“Thomas Mann der Amerikaner”

28. Oktober 2011

Eine biographische Nahaufnahme von Hans Rudolf Vaget

Es ist eine Lektüre mit Mehr-Wert. Neben zahlreichen neuen oder vertiefenden Details über einen der wichtigsten Lebensabschnitte des Groß-Schriftstellers bekommen Thomas-Mann-Freunde manches Extra über die krisen- und kriegsreiche Geschichte des 20. Jahrhunderts. Für alle also, deren historische Kenntnisse über solides Allgemeinwissen nicht hinausgehen, eine lohnende, stellenweise regelrecht spannende Lektion. Thomas Mann lebte vierzehn Jahre in den USA. In seiner nicht gerade ereignisarmen Lebensspanne, dürfte dieser Abschnitt zu den bewegtesten gehören.

Hans Rudolf Vaget lehrt als Literaturwissenschaftler in Northampton, Massachusetts. Thomas Mann ist seit Jahrzehnten einer seiner Forschungs-Schwerpunkte, zu denen auch Goethe und Richard Wagner zählen. Vaget hat den Briefwechsel von Thomas Mann und Agnes Meyer herausgegeben. Er ist einer der Herausgeber der aktuell bei S. Fischer erscheinenden neuen großen kommentierten Ausgabe der Werke Thomas Manns. Zu seinen wichtigsten Veröffentlichungen gehört “Seelenzauber” – mittlerweile ein Standardwerk über Manns Beziehung zur Musik; in Zeitschriften und Kongressbänden sind darüber hinaus eine große Zahl vielbeachteter Aufsätze von ihm erschienen.

Franklin D. Roosevelt (1942), Foto: Library of Congress

“Annäherungen an Amerika”, “Amerika – die große Verführung” und “Die heimatliche Ferne” sind die drei Hauptabschnitte des Buches überschrieben. Schwerpunkte der Darstellung bilden Manns Verhältnis zur amerikanischen Politik, geprägt durch sein besonderes Verhältnis zum Präsidenten Roosevelt; das erstmals in dieser Breite analysierte Verhältnis zwischen dem Schriftsteller und seiner amerikanischen Förderin und Bewunderin Agnes Meyer – wir erfahren, wie differenziert, schwankend, ja phasenweise heikel diese Beziehung tatsächlich war. Den dritten großen Schwerpunkt bildet das literarische Schaffen Manns während der amerikanischen Periode, und man muss die Kraft bewundern, mit der er bei all den Ablenkungen, Unruhen und Unwägbarkeiten in Leben und Umfeld, zu solch konzentrierter und ergiebiger Arbeit fähig war.

Hans Rudolf Vaget erschloss für die Arbeit an seinem Buch neue, sowie bisher weniger beachtete Quellen und ermöglicht so veränderte Interpretationen und Sichtweisen. Etwa wenn wir erfahren, dass die prominente, hoch veranlagte Publizistin Susan Sontag bereits in sehr jungen Jahren eine große Thomas-Mann-Verehrerin war. Oder die von Vaget glaubwürdig belegte Erkenntnis, dass Thomas Mann während seiner Zeit in Amerika von Anfang an im Fokus und unter Beobachtung des FBI stand. Das war Teil eines Generalverdachts gegenüber fast allen Kulturschaffenden. “Hoover ließ praktisch die ganze amerikanische Literatur beschatten”, fasst Vaget zusammen.

Als schließlich die Kommunisten-Hysterie und die damit verbundenen Bespitzelungen, Verfolgungen und Intellektuellen-Tribunale in der McCarthy-Aera ihren Höhepunkt erreichten, sah Thomas Mann darin ein Form der “Herrschaft fascistischer Gewalt.” Als er selbst immer stärker unter Druck geriet, ging er schließlich mehr und mehr auf Distanz zum politischen Establishment seines Gastlandes. Diese Entwicklung hat letzten Endes entscheidend dazu beigetragen, dass er sich entgegen ursprünglicher Absichten, doch zu einer Rückkehr nach Europa entschloss und seine letzten Lebensjahre in Zürich verbrachte.

Thomas Mann gehörte zu den am meisten beachteten, übersetzten und materiell erfolgreichsten deutschen Schriftstellern im Exil. Das trug ihm auch allerhand Neid und Missgunst ein. Wie intensiv Wirkung und Wahrnehmung seiner Werke, dabei insbesondere der Joseph-Romane, gerade in Nordamerika war, macht Vaget in einem so bisher nicht ausgeführten Umfang deutlich. Auch der große Roman über Deutschland – “Doktor Faustus” – hat seine spezielle amerikanische Perspektive. Vaget dazu: “Thomas Manns deutschestes Werk entstand in Pacific Palisades, dem von Deutschland am weitesten entfernten Ort seiner Laufbahn.” Manns Geschichtsverständnis beruhte zwar in erster Linie auf persönlicher Erfahrung, geschrieben darüber hat der Nobelpreisträger jedoch aus zeitlicher undoder geographischer Distanz.

Die nun vorliegende, mit allen Anhängen fast 600 Seiten umfassende Teil- und Detail-Biographie des wichtigsten und vielleicht auch umstrittensten deutschen Schriftstellers des 20. Jahrhunderts ist durchweg spannend, dabei flüssig zu lesen. Hin und wieder tauchen kleine Redundanzen auf. Wer will kann auch schwächere Passagen entdecken.

Ein Beispiel ist die Vermutung Vagets, dass “in der homoerotischen Dimension seiner Fiktionen ein reiches Potential für seine Langzeitwirkung beschlossen liegt, jedenfalls in Amerika” – die mir etwas gewagt und willkürlich erscheint, zumal wenn behauptet wird, “dass in einer Zeit, in der angesichts von Aids das gleichgeschlechtliche Begehren weitgehend wieder, wie schon in Thomas Mann formativen Jahren, eine solitäre und imaginäre Angelegenheit geworden ist …” Möglicherweise zeugt es von einer gewissen Unaufgeklärtheit, Veranlagung und Begehren gleichzusetzen. Auch kann ich, um es flappsig zu formulieren, derzeit keinen Run von Schwulen und Lesben auf die Werke Thomas Manns erkennen – weder diesseits noch jenseits des Atlantiks.

Freunde, Verehrer und Kenner Thomas Manns und seinem Werk, gleich welcher Weltanschauung und Neigung, werden die großartige Arbeit von Hans Rudolf Vaget aber auf jeden Fall mit Gewinn, ja mit Vergnügen, lesen und studieren. In der biographischen Sekundärliteratur zu Thomas Mann wird sie einen prominenten Platz neben Mendelsohn und Kurzke einnehmen, weil sie deren Standard-Werke vertiefend ergänzt und weiterführt.

Vaget, Hans Rudolf: Thomas Mann der Amerikaner. – S. Fischer, 2011. Euro 24,95


Vom Schreiben

26. Juni 2011

Am 29. Juni ist neuerdings der “Tag des Schreibens”

“Zu schreiben endlich er sich setzet,
Ein Blättlein nimmt, die Feder netzet – “ (Eduard Mörike) (1)

“Wir feiern das Schreiben”, heißt es auf der Website von Suite101, einem kommerziellen Autoren-Netzwerk, das von Berlin und Vancouver aus, vor allem aber im WWW, agiert. Jetzt will man den Versuch wagen “im hektischen Informationszeitalter einmal inne zu halten und sich einen Tag lang zu bemühen, richtig zu schreiben und korrekt zu formulieren”. Und hat gleich einmal den 29. Juni zum “Tag des Schreibens” erklärt. (2). Der Aktionstag hat das Ziel für eine bessere Schriftsprache zu werben. Unterstützung kommt dabei von bekannten Namen – wie etwa Frank Schätzing, Heinz-Rudolf Kunze und der Cosmopolitan-Chefredakteurin Petra Winter. Mit ins Boot bekommen hat man u. a. auch Microsoft Network (MSN) und das Online-Magazin netzpiloten.de.

Vom Schreiben. Kurz vor dem “Tag des Schreibens.” Anlass, dieser weitestgehend unterschätzten, vielfältigen Tätigkeit einmal unsortiert und absichtslos Fetzen eigener Erinnerung, sowie markante aufgelesene Äußerungen und Überlegungen bekannter Denker und Schreiber zu widmen.

“Es kratzt und schleift, schnarrt, kreiselt und zwitschert; es pocht, hämmert, klingelt, knattert; es schnalzt, schneuzt, schnurrt, schlozt und piept; es ist Atem zu hören, dann Stille, jemand rutscht auf dem Stuhl hin und her, scharrt mit den Füßen, reibt mit der flachen Hand Oberschenkel und Tischkante, klopft mit den Fingern einen ungeduldigen Takt, schnieft hemmungslos. Kurz gesagt: Jemand dichtet.” (Peter Härtling) (3)

Mit etwa zehn Jahren schrieb ich den ersten Zeitungsartikel. Mit Hand, auf liniertes Papier. Für ein vierseitiges, in einer Auflage von mühselig erzeugten fünf Exemplaren, und als Periodikum gedachtes Organ mit dem ambitionierten Titel das “Das Große im Kleinen”. Alles daran war Handarbeit. Pflichtabnehmer zum Preis von 10 Pfennigen waren Familienangehörige. Es erschien nur eine Ausgabe.

“In einer kahlen Kammer, Dachstube oder Mansarde saß an einem Möbel, das den schönen Namen Schreibtisch durchaus nicht verdiente, der junge Poet. Er dichtete und träumte.” (Robert Walser: Poetenleben, zitiert nach) (4)

“Der Tisch, an dem ich dies schreibe, ist 76,5 cm hoch, seine Platte 69,5 mal 111 cm groß. Er hat gedrechselte Beine, eine Schublade, er mag siebzig bis achtzig Jahre alt sein, er stammt aus dem Besitz einer Grosstante meiner Frau, die ihn, nachdem ihr Mann in einem Irrenhaus verstorben war und sie in eine kleinere Wohnung zu, ihrem Bruder, dem Grossvater meiner Frau verkauft.” (Heinricht Böll: Versuch über die Vernunft der Poesie. Nobelpreisrede, 1972, zitiert nach) (4)

Mit siebzehn oder achtzehn Jahren habe ich im Rahmen einer Verlagsausbildung für eine Fachzeitschrift redigiert und korrigiert, durfte bald schon eigene kleine Artikel und Glossen schreiben und veröffentlichen. Ideensammlungen, Skizzen und Gliederungen entstanden handschriftlich, die Endfassungen zunächst auf einer mechanischen, bald schon auf einer nagelneuen elektrischen Schreibmaschine. Sie wurden in Blei auf einer “Heidelberger” gesetzt, vom Handsetzer umbrochen und im Hochdruck-Verfahren zum Bestandteil der fertigen Zeitschrift. Diese Zeilen hier, entstanden im Juni 2011, wurden mittels Tastatur auf die Festplatte eines schon etwas angejahrten PC getippt. Beim Setzen, Umbrechen und Gestalten hat mich “wordpress” unterstützt. Ich “erscheine” selbstverständlich world wide.

“Ich schreibe am Stehpult, mit der Hand und mit der Maschine. Und ich schreibe laut, das heißt, ich kaue den Satz und spucke ihn wieder aus und kaue ihn noch mal, mache ihn mundgerecht und schreibe fertig, beides zugleich. Ich verstehe Literatur als einen oralen Vorgang. Der Beginn der Literatur ist das Erzählen gewesen, das laute Erzählen und das Wiedererzählen.” (Günter Grass) (5)

Ich schreibe gerne mit Hand. Am besten fühlen sich Bleistift oder Tintenfüller an. Kugelschreiber verweigern das Aufkommen sinnlicher Gefühle hingegen meist. In früher Schulzeit hatte ich in Schönschrift (dieses Schulfach gab es tatsächlich einmal) eine sehr schlechte Note, die mir zuhause großen Ärger einbrachte. Dabei habe ich mit meinen Freunden in der Freizeit sehr gerne geschrieben. Mit Blei oder Tinte auf großformatige Zeichenblätter, auf sommerbraune Jungen- oder Mädchenrücken, auf eingegipste Arme und Beine, mit Kreide auf Gehwege und allzu kahle Wände. Später haben wir Texte aus Büchern abgeschrieben. Sinnfrei, nur um des Schreibens willen.

“Man könnte den jungen Schreibern daher raten: Suche eine sehr schöne Frau etwa deines Alters und vermeide es, dich in sie zu verlieben. Halte aber die Liebesversuchung am Glimmen und wechsle jeden Tag mir der Schönen einige Briefe. Schreib über alles und nichts, über den Winter, deine Wohnung oder die Milch beim Aufkochen, und du wirst sehen: Nie hast du freier, schöner, bewegter und unverkrampfter geschrieben…” (Hanns-Josef Ortheil, der diese Empfehlung aus seiner Kenntnis des Briefschreibers Rilke ableitete.) (6)

ZumTagebuchschreiben kam ich relativ spät, dann war es aber gleich Zeitgeschichte:
“18. April 1967: Sehr schwer in der Schule (Deutschland bangt um Konrad Adenauer) – 19. April 1967: Rhöndorf, 13.31 Uhr. Tod des Altbundeskanzlers Adenauer. Nach einem erfüllten Leben schied der 91-jährige nach kurzer schwerer Krankheit, sanft aus dem Leben. – 20. April 1967: Tiefe Trauer um Konrad Adenauer. – 22. April 1967: Ich glaube ich muß mich in der Schule mehr anstrengen, ich will es versuchen.”

Versuche, Tagebuch mit Schreibmaschine, später dem PC, zu führen, erwiesen sich als schwer durchführbar. Da war ein Widerstand, passte etwas nicht zusammen. Und so blieb es bei eher sporadischen, aber immer handschriftlichen Einträgen in zunächst sehr unterschiedlichen Kladden. Seit einigen Jahren ist es immer wieder das karierte, schwarz gebundene Moleskine im A 5-Format.

“Der Dichter ist immer im Dienst. Ich brauche keine Rituale, sondern Hefte und Stifte. Ansonsten kann ich überall schreiben und in jedem Zusammenhang … Ja, ein Heft ist immer dabei. Ich versuche stets rasch zu reagieren, schnell etwas festzuhalten. Ganz im Hintergrund steht natürlich auch dieses großartige Vorbild Lichtenberg, der ohne Selbstzensur alles in seine ‘Sudelbücher’ geschrieben hat, was ihm durch den Kopf ging.”  (Robert Gernhardt) (7)

Von Herlinde Koelbl gibt es zwei wunderbare Bücher über Schriftsteller und ihr Schreiben. (5,7) Sie zeigen uns in stimmungsvollen Fotografien wie und wo Schreiben stattfindet, in welcher Umgebung, sowie eigenwillige Werk-Stätten, Werkzeuge und Materialien, die für solche einsamen Schreibprozesse benötigt werden. Die Bilder werden durch ausführliche Gespräche mit den abgebildeten Künstlern ergänzt. Es sind sehr persönliche, fast intime Interviews, die es dem Leser erlauben, auf diese Weise den Dichter-Persönlichkeiten näher zu kommen. Der Band “Im Schreiben zu Haus” enthält über 40 Portraits von H. C. Artmann und Peter Bichsel, über Ernst Jandel und Friederike Mayröcker bis Martin Walser und Christa Wolf. In dem neueren Buch “Schreiben!” finden wir Günter Grass und Sarah Kirsch, Elfriede Jelinek, Herta Müller, Ingo Schulze und viele andere. Einige Personen sind in beiden Bänden vertreten.

“Wenn jemand schreiben möchte, und zwar Literatur, kann man ihm einen einfachen Rat geben: Lesen und schreiben. Einfach an dem Rat ist vor allem, ihn zu geben; aber wer es sich einfach machen will, der fängt ohnehin nicht zu schreiben an.” (Peter Glaser) (8) Das Schreiben. Dem Einen ist es Lust, dem anderen Neurose: “Ich habe zu schreiben, so viel und wie der Zwang es will, ob ich mag oder nicht, ob ich mich krank mache oder nicht”, bekannte Hans Fallada (9).

Vom Schreiben also. Da uns nur noch wenige Tage vom “Tag des Schreibens” trennen. Ich denke auch an SMS, E-Mail, Twitter, Chat und Co. Kreativität oder Anarchie? Sind die weit verbreitete Floskelei, Verstümmelung und Orthographie-Verweigerung nun Gewinn oder Verlust für zwischenmenschliche Kommunikation, das Gespräch, den Meinungs- oder Erfahrungsaustausch? Kommen wir uns näher, machen wir uns verständlicher, verstehen wir uns letztendlich besser? Und vor allem: Gefällt uns, was da geschrieben wird und auch gelesen werden soll? Oder anders gefragt: Zählt nur noch die nackte Information in irgendwie verständlicher Zeichenfolge, sind Form und Fassung wirklich gleichgültig geworden?

“Schön schreiben heißt beinahe schön denken, und von da ist es nicht mehr weit zum schönen Handeln.” (10) Tief ist der Brunnen der Vergangenheit aus dem dieser Satz stammt. Er wurde von Thomas Mann geschrieben. Für den “Tag des Schreibens” am 29. Juni fördern wir ihn wieder zu Tage. Neongrell grüßt er hoch definiert von Video-Walls und aufmunternd mahnend aus Hochglanz-Journalen. Übrigens: Ein “Tag des Schreibens” ist mir zu wenig. 365 Tage im Jahr sollten es schon sein.

Anregungen und Zitate rund um das Thema “Schreiben” habe ich den nachfolgenden Werken entnommen. Sie bieten jederzeit auch eine ertrag- und genussreiche, auf jeden Fall weiterführende Lektüre.

(1) Dieses Zitat ist aus dem Gedicht “Der alte Turmhahn” von Eduard Mörike
(2) Hier der Link zum ab- und mitfeiern: “Wir feiern das Schreiben”
(3) Fischer, Sabine (Bearb.): Vom Schreiben, 2. Der Gänsekiel oder Womit schreiben? (Marbacher Magazin, 69). – Marbach am Neckar, 1994
(4) Kienzle, Rudi (Bearb.): Vom Schreiben, 4. Im Caféhaus oder Wo schreiben? (Marbacher Magazin, 74). – Marbach am Neckar, 1996
(5) Koelbl, Herlinde: Schreiben!. 30 Autorenporträts. – München, 2007
(6) Ortheil, Hanns-Josef: Lesehunger. – München, 2009
(7) Koelbl, Herlinde: Im Schreiben zu Haus. Wie Schriftsteller zu Werke gehen. – München, 1998
(8) Porombka, Stephan (Hrsg.). Erst lesen. Dann schreiben. 22 Autoren und ihre Lehrmeister. – München, 2007
(9) Braun, Peter: Dichterleben – Dichterhäuser. München, 2005
(10) Mann, Thomas: Der Literat. In: Essays, Bd. 1. – Frankfurt am Main, versch. Jahre


“Okkulte Gaukelei des organischen Lebens”

18. September 2010

Thomas Mann und das phantastische Erzählen

Das diesjährige Herbst-Kolloquium der Deutschen Thomas-Mann-Gesellschaft fand von 3. bis 5. September in Göttingen statt. Die Veranstaltung trug den Titel „Der Zauberer und die Phantastik – Thomas Mann und das phantastische Erzählen.“

Mitveranstalter war das Seminar für Deutsche Philologie der Georg-August-Universität, die Deutsche Forschungsgemeinschaft unterstützte mit Fördermitteln. Hans Wißkirchen, Präsident der Gesellschaft, und Leibniz-Preisträger Heinrich Detering als Vertreter des lokalen Gastgebers, führten in die Vorträge ein und moderierten fundiert, dabei nie ohne humorvollen Akzent. Der Vortragssaal im Hauptschiff der ehemaligen Paulinerkirche, die heute zur Staats- und Universitätsbibliothek gehört und einst deren Zentrum bildete, war ein idealer Tagungsmittelpunkt.

Es ist hier natürlich nicht möglich, all die inhaltsreichen Vorträge und Diskussionen zu referieren. Hingewiesen werden kann auf einige besonders interessante Aspekte, die in Göttingen zur Sprache kamen und eventuell dazu beitragen, dem Bild Thomas Manns und seiner Werke einige neue Facetten und mögliche Interpretationen hinzuzufügen.

„das viele Lesen hat uns eine gelehrte Barbarei zugezogen.“ So steht es in dem Buch, das auf der Bank vor der Bronze-Ausgabe des Gelehrten, Aphoristikers und milden Zynikers Georg Christoph Lichtenberg liegt. Die Skulpturen befinden sich unmittelbar vor dem Eingang der ehemaligen Paulinerkirche in Göttingen. Diese zugespitzte Meinung Lichtenbergs, werden wohl die meisten Teilnehmer des Thomas-Mann-Kolloquiums nicht teilen.

Phantastik, auch fantastische Literatur, „ist erzählende Literatur, die die Gegebeheiten und Gesetze der realen Welt bewusst außer Kraft setzt und sich damit neue Möglichkeiten künstlerischer Gestaltung erschließt.“ (Brockhaus Literatur, 2007)

Gleich zu Beginn also die Frage: Ist Thomas Mann ein Autor des Phantastischen? Schrieb er fantastische Literatur? Die Antwort lautet nein – aber. – Aber, weil das Werk Thomas Manns natürlich phantastische Elemente enthält. Den erfahrenen Lesern seiner Romane und Geschichten sind sie ja meist bekannt.

Wie zum Beispiel jene Vorkommnisse, von denen in der Geschichte „Der Kleiderschrank“ erzählt wird. Elisabeth Galvan, eine aus Südtirol stammende Wissenschaftlerin, die in Neapel deutsche Literatur lehrt, sprach in ihrem Göttinger Vortrag darüber.

Albrecht van der Qualen bricht zu einer recht sonderbaren Zugreise mit unbekanntem Ziel auf. Er unterbricht die Fahrt – das erfahren wir vom Erzähler – aus einem Traum erwacht, in einer Stadt, bei der es sich wohl um keine andere als – einmal mehr bei Thomas Mann – Lübeck handelt. Am Stadtrand nimmt er in einer mit allerhand unheimlichen Attributen ausgestatteten Pension Quartier. Im alten Kleiderschrank seines Zimmers erscheint dem einsamen Manne, der nie so recht weiß ob er wacht oder träumt und wie ihm geschieht, die zart-schöne Gestalt eines sehr jungen Mädchens, das eine Art Scheherazade gibt. Wie ihr orientalisches Vorbild startet sie einen abendlichen Erzähl-Marathon, dessen Idylle und Unschuld jedoch durch die geschlechtlichen Attacken ihres männlichen Gegenüber gestört wird.

„Sie erzählte ihm … und es waren traurige Geschichten, ohne Trost; aber sie legten sich als eine süße  Last auf das Herz und ließen es langsamer und seliger schlagen … Sein Blut wallte auf in ihm, er streckte die Hände nach ihr aus, und sie wehrte im nicht. Aber er fand sie dann mehrere Abende nicht im Schranke, und wenn sie wiederkehrte, so erzählte sie doch noch mehrere Abende nichts…“

Frau Galvan machte das vielfach traumhafte dieser Geschichte deutlich und fragte nach dem Motiv der Reise. Eine Frage, die uns die Erzählung nicht beantwortet. Allerdings ahnen wir Leser längst: Das ist eine Reise ins Unausweichliche, in den Tod. Doch brach van der Qualen wirklich jemals auf? Ist er dort angekommen, wo die Geschichte endet? Vielleicht hat ihn zu Hause der Tod ereilt und er haluziniert das Geschehen in seinen allerletzten Sekunden. Vielleicht schlief er aber auch erst im Zug ein und träumte, während er in der Realität weiterfuhr, seine phantastischen „Erlebnisse.“

Es ist nicht ganz zufällig ein medizinisches Wörterbuch – der „Pschyrembel“ – das uns in knappen Worten aufklärt, was es mit dem Okkultismus auf sich hat: eine „sog. Geheimwissenschaft, die sich mit Lehren, Praktiken u. Dingen befasst, die als verborgen, geheim, übersinnnlich gelten.“ Es geht um Begriffe wie Telepathie, Telekinese, Wunderheilung u. ä. Der Okkultismus war in den frühen Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts ein begleitendes Phänomen von heute seriösen Fachrichtungen wie Psychiatrie, Klinische Psychologie und Psychotherapie.

Zwischen Phantastik und Okkultismus gibt es aus heutiger Sicht allerhand Verwandtschaft. Thomas Manns Verhältnis zu okkulten Phänomenen, war von einer Zeit geprägt, in der zentrale naturwissenschaftliche Erkenntnisse noch nicht zum unumstößlichen Gemeingut gehörten. Mann, der später im amerikanischen Exil einigen Umgang mit Albert Einstein hatte, war wohl tatsächlich in den 1920er-Jahren vom Realitätsgehalt okkulter Phänomene überzeugt. Er war von einer Strömung sehr stark mitgerissen, die in dem Münchener Arzt, Psychotherapeuten und Parapsychologien Albert von Schrenck-Notzing einen charismatischen Mittelpunkt hatte. Thomas Mann nahm an mehreren „Sitzungen“ in dessen Haus teil.

Im Essay „Okkulte Erlebnisse“ von 1923 schreibt er darüber: „Bei dem, was ich sah, handelte es sich um eine okkulte Gaukelei des organischen Lebens, um untermenschlich-tief verworrene Komplexe, die, zugleich primitiv und kompliziert, wie sie sein mögen, mit ihrem wenig würdevollen Charakter, ihrem trivialen Drum und Dran, wohl danach angetan sind, den ästhetisch-stolzen Sinn zu verletzen, aber deren anormale Realität zu leugnen, nichts als unerlaubtes Augenschließen und unvernünftige Renitenz bedeuten würde.“

Thomas Mann ist angezogen und abgestoßen zugleich. Zweifel kommen ihm, doch glaubt er sie ausschließen zu können. Und so werden auch diese Erlebnisse, wie so manches Normale und Para-Normale, das dem Schriftsteller in seinem Leben begegnete, Teil des Großen und Ganzen – des Werks.

Thomas Mann las und verehrte Edgar Alan Poe und E.T.A. Hoffmann. Besonders beeindruckte ihn Poes „The Fall of the House of Usher“.

Kai Graf Mölln, Freund und Schulkamerad des jungen Hanno Buddenbrook spricht diesem und seinem Schöpfer aus dem Herzen, wenn er schwärmt: „‘Dieser Roderich Usher ist die wundervollste Figur, die je erfunden worden ist! Ich habe eben die ganze Stunde gelesen … Wenn ich jemals eine so gute Geschichte schreiben könnte!‘ Die Sache war die, daß Kai sich mit Schreiben abgab.“

Im Phantastischen wird die Grenze zwischen Traum und Realität unscharf. Zu typischen Formeln des Phantastischen gehören etwa die Farbe Schwarz für den Tod, Rot für Eros und das Fremde, Fremdartige als Todesboten. Vorgänge wie Teufelserscheinungen – in einmaliger Weise lässt ja Mann in seinem „Doktor Faustus“ den Leser im Unklaren über Wesen und Art der teuflischen Begegnung des Adrian Leverkühn – gehören ebenso zum immer wiederkehrenden Repertoire.

Vielfach angesprochen in den Vorträgen und Diskussionen der Göttinger Tagung wurde „Der Tod in Venedig“. Diese Erzählung bietet besonders reichlich Stoff für Überlegungen und Spekulationen. Hat Gustav von Aschenbach München eigentlich wirklich verlassen? Träumt er vielleicht im Liegestuhl am Lido sein eigenes Ende? Das nicht Reale, Übersinnliche oder nur Geträumte, verbirgt sich hinter dem scheinbar realistisch Erzählten. Deutlich verlieren wir als Leser gerade dieses Werks die Grenze zwischen Realität, Traum und Übersinnlichkeit aus dem Blick. Der Erzähler gibt das Wort an Aschenbach selbst weiter, durch dessen Augen wir ein scheinbar reales Geschehen geschildert bekommen.

Die ganze „Fahrt“ nach Venedig ist zwar eine scheinbar reale Reise, aber auf anderer Ebene auch wieder eine Übergangsfahrt vom Leben zum Tod. Es kommt wirklich oder im Traum wie es kommen muss, nachdem Aschenbach schon allerhand Todesboten, wie dem seltsamen Fremden in München oder dem Gondoliere, begegnet war: „Wer die Schönheit angeschaut mit Augen / Ist dem Tode schon anheim gegeben“, wie es in einem Gedicht August von Platens, das Thomas Mann vertraut war, heißt.

Und so verlässt schließlich der Dichter Aschenbach mit einem letzten Blick auf den geliebten schönen Jüngling Tadzio diese Welt. Oder den Traum von ihr. Es ist das erwartete Ende in Entgrenzung, Eros und Tod. “Ein photographischer Apparat, scheinbar herrenlos, stand auf seinem dreibeinigen (!) Stativ am Rande der See, und ein schwarzes Tuch, darübergebreitet, flatterte klatschend im kälteren Winde. … Und noch desselben Tages empfing eine respektvoll erschütterte Welt die Nachricht von seinem (Aschenbachs) Tode.”

Gedanken, die in eine ähnliche Richtung gehen, trug Lucca Crescenzi in seinem temperament- und effektvollen Beitrag über den Zauberberg vor. Es war einer der Höhepunkte der Tagung, als der italienische Germanist mit seiner Kernthese die gebannten Zuhörer überraschte: Der ganze Zauberberg ein Traum. Eventuell der eines jungen Soldaten (Hans Castorp), der durch sein Erleben des 1. Weltkriegs in solch traumatisch traumhafte Rückschau geriet. Vielleicht auch die letzten irrealen Erzeugnisse des Gehirns eines gefallenen Soldaten. Da im Roman „Der Zauberberg“ auch noch Binnenträume erzählt werden, sehen wir das Werk ganz neu als Gewebe und Geflecht verschiedenster Träume und Traum-Ebenen.

Heinrich Detering sprach von einem Meilenstein der Thomas-Mann-Forschung und –Interpretation, vor dem man hier in Göttingen möglicherweise stehe. Es ist dabei gar nicht so entscheidend, ob man dem zu hundert Prozent zustimmen möchte, vielmehr regen solche Gedankenspiele zu einem ganz neuen Nachdenken und Verständnis des scheinbar so bekannten und vertrauten Gebirgs- und Zeit-Romans an.

Dem fiebernden Hans Castorp, erscheint der Freund Joachim Ziemßen, wie er auf einem Schlitten abwärts fährt und hustend von sich gibt: “Das ist uns doch ganz einerlei, – uns hier oben.”

Der Gegenstand des Phantastischen einerseits, das Adjektiv “phantastisch” andererseits, waren während dieser Göttinger Tage vieldeutig gegenwärtig. Es war spannend und immer interessant, was die Wissenschaft vorzutragen hatte. Doch irgendwann sind wir dann auch wieder die naiven, begeisterten und gebannten Leser und alles Andere ist uns “ganz einerlei”.


Betrachtungen eines Unpolitischen

17. Januar 2010

Thomas Manns „Betrachtungen“ und ihre Betrachter

„Die Kultur der Vergangenheit kann man nur durch ein streng historisches Herangehen verstehen, nur dann, wenn man sie mit dem ihr entsprechenden Maße misst. Einen einheitlichen Maßstab, dem man alle Zivilisationen und Epochen unterordnen könnte, gibt es nicht, da kein Mensch existiert, der in allen Epochen der gleiche ist.“ (1)

Im Rahmen der „Großen kommentierten Frankfurter Ausgabe“ der Werke Thomas Manns sind jetzt die „Betrachtungen eines Unpolitischen“ erschienen. Zusammen mit dem Kommentarband, für den der Germanist und Thomas-Mann-Spezialist Hermann Kurzke verantwortlich zeichnet.

Die „Betrachtungen“ sind ein Werk über das viel gesprochen und diskutiert, in dem viel herumgelesen wurde und wird, das aber nur Wenige vollständig gelesen haben. Macht nichts. Wichtig ist, zu wissen, dass dieses Buch, wie kein anderes Thomas Manns, vielfach missverstanden wurde, dass die meisten Zu- und Einordnungen Polemik und Vorurteil sind, Haltungen, Formeln, die sich verselbständigt haben. Denn es wurde eigentlich nicht für ein Leser-Publikum geschrieben. Der Autor schrieb sie in erster Linie für sich. Er zog eine Zwischenbilanz seiner bisherigen Laufbahn und verabschiedete das bürgerliche Zeitalter. Machte sich frei für ein neues Denken und einen neuen Weg als Künstler und Bürger einer veränderten Welt.

Erstaunlich, dass gerade dieses Werk immer noch so sehr interessiert und zu Diskussionen und Besprechungen reichlich Anlass liefert. Wie es jetzt wieder nach dem Erscheinen der neuen kritischen Ausgabe beobachtet werden kann. Etwa am Beispiel einer ausführlichen Rezension in der alternativ-liberalen TAGESZEITUNG (taz), verfasst von Michael Rutschky und erschienen in der Ausgabe vom 4. Januar. Hier steht, womit fest zu rechnen war. Rutschky erörtert ausführlich den Bruderzwist und Thomas Manns konfliktreiche Auseinandersetzungen mit Wesen und Art deutscher Nation, Kultur, insbesondere Sprache und Literatur.

Es ist kein unfreundlicher Artikel, aber auch einer der verbreitete Fehleinschätzungen nicht zu vermeiden versteht. „Was den Leser auf die Dauer am Grübeln des Unpolitischen abstößt“, schreibt Rutschky in einer Art Resümee, „das ist…der perfomatorische Selbstwiderspruch.“ Rutschky zieht Parallelen zu Günter Grass, die völlig deplaziert sind und weder Mann noch Grass gerecht werden und kommt schließlich bei der Feststellung an: „Thomas Mann träumte sich seinerzeit ein Deutschland als literarische Erfindung gegen den Rest der Welt zusammen. Das Äquivalent heute ist Peter Handkes Jugoslawien.“

Ja, hätte es nur damals schon die TAZ gegeben und hätte Thomas Mann sie gelesen!

Rutschky nennt Hermann Kurzke als maßgeblichen Interpreten der „Betrachtungen“ und lobt dessen Kommentarband. Doch wirklich auseinandergesetzt hat er sich mit dessen Erkenntnissen nicht, denn Rutschky übersieht, dass es eben Kurzke war, der uns in den letzten Jahren eine ganz andere Sichtweise auf die „Betrachtungen“ nahe gelegt hat.

Der, wie sein Gegenstand stets ironische, und damit auch die nötige Distanz wahrende, oft feinsinnig spöttelnde Hermann Kurzke, hat wesentlich zu frischer Lesart und neuer Interpretation der „Betrachtungen“ beigetragen und damit Maßstäbe gesetzt, die zu berücksichtigen sind, wenn man sich mit diesem Werk heute auseinandersetzt. Nachlesen konnte man das schon seit Jahren in seiner Thomas-Mann-Biographie (2), bestätigt und bekräftigt hat er es u. a. in launischem Referat auf der Herbst-Tagung der Deutschen Thomas-Mann-Gesellschaft 2008 in Weimar.

Die „Betrachtungen“ sind hier vor allem eine demonstrative und nach außen gerichtete Gegenposition zum Bruder, der Konflikt zwischen den Geschwistern schwelte in der Zeit der Niederschrift auf seinem Höhepunkt. Außerdem dürfen Form und Zielrichtung nicht verwechselt werden: „Dass der rhetorische Gestus der Betrachtungen der des Bekenntnis ist, davon darf man sich nicht irritieren lassen; es ist eben nur der rhetorische Gestus.“ (2). Das heißt, dass Mann in den Betrachtungen bewusst zelebriert. Die ganze Wahrheit steht nur in den Tagebüchern und kam erst nach dem Tod des Autors an die Öffentlichkeit. War es also Absicht, wie Kurzke vermutet, dass er die Tagebücher der Jahre 1918 – 1921 nicht wie andere frühe Jahrgänge verbrannte?

Schwierigkeiten: Im März 1918 hatte Thomas Mann die Arbeit am Manuskript abgeschlossen. Der Termin für den Druck war noch unklar, da es … durch den 1. Weltkrieg Probleme mit der Papierzuteilung gab. Erst am 11. November schwiegen nach über vier Jahren Krieg in Europa die Waffen.

Die „Betrachtungen“ sind auch „ein Experimentieren mit verschiedenen Positionen. Die Monarchie, die Sozialdemokratie, die Räterepublik, der Kommunismus und allerlei radikalkonservative Bestrebungen: wir finden Äußerungen für und wider alles.“ (2)

Natürlich war Thomas Mann ein Konservativer, er entstammte dem Patriziat einer ständisch verfassten Stadt-Republik, die Teil eines monarchistischen Staatswesens war. Konservative sind zunächst einmal loyal gegenüber den herrschenden Verhältnissen. Doch mit der Morgen-Dämmerung einer faschistischen Herrschaft hatte diese Loyalität für Thomas Mann ein Ende. Er war sich über die Konsequenzen für alle Konservativen, vor allem aber für alle Künstler, und er definierte ja jede Form von Außenseitertum als Künstlertum, schon früh im Klaren. Er erkannte die „Barbaren“ bereits, während weite Kreise, auch und gerade deutscher Intellektueller, noch große Hoffnungen in die neuen Herren setzten.

Seine „Betrachtungen“, die schließlich im Oktober 1918 in einer Auflage von 6000 Exemplaren erscheinen konnten, halfen ihm die großen Zeitströmungen und Konflikte seiner Generation zu verstehen, so wurde er urteilsfähig für das was Ende der 20er-Jahre als die Zukunft Deutschlands sichtbar wurde.

Lebensumstände: Im Sommer 1918 hält sich die Familie in ländlicher Abgeschiedenheit in der Nähe des oberbayerischen Tegernsees auf. „Wie erwartet war die Reise höllisch“, schreibt er an Ernst Bertram. Der Alltag ist von Geldentwertung und Verpflegungsschwierigkeiten geprägt. „Ich ernähre mich vorwiegend von Honig.“ (Brief an Paul Amann) Frühjahr 1919: Revolution in München. Ermordung des bayerischen Ministerpräsidenten Kurt Eisner und Einsetzung einer Räteregierung. Verschonung der Villa der Familie Mann in München-Bogenhausen vor Plünderung dank Ernst Toller.

Wenn man über die Betrachtungen schreibt, muss auch der Begriff des Opportunismus eine Rolle spielen. Denn diesem hat sich der Autor immer entzogen und in seinen „Betrachtungen“ vergewissert er sich dieser Haltung. Sie sind deshalb auch Pamphlet gegen alle Mitmacher und Mitlacher, Mitschwätzer und Mitläufer, gegen alle Ja-Sager und Nach-Sager.

Wie der Schriftsteller Thomas Mann verweigern auch die meisten seiner Hauptfiguren das Anpassen aus Zugehörigkeits-Verlangen. Tonio Kröger und Felix Krull, sein Erwählter und sein Adrian Leverkühn, ja bereits der kleine Hanno Buddenbrook zu Beginn des 20. Jahrhunderts, sind Anti-Opportunisten, Non-Konformisten – Künstler! Sie bezahlen dafür einen hohen Preis. Sie stehen einsam unter Blauäugigen, um sie ist faustische Kälte. Unter diesem Aspekt sollte man die Betrachtungen unbedingt auch sehen und man sollte auf eine Einordnung in politische Block-Klischees verzichten. Am allerwenigsten ist es möglich Begriffe und Definitionen unserer Gegenwart oder jüngsten Vergangenheit zu verwenden. Die 68er-Maßstäbe und Post-68er-Erfahrungen des Michael Rutschky taugen dafür ganz gewiss wenig.

„Die menschliche Gesellschaft befindet sich in einer ständigen Bewegung, Veränderung und Entwicklung, und in verschiedenen Epochen sowie unterschiedlichen Kulturen erfassen und erkennen die Menschen die Welt auf ihre Art.“ (1)

Thomas Mann: Grosse Kommentierte Frankfurter Ausgabe / Betrachtungen eines Unpolitischen. Text und Kommentar in einer Kassette. Hrsg. von Hermann Kurke. – Frankfurt am Main, 2009

(1)   Gurjewitsch, Aaron J.: Das Weltbild des mittelalterlichen Menschen. – Dresden, 1978 (hier zitiert: 5. Auflage. München, 1997)

(2)   Kurzke, Hermann: Thomas Mann. Das Leben als Kunstwerk. Eine Biographie. – München, 1999



MMX: Thomas-Mann-Gesellschaft tagt in Göttingen

10. Januar 2010

“Gewiß, dort gibt es keine Seine
und auch den Wald nicht von Vincennes,
doch sah ich nie so schöne Rosen
in Göttingen, in Göttingen.

Paris besingt man immer wieder,
von Göttingen gibt’s keine Lieder,
und dabei blüht auch dort die Liebe
in Göttingen, in Göttingen.

Was ich nun sage, das klingt freilich
für manche Leute unverzeihlich:
Die Kinder sind genau die gleichen
in Paris, wie in Göttingen.”

Barbara, (d.i. Monique Andrée Serf), französische Chanson-Sängerin, 1930 – 1997. Die Zitate stammen aus dem Chanson „Göttingen“, das 1964 entstanden ist.

In diesem Jahr findet die Jahrestagung der Deutschen Thomas-Mann-Gesellschaft in Göttingen statt. Vom 3. bis 5. September 2010 treffen sich Wissenschaftler und Literaturfreunde in der Paulinerkirche der traditionsreichen Universitätsstadt. Das Thema lautet: „Der Zauberer und die Phantastik – Thomas Mann und das phantastische Erzählen.“ Es werden dabei Vorträge und Diskussionen zu grundsätzlichen Fragen der Phantastik und zu den Erzählungen und Romanen des Schriftstellers zu hören sein. Im Rahmenprogramm sind die Lesung eines bekannten Autors, sowie literarische und kulturhistorisches Spaziergänge durch Göttingen geplant. Nähere Informationen gibt es in Kürze auf der Internet-Seite der Thomas-Mann-Gesellschaft.

„Im September 1828 verließ der größte Mathematiker des Landes zum erstenmal seit Jahren seine Heimatstadt, um am Deutschen Naturforscherkongreß in Berlin teilzunehmen. Selbstverständlich wollte er nicht dorthin. Monatelang hatte er sich geweigert, aber Alexander von Humboldt war hartnäckig geblieben, bis er in einem schwachen Moment und in der Hoffnung, der Tag käme nie, zugesagt hatte.“

Daniel Kehlmann: Die Vermessung der Welt. – Hamburg, 2005

Kehlmann wurde 2008 mit dem Thomas-Mann-Preis der Hansestadt Lübeck ausgezeichnet: „dem scharfsinnigen Essayisten und klugen Geschichtenerzähler, dessen Romane und Novellen mit artistischer Verve und in leichtfüßiger Nachfolge Thomas Manns mit Humor, Ironie und tieferer Bedeutung ihre sehr ernsten Scherze treiben.“


München und Thomas Mann

28. Juni 2009

Poschingerstraße 1 hieß die letzte Adresse der Familie Mann in München. In dem herrschaftlichen Haus am rechten Isar-Ufer lebte sie von 1914 bis 1933. Im vorherigen Blog-Beitrag habe ich geschildert, dass die Manns bereits im März 1933 ins Exil gehen mussten. Die Villa in Bogenhausen wurde beschlagnahmt und zunächst vermietet. Von 1937 bis 1940 wurde sie vom Lebensborn genutzt, einer Einrichtung, die der Zucht reinrassiger Arier zu dienen hatte. „Heilig soll uns sein jede Mutter guten Blutes“, war das Motto, das Heinrich Himmler dieser Organisation gegeben hatte. Schließlich wurde das Haus in Wohnungen aufgeteilt und wieder vermietet. Im Mai 1945 steht Klaus Mann, zu der Zeit in amerikanischen Armee-Diensten, vor dem ehemaligen elterlichen Besitz: „Auf den ersten Blick nimmt sich das alte Ding gar nicht so übel aus. Der reine Bluff!…Das Gerüst hat standgehalten, aber nur als Attrappe und hohle Form. Drinnen ist alles wüst und ausgebrannt…Durch Schutt und Asche tastete ich mich weiter ins Haus hinein. Fremd, fremd, fremd – und doch auch wieder nicht.“

An dieser Stelle hatte ich ursprünglich geplant, darzustellen, wie nach 1945 in München Gesellschaft und Politik mit dem geistigen und auch materiellen Erbe der Manns und Pringsheims zurechtkamen. Wie wurde und wird die Zeit des Krieges und des Nationalsozialismus, Vertreibung und Enteignung aufgearbeitet und dargestellt? Welche Zeugnisse liegen vor? Zu welchen Ergebnissen sind die wissenschaftlichen und die politischen Bemühungen gekommen? Bei der näheren Beschäftigung mit diesem Thema stellte sich bald heraus, dass das vorhandene Material nicht nur sehr umfangreich, sondern auch teilweise widersprüchlich und nicht leicht zu interpretieren ist. In erster Linie aber sind es Umfang und Zahl der zu bearbeiteten Quellen, die eine verdichtete und populäre Darstellung, dem Gegenstand dabei in seriöser Form gerecht werdend, nicht leicht machen. Deshalb kann ich das Thema heute und an dieser Stelle nur anreißen und konzentriere mich – wie gewohnt recht komprimiert – auf einige Aspekte der jüngsten Zeit. Eine umfangreichere und ausgewogene Darstellung wäre dann noch in Angriff zu nehmen.

Das Bestreben einer Bürgerbewegung mit einer gewissen Breite ist es seit vielen Jahren, dem Wirken in der Stadt und dem erlittenen Unrecht der Familien Mann und Pringsheim eine würdige, geeignete und gleichzeitig vielfältig nutzbare, geistreiche und offene Be-Hausung des Gedenkens und Aufarbeitens zu gönnen. Zum Sprachrohr und bei Verantwortlichen in Politik und Kultur gern gesehene Vertretung dieser einsatzfreundig, optimistischen Offensive wurde der Thomas-Mann-Förderkreis München. Er besteht jetzt seit 10 Jahren. In einer Veranstaltung am 19. Juni im Literaturhaus wurde auf das bisher erreichte zurückgeschaut, der gegenwärtige Stand der Dinge bilanziert und Ausblick und Vorstellung für die Zukunft formuliert. Derzeitiger Vorsitzender des Vereins ist Dr. Dirk Heißerer, Literaturwissenschaftler, Publizist, Organisator vielfältiger literarischer Spaziergänge und Exkursionen, Schirmherr Prof. Dr. Frido Mann, Schriftsteller, Psychologe, Sohn von Michael, Enkel von Thomas Mann. Beide saßen an diesem Abend, an dem angeregt und lebhaft diskutiert wurde, im übervollen großen Saal am Odeonsplatz auf dem Podium. Mit ihnen der Oberbürgermeister der Stadt, Christian Ude, der Präsident der Bayerischen Akademie der Schönen Künste Prof. Dr. Dieter Borchmeyer und die Diskussionsleiterin Frau Cornelia Zetsche vom Bayerischen Rundfunk.

Es zeigte sich, dass Einiges getan und bewegt worden war in den letzten Jahren. An Münchener Häusern wurden Gedenktafeln angebracht, die Universität richtete eine Thomas-Mann-Halle ein und veranstaltete eine Vortragsreihe. Eine ganze Reihe von Publikationen ist entstanden. Die Monacensia, umfangreiche München-Bibliothek und Literaturarchiv der Stadt, beherbergt die Nachlässe von Erika und Klaus Mann. Diese enthalten sehr viele Unterlagen, darunter auch von Thomas Mann. Von ihm besitzt die Monacensia außerdem zahlreiche weitere Einzelstücke; so das Manuskript „Fiorenza“, seines einzigen Dramas. Klar ist aber auch, und der Oberbürgermeister betonte den Tatbestand an diesem Abend ausdrücklich, aus ehemaligem Haus und Grund der Manns wurde und wird kein Thomas-Mann-Zentrum, keine zentrale Einrichtung für Gedenken und Veranstalten. Ein Erwerb dieser Liegenschaft war nie in greifbarer Nähe, das Gebäude selbst wäre auch wenig geeignet gewesen und ist durch die Besonderheiten seiner Geschichte eigentlich entwertet.

Das Stadtoberhaupt konnte den versammelten Thomas-Mann-Freunden dennoch aussichtsreiche Perspektiven für die weitere Zukunft skizzieren. So sollen die Sammlungen und Bemühungen um das Erbe der Manns und Pringsheims durch die Monacensia ausgeweitet und intensiviert werden. Für Katja und Thomas Mann und ihre Nachkommen soll es über eine verstärkte Web-Präsenz zu so etwas wie einem virtuellen Thomas-Mann-Haus für München kommen. Pläne mit denen sich sowohl die Diskutanten auf dem Podium, als auch das zahlreiche Publikum im Saal durchaus anfreunden können, wie die Reaktionen vermuten ließen.

Informationen zum Thomas-Mann-Förderkreis München findet man hier:

tmfm

Wer sich für die sehr fundierten und interessanten Exkursionen von und mit Dr. Dirk Heißerer, die nicht selten mit den Manns zu tun haben, interessiert, erfährt hier Näheres:

Literarische Spaziergänge und Exkursionen

Lohnend sind auch die Web-Seiten der Monacensia, organisatorisch ein Teil der Stadtbibliothek München:

Monacensia


Thomas Mann und München

22. Juni 2009

Einer der meistzitierten und meistverwendeten Sätze Thomas Manns lautet: „München leuchtete.“ Das Zitat steht heute gerne für den Nachweis urbaner Lebensqualität, synonym für eine Stadt als kulturelles Zentrum mit Ausstrahlung, auch als Werbung für die Stadt München an sich. Mit diesem Satz beginnt die Erzählung „Gladius Dei“. Vollständig lautet deren erster Absatz:

„München leuchtete. Über den festlichen Plätzen und weißen Säulentempeln, den antikisierenden Monumenten und Barockkirchen, den springenden Brunnen, Palästen und Gartenanlagen der Residenz spannte sich strahlend ein Himmel von blauer Seide, und ihre breiten und lichten, umgrünten und wohlberechneten Perspektiven lagen in dem Sonnendunst eines ersten schönen Junitages.“

mariensäule vor der frauenkirche

Während hier scheinbar das Klischee einer bayerischen Idylle bedient wird, handelt die dann folgende Geschichte ganz allgemein von der teilweise naiven Trivialität des Münchener Kunstverständnisses und von einem peinlichen persönlichen Scheitern. Es ist die Geschichte eines religiösen Eiferers, ja eines Fanatikers, und seines versuchten und kläglich misslungenen Versuchs eines Sturmlaufs gegen die Freiheit der Kunst. Dem heutigen Leser fallen sofort Parallelen zu religiös motivierten Bilderstürmern unserer Tage ein. Das Ganze endet tragisch-komisch und spätestens jetzt wird klar, dass es sich bei den Worten „München leuchtete“ um die für Thomas Mann so typische Ironie handelt.

Thomas Mann lebte über 39 Jahre in München – fast die Hälfte seines Lebens. Seine Gefühle gegenüber dieser Stadt waren von Anfang an ambivalent.

Wenn man so will, hatte Thomas Mann München ja viel zu verdanken. Mit dem Umzug von Lübeck in die bayerische Hauptstadt nahm das Leben des jungen Lübeckers seine entscheidende Wende, begann seine berufliche Laufbahn als Schriftsteller. „Erst aus der Ferne wird die Besonderheit der lübeckischen Herkunft bewusst. Erst der Verlust der Kindheits- und Jugendwelt macht die Erinnerungen daran zu Spielmaterial.“, schreibt Hermann Kurzke in seiner, der derzeit besten und gültigsten, Thomas-Mann-Biographie. (Eine ähnliche Voraussetzung für eine dichterische Laufbahn erleben wir, wenn auch unter anderen Vorzeichen, etwa fünfzig Jahre später bei Günter Grass.)

Wie viel eigene Meinung des jungen Autors mag wohl in den Worten verborgen sein, die er seiner Toni Buddenbrook in den Mund legt, die allerdings, das muss man berücksichtigen, soeben eine zweite heftige Ehe-Enttäuschung hinter sich hat? „Akklimatisieren? Nein, bei Leuten ohne Würde Moral, Ehrgeiz, Vornehmheit und Strenge, bei unsoignierten, unhöflichen und saloppen Leuten, bei Leuten, die zu gleicher Zeit träge und leichtsinnig, dickblütig und oberflächlich sind…bei solchen Leuten kann ich mich nicht akklimatisieren.“ Mann selbst hielt in einem Brief an den norddeutschen Freund Grautoff nicht hinter dem Berg: „…dies München – habe ich es noch niemals gestanden? – wie herzlich bin ich seiner überdrüssig! Ist es nicht die unlitterarische Stadt par excellence? Banale Weiber und gesunde Männer – Gott weiß, welche Fülle von Missachtung ich in das Wort „gesund“ versenke!“ Da war er 21 Jahre alt und lebte seit zwei Jahren in München. 1926, inzwischen über 50jährig, drückt er sich differenzierter und gewählter aus, am Grundtenor des Urteils hat sich aber eigentlich nicht viel geändert:

„Das Künstlerische und das Geistige, das Plastische und das Kritische, sind heute gar nicht mehr auseinanderzuhalten: eine Tatsache, die München nahe angeht. Denn München wird nur dann in Deutschland und in der Welt an der Spitze bleiben oder wieder an die Spitze kommen, wenn es nicht nur eine sinnenfrohe, sondern auch eine geistige, geistfreundliche, geistwillige, nicht nur künstlerische, sondern auch eine literarische Stadt ist.“

Die 39 Jahre die Thomas Mann mit seiner Familie in München verbrachte waren voller wichtiger Ereignisse, voller Höhepunkte; sie hätten genügt für mehr als ein Schriftstellerleben.

Am 18. Juli 1900 – er wohnt in der Schwabinger Feilitzschstraße – schreibt Thomas Mann die letzten Zeilen der Buddenbrooks. Das Originalmanuskript wird sogleich per Wert-Sendung an den Verlag S. Fischer in Berlin gesandt. „Eben habe ich mich, beim Versiegeln meines Romans, grässlich mit Lack verbrannt. Schreiben kann ich solch Buch wohl; aber es nach Berlin zu schicken ist eine Kunst für sich.“ Nach langem Hin und Her um Kürzungswünsche des Verlags, erscheint die zweibändige Erstausgabe in einer Auflage von 1000 Exemplaren im Oktober 1901. Der Erfolg beim breiten Publikum setzt allerdings erst ein, als eine preisgünstigere Ausgabe in einem Band erscheint. Der junge Schriftsteller ist jetzt materiell unabhängig, aber weit entfernt von der angestrebten großbürgerlichen Lebensführung. Der Weg dorthin wird geebnet durch Bekanntschaft, Verlobung und Hochzeit mit Katja Pringsheim, einem begabten Mädchen aus wohlhabenden Haus und die Tochter des Mathematik-Professors und kunstsinnigen Mäzens Alfred Pringsheim und dessen Gattin und ehemaligen Schauspielerin Hedwig, Enkelin von Hedwig Dohm, Schriftstellerin, Publizistin und Feministin, eine Art Alice Schwarzer des 19. Jahrhunderts. Die Trauung findet am 11. Februar 1905 statt; die Hochzeitsreise führt das Paar nach Zürich. „Das ganze war ein sonderbarer und sinnverwirrender Vorgang, und ich wunderte mich den ganzen Tag, was ich da im wirklichen Leben angerichtet hatte…“ Im November des gleichen Jahres kommt das erste Kind, die Tochter Erika. Das Ehepaar wird sechs Kinder bekommen, alle erblicken in München das Licht der Welt und wachsen in dieser Stadt auf.

Katharina_Mann_1905Im Februar 1913 wird das Grundstück Poschingerstraße 1, nahe dem rechten Isarufer, erworben, als Besitzerin ist im Grundbuch Katja Mann eingetragen. Der Einzug in das neue Haus, eine herrschaftliche Villa, in damals noch ruhiger Vorstadtlage, findet am 5. Januar 1914 ohne Katja statt. „Ich bin sehr bekümmert, dass meine Frau nicht mit Einzug halten konnte. Sie ist seit vorgestern in Arosa: Man verlangte abermals einen mehrmonatigen Hochgebirgsaufenthalt. Es ist hart.“ Das Lungenleiden, das die Ehefrau zu mehreren Aufenthalten im Schweizer Hochgebirge zwingt, verschafft dem Gatten und Schriftsteller reichlich Material, das er im „Zauberberg“ verarbeitet. Die Arbeit daran hatte Mann 1914 begonnen, sie wurde durch den ersten Weltkrieg unterbrochen und schließlich erst 1919 fortgesetzt. Das Werk erscheint 1924.

Zum 50. Geburtstag am 6. Juni 1925 lädt die Stadt München zu einer offiziellen Feier im Alten Rathaussaal. Festvortrag des Philologen Franz Muncker, Rede des Ersten Bürgermeisters Karl Scharnagl, der im folgenden Jahr zum Oberbürgermeister gewählt wird, eine bewegende Ansprache des Bruders Heinrich; Gäste sind neben vielen anderen Stefan Zweig, Alfred Kubin, Hans Pfitzner, Gerhard Hauptmann und Hugo von Hofmannsthal. Thomas Mann dankt gerührt: „Auf jeden Fall ist es eine wundervolle, tief dankenswerte Sache, einem großen Kulturvolk, wie dem deutschen, anzugehören, von seiner Sprache getragen zu sein…“

1929 erscheint „Buddenbrooks“ in einer preisgünstigen Sonderausgabe für 2,85 Mark, was im Buchhandel für einigen Wirbel sorgt. Im Herbst erhält der Münchener Groß-Schriftsteller den Nobelpreis für Literatur und wird weltweit gefeiert. Mehr dazu in diesem Blog und an dieser Stelle:

Nobelpreis für Thomas Mann

„Meine Gesundheit ist nicht die beste, die Nerven, der Kopf sind recht ermüdbar. Ich habe ein bisschen viel zu tragen, auch zu vielerlei.“ Mit dieser Klage beginnt das Jahr 1933, das einschneidende Veränderungen für die Familie Mann bringen wird. Am 30. Januar wird Adolf Hitler Reichskanzler, ab März 1933 werden jüdische Ärzte, Rechtsanwälte, Apotheker, aus ihren freien Berufen gedrängt, von ihren Verbänden ausgegrenzt und erhalten Berufsverbot, werden jüdische Geschäfte boykottiert. Am 10. Mai 1933 finden in Berlin und in 21 anderen deutschen Städten groß inszenierte öffentliche Bücherverbrennungen statt, darunter Werke von Arnold und Stefan Zweig, Jakob Wassermann, Kurt Tucholsky, Heinrich und Klaus Mann. Anfang dieses Jahres wird in ganz Deutschland dem 50. Todestages Richard Wagners gedacht; den Komponisten hatte die nationalsozialistische Bewegung für sich vereinnahmt und in den Mittelpunkt einer kulthaften Verehrung gestellt.

Wagner und Mann

Zum Jubiläum hält Thomas Mann auf Einladung der Münchener Goethe-Gesellschaft am 10. Februar im Auditorium Maximum der Universität den Vortrag „Leiden und Größe Richard Wagners.“ Eine der besten und wohlformuliertesten Beiträge zum Jubiläum, wie unabhängige Stimmen dem Wagner-Verehrer Thomas Mann bescheinigen werden. Als Ganzes ein Text hymnischer Zueignung, der allerdings Differenzierungen nicht ausspart. So heißt es zum Beispiel: “Die Vereinigungsidee der Künste selbst hat etwas Dilettantisches und wäre ohne die mit höchster Kraft vollzogene Unterwerfung ihrer aller unter sein ungeheures Ausdrucksgenie im Dilettantischen stecken geblieben”. Weite Kreise des kulturellen Establishments in der bayerischen Metropole stoßen sich an solch kritischen Ansätzen. Niemand darf es ihrer Ansicht nach wagen, das nationale Symbol Wagner in die Nähe des Dilletantismus zu rücken.

Es war, als hätte die Stadt nur darauf gewartet, dem weltläufigen Literaten beikommen zu können. Willkürlich aus dem Zusammenhang gerissene Passagen bildeten den Anlass für den „Protest der Richard-Wagner-Stadt München“ gegen den Festredner. Beteiligt waren Größen des musikalischen und künstlerischen Lebens, der Musikhochschule und der Kunstakademie, Namen wie Hans Pfitzner, Hans Knappertsbusch, Olaf Gulbransson, Karl Miller, Richard Strauss. Der Protest wird von den Nazis instrumentalisiert, dazu die deutlicher werdenden Drohungen und Konsequenzen des antisemitischen Wahns. Nonkonforme (“entartete”) Künstler und jüdische Mitbürger geraten ins Visier des sich etablierenden Regimes. Von einem Aufenthalt in der Schweiz im März 1933 – im Februar hatte in Berlin der Reichstag gebrannt – kehren Katja und Thomas Mann, auf dringendes Anraten ihrer Kinder Erika und Klaus, nicht mehr nach Deutschland zurück.

Die Heimat war genommen. München verloren. Kurz darauf auch Haus und Bibliothek, sowie große Teile des Vermögens.

Thomas Mann und München. Mit dem Abstand der vielen Jahre im Exil und der Milde des Alters schreibt Thomas Mann im Jahre 1955 aus Zürich an den damaligen Oberbürgermeister Thomas Wimmer: „Ich bin ja München, wo ich die Hälfte meines Lebens verbrachte, von Herzen zugetan, lieber Herr Oberbürgermeister, und nie habe ich Ihrer Stadt gegrollt, auch zu Zeiten nicht, wo mir Böses kam von dort…Wann immer ich Münchener Laute höre, Münchener Tonfall wird es mir warm ums Herz.“