Leipziger Buchmesse 2011 – zweite Nachlese

27. März 2011

“Hier findet doch irgendeine Lesung statt!?”

Ein hilfesuchender Aufschrei als verständlicher Ausdruck leichter Desorientierung, angesichts eines alle Sinne überfordernden Angebots. Ich habe ihn irgendwo zwischen Messehallen und “Leipzig liest.” aufgeschnappt. Dazu auf =conlibri= nun der zweite Teil literarischer und anderer unsortierter Eindrücke von der diesjährigen Leipziger Buchmesse und dem Lese-Festival “Leipzig liest.” Erneut den ganz persönlichen Spuren des bloggenden Besuchers folgend.

Dittrich. Die Messefrau an sich ist schlank, trägt glänzend halblanges, zwischen braun und rot getöntes Haar, mattschwarzes, bis kurz über die Knie reichendes Kostüm, dazu Stiefel, gerade so hoch, dass die effektvoll giftgrüne Strumpfhose zwischen Stiefelende und Rocksaum gut sichtbar bleibt. Messefrau versucht ständig mit jemand der bedeutend ist, und deshalb nicht allein durch die Hallen und zu seinen Terminen findet, Schritt zu halten. In unserem Beispiel ist es Oliver Michael Dittrich. Besser bekannt als Olli Dittrich. Wir haben ihn nicht sofort erkannt, weil der Messe-Dittrich mit dem Dittsche- oder Musik-Dittrich so wenig gemein hat, wie Messefrau mit Fausts Gretchen.

Auf dem Kopf ist er graumeliert, kurzgeschnitten und akkurat gescheitelt; er ist schlank, groß, hält sich sehr gerade, trägt schwarzen Anzug, klassische Schuhe und eine nagelneue, sehr dicke Brille. Damit sähe er nun besser, sagt er mit geschulter, kräftiger Stimme zu Messefrau. Und da Messefrau “Das freut mich Herr Dittrich” zu Messe-Dittrich sagt, erkennt der Messe-Blogger ihn nun auch. Messe-Bloggers Blicke und Aufmerksamkeit waren zuvor von Messe-Frau etwas abgelenkt. Der Titel den Messe-Dittrich uns auf der Buchmesse nahe legt, heißt übrigens “Das wirklich wahre Leben.” Er ist bei Piper erschienen und kostet 19 Euro 95 Cent. Auch das Messe-Leben ist wahr und wirklich – dicht, prall, manchmal verwirrend und einen Hauch giftgrün.

Schmidt. Schmidt war da ganz anders. Arno Schmidt (1914 – 1979). Arno Schmidt lebte in einem winzigen Haus am Rande eines kleinen Heide-Dörfchens und ging vermutlich nie auf Buchmessen. Er blieb lieber zu Hause, las, forschte, sammelte Zettel und schrieb. Doch genau dieser Arno Schmidt hatte einen eigenen Stand auf der Leipziger Buchmesse. Noch dazu einen ganzen Stand für ein einziges Buch. Die Arno-Schmidt Stiftung, im sandigen Bargfeld zu Hause, hatte auch dieses Jahr wieder eine wunderbare, leicht zeitentrückte Oase inmitten all der Messe-Wucht geschaffen.

Die Standbesatzung widmete sich ganz der Präsentation des großen Hauptwerks ihres Meisters. Die letzten Herbst erschienene Neuausgabe von Arno Schmidts “Zettel’s Traum” war gewichtiger Mittelpunkt dieses Idylls. Der Stand-hafte Schmidt-Kenner und -Interpret Bernd Rauschenbach, resümierte nach der Messe im Fach-Organ “Arno-Schmidt-Mailingliste (ASML)” über den Publikums-Zuspruch: “Erfreulich viel junge Menschen darunter – und ganz erstaunlich viele Frauen (die standen früher eher gelangweilt herum, wenn ihre Männer sich am Stand festlasen). Einige wollten nur mal das sagenumwobene Buch anfassen oder hochheben, aber Etliche verlangten Friedrich Forssman und mir ganze Kurzreferate ab.”

Bild: Arno-Schmidt-Stiftung, Bargfeld

Leipzig. Ich habe keinen Hinweis darauf gefunden, dass Arno Schmidt jemals in Leipzig war. Aber viele andere Literaten haben sich hier aufgehalten und gearbeitet. Wer auf ihren Spuren durch die sächsische Messe- und Kulturstadt spazieren möchte, der hat jetzt einen praktischen und detaillierten Navigator zur Hand: “Literarisches Leipzig” von Ansgar Bach und unter Mitarbeit von Susanne Zwiener, führt uns an die Wohn- und Wirkungsorte von 80 Dichtern, Gelehrten und Verlegern. Von Bruno Apitz, über Theodor Fontane und Franz Kafka, bis zu Juli Zeh, wandern wir alphabetisch durch das Werk und die Stadt. Das Buch, dem auch ein Stadtplan beigefügt wurde, ist ganz neu im Verlag Jena 1800 erschienen, der erstaunlicherweise in Berlin zu Hause ist, und kostet Euro 12.80.

Lyrik. Wilhelm Bartsch, der in Halle lebt, und den ich bisher nicht kannte, hat “Mitteldeutsche Gedichte” (Mitteldeutscher Verlag, 2010. Euro 16.) veröffentlicht. Wer nun mit provinzieller Tümelei rechnet, liegt falsch. Mitteldeutschland, so wird uns hier durch die poetische Hintertür klar – und eigentlich müssten wir das schon seit Thomas Manns “Doktor Faustus” wissen – , ist kulturgeschichtlich deutsches Kernland. Bartsch wandelt auf “Braunkohlenbaumwipfelpfaden zwischen keltischem Knacklaut und Gnadenstern Luther”, wie er es selbst formulierte. Er verwendet starke, unverbrauchte Bilder, holt historisch weit aus, ohne die soziale Realität der Gegenwart aus dem Auge zu verlieren.

Bartsch ist zudem ein profunder Novalis-Kenner, dem er in dem einen oder anderen Gedicht huldigt. Wie Novalis, versteht auch Bartsch den Leser als erweiterten Autor. Dieser hat das Recht, die Werke der Dichter in seinem Sinne zu interpretieren. Aber eben nur Leser oder Leserin. Lehrern hingegen möchte Bartsch am liebsten verbieten, junge Menschen mit ihren lehrplanmäßigen Unterrichts-Interpretationen der Literatur zu entfremden. “Am Ende ist alle Poesie Übersetzung”, schrieb er einmal, und seinen “Mitteldeutschen Gedichten” stellte er die Worte des Philosophen Wittgenstein voran: “Um in die Tiefe zu steigen, braucht man nicht weit reisen.”

Wilhelm Bartsch bei Mephisto.

Mephisto. Den Dichter Wilhelm Bartsch lernte ich auf dem roten Sofa bei “Mephisto 97.6” kennen. Mephisto ist wirklich wunderbar und seit einigen Jahren Medien-Stammgast in der großen Glashalle während der Leipziger Buchmesse. Das Radio der Universität Leipzig sendet Montag bis Freitag jeweils von 10 bis 12 und 18 bis 20 Uhr im Großraum Leipzig auf der UKW-Frequenz 97,6 MHz. Der Rest der Welt hat bei Interesse Zugang über den Live-Stream im Internet. Der kleine Messestand des Senders hat den Vorteil, dass man hier den Protagonisten der Buchmesse hautnah und in sehr kleinem Rahmen begnegnen kann.

Während sich anderswo dichte Menschentrauben drängen und einem Hören und Sehen schnell vergehen kann, finden sich vor dem roten Sofa oft nur eine Handvoll Kenner ein. Dabei hat Mephisto sie Alle. Ob Buchpreis-Gewinner oder Exkanzler-Sohn, Schauspieler oder Dichter, sie lassen sich ganz offensichtlich sehr gerne von dem gut ausgebildeten Medien-Nachwuchs befragen. Und die angehenden Profis beherrschen ihr Handwerk ohne bereits den gängigen Klischee-Abfragen und Phrasen-Aufsagereien verfallen zu sein. Man darf sehr gespannt sein, was aus Sarah Frühauf, Ben Hänchen und all den anderen einmal wird – wo sie uns in einigen Jahren hoffentlich wieder begegnen werden.

Fazit. Wir schreiben 2011. Das Buch ist noch da. Gedruckt und gebunden, mal handlich, mal schwerwiegend. Allem elektronischen Geblinke zum Trotz. Das Buch ist noch da, und es ist vielfältiger, bunter und manchmal einfältiger als je zuvor. Da gibt es Vaterbücher und Still-Ratgeber, biographische, bekenntnisreiche und erkenntnisarme Bücher, es gibt Bücher für Fitness und für Besinnung, rund um Essen und Trinken, gegen Krebs und gegen Ausländer, Bücher über die Vergangenheit und über die Zukunft. Die Titel heißen “Die Mütter-Mafia und Friends”, “Wenn das Leben dir eine Zitrone gibt, frag nach Salz und Tequila” oder “Noch ein Martini und ich lieg unterm Gastgeber”, “Kuss mit Soße” oder schlicht “Die Laufmasche”.

Kräftigen Beifall bekam Barbara Conrad als ihr der Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Übersetzung verliehen wurde. Sie hat Tolstois “Krieg und Frieden” neu und zeitgemäß übersetzt. Was für eine Leistung. Doch wer wird das Buch lesen? Und wer wird Jene lesen, die es nicht auf Long- und Short-Lists, nicht ins Programm eines marktstarken Verlages geschafft haben? Die wirklich literarischen Bücher sind ein Nischenprodukt. Das ist heute in jeder Buchhandlung so und das ist auch auf Buchmessen so. In Leipzig sind sie noch am ehesten zu finden: Die kleinen Verlage, die literarischen Sonderlinge, die Buch-Verrückten, die nimmermüden Lese-Existenzen.

Wer wissen möchte, wie Literatur mit Poesie beginnt, und wie sie gelebt werden kann, der sehe sich den Film “Das Schreiben und das Schweigen“ an, den zur Messezeit in Leipzig freundlicher- und passenderweise die Schaubühne ins Programm genommen hatte. Er zeichnet ein filmpoetisches Portrait der Wiener Lyrikerin Friederike Mayröcker. In unseren Lichtspielhäusern ist er eher selten zu finden; man wird ihn aber wohl bald auf DVD kaufen können. Die Bücher Mayröckers und ihres langjährigen Gefährten Ernst Jandl bekommen wir nach wie vor bei den Buchhändlern unseres Vertrauens.


Arno Schmidt und Hermann Hesse

6. November 2010

Zweiter Teil: Neunzehnhundertneunundvierzig/fünfzig

„Der Mond grellt im Pappelgang.“

1948 war in den alliierten Westzonen Deutschlands eine Währungsreform durchgeführt worden. Ein geordnetes Wirtschaftsleben kam in Gang. Berlin, Deutschland und Europa wurden durch den „eisernen Vorhang“ in zwei Blöcke geteilt. Den westlichen, von den Markt und Popular-Kultur dominierenden USA und den östlichen, von der stalinistischen Sowjetunion dominierten. 1949 entstanden – wie es damals schien: endgültig – zwei deutsche Staaten. Die Bundesrepublik Deutschland mit der neuen Kompromiss-Hauptstadt Bonn und die Deutsche Demokratische Republik (DDR – oder „DDR“, wie jahrzehnteland die Springerpresse relativierte) mit ihrem Zentrum Ost-Berlin. Die Veröffentlichung von George Orwells Roman „1984“ im Jahr 1949 passte bestens in die Zeit. „Das andere Geschlecht“ von Simone de Beauvoir – aus dem selben Jahr – war seiner Zeit hingegen deutlich voraus.

Nach Arnos Jahren als Soldat und den Monaten in britischer Kriegsgefangenschaft nahe Brüssel, landete das Ehepaar Schmidt zunächst im niedersächsischen Cordingen. Sie wurden im Mühlenhof zwangseinquartiert. Alice liebte Kinder und Katzen; sie musste sich ein Leben lang mit Katzen zufrieden geben. Die Eheleute waren zunächst nahezu mittellos. Dann hatte Arno Schmidt erste kleine Einkünfte als Dolmetscher bei der englischen Besatzungsmacht. In späteren Jahren werden auch literarische Übersetzungen zum Auskommen beitragen.

1947 hatte sich Arno Schmidt zum freien Schriftsteller erklärt. 1949 erschien mit der Erzählung „Leviathan“ seine erste selbständige Veröffentlichung im Rowohlt-Verlag. Das Buch wurde von Hermann Hesse auf Bitten des Verlegers Ernst Rowohlt gelesen und kurz rezensiert. Der Grundtenor des zeugnisartigen Urteils war zwar nicht unfreundlich, hatte jedoch einen skeptischen Unterton. Hesse ließ einige Vorbehalte einfließen, was Person und Persönlichkeit des Autors betraf, ohne dass er diesen persönlich kannte:

„Das ist nun … ein junger Intellektueller und Dichter, der nicht nur mit dem Untergang des Abendlandes von Herzen einverstanden ist, sondern auch den Untergang der Menschheit glühend wünscht … Das wäre für sich allein nicht interessant, der Weltkatzenjammer ist nicht mehr um Ausdrucksmittel verlegen. Aber hier ist es nun ein wirklicher Dichter, der seinen Ekel uns ins Gesicht spuckt …“

Hesse dürfte sich kaum noch an die Gedicht-Einsendung von 1934 erinnert haben, als er urteilte: „Dieser junge, schnoddrige und begabte Dichter … ist ein etwas gefährdeter und möglicherweise nicht ungefährlicher, aber echter Visionär.“ Im Februar 1950 ließ er dem Kollegen sogar einen Separatdruck seiner 1928 entstandenen Betrachtung „Eine Arbeitsnacht“ zukommen, die heute Bestandteil von Band 11 der Werkausgabe ist.

Hermann Hesse hatte gute und ertragreiche Jahre erlebt. 1946 war ihm der Frankfurter Goethe-Preis und für das 1943 erschienene „Glasperlenspiel“ der Literatur-Nobelpreis verliehen worden. 1947 wurde er Ehrendoktor der Universität Bern und 1950 mit dem Wilhelm-Raabe-Preis ausgezeichnet. Er lebte fern der Not in Nachkriegs-Deutschland im blühenden Tessin. Sein literarisches Werk war abgeschlossen.

Arno Schmidt stand ganz am Anfang seiner Laufbahn. Die Beurteilung des „Leviathan“ durch Hesse hatte er von Rowohlt erhalten. Erst am 23. Mai schrieb er heftig enttäuscht eine eng beschriebene Postkarte an Hesse:

„Rowohlt sandte mir Ihre Beurteilung. Schade! Sie ist bedauerlich flach. Als Gegengabe will ich Ihnen mein Urteil über Ihr Werk senden: Ein begabter Dichter, weich und faltig. Zweierlei fehlt ihm: naturwissenschaftliche Kenntnisse und das Erlebnis folgender Urphänomene: Soldat sein müssen, Krieg, Gefangenschaft, Hunger.“

Zu dem kleinen Geschenk, das er von Hesse erhalten hatte, schrieb er: „Ich habe Ihnen noch nicht für Ihre letzte Mitteilung vom Februar gedankt. Daß Sie gegen 8 Uhr aus kühlen Nebenzimmer Abendessen zu holen pflegen: Ein Töpfchen Joghurt und eine Banane.“ Diese Information hatte Schmidt dem übersandten Text entnommen und retournierte nun in etwas gehässiger Form. Die Karte schließt mit den Worten „Ich verbleibe mit tiefer Ehrerbietung für Harry Haller (der mich wohl anders angesehen hätte) Ihr sehr ergebener Arno Schmidt.“

Hier endet die spärliche Korrespondenz der beiden großen, sehr gegensätzlichen Schriftsteller auch schon wieder. Im Juni 1950 äußerte sich Hesse in einem Brief an Ernst Rowohlt allerdings noch einmal zu Schmidt:

„Denn etwas in seinem Buch geht über die bloße Schnoddrigkeit hinaus und erinnert mich beim Lesen … an jenes unsterblich dumme und gemeine Wort eines der kleineren Unterteufel von Goebbels oder Rosenberg: ‚Wenn ich das Wort Kultur höre, entsichere ich meinen Revolver.‘ So hatte ich bei Arno S. ein unbehagliches Gefühl, so einer könne, wenn unsereiner in freundlich anspreche, ihm ins Gesicht spucken oder eine Ohrfeige geben. Das hat er denn auch getan.“

Von diesen Zeilen und der heftigen Aburteilung – unter Verwendung von Vergleichen, die heutzutage nicht zu Unrecht geächtet sind – hat Arno Schmidt nie erfahren. Am Ende kehrt Hermann Hesse wieder zur Gelassenheit zurück und schließt das Kapitel Schmidt für sich ab: „Knabe hat alten Kerl mit Dreck beworfen. Alter Kerl bürstet sich den Rock.“


Arno Schmidt und Hermann Hesse

27. Oktober 2010

Erster Teil: Neunzehnhundertvierunddreißig

“Nun tritt der Mond aus einer breiten Wolke.”

Mitte des Jahres 1934 war die Machtergreifung durch die Nationalsozialisten in Deutschland nahezu abgeschlossen. Die Ämter von Präsident und Kanzler wurden per Dekret zusammengelegt; Reichskanzler Adolf Hitler war über Nacht Staatschef und damit auch Oberbefehlshaber des Militärs. Die Säuberungs- und Vernichtungswelle von „jüdischen und undeutschen Elementen“ in Kultur, Wissenschaft und Kunst war spätestens seit den Bücherverbrennungen im Frühjahr 1933 in vollem Gange. Viele Intellektuelle und Künstler hatten Deutschland bereits verlassen.

Im Januar 1934 fand der damals zwanzigjährige Arno Schmidt nach monatelangem Warten und Suchen endlich eine Lehrstelle. Die Greiff-Werke stellten den jungen Mann an, ein Textil-Betrieb in der Kleinstadt Greiffenberg, die heute Gryfow Slaski heißt. Nun fuhr er täglich mit dem Zug vom schlesischen Lauban in das etwa 15 Kilometer entfernte Städtchen, das, wie die ganze Region, seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs zu Polen gehört. Der kaufmännische Lehrling sah seine Ausbildung in der Industrie als ein notwendiges Übel und eine vorübergehende Nebenbeschäftigung.

Arno Schmidt war ein Erzähler und sich dieser künstlerischen Veranlagung schon früh bewusst, entschlossen, die Begabung zum Beruf zu machen. Bereits im Gymnasium fiel er durch allerhand Wissereien, aber auch kenntnisreiche Vorträge auf und hatte bereits ein umfangreiches Lektüre-Pensum, das weit über den Schulstoff hinausging, bewältigt. Dazu gehörten Kant und Schopenhauer, historische Stoffe und östliche Philosophie. Auch Hesse hatte er gelesen und war von dessen 1927 erschienenen „Steppenwolf“ sehr berührt gewesen. Da ging es Arno Schmidt nicht anders als vielen sensiblen jungen Menschen in aller Welt damals und bis in die Gegenwart.

Erste eigene Texte schrieb Schmidt schon während der Schulzeit, außerdem begann er Material für eine geplante Fouqué-Biographie zu sammeln. Erst sehr viel später (1958 und 1960) entstanden daraus zwei „biographische Versuche“ mit dem auf Wielands “Aristipp” anspielenden Titel „Fouqué und einige seiner Zeitgenossen“ – im ersten Anlauf 590, in einem zweiten ganze 734 Seiten umfassend. In den 1930er-Jahren entstanden auch zahlreiche Gedichte. Eines Tages schlug ihm der Freund und ehemalige Mitschüler Heinz Jerofsky vor, Arbeitsproben an bekannte Schriftsteller zu senden und um eine Einschätzung und guten Rat für das weitere Vorgehen zu bitten. So ging u. a. das Gedicht „Verbrüderung“ im Frühjahr 1934 an Hermann Hesse, „dem Dichter des Steppenwolfes in hoher Verehrung“:

„Blutbruder Gras, ich liebe dich; / dein Wasserglanz stürzt über mich / wie eine Schale Tau. / Ich hebe meine Hände her / und streichle dich so süß und schwer / und mehr und immer, immer mehr / wie die geliebte Frau…“

Es hatte da ein Mädchen gegeben, das Gedanken und Gefühle des Oberschülers und späteren Lehrlings jahrelang beschäftigte. Sie hieß Hanne Wolf, fuhr im selben Zug von Lauban nach Görlitz, wo weiterführende Schulen besucht wurden, Jungen und Mädchen natürlich – das war damals nicht anders denkbar – getrennte Einrichtungen. Er verehrte sie aus der Ferne und nannte sie gegenüber dem Freund „a tricky woman“. Persönlich gesprochen hat er nie mit ihr.

Eine erste kleine Gedichtsammlung schenkte Arno Schmidt Heinz Jerofsky, der große Stücke auf die lyrischen Fähigkeiten des Freundes hielt. Doch Schmidt konnte mehr. Was er an Sprachdurchdringung und Wortartistik zu bieten hatte, zeigen nicht erst die Jahre später veröffentlichten Werke, sondern bereits frühe Postkarten und Briefe. Davon erfahren wir in Aufzeichnungen Jerofskys.

Schon in einem Schreiben Schmidts an seinen Freund vom 29.8.1933 taucht der noch häufig metaphorisch verwendete Erdtrabant auf: „Der Mond grinste gequaelt in wolken, wind lief mit geschrei schwarz auf rauebersteigen, arno schmidt, ein fremder prinz aus dem buecherlande umging den steinberg.“ Der Steinberg ist eine unbedeutende schlesische Erhebung. In den Augen des angehenden Schriftstellers, der sich ein Leben lang nach norddeutschen Ebenen sehnen und eines Tages dort auch sesshaft werden sollte „ein nichtswürdiger klein=beleibter Hügel…“

Bildungsstolz und leicht protzend ist der Ton in einer Postkarte vom 14. September des gleichen Jahres: „Geschrieben zu beginn der nacht-el-kadr, der 26. des ramadan, im jahre 1311 der hedschra…“, wo es am Schluss heißt: „d. tinte geht aus: ‚ade! ade!’ (hamlet I. V.) schreibe spaetestens 1940 wieder. die parallel gesäumte krueppelkiefer…“

Die fernverehrte Zugfahrerin, jene tricky Hanne, wird schließlich in Arno Schmidts Erst-Veröffentlichung „Leviathan“ als Anne wieder auftauchen. Hier kommen sich der Ich-Erzähler und das weibliche Ideal – in allerdings aussichtsloser Lage – zumindest verbal-erotisch näher: „Passiert Ihnen das übrigens öfter: von mir zu träumen – ?“ Zum „Leviathan“ kommen wir im zweiten Teil der kleinen Betrachtung über das Verhältnis von Arno Schmidt und Hermann Hesse.

Hermann Hesse lebte 1934 bereits im Tessiner Montagnola. 1931 hatte er seine langjährige Gefährtin Ninon Dolbin geheiratet, ein neues Haus mit Garten bezogen und erste Vorarbeiten an seinem letzten großen Prosawerk, dem „Glasperlenspiel“, begonnen. Es sollte erst 1943 erscheinen. Schon zu dieser Zeit bekam Hesse sehr viel Post. Darunter immer wieder zahlreiche Briefe von jungen Menschen aus aller Welt, die nicht selten um Hilfe in Lebensfragen und Konfliktsituationen baten. Er versuchte zu beantworten, so viel und was ihm möglich war, musste aber erkennen – und bekannte das auch immer wieder – dass ihn die Erwartungen und Hoffnungen der Schreibenden überforderten. Der ihm abverlangten Rolle als Beichtvater und Lebensberater fühlte er sich auf Dauer nicht gewachsen.

Arno Schmidt erhielt seine Antwort am 19. Juni 1934. Hesse, längst Schweizer Staatsbürger, der sich damit auch formal korrekt von Nazi-Deutschland abgrenzen durfte, sandte einen „Gruß von Hermann Hesse“ und legte sein Gedicht „Dreistimmige Musik“ bei. Arno Schmidt, der sich in keiner Weise über die Situation Hesses im Klaren war, hatte wohl mehr erwartet, ohne selbst genau zu wissen was. Der junge Lehrling und zukünftige Schriftsteller war von seinem Idol aus seiner Sicht enttäuscht worden. Hesses Schreiben reichte er an Ernst Jerofsky weiter, der es aufbewahrte. Durch seine Erinnerungen wissen wir davon.

1937 heiratete Arno Schmidt die Arbeitskollegin Alice Murawski. Bis 1940 arbeitete er noch in den Greiff-Werken. Längst war der Krieg ausgebrochen und bald wurde auch der inzwischen 26-jährige Schlesier zur Wehrmacht eingezogen. Fünf lange Jahre trug er Uniform, erlebte Vernichtung, Tod, Leid, Verzweiflung und den Niedergang seiner Nation der Dichter und Denker. Im Chaos des Frühjahrs 1945 entfloh Schmidt zunächst dem Militärdienst, meldete sich jedoch wieder zurück und wurde noch zu letzten sinnlosen Kämpfen an die Front geschickt. Er überlebte. Von April bis Dezember 1945 war er in britischer Gefangenschaft, in der er immerhin Gelegenheit hatte, seine englischen Sprachkenntnisse zu vervollkommnen. Das ermöglichte ihm für die Zukunft Einkünfte als Übersetzer.

Der zweite Teil von „Arno Schmidt und Hermann Hesse“ folgt in Kürze.


„’s geht über Menschenwitz“

30. September 2010

„Zettel’s Traum“ als aufwendige Neu-Edition

Ein Ereignis. Traumhafte Zeiten für Arno-Schmidt-Freunde. Montag, den 4. Oktober ist es soweit. Nach jahrelangen Vorarbeiten von Setzern, Herausgebern und Korrektoren erscheint „Zettel’s Traum“ erstmals als gesetztes Buch in lesefreundlichem Schriftsatz. Dabei wurde versucht, Charakter und Eigenheiten des Originals, das 1970 als schwerwiegendes faksimiliertes Typoskript erschienen war, möglichst wenig zu verändern.

Worum geht’s? Die Geschichte ist noch die selbe: Daniel Pagenstecher – genannt Dän – steht auf Edgar Allen POe und ganz junge Mädchen. Poe wird von ihm übersetzt, dechiffriert und nach allen Regeln der Etym-Analyse seziert. Das Ergebnis ist für den amerikanischen Phantasten nicht gerade schmeichelhaft. Bei den Mädchen, besonders jener zarten Versuchung in Gestalt der Protagonistin Franziska, eine ihm zudem besonders nahe stehende und auch keineswegs abholde Maid, macht Dän nicht die Fehler, die einem gewissen Humbert einstmals zum hochliterarischen Verhängnis wurden. Er legt die Hunde in seinem Keller an die Kette und lenkt seine Leidenschaften in eine seriös väterliche Richtung. Das dauert exakt vierundzwanzig Stunden, findet in und rund um ein Heidedörfchen statt, sowie auf der einen oder anderen Traum-Ebene und benötigt die erzählerische Breite von drei Spalten, eine epische Länge von 1536 Seiten und die geballten Schmidt’schen orthographischen Eigenarten. Das ist – hat der willige Leser erst einmal Zugang gefunden und seine individuelle Lesetechnik entwickelt – durchaus nicht ohne Spannung, intellektuellen Reiz, Melodie und Rhythmus.

Das Angebot. Wir stehen vor der Qual der Wahl, allemal aber vor erheblichen Strapazen des Kontos, Portmonees oder der Kreditkarte. Das Werk erscheint parallel in gleich drei, glücklicherweise textidentischen Ausgaben. Der Standardausgabe, gleichzeitig Band IV/1 der Bargfelder Ausgabe, zum Preis von Euro 298; für 100 Währungseinheiten weniger gibt es die wohlfeile Studienausgabe als paperback (!) – irgendwo steht sogar „Taschenbuch“ – und schließlich für flüssige Bibliophile die Vorzugsausgabe, eine Halbpergament-Version für Euro 448. Erfreulich ist auf jeden Fall, dass Schmidts Werk als Ganzes bei Suhrkamp wirklich eine nachhaltige verlegerische Heimat gefunden hat.

Handel und Wandel. Der Buchhandel reagiert unterschiedlich, häufig zurückhaltend, auf dieses publizistische Beben. Die Demographie! In den jüngeren Jahrgängen hält sich das Interesse in Grenzen, das Wissen um Autor und Werk ist dort nicht mehr sehr verbreitet. Der lauschige, esoterisch ausgerichtet Buchladen Eichhorn in Ulm zum Beispiel, sonst gerne für Besonderes zu haben, hat keine Aktionen geplant und wird zum Verkaufsstart auch kein Exemplar vorrätig haben. Buchhändler und Schriftsteller Manfred Eichhorn sieht zudem einen Preisverfall auf dem antiquarischen Markt für Schmidts Werke: „Die Aktie Schmidt sinkt seit Jahren.“ Auch die Ulmer Filiale der Massen-Marke Hugendubel wird auf das Ereignis nicht reagieren: Keine Nachfrage, kein Angebot, keine Aktion. Da ist dann die alte Universitätsstadt Tübingen doch ein anderes Pflaster. Bei Osiander gibt es ab 4. Oktober, sowohl die Standard-, als auch die Studienausgabe im Sortiment. Auch an einigen anderen Osiander-Standorten wird zumindest die Studienausgabe angeboten.

Begleit-Erscheinungen. Es sind nur zwei Standorte an denen dasBuchdieBücher einer staunenden Öffentlichkeit präsentiert wird, bzw. werden und die sich in der Nähe der Zentral-Redaktion dieses Blogs befinden: Am 19. Oktober um 20 Uhr im Karlsruher Literaturhaus und am 11. November in der Buchhandlung Lentner, am Münchener Marienplatz. Interessante Begleit-Texte bietet der Blog „Schauerfeld“, in dem Schmidt-Experten wie Jan Süselbeck, Friedhelm Rathjen und Susanne Fischer zu den Autoren gehören. Einen Besuch lohnen ganz sicher die Seite der „Gesellschaft der Arno-Schmidt-Leser“, kurz GASL , sowie die ASml-News; dort erfährt man auch Näheres über die virulente “Arno-Schmidt-Mailingliste“, auf der immer wieder rege bis aufgeregte Diskussionen entflammen. Und für verwöhnte Ohren gibt es auch noch was im Radio: z. B. am 11. Oktober auf WDR 5, jeweils 12.05 Uhr und 21.05 Uhr in der Sendung „Scala.“

Abschließend der Hinweis: Werbe-Broschüre und Plakat zur Edition sind graphisch und typographisch ganz besonders gelungen. Man sollte nichts unversucht lassen, von diesen ästhetischen Sammler-Stücken noch ein Exemplar zu bekommen.


So! Rum. Juni MMX

30. Juni 2010

4:1 oder 2. Das Ergebnis war schon erstaunlich deutlich. Noch mehr verwundert jedoch die britische Reaktion auf dieses Natur-Ereignis. Auf die sonst übliche martialische, mit Kriegs-Metaphern durchsetzte Sprache, haben die englischen Medien weitestgehend verzichtet. Viele faire Fans anerkannten zudem die Leistung der deutschen Mannschaft und fanden das Ergebnis leistungsgerecht. Nun wird es als nächstes darum gehen, Argentinien zum Weinen zu bringen. Für den adeligen Linksfuß Lukas Podolski kein Problem: “Die Brust ist erst mal da nach dem Spiel.” Na also. Allerdings war auf die Anatomie-Kenntnisse des Fussball-Adels und ihrer Volksscharen noch nie Verlass. “Mit dem Herz in der Hand”, fordern seit Jahren die stimmgewaltigen “Sportfreunde Stiller” zum Mitsingen und Weltmeister werden auf.

625:494. Der nächste Horst heißt Christian. Christian Wulff. Der Job ist noch der gleiche: Bundespräsident. Realität: Mann Anfang Fünfzig mit junger Frau und noch jüngerem Kind für mindestestens 5 Jahre an Präsidentenpalast und Protokoll gefesselt. Wer’s mag.  Wahrscheinlich nur etwas für Persönlichkeiten die schon mit fünfeinhalb in die Vorschul-Organisation ihrer Partei eingetreten sind und dort gleich den Ortsverein übernommen haben. Gewählt von denen, die immer die wählen, von denen man ihnen sagt, dass sie die wählen sollen.

Glückwunsch. “Die meisten Dichter verstehen von Literatur nicht mehr als Vögel von Ornithologie.” Mit dieser Aussage rechtfertigte Marcel Reich-Ranicki einst die Existenz der Literaturkritik im allgemeinen und des Literaturkritikers im besonderen. Am 2. Juni wurde Marcel Reich-Ranicki 90 Jahre alt und vielfach öffentlich gewürdigt und gefeiert. Einer der schönsten Jubiläumsbeiträge: Das Geburtstagsständchen von Harald Schmidt, der Brechts “Erinnerungen an Marie A.” vorsang:

“An jenem Tag im blauen Mond September
Still unter einem jungen Pflaumenbaum
Da hielt ich sie, die stille bleiche Liebe
In meinem Arm wie einen holden Traum …”

Buch (1). “Weltempfänger” heißt eine Bestenliste, die monatlich Bücher in Form eines Ranking vorstellt, die aus afrikanischen, asiatischen und lateinamerikanischen Sprach- und Literaturräumen stammen. Verantwortlich dafür ist “litprom”. Eine Initiative in Vereinsform, die es sich u. a. zur Aufgabe gemacht hat, Literatur abseits der sonst dominanten europäischen und angelsächsischen Märkte in den Blickpunkt zu rücken. Auf Platz 1 der Juli-Ausgabe der Liste steht der mexikanische Autor Paco Ignacio Taibo mit seinem beim Verlag Assoziation A erschienen Titel “Der Schatten des Schattens”. Das derzeit in den Medien, dabei aber weniger mit seiner Literatur, präsente Südafrika, ist mit Gedichten von Lebogang Mashile vertreten. “Töchter von Morgen” heißt das Buch. Diesen und frühere Weltempfänger gibt es auf der Web-Site von “litprom”.

Buch (2). Neue Medien können auch dazu beitragen, dass in Vergessenheit geratene Stärken “älterer” Medienformen, wieder deutlicher sichtbar werden. Auf diesen Effekt setzt u. a. die Slow Media Bewegung um den Soziologen und Medienberater Benedikt Köhler. “Gegenüber dem regiden Kontrollwahn der Apple Corp. wird die in den letzten Jahren erfolgreich verdrängte widerständige, antihegemoniale Macht des Buchs wieder spürbar”, schrieb Köhler im Börsenblatt 23, 2010, auf Seite 15. Slow Media hat sich der “Langsamkeitspflege” verschrieben und möchte das “Mono Tasking” fördern: “So wie die Herstellung eines guten Essens die volle Aufmerksamkeit aller Sinne eines Koches und seiner Gäste erfordert, können Slow Media nur in fokussierter Wachheit mit Genuss konsumiert werden.”

Buchhandel. Und gleich ein weiteres Zitat von Benedikt Köhler aus der Quelle wie oben: “Wer sich an die Beliebigkeit von Download- und Löschbutton gewöhnt hat, wird die andere Qualität eines slowen Mediums wie des Buchs stärker zu schätzen lernen.” Auch wenn ich persönlich das englische slow nicht unbedingt mit einer deutschen Beugung quälen würde – irgendwie hat der Mann keineswegs Unrecht. Das zeigt auch ein in letzter Zeit erkennbarer Trend, der kleinen, standortverbundenen, kettenunabhängigen Buchhandlungen eine günstige Zukunft verspricht. Kundennähe, Stadtteil-Treffpunkt, Vernetzung, attraktive Veranstaltungen sind die Trümpfe mit denen engagierte Buchhändler stechen können. Dabei ist keineswegs von realitäts- und marktfernen Kuschel-Nischen die Rede, denn offensiver Umgang mit neuen Medien gehört ebenfalls zu den Erfolgsvoraussetzungen.


Arno Schmidt und die HfG in Ulm (3)

28. September 2009

Nachspiel

1956 hatte Max Bill nach langem internen Richtungsstreit die Hochschule für Gestaltung (HfG) in Ulm mehr oder weniger freiwillig verlassen. An seine Stelle war ein Leitungsgremium getreten, dem Aicher, Gugelot, Vordemberge-Gildewart und Maldonado angehörten. Im September 1957 amtierte Tomas Maldonado als geschäftsführender Rektor. Für ihn war die Bauhaus-Philosophie inzwischen nicht mehr aktuell, sondern ein historisches Phänomen.

Max Bill und Tomas Maldonado.

(Foto: Hans G. Conrad, Archiv: René Spitz)

Bill MaldonadoKnapp zwei Jahre nach dem ergebnislosen Gespräch in Ulm, wandte sich der argentinische Maler in einem Brief erneut an Arno Schmidt: „…streben deshalb, uns Ihrer qualifizierten Mitwirkung zu versichern…Unser Vorschlag für Sie besteht darin: ein zweistündiges, wöchentliches Seminar…über ein Thema, das sich annähernd bezeichnend ließe als: geschichtliches Seminar über moderne Literatur, mit einer Betonung der sprachanalytischen Seite…Ich wünsche sehr, von Ihnen eine positive Antwort zu erhalten.“

Ein wirklich kompromissbereiter, entgegenkommender Ton; der rote Teppich war ausgerollt. Am 20. Oktober reiste Maldonado nach Darmstadt, um Schmidt endgültig für Ulm zu gewinnen. Arno Schmidts Gedanken kreisten in diesen Wochen, neben der täglichen schriftstellerischen Arbeit, um einen Wunsch, dessen Realisierung möglicherweise näher rückte: „ein kleines Häuschen in der Heide, riesen Zaun drum rum und nie mehr raus oder einen Menschen sehen!“ Das waren nicht die optimalen Voraussetzungen für den Emissär aus Ulm sein Ziel zu erreichen. Schmidt gab sich zögerlich, stellte Bedingungen, behauptete gegenüber seiner Frau: „…sieht annehmbarer aus als zuvor.“ Maldonado legte nach: „Ich bin jeden Tag überzeugter, dass Sie in Ulm sobald wie möglich unterrichten sollten.“ Zusammen mit Bense kam er am 11. Dezember noch einmal nach Darmstadt.

Mit der endgültigen Absage ließ sich Schmidt dann bis zum 26. März 1958 Zeit: „Es tut mir leid, dass ich Ihnen…einen abschlägigen Bescheid geben muss; er ist nicht durch ‚Weltfluchtstimmung’ oder Escapismus irgendwelcher Art bedingt…; es ist ganz simpel Arbeitsüberlastung.“ Es war aber immerhin Ulm-Flucht-Stimmung und „Escapismus“ konnte man ihm tatsächlich nicht unterstellen; hatte  er sich doch stets bemüht jegliche Art von Eskapaden zu meiden.

AS HeideDie beiden Künstler müssen sich nicht schlecht verstanden haben. Eine gewisse gegenseitige Sympathie war wohl vorhanden. In Schmidts „Gelehrtenrepublik“ wird „Chubut“ auftauchen, in der Realität eine patagonische Provinz. Winand Herzog hält dies für eine mögliche Reminiszenz an Maldonado. Der Schriftsteller zeigte sich von der kollektiven Wohn- und Arbeitsweise an der HfG angetan. Parallelen finden sich im Werk wieder. Doch das entspricht nicht dem tatsächlichen Verhalten und der Lebenswirklichkeit Schmidts, der sein Einzelgängertum pflegte, ängstlich Kontakte mied, nur ungern und selten zum Verlassen der gewohnten Umgebung bereit war. Leben und Arbeiten an dieser Hochschule wäre für Arno Schmidt ohne Zweifel ein „nightmare“ geworden. Er wird also nie Lehren oder Dozieren.

Arno und Alice sind dann ein letztes Mal umgezogen, aber nicht nach Ulm. 1958 wurde der Heide-Traum im niedersächsischen Bargfeld nahe Celle Wirklichkeit und die intensivste Schaffensphase des besessenen Zettelkasten-Verwalters und sprachlichen Feinmechanikers begann. Sie fand ihren Höhepunkt mit der Veröffentlichung von „Zettels Traum“ im Jahr 1970. Auf inszenierten Bildern sieht man den bemüht lächelnden Verleger Ernst Krawehl, dem Arno Schmidt ein Paket überreicht, welches offensichtlich das unhandliche, umfangreiche Typoskript enthält.

AS Zettel1977 kommt es zur Bekanntschaft von Jan Philipp Reemtsma mit dem Schriftsteller. Der Hamburger Germanist und Millionenerbe wird zum zuverlässigen Mäzen, der das Ehepaar Schmidt aller materieller Sorgen enthebt. Doch bereits am 3. Juni 1979 stirbt Arno Schmidt in Celle im Krankenhaus. 1981 gründen Alice Schmidt und Reemtsma die Arno-Schmidt-Stiftung, die seitdem das Werk herausgibt, den Nachlass, sowie das ehemalige Wohnhaus mit Archiv in Bargfeld betreut. Alice Schmidt ist am 1. August 1983 verstorben.

Die Hochschule für Gestaltung hatte während der ganzen kurzen Periode ihres Bestehens mit finanziellen Schwierigkeiten, Anfeindungen von außen und internen Richtungsstreitigkeiten zu kämpfen. Sie endete in Auszehrung und Siechtum. Dazu Herbert Wiegandt in seiner Ulmer Stadtgeschichte: „Die Schlussphase der HfG begann 1967…Äußerer Anlass war, dass zunächst vom Bund, dann vom Land, die Mittel in untragbarer Weise gekürzt wurden. So sehr dies bestritten wurde, haben hier doch, besonders vom Landtag, ohne Zweifel auch politische Motive unterschwellig, aber auch ausdrücklich, mitgespielt.“

1967 wurde in Ulm eine medizinisch-naturwissenschaftliche Hochschule gegründet, die sich heute, um einen technischen Zweig erweitert, Universität nennt und ihren Hauptsitz auf dem Oberen Eselsberg hat. Aber auch in den Gebäuden der ehemaligen HfG auf dem Kuhberg waren viele Jahre lang Abteilungen untergebracht. Die letzten werden Ende dieses Jahres ausziehen. Dann steht für die dünnen Betonteile der Bill-Bauten eine General-Sanierung an. In Zukunft sollen dort Design-Firmen und –Studios, sowie das HfG-Archiv angesiedelt werden.


Arno Schmidt und die HfG in Ulm (2)

21. September 2009

Ein Gespräch unter Männern

Das Angebot eines Lehrauftrags an der jungen Ulmer Hochschule für Gestaltung hatte Unordnung und Unruhe in den Alltag von Arno Schmidt gebracht. Er reagierte, wie so oft wenn massive Annäherungen von außen seinem Universum nahten, barsch und abwehrend. Bereits am 15. September zitierte ihn Alice Schmidt in ihrem Tagebuch: „Die Ulmer Sache nehme ich noch nicht so ohne weiteres an. Was die mir alles aufhalsen werden.“

002

…die Welt der Kunst & Fantasie ist die wahre, the rest is a nightmare.“

Die Vermutung liegt nicht allzu fern, dass die Entscheidung gegen Ulm nicht erst in jenem kuriosen, von Spekulationen umrankten, Gespräch mit Max Bill am 21. September gefallen sein wird. Sie war es wohl schon, mehr oder weniger eindeutig, einige Zeit vorher. Dass der Schriftsteller durch diese Arbeit weniger Freiraum für sein eigentliches Schaffen fürchtete, ist verständlich, dennoch nicht der Hauptgrund für das Scheitern des Ulmer Vorhabens. Die bei Schmidt immer gegenwärtige soziophobische Veranlagung drängte sich wieder einmal in den Vordergrund.

Am 19.9. befiel ihn um die Mittagszeit ein leichtes hellseherisches Fieber. Abends konnte zwar schon wieder im Garten gegessen und ein Spaziergang durch die umliegenden Felder unternommen werden, doch in der Nacht erfüllten sich die dunklen Ahnungen. Ein Telegramm von Bense traf ein, mit der Einladung nach Stuttgart und Ulm. „Können Sie Mittwoch (21.9.) morgen mit mir nach Ulm fahren. Wann können Sie in Stuttgart eintreffen. Bense.“

Alice Schmidt notierte: „Klagen und Stöhnen, dass er wieder fahren soll und unter die Leute müsse. Arno möchte lieber sterben als nach Ulm fahren.“ Doch schon stand die Fahrt an. Erneutes Zetern und Klagen. „So ungern!“ rief er, notierte Alice. (Arno) „flucht. Trinkt aber noch zwei Schnäpse.“ Eine lange und umständliche Reise aus der Saar-Provinz in die württembergische Metropole begann. Auf dem langen Weg bergab zum Bahnhof Serrig wurde er von seiner Frau begleitet. Morgendliche Nachsommer-Frische.

„Die Saar hatte sich mit einem langen Nebelbaldachin geschmückt.“

Der Zug fuhr um 7 Uhr 20. Um 13 Uhr ging es in Frankfurt am Main weiter. Um 16 Uhr 18 die Ankunft in Stuttgart.

Arno Schmidt reiste an diesem 20. September aus einer französisch besetzten Zone mit Sonderstatus – erst ab 1. 1. 1957 gehörte das Saarland nach einer Volksabstimmung im Oktober 1955 zur Bundesrepublik Deutschland – in das 1952 entstandene Baden-Württemberg. In Stuttgart und Ulm waren, in der Folge des Zweiten Weltkriegs, amerikanische Truppen stationiert. Die sowjetisch besetzte Zone (SBZ) nannte sich seit 1949 Deutsche Demokratische Republik (DDR) und wurde von der Sowjetunion an jenem 20. September 1955 als souveräner Staat anerkannt. Dieses Ereignis, das weltpolitisch weitreichende Folgen hatte, fand bei ihm keinen Niederschlag. Auch im Tagebuch seiner Frau blieb es unerwähnt. Die politische und auch die kulturelle Gegenwart nahm das Ehepaar, wenn überhaupt, nur am Rande war. Deshalb ist anzunehmen, dass Arno Schmidt kaum eine Vorstellung hatte, wie die neu entstandene Hochschule in Ulm einzuordnen und zu bewerten war. Auch den mit der HfG maßgeblich verbundenen Persönlichkeiten – wie Max Bill, Otl Aicher, Inge Scholl – dürfte er, um es positiv auszudrücken, relativ unvoreingenommen begegnet sein.

Allein : Teller : wie wärs, wenns nur schwarze gäbe; und mit unregelmäßig gezacktem Rand?“

Die Hochschule für Gestaltung in Ulm wird andere Formen bevorzugen und hervorbringen. Sie befand sich im September 1955 noch in der Orientierungs- und Aufbauphase. Für die neu dazu kommenden Wissenschaftler, Lehrer und Studenten bot diese Situation eigentlich beste Möglichkeiten eigene Ideen, Pläne und Projekte einzubringen. Das war auch ausdrücklich erwünscht. Aus der Kreativität der Einzelnen sollten neue, spannende Ergebnisse des Kollektivs entstehen. Der egozentrische, verheiratete „Eremit“ Schmidt hat die Möglichkeiten und Chancen, die damit – eben auch und ausdrücklich für ihn – verbunden waren, offensichtlich zu keinem Zeitpunkt erkannt.

IMG00355Am Mittwoch, den 21. September fuhr Arno Schmidt mit seinem Gönner Max Bense von Stuttgart nach Ulm. Von der Stadt rund um das bekannte Münster, die 1955 noch von den schweren Kriegszerstörungen gezeichnet war, ist nirgends die Rede. Der Dichter hatte wohl kein Auge und keinen Sinn für touristische Aspekte. Die neu erbauten Hochschul-Gebäude, von Max Bill entworfen und im Stil stark an die Bauhaus-Architektur angelehnt, lagen weit außerhalb der Stadt auf dem Hochsträß, einem Höhenrücken zwischen schwäbischer Alb und Donauebene. Sie entstanden direkt neben dem Fort Oberer Kuhberg, einem Teil der ehemaligen Ulmer Bundesfestung, der im Dritten Reich ein KZ/Arbeitslager beherbergte. Es war ein milder, fast warmer Tag. Wir wissen nicht, ob der für das Land vor den Alpen typische Fönwind blies. Wenn dies der Fall ist, hat man vom Hochsträß aus weite Sicht auf die Kette der über hundert Kilometer entfernten Berggipfel, die bei solcher Witterung unwirklich nah erscheinen.

IMG00404Arno Schmidt hat – so wird es von Bense und Elisabeth Walter bestätigt – zeitweise mit Max Bill unter vier Augen gesprochen und über eine mögliche Anstellung als Dozent verhandelt. Es gibt zu diesem Gespräch keine unmittelbaren Zeugnisse, keine dokumentierten Aussagen der beiden Protagonisten. Wir sind auf Aussagen durch Dritte angewiesen, die ihre mittelbaren Eindrücke später aufzeichneten oder wiedergaben. Festzustehen scheint allerdings, dass das Gespräch „in Ton und Inhalt unerfreulich“ verlief, wie es Winand Herzog formuliert. Es gab keinen Vertragsabschluss. Auch Alfred Andersch und Walter Dirks hatten bereits abgesagt. Alice Schmidt schrieb an Erika Michels: „…es ergab sich, dass die Arbeit meines Mannes darin bestehen sollte, seinen Schülern ‚kristallklare’ Reklametexte und Schlagworte beizubringen.“ Es wurde sogar kolportiert, Bill hätte Schmidt aufgefordert den sogenannten Bill-Hocker sprachlich „zu verkaufen“.

Zur Sprache nur dieses : Meine wäre ‚künstlich’?“

Welche Erwartungen auch immer Schmidt an diese Verhandlungen und die zur Diskussion stehende Aufgabe geknüpft hatte, sie wurden wohl enttäuscht. Alice notierte: „Es sollten aus der Literaturabteilung keinesfalls Journalisten oder gar etwa Schriftsteller hervor gehen, sondern praktische Leute…Außerdem ist Bill ein absoluter Regententyp. Nun sind Bill und mein Mann gleich sehr heftig aneinander geraten. Prof. Bense und Frau Scholl wollten meinen Mann gleich wieder versöhnen und versuchtens mit allen möglichen Versprechungen…Auch wollte Frau Inge Scholl gleich Schülerin meines Mannes sein…Aber mein Mann sagte: diesen Laden macht er so nicht mit.“

Die Reise nach Ulm hatte auch Elisabeth Walter, die Lebensgefährtin und Mitarbeiterin Max Benses an der Universität Stuttgart, mitgemacht. Sie schilderte den Kern des Zerwürfnisses zwischen Bill und Schmidt später so:

„Schmidt: „Das ist ein unverschämter Kumpan! Was der sich einbildet! Er hat zu mir gesagt: ‚Das was Sie schreiben, Herr Schmidt, das habe ich mit 19 auch geschrieben.’ Und da habe ich zu ihm gesagt: ‚Und das…was Sie malen, Herr Bill, die geraden Linien, die Sie ziehen, die habe ich in der Schule schon gemacht, ich bin nämlich Mathematiker.““

IMG00375Wenn diese Sätze so oder so ähnlich tatsächlich gefallen sein sollten, kann man sicher unterstellen, dass die Unterhaltung eine sehr unsachliche Wendung nahm. Vermutlich hat Max Bill mit 19 Jahren ebenso wenig literarische Meisterwerke verfasst, wie Schmidt ein wirklicher Mathematiker war; so weit bekannt, besaß er lediglich eine Neigung zu diesem Gegenstand. Und Elisabeth Walther berichtete weiter: „Die beiden hatten sich eine Stunde lang gegenüber gesessen und sonst nichts mehr gesprochen.“

Der Lehrer soll das Volk bilden ? : schon recht!!! Wer aber bildet den Lehrer?!“

Es ging bald wieder zurück nach Stuttgart und am nächsten Tag weiter nach Darmstadt zu dem Maler und Autor Eberhard Schlotter, der als Vorsitzender der Neuen Darmstädter Sezession Schmidt zeitweise unterstützte. Es sollte eine Wohnung für das Ehepaar Schmidt gefunden werden, das die katholische Provinz endlich verlassen wollte. Von Darmstadt aus bat er seine Frau telegraphisch um einen Anruf: „bitte sofort Darmstadt 7320 R. Gespräch anrufen. Arno.“ Der erfolgte und Alice Schmidt zitierte die Kernaussage ihres Mannes im Tagebuch: „Arno sagt: mit Ulm sei nichts.“ Hatte er es nicht schon immer gewusst?

Die Reise nach Ulm war sehr wahrscheinlich die weiteste die Arno Schmidt nach 1945 unternommen hat. In Kastel brachte am selben Tag der Postbote eine förmliche Einladung für die offizielle Eröffnungsfeier der HfG am 2. Oktober. Die Festansprache wird von Walter Gropius gehalten werden, der das Unternehmen damit zur mehr oder weniger legitimen Bauhaus-Nachfolge adelte.

Bei Schmidts wurde doch noch einmal gegrübelt. Nachdem Alice mit Arno in Darmstadt gesprochen hatte, notierte sie: „Frage: fährt er sofort mit mir nach Ulm und setzt Bill die Pistole auf die Brust: entweder Literaturabteilung ihm völlig allein überlassen oder gar nichts…Andere Frage: hat’s Arno nötig, sich jeden Tag mit den groben Schweizer rumzuboxen und überdies seine eigene Arbeit zum Opfer zu bringen?“

Für Arno Schmidt war die Entscheidung wohl längst eindeutig und ablehnend ausgefallen. Doch hatte er seiner Frau reinen Saarwein eingeschenkt? Wollte er sie vielleicht nicht gänzlich enttäuschen? Auch sie hatte mit Ulm ja Hoffnungen verbunden, unter anderem die auf eine gesicherte materielle Existenz.

Bei Alfred Andersch war die Nachricht vom negativen Verlauf der Verhandlungen in Ulm ebenfalls angekommen. Er schrieb am 23. September an Arno Schmidt: „…gestern berichtete mir Prof. Bense über den Ausgang ihrer Besprechungen mit Herrn Bill. Heute möchte ich Ihnen sagen, dass ich diesen negativen Ausgang erwartet habe…für die Literatur, ja für die Sprache schlechthin, reicht das konstruktivistische Konzept des Herrn Bill einfach nicht aus…Momentan habe ich den Eindruck, dass die Berufung Bills an die Leitung der Schule sich eines Tages noch zu einer Katastrophe auswirken kann.“

„Sie meinen also tatsächlich, dass ein Kunstwerk kollektiv hergestellt werden könnte?“ -: „Abärrjá!“ – „Ein Einzelmensch ist nie vollkommen: wir versuchen seine Lücken zu ergänzen.““

Ganz so schlimm, wie von Andersch prophezeite, kam es nicht. Doch die Ulmer Hochschule machte nicht nur einmal turbulente Zeiten durch und änderte ihre Konzeption und ihr Führungspersonal schon bald, nach heftigen und konfliktreichen Diskussionen. Es gab zwei Fraktionen, die bei den Grundfragen nach Form und Funktion, Kreativität und Wissenschaft, gegensätzlicher Meinung waren. Der reichlich autoritär auftretende Bill wurde durch eine Leitungs-Gruppe ersetzt. Der vielleicht einflussreichste Strippenzieher war Otl Aicher; seine Gefährtin und spätere Gattin, Inge Scholl, hielt sich im Hintergrund und widmete sich verstärkt dem Aufbau der Ulmer Volkshochschule (vh), die eine außergewöhnliche, stark politisch ausgerichtete Institution wurde, die das gesellschaftliche Klima des protestantischen Ulm maßgeblich prägen sollte. Tomas Maldonado, von dem Alice Schmidt geschrieben hatte: „Mit dem Konrektor allerdings, dem Argentinier: Maler Maldonado (der alle Bücher meines Mannes kannte) hat sich mein Mann recht gut verstanden.“, wurde zum Sprecher des neuen Gremiums gewählt. Mit und über Arno Schmidt war deshalb auch noch nicht das allerletzte Wort gesprochen.

Dieser und der noch folgende Arno-Schmidt-Beitrag meines Blogs sind keine wissenschaftlichen Arbeiten. Es wurden allerdings einige maßgebliche Quellen ausgewertet und das gewonnene Material mit größter Sorgfalt verwendet.

Bei den Bildern von Arno Schmidt handelt es sich um Photographien seiner Frau Alice, die mit freundlicher Genehmigung der Arno-Schmidt-Stiftung verwendet werden.

Mein besonderer Dank gilt Winand Herzog und Michael Meinert, die mir vor Beginn der Arbeit an diesen Ausführungen mit wertvollen Hinweisen auf den richtigen Weg halfen.


Arno Schmidt und die HfG in Ulm (1)

15. September 2009

Die Vorgeschichte

Alljährlich am 18. Januar treffen sich einige Unentwegte vor dem Eingang eines klinkerverkleideten Mehrfamilienhauses im Hamburger Stadtteil Hamm. Sie erheben die mit Schnaps gefüllten Gläser und trinken auf Arno Schmidt. Der von Ihnen verehrte Schriftsteller wurde hier, in der damaligen Arbeitersiedlung, am 18. Januar 1914 geboren. Nach dem frühen Tod des Vaters, eines Polizei-Oberwachtmeisters, zog die Mutter Clara, geborene Ehrentraut, mit den Kindern Arno und Luzie ins schlesische Lauban. Der Junge, der mit drei Jahren und mit Unterstützung der älteren Schwester Lesen gelernt hatte, besuchte die Oberrealschule, machte 1933 Abitur, schrieb erste Gedichte. Er hatte nur wenig Umgang mit Mitschülern. Früh lebte er in eigenen Tagträumen und Lesewelten. Dem Besuch der Höheren Handelsschule folgte eine kaufmännische Lehre in den Greiff-Werken, Greiffenberg. Nach dem Abschluss arbeitete er dort bis 1940 als Lagerbuchhalter.

Bereits 1937 hatte Schmidt die 1916 geborene Alice Murawski geheiratet, eine Arbeitskollegin. Anfang August 1938 unternahm das junge Paar eine siebentägige Reise nach England. Einige Schmidtianer bezweifeln inzwischen, dass diese Reise wirklich stattgefunden hat – Schmidt reiste nicht wirklich gerne. Als sicher gelten Besuche des Paars in Weimar und Oßmannstadt im Jahr 1939. 1940 entstanden die „Dichtergespräche im Elysium“ und der Dichter wurde zur Wehrmacht eingezogen. Während der Kriegsjahre war er unter anderem im Elsaß und in Norwegen stationiert und erlebte das Kriegsende als britischer Kriegsgefangener. 1946 verschlug es Arno und Alice ins niedersächsische Cordingen. Ab 1947 gibt Arno Schmidt „freier Schriftsteller“ als Beruf an. In den folgenden Jahren erschienen „Brands Haide“ und „Schwarze Spiegel“. 1951 wurde er mit dem großen Literaturpreis der Akademie der Wissenschaften und Literatur in Mainz ausgezeichnet. Ab 1951 lebte das Ehepaar Schmidt im kleinen Kastel bei Saarburg, abseits der kulturellen Zentren und des literarischen Betriebs.

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Die Stadt Ulm an der Donau war nach Kriegsende in weiten Teilen durch Bombenangriffe zerstört. Wie durch ein Wunder war das Münster erhalten geblieben und ragte im Zentrum aus einer Trümmerlandschaft. Schon wenige Wochen nach dem Einmarsch der Amerikaner und der Kapitulation Hitler-Deutschlands begann die geistig-kulturelle Nachkriegszeit. In der Vortragsreihe „Religiöse Aussprachen über christliche Weltanschauung“ sprach bei der ersten Veranstaltung „Romano Guardini über Wahrheit und Lüge“. Am Donnerstag, den 16. August 1945, um halb acht Uhr in der Martin-Luther-Kirche. Kleine handgedruckte Zettel, an Ruinen geheftet, luden dazu ein. Mit Guardini und seiner christlichen Philosophie hatte sich wenige Jahre vorher Sophie Scholl als Studentin in München beschäftigt, bevor sie verhaftet und, ebenso wie andere Mitglieder der Weißen Rose, hingerichtet wurde.

Sophies Schwester Inge gehörte nun, zusammen mit dem aus dem Ulmer Stadtteil Söflingen stammenden Otl Aicher, zu den Organisatoren erster kultureller Veranstaltungen in der aicherskriegszerstörten Stadt. Viele Einwohner hatten ihr Leben verloren, Männer waren in Kriegsgefangenschaft oder galten als vermisst, erste Flüchtlinge in der Donaustadt gestrandet. Scholl, Aicher und einige andere begannen mit ihrer Form des Wiederaufbaus. „Der Enge des nationalsozialisten Weltbildes setzten sie Weltoffenheit und Internationalität entgegen, und die  Moderne wurde zu ihrem Leitbild“, formulierte Christiane Wachsmann. Unter Internationalität hatte man dabei nicht die heute vielfach diskutierte „Globalisierung“ zu verstehen, sondern ein aus der Zeit heraus entstandenes Verlangen nach Aufklärung, Humanität und Liberalität.

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1955 lebte das Ehepaar Schmidt noch immer abseits und in sehr beengten Verhältnissen hoch über der Saar im ländlichen Kastel. Doch mit Hilfe von Gönnern, wie dem ebenso zivilisationskritischen wie lebensfrohen Schriftsteller Ernst Kreuder und des Pädagogen und Literaturfreundes Wilhelm Michels, ein glühender Verehrer und Bewunderer Schmidts, wurden Umzugspläne geschmiedet. Man suchte nach einer geeigneten Wohnung in Darmstadt, wo nach dem Krieg ein kleines geistiges Zentrum entstanden war und das durch großzügige finanzielle Förderung allerhand Künstler und Intellektuelle anzog.

Das war nun auch nicht unbedingt die Welt des Arno Schmidt. „Wenn ich in einer Künstlerfamilie aufgewachsen wäre, wäre ich in allem viel sicherer. Aber so hängt mir meine kleinbürgerliche Erziehung so an.“ Diese Aussage ihres Mannes notierte Alice Schmidt in ihrem Tagebuch, das uns Auskunft gibt über Alltag und Beruf der beiden im Jahr 1955. Man lebte von Übersetzungen, Arbeiten für Zeitungen und Zeitschriften und dem Wenigen was die Bücher einbrachten, zurückgezogen, mit wenigen Kontakten und vielen Katzen – eigenen und denen der Umgebung. 004Annäherungen von Bewunderern und potentiellen Unterstützern wurden von Arno Schmidt in der Regel recht brüsk zurückgewiesen. Trotzdem gelang es dem Ehepaar Michels, das damals in Kronberg im Taunus lebte, so etwas wie ein distanziertes Vertrauen zu gewinnen. Die Zuwendungen in Form von Lebensmittelpaketen waren jedenfalls sehr willkommen.

Inzwischen erschienen u. a. „Aus dem Leben eines Fauns“ und „Das steinerne Herz“. 1955 wurde „Seelandschaft mit Pocahontas“ in der von Alfred Andersch herausgegeben Zeitschrift „Texte und Zeichen“, in der regelmäßig Arbeiten von Schmidt erschienen, gedruckt und brachte dem Verfasser umgehend eine Anzeige wegen Pornographie und Gotteslästerung ein. Das Verfahren wurde, nach langem Bangen angesichts möglicher Konsequenzen für den Verfasser, im folgenden Jahr eingestellt.

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In Ulm war aus den zaghaften Ansätzen der Nachkriegszeit inzwischen eine lebhafte Volkshochschule und der Plan zu einer Hochschule, die die Bauhaus-Tradition wiederbeleben sollte, entstanden. Bereits am 3. August 1953 wurde der Lehrbetrieb in provisorischen Räumen der Volkshochschule in der Ulmer Innenstadt aufgenommen, während auf dem vor der Stadt gelegenen Kuhberg, unter der Regie von Max Bill, der geplante Gebäude-Komplex erst entsteht. Dieses kulturgeschichtlich bemerkenswerte Ensemble, inzwischen unter Denkmal-Schutz gestellt, ist nahezu unverändert erhalten. Den aktuellen ästhetischen Vorstellungen und Kriterien heutiger Energie-Effizienz entspricht es allerdings kaum.

Am 2. Oktober 1955 war schließlich die offizielle Eröffnung der Hochschule für Gestaltung (HfG) in Ulm durch den damaligen Wirtschaftsminister, die leibhaftige Verkörperung des deutschen „Wirtschaftswunders“, Ludwig Erhard. Die Festansprache hielt Walter Gropius, der Mitbegründer des Weimarer Bauhauses in den Zwanzigerjahren. Unter den 700 Gästen aus aller Welt waren auch viele ehemalige Schüler und Dozenten dieser Gestalter- und Architekten-Schule. Die Zielsetzung der neuen Einrichtung sah so aus: „…wir betrachten die Kunst als höchste Ausdrucksstufe des Lebens und erstreben das Leben als Kunstwerk einzurichten. Wir wollen…gegen das Hässliche ankämpfen, mit Hilfe des Schönen, Guten und Praktischen.“ Solche Sätze waren nicht nur ein ästhetisches Programm, sondern nach 12 Jahren „tausendjährigen Reich“ auch eine politische Zielsetzung.

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Einen wichtigen Teil der neuen Hochschule bildete die Abteilung Information. Sie hatte das Ziel Publizisten, Informations- und Sprachspezialisten für eine moderne Industriegesellschaft auszubilden, in der Kommunikation und deren Instrumente große Bedeutung haben würden. Man hatte wenig bescheidene Ziele und wollte zu bestimmten Themenschwerpunkten zeitgenössische Autoren wie Bertold Brecht, Alfred Andersch und Philosophen wie Wittgenstein und Husserl, als Dozenten gewinnen. Auch Arno Schmidt stand wohl, als einer der als fortschrittlicher Sprachavantgardist galt, auf der Berufungsliste. Mit dem Aufbau dieser anspruchsvollen Abteilung beauftragt und ihr Leiter bis 1958, war der Schriftsteller und Philosoph Max Bense, der auch an der Technischen Universität Stuttgart lehrte und die Zeitschrift „Augenblick“ herausgab. 1955 war Arno Schmidt in allen Ausgaben dieser Publikation mit Arbeiten vertreten. Im selben Jahr erschien die Erzählung „Kosmas oder vom Berge des Nordens“ als Supplement zur Zeitschrift.

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Im zweiten Teil von “Arno Schmidt und die HfG” wird es um jenes Gespräch gehen, das Arno Schmidt am 21. September 1955 mit dem Rektor der Hochschule, Max Bill, führte – eine ganz besondere Art von Berufungsverhandlung. Der Beitrag erscheint nächsten Montag.

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Dieser und die noch folgenden Arno-Schmidt-Beiträge meines Blogs sind keine wissenschaftlichen Arbeiten. Es wurden allerdings einige maßgebliche Quellen ausgewertet und das gewonnene Material mit größter Sorgfalt verwendet.

Bei den Bildern von Arno Schmidt handelt es sich um Photographien seiner Frau Alice, die mit freundlicher Genehmigung der Arno-Schmidt-Stiftung verwendet werden.

Für das Bild von Inge Aicher-Scholl und Otl Aicher gilt: Foto: Hans G. Conrad, Archiv: René Spitz

Mein besonderer Dank gilt Winand Herzog und Michael Meinert, die mir vor Beginn der Arbeit an diesen Ausführungen mit wertvollen Hinweisen auf den richtigen Weg halfen.