“Hier findet doch irgendeine Lesung statt!?”
Ein hilfesuchender Aufschrei als verständlicher Ausdruck leichter Desorientierung, angesichts eines alle Sinne überfordernden Angebots. Ich habe ihn irgendwo zwischen Messehallen und “Leipzig liest.” aufgeschnappt. Dazu auf =conlibri= nun der zweite Teil literarischer und anderer unsortierter Eindrücke von der diesjährigen Leipziger Buchmesse und dem Lese-Festival “Leipzig liest.” Erneut den ganz persönlichen Spuren des bloggenden Besuchers folgend.
Dittrich. Die Messefrau an sich ist schlank, trägt glänzend halblanges, zwischen braun und rot getöntes Haar, mattschwarzes, bis kurz über die Knie reichendes Kostüm, dazu Stiefel, gerade so hoch, dass die effektvoll giftgrüne Strumpfhose zwischen Stiefelende und Rocksaum gut sichtbar bleibt. Messefrau versucht ständig mit jemand der bedeutend ist, und deshalb nicht allein durch die Hallen und zu seinen Terminen findet, Schritt zu halten. In unserem Beispiel ist es Oliver Michael Dittrich. Besser bekannt als Olli Dittrich. Wir haben ihn nicht sofort erkannt, weil der Messe-Dittrich mit dem Dittsche- oder Musik-Dittrich so wenig gemein hat, wie Messefrau mit Fausts Gretchen.
Auf dem Kopf ist er graumeliert, kurzgeschnitten und akkurat gescheitelt; er ist schlank, groß, hält sich sehr gerade, trägt schwarzen Anzug, klassische Schuhe und eine nagelneue, sehr dicke Brille. Damit sähe er nun besser, sagt er mit geschulter, kräftiger Stimme zu Messefrau. Und da Messefrau “Das freut mich Herr Dittrich” zu Messe-Dittrich sagt, erkennt der Messe-Blogger ihn nun auch. Messe-Bloggers Blicke und Aufmerksamkeit waren zuvor von Messe-Frau etwas abgelenkt. Der Titel den Messe-Dittrich uns auf der Buchmesse nahe legt, heißt übrigens “Das wirklich wahre Leben.” Er ist bei Piper erschienen und kostet 19 Euro 95 Cent. Auch das Messe-Leben ist wahr und wirklich – dicht, prall, manchmal verwirrend und einen Hauch giftgrün.
Schmidt. Schmidt war da ganz anders. Arno Schmidt (1914 – 1979). Arno Schmidt lebte in einem winzigen Haus am Rande eines kleinen Heide-Dörfchens und ging vermutlich nie auf Buchmessen. Er blieb lieber zu Hause, las, forschte, sammelte Zettel und schrieb. Doch genau dieser Arno Schmidt hatte einen eigenen Stand auf der Leipziger Buchmesse. Noch dazu einen ganzen Stand für ein einziges Buch. Die Arno-Schmidt Stiftung, im sandigen Bargfeld zu Hause, hatte auch dieses Jahr wieder eine wunderbare, leicht zeitentrückte Oase inmitten all der Messe-Wucht geschaffen.
Die Standbesatzung widmete sich ganz der Präsentation des großen Hauptwerks ihres Meisters. Die letzten Herbst erschienene Neuausgabe von Arno Schmidts “Zettel’s Traum” war gewichtiger Mittelpunkt dieses Idylls. Der Stand-hafte Schmidt-Kenner und -Interpret Bernd Rauschenbach, resümierte nach der Messe im Fach-Organ “Arno-Schmidt-Mailingliste (ASML)” über den Publikums-Zuspruch: “Erfreulich viel junge Menschen darunter – und ganz erstaunlich viele Frauen (die standen früher eher gelangweilt herum, wenn ihre Männer sich am Stand festlasen). Einige wollten nur mal das sagenumwobene Buch anfassen oder hochheben, aber Etliche verlangten Friedrich Forssman und mir ganze Kurzreferate ab.”
Bild: Arno-Schmidt-Stiftung, Bargfeld
Leipzig. Ich habe keinen Hinweis darauf gefunden, dass Arno Schmidt jemals in Leipzig war. Aber viele andere Literaten haben sich hier aufgehalten und gearbeitet. Wer auf ihren Spuren durch die sächsische Messe- und Kulturstadt spazieren möchte, der hat jetzt einen praktischen und detaillierten Navigator zur Hand: “Literarisches Leipzig” von Ansgar Bach und unter Mitarbeit von Susanne Zwiener, führt uns an die Wohn- und Wirkungsorte von 80 Dichtern, Gelehrten und Verlegern. Von Bruno Apitz, über Theodor Fontane und Franz Kafka, bis zu Juli Zeh, wandern wir alphabetisch durch das Werk und die Stadt. Das Buch, dem auch ein Stadtplan beigefügt wurde, ist ganz neu im Verlag Jena 1800 erschienen, der erstaunlicherweise in Berlin zu Hause ist, und kostet Euro 12.80.
Lyrik. Wilhelm Bartsch, der in Halle lebt, und den ich bisher nicht kannte, hat “Mitteldeutsche Gedichte” (Mitteldeutscher Verlag, 2010. Euro 16.) veröffentlicht. Wer nun mit provinzieller Tümelei rechnet, liegt falsch. Mitteldeutschland, so wird uns hier durch die poetische Hintertür klar – und eigentlich müssten wir das schon seit Thomas Manns “Doktor Faustus” wissen – , ist kulturgeschichtlich deutsches Kernland. Bartsch wandelt auf “Braunkohlenbaumwipfelpfaden zwischen keltischem Knacklaut und Gnadenstern Luther”, wie er es selbst formulierte. Er verwendet starke, unverbrauchte Bilder, holt historisch weit aus, ohne die soziale Realität der Gegenwart aus dem Auge zu verlieren.
Bartsch ist zudem ein profunder Novalis-Kenner, dem er in dem einen oder anderen Gedicht huldigt. Wie Novalis, versteht auch Bartsch den Leser als erweiterten Autor. Dieser hat das Recht, die Werke der Dichter in seinem Sinne zu interpretieren. Aber eben nur Leser oder Leserin. Lehrern hingegen möchte Bartsch am liebsten verbieten, junge Menschen mit ihren lehrplanmäßigen Unterrichts-Interpretationen der Literatur zu entfremden. “Am Ende ist alle Poesie Übersetzung”, schrieb er einmal, und seinen “Mitteldeutschen Gedichten” stellte er die Worte des Philosophen Wittgenstein voran: “Um in die Tiefe zu steigen, braucht man nicht weit reisen.”
Mephisto. Den Dichter Wilhelm Bartsch lernte ich auf dem roten Sofa bei “Mephisto 97.6” kennen. Mephisto ist wirklich wunderbar und seit einigen Jahren Medien-Stammgast in der großen Glashalle während der Leipziger Buchmesse. Das Radio der Universität Leipzig sendet Montag bis Freitag jeweils von 10 bis 12 und 18 bis 20 Uhr im Großraum Leipzig auf der UKW-Frequenz 97,6 MHz. Der Rest der Welt hat bei Interesse Zugang über den Live-Stream im Internet. Der kleine Messestand des Senders hat den Vorteil, dass man hier den Protagonisten der Buchmesse hautnah und in sehr kleinem Rahmen begnegnen kann.
Während sich anderswo dichte Menschentrauben drängen und einem Hören und Sehen schnell vergehen kann, finden sich vor dem roten Sofa oft nur eine Handvoll Kenner ein. Dabei hat Mephisto sie Alle. Ob Buchpreis-Gewinner oder Exkanzler-Sohn, Schauspieler oder Dichter, sie lassen sich ganz offensichtlich sehr gerne von dem gut ausgebildeten Medien-Nachwuchs befragen. Und die angehenden Profis beherrschen ihr Handwerk ohne bereits den gängigen Klischee-Abfragen und Phrasen-Aufsagereien verfallen zu sein. Man darf sehr gespannt sein, was aus Sarah Frühauf, Ben Hänchen und all den anderen einmal wird – wo sie uns in einigen Jahren hoffentlich wieder begegnen werden.
Fazit. Wir schreiben 2011. Das Buch ist noch da. Gedruckt und gebunden, mal handlich, mal schwerwiegend. Allem elektronischen Geblinke zum Trotz. Das Buch ist noch da, und es ist vielfältiger, bunter und manchmal einfältiger als je zuvor. Da gibt es Vaterbücher und Still-Ratgeber, biographische, bekenntnisreiche und erkenntnisarme Bücher, es gibt Bücher für Fitness und für Besinnung, rund um Essen und Trinken, gegen Krebs und gegen Ausländer, Bücher über die Vergangenheit und über die Zukunft. Die Titel heißen “Die Mütter-Mafia und Friends”, “Wenn das Leben dir eine Zitrone gibt, frag nach Salz und Tequila” oder “Noch ein Martini und ich lieg unterm Gastgeber”, “Kuss mit Soße” oder schlicht “Die Laufmasche”.
Kräftigen Beifall bekam Barbara Conrad als ihr der Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Übersetzung verliehen wurde. Sie hat Tolstois “Krieg und Frieden” neu und zeitgemäß übersetzt. Was für eine Leistung. Doch wer wird das Buch lesen? Und wer wird Jene lesen, die es nicht auf Long- und Short-Lists, nicht ins Programm eines marktstarken Verlages geschafft haben? Die wirklich literarischen Bücher sind ein Nischenprodukt. Das ist heute in jeder Buchhandlung so und das ist auch auf Buchmessen so. In Leipzig sind sie noch am ehesten zu finden: Die kleinen Verlage, die literarischen Sonderlinge, die Buch-Verrückten, die nimmermüden Lese-Existenzen.
Wer wissen möchte, wie Literatur mit Poesie beginnt, und wie sie gelebt werden kann, der sehe sich den Film “Das Schreiben und das Schweigen“ an, den zur Messezeit in Leipzig freundlicher- und passenderweise die Schaubühne ins Programm genommen hatte. Er zeichnet ein filmpoetisches Portrait der Wiener Lyrikerin Friederike Mayröcker. In unseren Lichtspielhäusern ist er eher selten zu finden; man wird ihn aber wohl bald auf DVD kaufen können. Die Bücher Mayröckers und ihres langjährigen Gefährten Ernst Jandl bekommen wir nach wie vor bei den Buchhändlern unseres Vertrauens.


Verfasst von Jan Haag 






Knapp zwei Jahre nach dem ergebnislosen Gespräch in Ulm, wandte sich der argentinische Maler in einem Brief erneut an Arno Schmidt: „…streben deshalb, uns Ihrer qualifizierten Mitwirkung zu versichern…Unser Vorschlag für Sie besteht darin: ein zweistündiges, wöchentliches Seminar…über ein Thema, das sich annähernd bezeichnend ließe als: geschichtliches Seminar über moderne Literatur, mit einer Betonung der sprachanalytischen Seite…Ich wünsche sehr, von Ihnen eine positive Antwort zu erhalten.“
Die beiden Künstler müssen sich nicht schlecht verstanden haben. Eine gewisse gegenseitige Sympathie war wohl vorhanden. In Schmidts „Gelehrtenrepublik“ wird „Chubut“ auftauchen, in der Realität eine patagonische Provinz. Winand Herzog hält dies für eine mögliche Reminiszenz an Maldonado. Der Schriftsteller zeigte sich von der kollektiven Wohn- und Arbeitsweise an der HfG angetan. Parallelen finden sich im Werk wieder. Doch das entspricht nicht dem tatsächlichen Verhalten und der Lebenswirklichkeit Schmidts, der sein Einzelgängertum pflegte, ängstlich Kontakte mied, nur ungern und selten zum Verlassen der gewohnten Umgebung bereit war. Leben und Arbeiten an dieser Hochschule wäre für Arno Schmidt ohne Zweifel ein „nightmare“ geworden. Er wird also nie Lehren oder Dozieren.
1977 kommt es zur Bekanntschaft von Jan Philipp Reemtsma mit dem Schriftsteller. Der Hamburger Germanist und Millionenerbe wird zum zuverlässigen Mäzen, der das Ehepaar Schmidt aller materieller Sorgen enthebt. Doch bereits am 3. Juni 1979 stirbt Arno Schmidt in Celle im Krankenhaus. 1981 gründen Alice Schmidt und Reemtsma die Arno-Schmidt-Stiftung, die seitdem das Werk herausgibt, den Nachlass, sowie das ehemalige Wohnhaus mit Archiv in Bargfeld betreut. Alice Schmidt ist am 1. August 1983 verstorben.
Am Mittwoch, den 21. September fuhr Arno Schmidt mit seinem Gönner Max Bense von Stuttgart nach Ulm. Von der Stadt rund um das bekannte Münster, die 1955 noch von den schweren Kriegszerstörungen gezeichnet war, ist nirgends die Rede. Der Dichter hatte wohl kein Auge und keinen Sinn für touristische Aspekte. Die neu erbauten Hochschul-Gebäude, von Max Bill entworfen und im Stil stark an die Bauhaus-Architektur angelehnt, lagen weit außerhalb der Stadt auf dem Hochsträß, einem Höhenrücken zwischen schwäbischer Alb und Donauebene. Sie entstanden direkt neben dem Fort Oberer Kuhberg, einem Teil der ehemaligen Ulmer Bundesfestung, der im Dritten Reich ein KZ/Arbeitslager beherbergte. Es war ein milder, fast warmer Tag. Wir wissen nicht, ob der für das Land vor den Alpen typische Fönwind blies. Wenn dies der Fall ist, hat man vom Hochsträß aus weite Sicht auf die Kette der über hundert Kilometer entfernten Berggipfel, die bei solcher Witterung unwirklich nah erscheinen.
Arno Schmidt hat – so wird es von Bense und Elisabeth Walter bestätigt – zeitweise mit Max Bill unter vier Augen gesprochen und über eine mögliche Anstellung als Dozent verhandelt. Es gibt zu diesem Gespräch keine unmittelbaren Zeugnisse, keine dokumentierten Aussagen der beiden Protagonisten. Wir sind auf Aussagen durch Dritte angewiesen, die ihre mittelbaren Eindrücke später aufzeichneten oder wiedergaben. Festzustehen scheint allerdings, dass das Gespräch „in Ton und Inhalt unerfreulich“ verlief, wie es Winand Herzog formuliert. Es gab keinen Vertragsabschluss. Auch Alfred Andersch und Walter Dirks hatten bereits abgesagt. Alice Schmidt schrieb an Erika Michels: „…es ergab sich, dass die Arbeit meines Mannes darin bestehen sollte, seinen Schülern ‚kristallklare’ Reklametexte und Schlagworte beizubringen.“ Es wurde sogar kolportiert, Bill hätte Schmidt aufgefordert den sogenannten Bill-Hocker sprachlich „zu verkaufen“.
Wenn diese Sätze so oder so ähnlich tatsächlich gefallen sein sollten, kann man sicher unterstellen, dass die Unterhaltung eine sehr unsachliche Wendung nahm. Vermutlich hat Max Bill mit 19 Jahren ebenso wenig literarische Meisterwerke verfasst, wie Schmidt ein wirklicher Mathematiker war; so weit bekannt, besaß er lediglich eine Neigung zu diesem Gegenstand. Und Elisabeth Walther berichtete weiter: „Die beiden hatten sich eine Stunde lang gegenüber gesessen und sonst nichts mehr gesprochen.“
kriegszerstörten Stadt. Viele Einwohner hatten ihr Leben verloren, Männer waren in Kriegsgefangenschaft oder galten als vermisst, erste Flüchtlinge in der Donaustadt gestrandet. Scholl, Aicher und einige andere begannen mit ihrer Form des Wiederaufbaus. „Der Enge des nationalsozialisten Weltbildes setzten sie Weltoffenheit und Internationalität entgegen, und die Moderne wurde zu ihrem Leitbild“, formulierte Christiane Wachsmann. Unter Internationalität hatte man dabei nicht die heute vielfach diskutierte „Globalisierung“ zu verstehen, sondern ein aus der Zeit heraus entstandenes Verlangen nach Aufklärung, Humanität und Liberalität.
Annäherungen von Bewunderern und potentiellen Unterstützern wurden von Arno Schmidt in der Regel recht brüsk zurückgewiesen. Trotzdem gelang es dem Ehepaar Michels, das damals in Kronberg im Taunus lebte, so etwas wie ein distanziertes Vertrauen zu gewinnen. Die Zuwendungen in Form von Lebensmittelpaketen waren jedenfalls sehr willkommen.