Sudeleien: März 2012

13. März 2012

Unterwegs in Gerbersau

(Um es gleich zu sagen: Diese Sudeleien sind für einen Blog-Beitrag etwas zu lang geraten. Wer also meint, das sei ihm zu viel, er habe eh’ keine Zeit oder dem Text fehle sowieso jegliche praktische Relevanz, und was der Leseverweigerungs-Begründungen mehr sind, der möge am besten gar nicht erst mit der Lektüre beginnen.)

Beim Ziellosvormichhinschlendern durch einen nieseligen Tag und durch Gässchen und Durchlässe, über Brücken und Stege unserer heimelig winkligen Dreiflüssestadt, musste ich an die Frage des Users “Minhthang” denken, die ich neulich in der Wissens-Community “COSMiQ” gelesen hatte: “Kann mir jemand sagen, wo Gerbersau in Deutschland liegt?” Mir persönlich geht es, ganz gleich wo ich gerade bin, häufig so, dass ich das Gefühl habe, zwar nicht als Teilnehmer dabei, aber irgendwie dennoch mittendrin zu stecken – in Gerbersau.

Am 9. August 2012 jährt sich der Todestag des Dichters und Literatur-Nobelpreisträgers Hermann Hesse (1877 – 1962) zum 50. Mal. Aus diesem Anlass plant nicht nur die Hesse-Geburtsstadt Calw zahlreiche Aktionen und Veranstaltungen. Damit an dieser Stelle nicht schon Leser abhanden kommen, findet man den Link dorthin erst am Ende des Artikels. In den nächsten Wochen werde ich außerdem noch einmal auf diesen für Literaturfreunde bedeutenden Anlass zurückkommen.

Gerbersauer Idylle

Hesses Verhältnis zu seiner Heimatstadt war in Kindheit und Jugend voller Spannungen, der meist gemütlich genügsame Gerbersauer Geist für den phantasievoll reichbegabten Knaben nicht leicht zu ertragen, die Schulzeit über weite Strecken die reine Qual. Im “kleinen Schwarzwaldnest” war “nie ein Mensch ausgegangen, der einen Blick und eine Wirkung über das Engste hinaus gehabt hätte.” Zwar verklärte sich manches im Lauf der Jahre und Hesse selbst hat die Erinnerung an das Städtchen in seinen Werken immer wieder romantisch verpackt, dennoch war er sich darüber im Klaren, dass dort für ihn kein dauerhaft erträgliches Leben möglich gewesen wäre: “… obwohl Calw für mich nicht halb so schön wäre, wenn ich öfter als alle drei, vier Jahre hinkäme”, hat er 1915 an seine Schwester Adele geschrieben.

Auch das städtische Gemeinwesen wurde und wird nicht nur von vorbehaltlosen Bewundereren des in aller Welt geschätzten Dichters bewohnt. Desinteresse und skeptische Ablehnung waren über Generationen hinweg fester Bestandteile der Einschätzung. In dem Artikel “Hermann Hesses Gerbersau”, der 1930 in der Vossischen Zeitung, Berlin erschien, kam Hans Popp zu dem Fazit: “Die Calwer selbst lieben ihn nicht, sie begreifen ihn nicht; ohne Verständnis für seine große Liebe, die er zu ihnen im Herzen trägt, ohne Verständnis für seine große Seele stehen sie ihm gegenüber, unverstanden steht Hesse unter ihnen, er, der als erster verdienen würde, ihr größter Freund zu sein.” Da sich daran bis heute nicht so grundlegend etwas geändert hat, sind wohl die Bemühungen zum diesjährigen Jubiläumsjahr weniger der literarischen oder persönlichen Bedeutung Hesses, als vielmehr einem kommerziell touristischen Hintergrund geschuldet. Das muss das eine oder andere Ereignis und Angebot der kommenden Wochen und Monate aber keineswegs uninteressanter machen.

Der Trommler und Sprach-Wirbler Udo Lindenberg sagte in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung auf die Frage, ob er Hesse gelesen habe: “Das hat mich gepackt. Wie kann einer über mich schreiben, der mich nicht kennt? Hab’ ich gedacht. Die kleine Stadt, die bürgerliche Enge, der Stress in der Schule, die Suche nach Coolness, der Ausbruch.” Zur Erinnerung: Lindenberg stammt aus einem Gerbersau namens Gronau.

Vor einigen Jahren hat er, inspiriert von Leben und Werk Hermann Hesses, die Udo-Lindenberg-Stiftung gegründet. Diese “fördert junge Texter und Musiker durch Wettbewerbe, um neue Wege gegen das Mitmarschieren in der Masse zu suchen, provokant zu schreiben und sich nicht anzupassen an Mainstream und Casting-Wettbewerbe. Sie will nationale und internationale kulturpolitische Aktivitäten unterstützen, sowie durch die Förderung humanitärer und sozialer Projekte weltweit den Schwächeren zur Seite stehen.”

Gerbersau-on-Wye

“In manchen Augenblicken war Altes und Neues, war Schmerz und Lust, Furcht und Freude ganz wunderlich durcheinander gemischt. Bald war ich im Himmel, bald in der Hölle, meistens in beiden zugleich.” 

Es gab Zeiten, da wollte ich ganz gerne wie Harry Haller sein. Allein mit mir, der Musik Mozarts, dem nie leer werdenden Glas Rotwein, zu nichts und niemandem verpflichtet, als Verrückter da und dort freien Eintritt genießend; hin und wieder würde mich genau so das eine oder andere Gerbersauer Mädel unheimlich cool finden und nicht nur zum Tanze bitten; ich würde Traktate schreiben und sie anschließend in den Wind werfen; meine Kammer wäre kahl und damit mein Leben ohne belastenden Unrat; so lebte ich für und für, Tag um Tag, Jahr um Jahr, für meine Gleichzeitigen längst zur Legende geworden. – Im realen Leben hingegen war ich lediglich bemüht kein Serenus Zeitblom zu werden.

Bis zum hier angesprochenen Jubiläum, dem Todestag Hermann Hesses im August, ist es noch einige Zeit hin. Ein anderer bemerkenswerter Jahrestag liegt hingegen bereits unmittelbar vor uns. Am 24. März wird Martin Walser 85 Jahre alt. Ist es wirklich schon wieder fünf Jahre her, dass er direkt vor mir über einen Leipziger Zebrastreifen ging? Begleitet von Kameramann und Pressefrau. Am Abend hat er gelesen. Vor vielen Menschen, die ihm kräftig applaudierten und ihn hochleben ließen. Damals konnte man nicht ahnen – und entsprechende Prognosen wären gewagt gewesen – dass Walser kurz vor seinem 85. Geburtstag wieder zur Frühjahrs-Buchmesse kommen würde.

Gerbersau am See

Martin Walser lebt seit Jahrzehnten in Gerbersau am Bodensee. Einmal – vor einigen Jahren – wollten die Menschen in diesem Landstrich dem Dichter und Zeitgenossen ein Denkmal spendieren. Ein fleißiger, vielerorts vertretener Künstler, bekannt für seine ebenso plastischen wie leicht hinterfotzigen Arbeiten, führte von den Honoratioren abgenickte Entwürfe gekonnt und an zentraler Stelle aus. Der Mensch und Schriftsteller Walser war nicht angetan, hingegen gewillt, den Bildhauer und seine Intentionen gründlich misszuverstehen. Das war eigentlich nicht schön und direkt so kleingeistig, wie es den ganzen Gerbersauern im Ländle des Schriftstellers gern unterstellt wird.

Dabei hätten Walser Kunstsinn und etwas Toleranz ganz gut gestanden, schließlich war er selbst schon öfters Opfer gravierender Missverständnisse. Wie damals in der Paulskirche von Gerbersau am Main. Oder erst kürzlich mit seinen Glaubensthemen-Büchern “Mein Jenseits” und “Muttersohn”, als man ihn prompt in die religiöse Erweckungs-Schublade stecken wollte. – (Zu beiden Titeln sind auf = conlibri = seinerzeit Rezensionen erschienen; diese sind jetzt noch einmal auf der Seite “da capo” zu finden.) – Nein, zum tief Gläubigen, zum kritiklos Glaubenden, zum Hoffenden auf das Jenseits ist er nicht geworden. Er macht uns nur klar, dass uns ohne Glauben Vieles fehlen würde. Wozu die zahlreichen, gedankenlos selbstverständlichen, meist vom ursprünglich religiösen Ursprung gelösten, künstlerischen, alltags-kulturellen und musikalischen Glaubenszeugnisse gehören. Und nicht zu vergessen – Walser betont das unermüdlich -, schließlich sei auch die Liebe reine Glaubenssache.

Leipzig-Gerbersau

Ab Donnerstag ist wieder Buchmesse in Leipzig. Martin Walser wird dort sein. Er wird u. a. seinen Essay “Über Rechtfertigung, eine Versuchung” vorstellen, in dem er die Verarmung beklagt, die wir durch das Fehlen eines Bedürfnisses nach Rechtfertigung erfahren. Seine Zeugen dafür sind Kafka und Augustinus, Luther, Calvin und Max Weber, Nietzsche und Karl Barth. Außerdem kommt unter dem Titel “Meine Lebensreisen” noch eine schmale, überteuerte Resteverwertung auf den Markt. Ein bisschen viel hat er ja schon drauflosgeschrieben in den letzten fünf Jahren und seine Verlage ein klein wenig zuviel drauflosveröffentlicht.

Auch ich werde wieder an der Weißen Elster, in den Messehallen und bei einigen der vielen Veranstaltungen an kontrastreichen Örtlichkeiten der spannenden Stadt unterwegs sein. Und irgendwann danach für = conlibri = ein paar Zeilen darüber schreiben. Über meine Erlebnisse und Begegnungen mit Menschen und Büchern in Leipzig, rund um die Buchmesse und das große Lesefest “Leipzig liest”.

Zum Hesse-Jahr findet man hier Infos die weiterhelfen: Gerbersau/Calw/Hesse/Juliäum

Das Verhältnis Hesses zu Calw wird in diesem ergiebigen Buch gründlich aufgearbeitet:

Schnierle-Lutz, Herbert: Hermann Hesse und seine Heimatstadt Calw. Chronologie eines wechselvollen Verhältnisses. – Calw : Stadtarchiv, 2011. Euro 15

Endlich gibt es auch wieder eine aktuelle Biographie:

Schwilk, Heimo: Hermann Hesse. Das Leben des Glasperlenspielers. – München : Piper, 2012. Euro 22,99

Das Neueste von Martin Walser:

Walser, Martin: Über Rechtfertigung, eine Versuchung: Zeugen und Zeugnisse. – Reinbek : Rowohlt, 2012. Euro 14,95

Walser, Martin: Meine Lebensreisen. Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Thomas Schmid. – Hamburg : Corso, 2012. Euro 24,90


Wer glauben will muss lesen: “Muttersohn” von Martin Walser

17. Juli 2011

Im Stuttgarter Literaturhaus las der Autor aus seinem neuen Roman

“Wenn Sie einen Roman schreiben, der in Schussenried spielt, müssen Sie den Handlungsort Scherblingen nennen”, sagte Martin Walser. Und versammelte zur Urlesung aus seinem neuesten Buch unter barockem Himmel, lichten Deckengemälden, zwischen Putten und Goldglanz, im Bibliothekssaal des ehemaligen Klosters, zahlreiches Publikum und seinen ganz privaten Kosmos um sich: Ehefrau und Mitschreiberin Käthe, die kreativen Töchter, Schwiegersöhne, allerhand Künstler und regionale Prominenz.

“Wenn Sie einen Roman schreiben, der in Stuttgart spielt, müssen sie den Handlungsort Philippsburg nennen”, lasse ich Martin Walser auch noch sagen. In Stuttgart fand der Oberschwabe vor dem Beginn seiner langen Schriftsteller-Laufbahn Anstellung beim Südfunk (heute SWR) und arbeitete neben anderen mit Alfred Andersch und Arno Schmidt zusammen. (Arno Schmidt setzt Walser übrigens in “Muttersohn” ein bemerkenswertes, leicht schräges, literarisches Denkmal.) “Philippsburg” heißt der erste Roman von Walser und dieser Ort ist unschwer als Stuttgart zu identifizieren. Am Abend des 14. Juli – letzten Donnerstag – las Martin Walser zum zweiten Mal aus seinem bisher letzten Buch. Im Literaturhaus der baden-württembergischen Landeshauptstadt.

“…es ist eine helle Freude … wie Martin Walser in fünf Kapiteln und mit ungezählten Stimmen vom Suchen und Finden des religiösen Glaubens als schöner Sprech- und Lebenspraxis erzählen lässt, wie er mystischen Tiefsinn mit erzählerischen Leichtsinn paart und sich gelegentlich im hymnischen Blödsinn erholt, wie er rituelle Einübungen in christliche Demut mit wilden Ausübungen von sprachlichem Übermut kreuzt …” (Hans-Jost Weyandt, Spiegel Online, 13.7.2011)

Den großen Saal des Stuttgarter Literaturhauses betritt er schwungvoll, zusammen mit Julia Schröder, der Redakteurin der Stuttgarter Zeitung, die ihn rund um die eigentliche Lesung befragen, sich mit ihm unterhalten wird. Er ist braungebrannt, offensichtlich bester Dinge, schmunzelt von Anfang an. Er hätte endlich einmal kein Buch über gesellschaftliche Fragen, wie den Unterschied zwischen CDU und SPD, schreiben wollen, erklärt er seiner Gesprächspartnerin. Glaubensätze seien von ihm ja nicht erwartet worden und nun wolle er einmal sehen, wie die Leute reagieren. Er lächelt Julia Schröder an. Verschmitzt. “Man darf nicht mehr der Realität dienen.” Außerdem sei ja “alles was möglich ist langweilig.” Uns interessiere doch die Anziehungskraft des Unerklärlichen. Der “Muttersohn”, möglicherweise eine Jungfrauengeburt. “Es gibt ja Vorbilder”, sagt Frau Schröder.

Walser verlässt den Holzstuhl, auf dem er Julia Schröder gegenüber saß und tritt ans Rednerpult, zieht das Mikrophon zu sich heran, verbittet sich weiteres Photographieren. Die Lichtkegel der Scheinwerfer sind auf eine Fläche direkt neben Walser gerichtet. Von draußen fällt letztes Sonnenlicht herein; der Raum ist noch vom späten Tag erhellt. Ich vermisse das Glas Rotwein, dass so oft vor ihm stand, wenn er las. “Ich lese quer durch dieses Buch, um den Percy vorstellbar zu machen.”

Percy. Percy Anton Schlugen, Muttersohn und Hauptfigur. Percy fällt durch Leibesfülle auf, widerspricht den gängigen Lebensentwürfen. “Ich bin ein Echo, und weis nicht von was.” Percy predigt gerne und erlebt dabei “Pfingstaugenblicke”. Seine Lebensstimmung ist von “Glaubensübermut” geprägt. Wenn Percy glücklich ist, denkt er an seine Mutter. Als er eine Frau kennenlernt und bereit ist, sich ihr auszuliefern, besteht diese Sandra auf brieflichen Fernkontakt. Sie kann es sich nicht erlauben, verlassen zu werden. Percy ist in der Kirchenmusik zu Hause. Percy ist Krankenpfleger im psychiatrischen Landeskrankenhaus Scherblingen. Er liebt die lateinische Sprache. Furcht und Ungeduld sind Percy fremd.

Die kräftig kehlige Walserstimme mit allemannischen Akzent. Das rollende R. Das Buch enthält Szenen absurder Situationskomik. Das Publikum, viele der Anwesenden sind in Walsers Alter, darüber oder wenig darunter, fühlt sich prächtig unterhalten.

“An ‘Muttersohn’ beeindruckt die Rücksichtslosigkeit, mit der Walser seinen Ausdrucksnotwendigkeiten nachgeht… Er sprengt die Form, weitet sie bei Bedarf zum Drama. Er verlangt seinen Lesern alles ab: ‘Muttersohn’ ist keine lauwarme Konfektionsware, sondern ein abgründiges, kraftvolles, struppiges Lebens-, Liebes- und Glaubensbuch.” (Jörg Magenau, Literaturen, 102.2011)

Feinlein. Professor Dr. Dr. Augustin Feinlein war Chefarzt am psychiatrischen Landeskrankenhaus Scherblingen, dass der barocken Klosteranlage Schussenried zum Verwechseln ähnelt, bis er von Dr. Bruderhofer nicht ganz schmerzfrei abgelöst wurde. Feinlein ist väterlicher Freund und Förderer Percys; er war sein Lehrer an der Krankenpflegeschule. Nebenbei unterrichtete er den Schützling privat in Latein und Orgelspielen. Feinlein selbst liebt die Musik und Latein. Er erforscht den Reliquienglauben, der in oberschwäbischen Landen sehr verbreitet ist. Doch Feinleins eigener Glauben besteht hauptsächlich darin, dass er glaubt, eine Frau liebe ihn noch immer, die ihn schon vor Jahren verlassen hat. Feinlein kann von seinem Glauben nicht lassen.

Martin Walser litt ja immer etwas an Lobmangel. An diesem Abend holt er sich Aufmerksamkeit und Zuwendung im Übermaß. Der Saal ist proppenvoll. Gesammelte Stille und konzentrierte Hinwendung.

“Es ist, als habe jemand eine Tür aufgestoßen und lasse Licht und Luft hinein in diese oftmals dunkle, schwere Walser-Welt. Walsers Jesus- Rausch bringt in diesen 500-Seiten-Roman Tempo, Farbigkeit und Licht. Und am Ende … einen gelösten Abschiedston von einem Autor, der aber mit Sicherheit noch sechs, sieben Romane schreiben wird.” (Volker Weidermann, FAS, 3. Juli 2011)

Martin Walser wurde am 24. März diesen Jahres 84 Jahre alt.

Fini. Josefine Schlugen, die Mutter Percys. Fini lebt dem Leben zuliebe und forscht nach blauem Blut unter ihren Vorfahren. Sie war in jungen Jahren Percy Sledge Fan. Daher der Vorname des Sohnes. Der kann mit Musik dieser Art allerdings nichts anfangen. Fini hat dem Sohn immer wieder erzählt, dass für seine Zeugung kein Mann notwendig war. “Kein Mensch außer mir muss das glauben”, sagt der Sohn dazu. Fini liebte einst einen Mann, den sie nicht erobern konnte, der sie nicht erhörte; einen Mann, der Jahre später Percy als Patient begegnen wird.

Bild: A. Savin

Anknüpfend an Thomas Manns “Segenszutraulichkeit” geht es Walser um “Glaubensfähigkeit”, die in seiner Heimatregion, dem Bodensee-Hinterland, heute noch stark verbreitet ist. Walser erläutert aber in diesem Zusammenhang immer wieder, dass ein naiver Gottes-Glaube intellektuell nicht möglich ist. “Je nötiger Gott wäre, umso deutlicher wird jetzt, dass er aus nichts bestehe als aus Sprache. Statt etwas haben wir Wörter.“ So hat es Walser in seinem Essay “Sprache, sonst nichts” ausgedrückt.

Einleuchtend sind ihm hingegen die Ausdrucksformen von Glauben. Die Geschichte des Weihnachtsevangeliums als reine Literatur. Musik von Bach, Mozart und Schubert, die künstlerischen Zeugnisse in Kirchen und Klöstern, an süddeutschen Wegrändern. Uns begegnen ständig Ergebnisse realer “Glaubensbewegung”. Deshalb gibt es wohl einen Auslöser für Schöpfungsprozesse hinter der von uns wahrgenommenen Dinglichkeit.

“… Walser macht … zum Gegenstand des Erzählens, was andere Schriftsteller vielleicht als ihr Material bezeichnen würden, die Sprache. Er bedient sich dabei des christlichen, genauer, des katholischen Mythos, und er treibt auf die Spitze, was bei vielen wesentlich jüngeren Autoren in den letzten Jahren untergründig wirksam wird: die Reanimation vielleicht nicht des religiösen Sprechens, aber jedenfalls des Sprechens von der Transzendenz.” (Julia Schröder, Stuttgarter Zeitung, 9.7.2011)

Martin Walser beendet seine Stuttgarter Lesung aus “Muttersohn” mit einer Predigt Percys am Weihnachtstag. Percy predigt über den Satz “Lass mich nicht allein.” In der Geschichte setzt Schneefall ein. Die Anziehungskraft von Gegenpolen: Sprache und Ironie, Dichtung und Wahrheit. Walser auf der Höhe seiner Erzählkunst. Wortwirbel und Formulierungszauberei. Ergriffenheit im Saal. Draußen geht ein sonniger Sommertag in Dämmerung und schließlich Dunkelheit über. Der Schneefall im Buch wird stärker. Percys Predigt ist zu Ende.

Walser schließt das Buch.

Martin Walser hat sein Buch für den Rundfunk eingelesen. In der Reihe “Fortsetzung folgt”, sendet SWR 2 ab 19. Juli um 14.30 Uhr. Die Sendungen werden auch von anderen Hörfunkprogrammen übernommen.

Bereits im letzten Jahr erschien Kapitel III von “Muttersohn” unter dem Titel “Mein Jenseits” als selbstständige Veröffentlichung.  Martin Walser wollte damit Gottfried Honnefelder und dessen Verlag Berlin University Press, dem er das Buch überlies, unterstützen.

Walser, Martin: Muttersohn. – Rowohlt, 2011. Euro 24,95