Literatur als einen oralen Vorgang. Der Beginn der Literatur ist das Erzählen gewesen, das laute Erzählen und das Wiedererzählen.” (Günter Grass) (5)

Ich schreibe gerne mit Hand. Am besten fühlen sich Bleistift oder Tintenfüller an. Kugelschreiber verweigern das Aufkommen sinnlicher Gefühle hingegen meist. In früher Schulzeit hatte ich in Schönschrift (dieses Schulfach gab es tatsächlich einmal) eine sehr schlechte Note, die mir zuhause großen Ärger einbrachte. Dabei habe ich mit meinen Freunden in der Freizeit sehr gerne geschrieben. Mit Blei oder Tinte auf großformatige Zeichenblätter, auf sommerbraune Jungen- oder Mädchenrücken, auf eingegipste Arme und Beine, mit Kreide auf Gehwege und allzu kahle Wände. Später haben wir Texte aus Büchern abgeschrieben. Sinnfrei, nur um des Schreibens willen.

“Man könnte den jungen Schreibern daher raten: Suche eine sehr schöne Frau etwa deines Alters und vermeide es, dich in sie zu verlieben. Halte aber die Liebesversuchung am Glimmen und wechsle jeden Tag mir der Schönen einige Briefe. Schreib über alles und nichts, über den Winter, deine Wohnung oder die Milch beim Aufkochen, und du wirst sehen: Nie hast du freier, schöner, bewegter und unverkrampfter geschrieben…” (Hanns-Josef Ortheil, der diese Empfehlung aus seiner Kenntnis des Briefschreibers Rilke ableitete.) (6)

ZumTagebuchschreiben kam ich relativ spät, dann war es aber gleich Zeitgeschichte:
“18. April 1967: Sehr schwer in der Schule (Deutschland bangt um Konrad Adenauer) – 19. April 1967: Rhöndorf, 13.31 Uhr. Tod des Altbundeskanzlers Adenauer. Nach einem erfüllten Leben schied der 91-jährige nach kurzer schwerer Krankheit, sanft aus dem Leben. – 20. April 1967: Tiefe Trauer um Konrad Adenauer. – 22. April 1967: Ich glaube ich muß mich in der Schule mehr anstrengen, ich will es versuchen.”

Versuche, Tagebuch mit Schreibmaschine, später dem PC, zu führen, erwiesen sich als schwer durchführbar. Da war ein Widerstand, passte etwas nicht zusammen. Und so blieb es bei eher sporadischen, aber immer handschriftlichen Einträgen in zunächst sehr unterschiedlichen Kladden. Seit einigen Jahren ist es immer wieder das karierte, schwarz gebundene Moleskine im A 5-Format.

“Der Dichter ist immer im Dienst. Ich brauche keine Rituale, sondern Hefte und Stifte. Ansonsten kann ich überall schreiben und in jedem Zusammenhang … Ja, ein Heft ist immer dabei. Ich versuche stets rasch zu reagieren, schnell etwas festzuhalten. Ganz im Hintergrund steht natürlich auch dieses großartige Vorbild Lichtenberg, der ohne Selbstzensur alles in seine ‘Sudelbücher’ geschrieben hat, was ihm durch den Kopf ging.”  (Robert Gernhardt) (7)

Von Herlinde Koelbl gibt es zwei wunderbare Bücher über Schriftsteller und ihr Schreiben. (5,7) Sie zeigen uns in stimmungsvollen Fotografien wie und wo Schreiben stattfindet, in welcher Umgebung, sowie eigenwillige Werk-Stätten, Werkzeuge und Materialien, die für solche einsamen Schreibprozesse benötigt werden. Die Bilder werden durch ausführliche Gespräche mit den abgebildeten Künstlern ergänzt. Es sind sehr persönliche, fast intime Interviews, die es dem Leser erlauben, auf diese Weise den Dichter-Persönlichkeiten näher zu kommen. Der Band “Im Schreiben zu Haus” enthält über 40 Portraits von H. C. Artmann und Peter Bichsel, über Ernst Jandel und Friederike Mayröcker bis Martin Walser und Christa Wolf. In dem neueren Buch “Schreiben!” finden wir Günter Grass und Sarah Kirsch, Elfriede Jelinek, Herta Müller, Ingo Schulze und viele andere. Einige Personen sind in beiden Bänden vertreten.

“Wenn jemand schreiben möchte, und zwar Literatur, kann man ihm einen einfachen Rat geben: Lesen und schreiben. Einfach an dem Rat ist vor allem, ihn zu geben; aber wer es sich einfach machen will, der fängt ohnehin nicht zu schreiben an.” (Peter Glaser) (8) Das Schreiben. Dem Einen ist es Lust, dem anderen Neurose: “Ich habe zu schreiben, so viel und wie der Zwang es will, ob ich mag oder nicht, ob ich mich krank mache oder nicht”, bekannte Hans Fallada (9).

Vom Schreiben also. Da uns nur noch wenige Tage vom “Tag des Schreibens” trennen. Ich denke auch an SMS, E-Mail, Twitter, Chat und Co. Kreativität oder Anarchie? Sind die weit verbreitete Floskelei, Verstümmelung und Orthographie-Verweigerung nun Gewinn oder Verlust für zwischenmenschliche Kommunikation, das Gespräch, den Meinungs- oder Erfahrungsaustausch? Kommen wir uns näher, machen wir uns verständlicher, verstehen wir uns letztendlich besser? Und vor allem: Gefällt uns, was da geschrieben wird und auch gelesen werden soll? Oder anders gefragt: Zählt nur noch die nackte Information in irgendwie verständlicher Zeichenfolge, sind Form und Fassung wirklich gleichgültig geworden?

“Schön schreiben heißt beinahe schön denken, und von da ist es nicht mehr weit zum schönen Handeln.” (10) Tief ist der Brunnen der Vergangenheit aus dem dieser Satz stammt. Er wurde von Thomas Mann geschrieben. Für den “Tag des Schreibens” am 29. Juni fördern wir ihn wieder zu Tage. Neongrell grüßt er hoch definiert von Video-Walls und aufmunternd mahnend aus Hochglanz-Journalen. Übrigens: Ein “Tag des Schreibens” ist mir zu wenig. 365 Tage im Jahr sollten es schon sein.

Anregungen und Zitate rund um das Thema “Schreiben” habe ich den nachfolgenden Werken entnommen. Sie bieten jederzeit auch eine ertrag- und genussreiche, auf jeden Fall weiterführende Lektüre.

(1) Dieses Zitat ist aus dem Gedicht “Der alte Turmhahn” von Eduard Mörike
(2) Hier der Link zum ab- und mitfeiern: “Wir feiern das Schreiben”
(3) Fischer, Sabine (Bearb.): Vom Schreiben, 2. Der Gänsekiel oder Womit schreiben? (Marbacher Magazin, 69). – Marbach am Neckar, 1994
(4) Kienzle, Rudi (Bearb.): Vom Schreiben, 4. Im Caféhaus oder Wo schreiben? (Marbacher Magazin, 74). – Marbach am Neckar, 1996
(5) Koelbl, Herlinde: Schreiben!. 30 Autorenporträts. – München, 2007
(6) Ortheil, Hanns-Josef: Lesehunger. – München, 2009
(7) Koelbl, Herlinde: Im Schreiben zu Haus. Wie Schriftsteller zu Werke gehen. – München, 1998
(8) Porombka, Stephan (Hrsg.). Erst lesen. Dann schreiben. 22 Autoren und ihre Lehrmeister. – München, 2007
(9) Braun, Peter: Dichterleben – Dichterhäuser. München, 2005
(10) Mann, Thomas: Der Literat. In: Essays, Bd. 1. – Frankfurt am Main, versch. Jahre


Aktuell: Arno Geiger

8. Juni 2011

Der Anlass einige Sätze über Arno Geiger zu schreiben, ist die Verleihung des Hölderlin-Preises an den österreichischen Schriftsteller am vergangenen Sonntag.

Leipzig, im März diesen Jahres: Arno Geiger gehörte zu den großen Favoriten auf den “Preis der Leipziger Buchmesse”. Die Jury entschied sich für Nachwuchsförderung; der Preis ging an Clemens Setz für seinen Erzählband “Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes”. Geiger fiel es leicht, sich mit seinem Landsmann zu freuen, schließlich hatte er mit seinem dokumentarischen Erzählwerk “Der alte König in seinem Exil” das Publikum, die Kritik und den kommerziellen Erfolg längst auf seiner Seite.

Nun also der “Friedrich-Hölderlin-Preis der Stadt Bad Homburg”, wie er vollständig und korrekt heißt. Der mit 20.000 Euro dotierte Preis rückt die Taunus-Stadt einmal im Jahr in das Blickfeld einer literarisch interessierten Öffentlichkeit und erinnert an zwei Lebensabschnitte die Friedrich Hölderlin in Bad Homburg verbrachte, wo sein guter Freund Isaak von Sinclair lebte und Hölderlin eine kurze Zeit als Bibliothekar tätig war. Der Preis wird seit 1983 vergeben und unter den Empfängern findet sich manch prominenter Name. Vorgänger Arno Geigers waren u. a. Ulla Hahn, Wolf Biermann, Ernst Jandl und Martin Walser. Geiger hatte 2005 bereits den Hölderlin-Förderpreis bekommen und erhielt damit als erster Schriftsteller überhaupt beide Auszeichnungen.

In der Begründung der Jury heißt es u. a.:  “… für sein bisheriges literarisches Werk, zumal für jene Bücher, die seit 2005 entstanden und erschienen sind. In jenem Jahr mit der Fördergabe zum Hölderlin-Preis ausgezeichnet, hat Arno Geiger in der Folge mit den Romanen ‚Es geht uns gut’ und ‚Alles über Sally’, mit dem Erzählband ‚Anna nicht vergessen’ und dem in diesem Frühjahr publizierten Vater-Bericht ‚Der alte König in seinem Exil’ höchst eindrucksvoll unter Beweis gestellt, dass er in die erste Erzähler-Reihe unserer Gegenwartsliteratur gehört.”
Die Laudatio hielt die Journalistin und Literaturkritikerin Felicitas von Lovenberg.

Arno Geiger ist mit seinen 42 Jahren bereits einer der wichtigsten und interessantesten deutschsprachigen Schriftsteller. Bei allem literarischen Anspruch findet er mit seiner immer verständlichen und populären Schreibweise eine ständig größer werdende Leserschaft. Er ist in Vorarlberg geboren und aufgewachsen. Eine kleine Region, die an die Schweiz und Deutschland grenzt. Der sprachlich eigenwillige Landstrich hat mit Autoren wie Franz Michael Felder, Robert Schneider, Michael Köhlmeier oder Lina Hofstädter eine beachtliche literarische Tradition und Dichte. In Deutschland haben alle Schriftsteller und Schriftstellerinnen, die etwas auf sich halten, inzwischen mindestens einen Wohnsitz in der Hauptstadt. In Österreich gilt ähnliches; deshalb ist Arno Geiger mittlerweile hauptsächlich in Wien zu Hause.

Arno Geiger und Hölderlin? In einem Gespräch mit dem Deutschlandfunk erzählte Geiger wie er nach dem Abitur (österr.: Matura) die Möglichkeit zu einer ersten größeren Reise bekam. Sie führte ihn nach und durch Deutschland. Die erste Station war Tübingen. Dort setzte er sich an das Ufer des Neckar und las Gedichte von Friedrich Hölderlin, bevor es mit der großen Rundfahrt zu literarischen Stationen in der gesamten Bundesrepublik richtig losging.

P.S.: Noch einmal kurz zurück nach Bad Homburg. „Der Förderpreis zum Friedrich Hölderlin-Preis 2011 der Stadt Bad Homburg v.d.Höhe (Stiftung Cläre Jannsen) wird verliehen an Daniela Seel für ihren Gedichtband ‚ich kann diese stelle nicht wiederfinden’, ein Buch, dessen Texte Sensibilität im Wortsinn vorführen, Sinnlichkeit bis in die feinsten Nuancen erkunden.” (Zitat aus der Begründung der Jury).

Daniela Seel ist eine sehr interessante Persönlichkeit. Sie wurde 1974 in Frankfurt/Main geboren und lebt in Idstein und Berlin (s. oben). 2003 gründete sie den Verlag kookbooks, mit dem sie das Erscheinen zahlreicher Werke vielversprechender junger Autoren möglich gemacht hat. Von ihr – und natürlich auch von Arno Geiger – wird sicher noch zu hören und zu lesen sein.

Eine leicht gekürzte Fassung der Dankesrede Arno Geigers ist jetzt auf faz.net zu lesen.


Johannes Schweikles “Fallwind”

31. Mai 2011

Ein Roman über die Ereignisse rund um den skandalösen 31. Mai 1811 in Ulm

Was wird nicht Alles gefeiert? Große Töchter und Söhne, Männer und Frauen einer Stadt oder des Erdkreises. Die Jungfernfahrt eines Kreuzfahrtschiffes. Der Erstflug einer neuen Großraum-Maschine. Jubiläen allerorten, runde und eckige. In der kleinen bayerischen, etwas unscheinbaren Gemeinde Neu-Ulm, wurde vor Kurzem krachend deftig und bierschäumend, das 200-jährige Bestehen begangen. Nebenan hingegen – oder besser gegenüber – auf württembergischer Seite, in der auf fünf Hügeln gelegenen Donau- und Universitätsstadt Ulm, feiert man ein ganzes Jahr lang nichts weniger als einen Absturz.

Es war am 31. Mai 1811. Nach langen Vorarbeiten, gründlicher Planung, zahlreichen Testflügen auf einem dieser Ulmer Hügel, wurde es für den Schneidermeister Albrecht Ludwig Berblinger ernst. Man drängte ihn, nachdem der König von Württemberg schon wieder abgereist, sein Bruder, Herzog Heinrich, jedoch noch in der Stadt war und weil er es selbst so in Aussicht gestellt hatte, „seinen ersten öffentlichen Versuch mit seiner Flugmaschine, wenn die Witterung günstig ist“, zu unternehmen. Doch über der kalten Donau gab es keine warmen Aufwinde, wie bei den Probeflüge am Michelsberg, sondern nur tückischen Fallwind. Als er beim Absprung von der Adlerbastei zögerte, wurde nachgeholfen und er fiel fast senkrecht in die Donau. Fischer zogen ihn in einen Kahn, die Bürger lohnten mit Spott, das Leben des bis dahin erfolgreichen Handwerkers lief aus der Bahn.

Längst ist aus den Ereignissen Geschichte geworden und aus dem Schicksal des armen Berblinger ergiebiger und spannender Erzählstoff. Schon vor hundert Jahren gab dieser dem Landwirt und Schriftsteller Max Eyth Gelegenheit ein Tausend-Seiten-Werk zu verfassen, Bert Brecht hat darüber gedichtet, vor drei Jahrzehnten der inzwischen berühmte Edgar Reitz den Stoff zum Film verdichtet, ein Musical für junge Darsteller und Sänger wird immer wieder gerne aufgeführt. Und die jüngste künstlerisch gestaltete Interpretation der Ereignisse vor zweihundert Jahren ist ein kurzweilig lesenswertes Buch das dieses Frühjahr bei Klöpfer und Meyer erschienen ist. Geschrieben hat es Johannes Schweikle, ein erfahrener Journalist der ansonsten Essays und Berichte aus fernen Ländern für ZEIT, GEO und Merian abliefert.

Schweikle macht den Leser gründlich mit dem zeitgeschichtlichen Hintergrund vertraut und schildert eindrucksvoll die Alltagswelt einer Stadt im frühen 19. Jahrhundert mit ihren Regeln und Standesunterschieden, den Tagesabläufen der Menschen, aber auch all dem Dreck, Unrat, der mangelnden Hygiene und den vielen Stunden Dunkelheit in den schmalen Straßen und engen Gassen. Er schreibt flott, kurzweilig, streckenweise im Stil von Reportagen, der die weit zurückliegenden Ereignisse für einige Lese-Momente wie gegenwärtig erscheinen lässt.

Über Albrechts Vorhaben erfahren wir aus verschiedenen Perspektiven. Der Autor läßt zunächst die etwas genervte Ehefrau Anna Berblinger zu Wort kommen. Sie weiß zwar von den gelungenen Flugversuchen ist aber nicht einverstanden mit dem Treiben ihres Gatten: “Weil ich einen Mann will. Und keinen komischen Vogel.” Außerdem ist sie eifersüchtig, unterstellt dem Herrn und Schneidermeister, dass er Anproben bei Damen der Gesellschaft zu mehr nutzt als dem erlaubten Maßnehmen.

Der Schneider selbst war sich seiner Sache zunächst ja sehr sicher. Am Michelsberg war alles gut gegangen: “Nach ein paar Schritten habe ich den Wind gespürt … Mein erster Flug ging über zwei Apfelbäume. Schwebend überwindet die Luftfahrt alle Hindernisse.” Vom gescheiterten Versuch lässt Johannes Schweikle den Bürger Martin Baldinger in seinem Tagebuch berichten: “Eine stumme Fassungslosigkeit legte sich über alles Volk. Niemand wusste diesen Fall zu deuten. Die Hoffnung auf das Neue war dahin.” Schließlich kommt noch der Augenzeuge Jacques Schwenk zu Wort. Er gehört zu den Schadenfreudigen, von denen es nach dem Scheitern viele gab: “Der Schneider hat sich mit Haut  und Haar blamiert. Warum ist er nicht bei seiner Elle geblieben.”

Wenn uns Geschichte und Scheitern des Albrecht Ludwig Berblinger etwas lehren, dann nicht zuletzt die Tatsache, dass, wären Frauen und Männer ihm nachfolgender Generationen bei ihren “Ellen” geblieben, zumindest der schwäbische Teil der Menschheit heute noch in den Höhlen des nahe Ulm gelegenen Lonetals leben würde. Ohne Utopien, ohne Visionäre, die in Kauf nehmen zu Außenseitern gestempelt zu werden, ist nunmal kein Fortschritt denkbar. Johannes Schweikle plädiert deshalb in seinem Buch für einen Verkannten. Auch stellvertretend für viele andere Tüftler, Originale, Schrate, die es nicht in Romane oder Geschichtsbücher geschafft haben. Die nicht zur  Legende werden durften.

“Diese Geschichte balanciert zwischen der Realität des Historikers und der Wahrheit des Erzählers”, schreibt Schweikle in seinen Nachbemerkungen. Man kann das Buch deshalb – und je weiter entfernt von Ulm darin gelesen wird, um so leichter – auch als belletristische Lektüre mit einigem Anspruch verstehen. Man muss daraus nicht unbedingt lernen, darf sich vielmehr einfach nur gut unterhalten lassen. Der Schneider von Ulm, der Albrecht Ludwig Berblinger, hat von all den Feierlichkeiten und viel zu späten Anerkennungen ohnehin nichts mehr. Zu seiner Zeit erging es ihm nicht gut. Von den Zeitgenossen fallengelassen, starb er verarmt und am Rande der Gesellschaft an einem kalten Januar-Tag des Jahres 1829 in seiner Heimatstadt.

Johannes Schweikle ist nicht nur dieses Buch gelungen, er fand auch den richtigen Verlag dafür. Denn was bei Klöper und Meyer erscheint ist stets ausgesprochen ansehnlich. Papier und Bindung, Gestaltung und Ausstattung sind die sprichwörtliche Augenweide.

Dieser Tage erschien vom Autor ein ausführlicher Artikel in “KONTEXT:WOCHENZEITUNG” zu Fall und Person Berblinger. Man kann diesen gut als Begleitmaterial zum Buch verwenden, als hinführendes Vorwort verstehen oder nach der Lektüre als resümierendes Nachwort lesen. Zu finden ist er online:
KONTEXT:WOCHENZEITUNG -
sowie gedruckt in der kontext-Beilage der “taz.die tageszeitung” vom 28./29. Mai 2011.

Schweikle, Johannes: Fallwind. Vom Absturz des Albrecht Ludwig Berblinger. Roman. – Klöpfer & Meyer, 2011. Euro 18,90


Aktuell: Deutscher Bibliothekartag 2011

7. Mai 2011

Zukunft für die Bibliotheken?

oder: Wie Günter Grass Bibliothekare ermuntert.

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Einmal im Jahr treffen sich Bibliothekarinnen, Bibliothekare und verwandte Berufsgruppen aus ganz Deutschland zu Fort- und Weiterbildung, zu Diskussion und Erfahrungsaustausch, auf ihrem “Bibliothekartag”. Das hat eine lange Tradition. Und so wird vom 7. bis 10. Juni, zum inzwischen 100. Mal, diese Großveranstaltung mit diesmal etwa 3000 Teilnehmern stattfinden. Tagungsort ist das geschichtsträchtige, an musischer und ethnischer Vielfalt reiche Berlin. Der Kongress hat sich das etwas unscharfe Motto “Bibliotheken für die Zukunft – Zukunft für die Bibliotheken” verordnet.

Erstaunlicherweise hat man als Treffpunkt eine Örtlichkeit gewählt, die keinerlei Nähe zu Bibliotheken oder bibliotheksnahen Einrichtungen bietet. Im “Estrel Convention Center” findet man, ganz im Sinne einer zeitgemäßen Tagungs-Ökonomie, alles unter einem Dach: Bett und Verpflegung, Tagungsräume und Firmenaustellung, selbst den finalen nächtlichen Absacker kann man an der Bar des Hauses einnehmen. Wenn Teilnehmer oder Teilnehmerin nicht will, wird wenig Außenwelt die Kontemplation stören. Man kann nur hoffen, dass soviel klausurartige Sammlung, solch weltabgewandter Einschluss, nicht zum Selbstverständnis der Berufsgruppe und ihrer Arbeitsgebiete gehört; sie brächte es sonst fertig, populäre, in breiten Kreisen im Umlauf befindliche Klischees zu bestätigen.

Bibliotheken genießen nach wie vor hohes Ansehen und oft ehrfurchtsvolle Sympathie. Auch bei dem deutschen Nobelpreisträger Günter Grass. Der 83-jährige hat nach eigenen Aussagen sein literarisches Werk im wesentlichen abgeschlossen, nimmt aber wie eh und je regen Anteil an Alltag, Politik und kulturellen Strömungen unserer Republik. Im Vorfeld des diesjährigen Bibliothekartages gab er der Fachzeitschrift “BuB -Forum Bibliothek und Information” – so etwas wie das Zentralorgan der deutschen Bibliotheks-Szene – ein leicht zerstreutes Interview.

Pflichtgemäß kritisiert der Literat die aktuelle Gefährdung der reichhaltigen deutschen Bibliothekslandschaft durch Sparmaßnahmen und mangelnde Unterstützung der verantwortlichen Politiker. Beim Zukunftsaspekt wirft er dann allerdings Überlegungen zum Buch als gedrucktem Medium, sowie der Bibliothek als Anbieter vielfältiger Informations- und Medienformen, munter durcheinander. Außerdem muss man sich fragen, ob sich jemand zum Thema wirklich sachkundig äußern kann, der berichtet: “Natürlich brauche ich für meine Arbeit viele Bücher. Die lasse ich mir aber bei Bedarf aus der Bücherei bringen.”

Bibliothekare und alle die verwandte Berufe ausüben, alle Bibliotheken, Archive, Museen und Dokumentationszentren im Land, brauchen prominente Unterstützung. Der Dank ist einem Schriftsteller sicher, wenn er uns wissen lässt: “Die Bibliothekare erfüllen eine wichtige Aufgabe … “. Mit seiner reflexartigen Abgrenzung des haptischen – und damit im Grass’schen Sinne positiven Erlebnisses – herkömmlicher Bücher und den neuen problematischen, sprich elektronischen Medien, ist für die aktuellen und kommenden Herausforderungen jedoch niemandem gedient.

“Wenn ich zum Beispiel in einer Bibliothek die Bücher an den Wänden sehe, … dann ist das etwas ganz anderes als ein Blick durch den Bildschirm in die virtuelle Welt.” Ein Satz von Günter Grass der verständlich und nachvollziehbar ist, der aber eben lediglich einen Ausschnitt der heutigen Realität erfasst. Den ebenso realen, wie raschen Wandel, die immer mehr zunehmende Komplexität und die bereits erkennbaren zukünftigen Entwicklungen unserer Medienwelt, spricht Grass in dem BuB-Interview leider nicht an.

Mit seiner, das Gespräch abschließenden Formulierung, deutet er einen Weg an, den einzuschlagen eigentlich naheliegen sollte: “Ich wünsche den deutschen Bibliothekaren, dass sie sich lauter zu Wort melden und ihre Sorgen und Nöte geschlossen vortragen … “ Man wird es gerne hören. Ob Wunsch und Forderung von Günter Grass hinter den Plattenbau-Elementen einer Berliner Hotel- und Tagungs-Burg am besten umgesetzt werden können, wird jene Zukunft zeigen, die dort zum Thema gemacht wird.

Das Interview mit Günter Grass: BuB (5) 2011, S. 354 – 356