Leipziger Buchmesse 2011 – zweite Nachlese

27. März 2011

“Hier findet doch irgendeine Lesung statt!?”

Ein hilfesuchender Aufschrei als verständlicher Ausdruck leichter Desorientierung, angesichts eines alle Sinne überfordernden Angebots. Ich habe ihn irgendwo zwischen Messehallen und “Leipzig liest.” aufgeschnappt. Dazu auf =conlibri= nun der zweite Teil literarischer und anderer unsortierter Eindrücke von der diesjährigen Leipziger Buchmesse und dem Lese-Festival “Leipzig liest.” Erneut den ganz persönlichen Spuren des bloggenden Besuchers folgend.

Dittrich. Die Messefrau an sich ist schlank, trägt glänzend halblanges, zwischen braun und rot getöntes Haar, mattschwarzes, bis kurz über die Knie reichendes Kostüm, dazu Stiefel, gerade so hoch, dass die effektvoll giftgrüne Strumpfhose zwischen Stiefelende und Rocksaum gut sichtbar bleibt. Messefrau versucht ständig mit jemand der bedeutend ist, und deshalb nicht allein durch die Hallen und zu seinen Terminen findet, Schritt zu halten. In unserem Beispiel ist es Oliver Michael Dittrich. Besser bekannt als Olli Dittrich. Wir haben ihn nicht sofort erkannt, weil der Messe-Dittrich mit dem Dittsche- oder Musik-Dittrich so wenig gemein hat, wie Messefrau mit Fausts Gretchen.

Auf dem Kopf ist er graumeliert, kurzgeschnitten und akkurat gescheitelt; er ist schlank, groß, hält sich sehr gerade, trägt schwarzen Anzug, klassische Schuhe und eine nagelneue, sehr dicke Brille. Damit sähe er nun besser, sagt er mit geschulter, kräftiger Stimme zu Messefrau. Und da Messefrau “Das freut mich Herr Dittrich” zu Messe-Dittrich sagt, erkennt der Messe-Blogger ihn nun auch. Messe-Bloggers Blicke und Aufmerksamkeit waren zuvor von Messe-Frau etwas abgelenkt. Der Titel den Messe-Dittrich uns auf der Buchmesse nahe legt, heißt übrigens “Das wirklich wahre Leben.” Er ist bei Piper erschienen und kostet 19 Euro 95 Cent. Auch das Messe-Leben ist wahr und wirklich – dicht, prall, manchmal verwirrend und einen Hauch giftgrün.

Schmidt. Schmidt war da ganz anders. Arno Schmidt (1914 – 1979). Arno Schmidt lebte in einem winzigen Haus am Rande eines kleinen Heide-Dörfchens und ging vermutlich nie auf Buchmessen. Er blieb lieber zu Hause, las, forschte, sammelte Zettel und schrieb. Doch genau dieser Arno Schmidt hatte einen eigenen Stand auf der Leipziger Buchmesse. Noch dazu einen ganzen Stand für ein einziges Buch. Die Arno-Schmidt Stiftung, im sandigen Bargfeld zu Hause, hatte auch dieses Jahr wieder eine wunderbare, leicht zeitentrückte Oase inmitten all der Messe-Wucht geschaffen.

Die Standbesatzung widmete sich ganz der Präsentation des großen Hauptwerks ihres Meisters. Die letzten Herbst erschienene Neuausgabe von Arno Schmidts “Zettel’s Traum” war gewichtiger Mittelpunkt dieses Idylls. Der Stand-hafte Schmidt-Kenner und -Interpret Bernd Rauschenbach, resümierte nach der Messe im Fach-Organ “Arno-Schmidt-Mailingliste (ASML)” über den Publikums-Zuspruch: “Erfreulich viel junge Menschen darunter – und ganz erstaunlich viele Frauen (die standen früher eher gelangweilt herum, wenn ihre Männer sich am Stand festlasen). Einige wollten nur mal das sagenumwobene Buch anfassen oder hochheben, aber Etliche verlangten Friedrich Forssman und mir ganze Kurzreferate ab.”

Bild: Arno-Schmidt-Stiftung, Bargfeld

Leipzig. Ich habe keinen Hinweis darauf gefunden, dass Arno Schmidt jemals in Leipzig war. Aber viele andere Literaten haben sich hier aufgehalten und gearbeitet. Wer auf ihren Spuren durch die sächsische Messe- und Kulturstadt spazieren möchte, der hat jetzt einen praktischen und detaillierten Navigator zur Hand: “Literarisches Leipzig” von Ansgar Bach und unter Mitarbeit von Susanne Zwiener, führt uns an die Wohn- und Wirkungsorte von 80 Dichtern, Gelehrten und Verlegern. Von Bruno Apitz, über Theodor Fontane und Franz Kafka, bis zu Juli Zeh, wandern wir alphabetisch durch das Werk und die Stadt. Das Buch, dem auch ein Stadtplan beigefügt wurde, ist ganz neu im Verlag Jena 1800 erschienen, der erstaunlicherweise in Berlin zu Hause ist, und kostet Euro 12.80.

Lyrik. Wilhelm Bartsch, der in Halle lebt, und den ich bisher nicht kannte, hat “Mitteldeutsche Gedichte” (Mitteldeutscher Verlag, 2010. Euro 16.) veröffentlicht. Wer nun mit provinzieller Tümelei rechnet, liegt falsch. Mitteldeutschland, so wird uns hier durch die poetische Hintertür klar – und eigentlich müssten wir das schon seit Thomas Manns “Doktor Faustus” wissen – , ist kulturgeschichtlich deutsches Kernland. Bartsch wandelt auf “Braunkohlenbaumwipfelpfaden zwischen keltischem Knacklaut und Gnadenstern Luther”, wie er es selbst formulierte. Er verwendet starke, unverbrauchte Bilder, holt historisch weit aus, ohne die soziale Realität der Gegenwart aus dem Auge zu verlieren.

Bartsch ist zudem ein profunder Novalis-Kenner, dem er in dem einen oder anderen Gedicht huldigt. Wie Novalis, versteht auch Bartsch den Leser als erweiterten Autor. Dieser hat das Recht, die Werke der Dichter in seinem Sinne zu interpretieren. Aber eben nur Leser oder Leserin. Lehrern hingegen möchte Bartsch am liebsten verbieten, junge Menschen mit ihren lehrplanmäßigen Unterrichts-Interpretationen der Literatur zu entfremden. “Am Ende ist alle Poesie Übersetzung”, schrieb er einmal, und seinen “Mitteldeutschen Gedichten” stellte er die Worte des Philosophen Wittgenstein voran: “Um in die Tiefe zu steigen, braucht man nicht weit reisen.”

Wilhelm Bartsch bei Mephisto.

Mephisto. Den Dichter Wilhelm Bartsch lernte ich auf dem roten Sofa bei “Mephisto 97.6” kennen. Mephisto ist wirklich wunderbar und seit einigen Jahren Medien-Stammgast in der großen Glashalle während der Leipziger Buchmesse. Das Radio der Universität Leipzig sendet Montag bis Freitag jeweils von 10 bis 12 und 18 bis 20 Uhr im Großraum Leipzig auf der UKW-Frequenz 97,6 MHz. Der Rest der Welt hat bei Interesse Zugang über den Live-Stream im Internet. Der kleine Messestand des Senders hat den Vorteil, dass man hier den Protagonisten der Buchmesse hautnah und in sehr kleinem Rahmen begnegnen kann.

Während sich anderswo dichte Menschentrauben drängen und einem Hören und Sehen schnell vergehen kann, finden sich vor dem roten Sofa oft nur eine Handvoll Kenner ein. Dabei hat Mephisto sie Alle. Ob Buchpreis-Gewinner oder Exkanzler-Sohn, Schauspieler oder Dichter, sie lassen sich ganz offensichtlich sehr gerne von dem gut ausgebildeten Medien-Nachwuchs befragen. Und die angehenden Profis beherrschen ihr Handwerk ohne bereits den gängigen Klischee-Abfragen und Phrasen-Aufsagereien verfallen zu sein. Man darf sehr gespannt sein, was aus Sarah Frühauf, Ben Hänchen und all den anderen einmal wird – wo sie uns in einigen Jahren hoffentlich wieder begegnen werden.

Fazit. Wir schreiben 2011. Das Buch ist noch da. Gedruckt und gebunden, mal handlich, mal schwerwiegend. Allem elektronischen Geblinke zum Trotz. Das Buch ist noch da, und es ist vielfältiger, bunter und manchmal einfältiger als je zuvor. Da gibt es Vaterbücher und Still-Ratgeber, biographische, bekenntnisreiche und erkenntnisarme Bücher, es gibt Bücher für Fitness und für Besinnung, rund um Essen und Trinken, gegen Krebs und gegen Ausländer, Bücher über die Vergangenheit und über die Zukunft. Die Titel heißen “Die Mütter-Mafia und Friends”, “Wenn das Leben dir eine Zitrone gibt, frag nach Salz und Tequila” oder “Noch ein Martini und ich lieg unterm Gastgeber”, “Kuss mit Soße” oder schlicht “Die Laufmasche”.

Kräftigen Beifall bekam Barbara Conrad als ihr der Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Übersetzung verliehen wurde. Sie hat Tolstois “Krieg und Frieden” neu und zeitgemäß übersetzt. Was für eine Leistung. Doch wer wird das Buch lesen? Und wer wird Jene lesen, die es nicht auf Long- und Short-Lists, nicht ins Programm eines marktstarken Verlages geschafft haben? Die wirklich literarischen Bücher sind ein Nischenprodukt. Das ist heute in jeder Buchhandlung so und das ist auch auf Buchmessen so. In Leipzig sind sie noch am ehesten zu finden: Die kleinen Verlage, die literarischen Sonderlinge, die Buch-Verrückten, die nimmermüden Lese-Existenzen.

Wer wissen möchte, wie Literatur mit Poesie beginnt, und wie sie gelebt werden kann, der sehe sich den Film “Das Schreiben und das Schweigen“ an, den zur Messezeit in Leipzig freundlicher- und passenderweise die Schaubühne ins Programm genommen hatte. Er zeichnet ein filmpoetisches Portrait der Wiener Lyrikerin Friederike Mayröcker. In unseren Lichtspielhäusern ist er eher selten zu finden; man wird ihn aber wohl bald auf DVD kaufen können. Die Bücher Mayröckers und ihres langjährigen Gefährten Ernst Jandl bekommen wir nach wie vor bei den Buchhändlern unseres Vertrauens.


“Leipzig liest.” – Ein Vorbericht

13. März 2011

Fakten. Seit 20 Jahren gibt es inzwischen das große Lese-Festival parallel zur alljährlichen Buchmesse. Es findet nicht nur in den Messehallen, sondern auch und vor allem in ganz Leipzig statt, und längst ist daraus Europas größtes Lesefest geworden: Vier Tage, über 2000 Veranstaltungen, mehr als 1500 Autoren und Autorinnen. Sie treten an 300 unterschiedlichen Veranstaltungsorten auf, lesen aus ihren Werken,  diskutieren auf Podien, stellen sich den Fragen der interessierten Öffentlichkeit. Baumwollspinnerei, Clownmuseum, Gerichtsgebäude, Schwimmbad und Klärwerk sind nur einige der kuriosen Einrichtungen an denen gelesen und in der Regel sehr intensiv zugehört wird.

Das war Ich. Bio boomt. Nein, nicht das eichelfressende, freilaufende Schnitzel, nicht der biodramatisch erzeugte Kohlrabi und auch nicht der Stoff der treibt. Bio im Wortschatz von Verlegern und Buchhändlern meint in einem weitem Sinne und in gedruckter Form alles Biographische. Ob alt, ob jung, inzwischen sind es allzuviele bekannte und weniger bekannte, bedeutende und weniger bedeutende Persönlichkeiten und Persönchen, die glauben schon so viel Leben und Erlebtes hinter sich zu haben, dass es sich lohnt darüber zu schreiben – oder schreiben zu lassen. Ob Eckart Lohse und Markus Werner mit ihrer leicht überholten, aber gut verkäuflichen Guttenberg-Nachdichtung, Veronica Ferres, die plötzlich feststellt “Kinder sind unser Leben”, Jürgen Todenhöfer mit der uneigennützigen Aufforderung “Teile dein Glück”, die blonde Bikini-Entwerferin Sony Kraus, die mit Zitronen handelt, der kölsch nuschelnde Wolfgang Niedecken, der uns von seiner Kindheit erzählen möchte oder der alterskluge Alfred Grosser mit einer Lebensbilanz – die angereiste Prominenz, all die Menschen, die man aus TV und Presse-Erzeugnissen zu kennen glaubt, verschaffen manchem Verlag und mancher Buchhandlung einen Zulauf, der nicht selten die vorhandenen Kapazitäten deutlich übersteigt. Die Veranstalter können sich jedenfalls darüber freuen, dass auch und gerade solche massenwirksamen  Ereignisse zu immer neuen Rekorden bei den Besucherzahlen beitragen.

Lyrik. Freunde gereimter und ungereimter Poesie kommen bei “Leipzig liest” allemal auf ihre Kosten. Die Wahl wird schwer fallen, denn das Angebot ist reichhaltig und bunt. Lyrik-Veranstaltungen gibt es u. a. wieder im Gohliser Schlösschen, bei der traditionellen “Lyrik im Schlösschen”. Am 17. März um 17.30 Uhr wird dort die Lyrik-Session der Leipziger Buchmesse 2011 mit Klaus-P. Anders, Helmut Braun, Wulf Kirsten, Reiner Kunze und Richard Pietraß eröffnet. – “Teil der Bewegung. Lyriknacht an Musik.”, lautet der Titel einer abendfüllenden Veranstaltung in der Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB). Unter musikalischer Begleitung von Kat Frankie stellen Vertreter der neuen Lyrik ihre aktuellen Gedichtbände vor. Am 19. März ab 20 Uhr lesen in der Hochschule neben vielen anderen: Mary Jo Bang aus den USA, der Luxemburger Jean Krier, die Berlinerin Ulrike Almut Sandig und Mathias Traxler.

Krimi. Immer stärker in den Vordergrund tritt die deutsche Autorin Elisabeth Hermann, deren bisherigen Romane ebenso Berlin zum Schauplatz haben, wie ihr neuestes Buch, das sie auf der Messe vorstellt. “Zeugin der Toten” ist eine spannende Geschichte, mit origineller Hauptfigur und aktuellem zeitgeschichtlichen Hintergrund. Es ist bei List als Hardcover erschienen; frühere Titel sind durchweg als Taschenbuch erhältlich. Ihr erster Roman “Das Kindermädchen” wird zur Zeit mit Jan Josef Liefers in einer der Hauptrollen verfilmt. – Viele gute Krimis kommen ja bekanntlich aus den nordischen Ländern. Ganz neu in der Szene ist der norwegische Tenor, Schauspieler, Komponist und jetzt auch Autor, Øystein Wiik. Er bleibt bei seinen Leisten und siedelt sein erstes Buch im Opern-Milieu an: Die Hinrichtung in Tosca endet für den Star-Sänger tatsächlich tödlich, woraufhin Opernkritiker Hartmann recherchiert und sich damit in allerhand Kalamitäten bringt. Der Titel erscheint bei dtv und kommt erst am 1. April auf den Markt – kein Scherz! Øystein kann man aber bereits am 18. März um 13.30 im Nordischen Forum erleben. Ob er liest oder singt oder beides, ist (noch) nicht bekannt.

(Quelle: Leipziger Messe)

Der Norden. Gleich weiter mit einer Erzählerin und einer Poetin aus der ausgesprochen farbigen und breiten literarischen Szene Skandinaviens. Eine Statistik will wissen, dass jeder dritte Isländer im Laufe seines Lebens ein Buch schreibt. Der neue Roman der erfolgreichen isländischen Autorin Kristin Marja Baldursdottir erscheint leider erst im Herbst, dann ist Island bekanntlich Gastland der Frankfurter Buchmesse. In Leipzig gewährt die Schriftstellerin aber schon einmal einen kleinen Einblick und liest aus ihren bisherigen Werken. Auf Deutsch erschienen zuletzt “Möwengelächter” und “Hinter fremden Türen” – beide Titel sind als Taschenbuch zu haben. Reizvoll und ganz besonders sind die Texte der samischen Lyrikerin Inger-Mari Aikio-Arianaick, vor allem wenn sie diese selbst und in ihrer Muttersprache vorträgt. Sie stammt aus finnisch Lappland und ist am 18. März um 11.30 im Nordischen Forum zu Gast. Auf Deutsch gibt es von ihr den Titel “Lebensrad”, der 2009 im Wiener Verlag Timar erschienen ist.

Aufs Ohr. Der postbürgerliche Mensch putzt selbst, kocht selbst und macht auch als Heimwerker jederzeit “sein Ding”. Da ist es nur recht und billig, dass man nicht auch noch selbst lesen will. Wir lassen lesen! Und im Ernst: Gute Texte, ob klassisch oder neuzeitlich, von schönen geschulten Stimmen gelesen – das hat schon was. Nicht selten erlebt man bekannte Werke dann noch einmal ganz anders als beim eigenen Lesen und im individuellen Kopf-Kino. Das Hörbuch ist in Leipzig tradtionell besonders stark vertreten. Und natürlich ist auch der Hörbuchbereich gegenüber den Vorjahren wieder gewachsen. Mehr als 120 Aussteller, über 100 Veranstaltungen, sowie eine Präsentation der ARD-Rundfunkanstalten. Zudem und erstmals in diesem Jahr, ein ganz neues Forum für das Hörspiel: Die “Hörspiel-Arena”.

Halle. Ausnahmsweise nicht Glas- oder Messehalle, sondern Halle an der Saale, die Nachbar-Großstadt von Leipzig, in Sachsen-Anhalt gelegen und nur wenige Kilometer Luftlinie vom Leipziger Messegelände entfernt. “Wir lesen mit:” heißt das trotzige Motto der Händelstadt. Die Veranstaltungen gehen hier von Sonntag 13.3. bis Samstag 19.3. und dabei sind u. a. Clemens Meyer, Angela Krauß und John Lennon. John Lennon am Samstag-Abend im Hallensischen “Beatles Museum” und zwar “in seiner eigenen Schreibe.” Wer dort war, möge doch bitte Nachricht geben von der Erscheinung.

Leipziger Nächte. Zurück an Weiße Elster und Pleiße. Allseits sehr beliebt ist die jährliche “Lange Leipziger Lesenacht” in der malerisch unterirdischen Moritzbastei. Diesmal schon am Donnerstag, 17. März. Und damit auch Leipziger Nächte wirklich lang sind, beginnt die Veranstaltung schon um 19 Uhr. Mit dabei Jens Eisel, Claudia Klischat, Nils Mohl, Selim Özdogan, Donata Rigg, Ulrike Almut Sandit, Clemens J. Setz und die berühmten vielen anderen. Für Musik sorgt “watching me fall”. Allzutief geht das in dem Festungsgemäuer allerdings nicht mehr, an dessen Wiederherstellung und Ausbau zum Studentenclub dereinst eine deutsche Bundeskanzlerin als “Baustudentin”, wie das in DDR-Deutsch hieß, mitwirkte. Wer danach noch mit Clemens Meyer durch die Laibdscher Barszene gezogen ist, der kommt gerade recht zum “Wake-up Slam” – täglich 10.30 Uhr bei ARTE.

Das alles und noch viel mehr, bei “Leipzig liest.”


„Es gilt, noch viel zu wagen…“

23. Februar 2011

Theodor Kramer und Wenzel


In der aktuellen Auflage von Rothmanns „Kleiner Geschichte der deutschen Literatur“ ist er nicht zu finden. Dort wird ein zeitgenössischer Heiterling namens Otto Waalkes gewürdigt; den Namen Theodor Kramer sucht man jedoch vergebens im Register. Im großen und neuesten „Kindler“ werden wir fündig. Das Literaturlexikon kennt den Schöpfer „dieser eigenwilligen Lyrik, die sich allen Etikettierungen widersetzt.“

Theodor Kramer schrieb ausschließlich Lyrik. Es wird geschätzt, dass er im Laufe seines Lebens über 10.000 Gedichte geschrieben hat. Jene, die Schubladen brauchen, verliehen das Etikett „soziale Lyrik“; er selbst sah sich als Mittler zwischen denen, die im Strom problemlos mitschwimmen können und „denen, die ohne Stimme sind.“

Theodor Kramer wurde am Neujahrstag des Jahres 1897 im niederösterreichischen Niederhollabrunn geboren. Er arbeitete zunächst als Buchhändler und Vertreter; ab Anfang der 1930er Jahre war er ein sehr erfolgreicher, im ganzen deutschen Sprachraum bekannter Schriftsteller. Er stammte aus einer jüdischen Familie; politisch stand er auf der Seite der sozialdemokratischen Bewegungen.

Wien/ÖNB/200.820

In einem Antiquariat des Ceausescu- und Securitate-Bukarest der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, erwarb Herta Müller für einen rumänischen Leu das Buch „Die Gaunerzinke“ von Theodor Kramer. Ein Leu entsprach damals dem Gegenwert einer, in sozialistischen Staaten äußerst preiswerten, Straßenbahnfahrt. Den Autor kannte die junge Frau und angehende Schriftstellerin bis dahin noch nicht. Herta Müller war als Angehörige der deutschsprachigen Minderheit in Rumänien bereits in den Focus des berüchtigten Geheimdienstes des totalitären Regimes geraten und fand sich und ihre Welt in den Gedichten über Verfolgung, Tod, Gefängnis und Flucht sofort wieder. „Kein anderer Autor fand für das Schwerste so leicht einen Klang, keiner war so mündlich im Ton und so einprägsam wie die schönsten rumänischen Volkslieder.“

Etwa 25 Jahre später gab Herta Müller, die inzwischen längst in Berlin lebte, einen Sammelband des Dichters Kramer heraus und verfasste dazu das Nachwort. Das Buch trägt den Titel „Die Wahrheit ist, man hat mir nichts getan.“ Mit diesen Versen beginnt das erste Gedicht des Buches:

„Mein Bruder Aron Lumpenspitz, / was hast du dich erhängt / und mich allein gelassen / in Stuben und auf Gassen, / wo nachts das Grauen hängt?!“

Kramer versuchte hier die Stimmung zur Zeit des Nationalsozialismus und der Judenvernichtung wiederzugeben. Nach dem Einmarsch von Hitlers Truppen in Österreich und dem – nicht nur erzwungenen – Anschluss des Landes an Deutschland, hatte der Schriftsteller die Gefährdung für sich und seine Frau lange unterschätzt. Erst im Februar 1939 floh zunächst Inge Kramer-Halberstam mit der Unterstützung Thomas Manns, Franz Werfels und Arnold Zweigs nach London. Auf Intervention des englischen PEN konnte im Juli auch Theodor Kramer sein Heimatland verlassen und nach England ausreisen. In dem Gedicht „Verbannt aus Österreich“ versuchte er sein Gefühlsleben im Exil in Worte zu fassen:

„Schon dreimal fiel und schmolz der Schnee; / wie lang noch, daß ich nicht vergeh, / verbannt aus Österreich.“

Im Dezember 1946 kehrte er nach Hause zurück. Im Wiener Globus-Verlag erschienen bald zwei Bücher. Eine zaghafte Anerkennung durch die Nachkriegsgesellschaft für einen Autor setzte ein, der während der Kriegsjahre in Vergessenheit geraten war. Doch sein Leben war in den folgenden Jahren von Krankheit geprägt. Theodor Kramer starb am 3. April 1958. Seine poetische Kraft, sein wacher Sinn für soziale Realitäten, sein sanfter aber eindringlicher Ton bleibt in seinen Gedichten erhalten. Wie zum Beispiel in „Wann sich im Herd die Asche wellt“ (das „wann“ ist hier eine wienerische Variante von „wenn“):

„Wann sich im Herd die Asche wellt / Und durch das kalte Gitter fällt / Und sich im Winkel find’t kein Scheit / Ist es die allerbeste Zeit / Um von der Glut zu schreiben.

Wann still es wird im fremden Land / Und der Kumpan, wozu er stand / Verriet und gut dabei gedeiht / Ist es die allerbeste Zeit / Um von der Glut zu schreiben.“

Auf dem Buchmarkt ist derzeit leider nur eine einzige Gedichtsammlung Kramers zu bekommen. Sie trägt den Titel „Laß still bei dir mich liegen“ und enthält ausschließlich Liebesgedichte. Der Dichter hat viel über dieses facettenreiche Thema geschrieben; inhaltlich reicht dabei das Spektrum von zarter Anbetung bis zu drastischer Erotik. Wie ein Lebensmotto, das durchaus auch auf dem Grabstein einer Janis Joplin oder Ingeborg Bachmann stehen könnte, liest sich die letzte Strophe seines „Nachtlieds“:

„Allen, die’s zu üppig treiben, / allen, die sich früh zerreiben, / allen die dies glücklich macht, / wünsch ich eine gute Nacht.“

***

Kurz, prägnant und doch vieldeutig: „Wenzel“ nennt sich der aus dem Wittenberger Ortsteil Kropstädt stammende Künstler Hans-Eckardt Wenzel. Ein Liedermacher, Sänger, Komponist, Dichter und Clown. Dass er nicht ganz den populären Bekanntheitsgrad wie ein Konstantin Wecker oder Hannes Wader erlangte, hat zum einen damit zu tun, dass er aus dem Osten Deutschlands stammt, dort auch hauptsächlich sein Publikum findet, sich zum anderen den heute gängigen Medienkonventionen weitestgehend entzieht.

Wenzel hat sich längere Zeit intensiv mit dem Werk Theodor Kramers beschäftigt und in den letzten Jahren zahlreiche Texte vertont und interpretiert. Das Ergebnis ist eine harmonische Zusammenführung von Text und Musik, als hätten Kramers Verse seit Jahrzehnten darauf gewartet, so in Noten gesetzt und vorgetragen zu werden. Für die expressive, teils sozialromantische, teils sozialkritische Lyrik des Österreichers hat Wenzel passende, schlichte Melodien gefunden, die allerdings raffiniert arrangiert und von Musikern gespielt wurden, die ihre Instrumente (oft mehrere) beherrschen.

Aus dieser Arbeit sind zwei CDs hervorgegegangen: “Lied am Rand” und “Vier Uhr früh”. Wenzel ist ein Volkssänger und -dichter im ganz urspringlichen Sinn, ein Komödiant und Musikant, wie er auch von Kramer erdacht und bedichtet sein könnte:

“Darf nicht ruhn, muß Straßen weiter; / Denn bald bin ich nicht mehr da, / und es spielt die Stadt kein zweiter / so die Ziehharmonika.”

Zur Leipziger Buchmesse im März erscheint nach etlichen Jahren endlich auch wieder ein Gedichtband von Hans-Eckardt Wenzel. “Seit ich am Meer bin”, kommt im Berliner Verlag Matrosenblau heraus. Die Premiere wird mit einer musikalischen Lesung am 16.3. in der Leipziger Schaubühne Lindenfels gefeiert. 2010 erschien Wenzels 30. CD “Kamille und Mohn”. Mit dem Lied “Krise” steht er derzeit auf Platz 1 der Liederbestenliste.

Das Zitat im Titel dieses Blog-Beitrags stammt aus Theodor Kramers Gedicht “Oh, käms auf mich nicht an.” Es wurde von Wenzel ebenfalls vertont und gesungen und gehört zu den schönsten Liedern der CD “Vier Uhr früh”. Drum sei zum guten Schluß, die letzte Strophe hier zitiert:

“Wann unser immer einer / Sich fallen läßt und fällt, / so wird um ihn gleich kleiner / und ärmer diese Welt / Es gilt, noch viel zu wagen, / wieviel mir auch verrann / oh, könnt ich doch noch sagen: / Es kommt auf mich nicht an.”

***

Kramer, Theodor: Die Wahrheit ist, man hat mir nichts getan. Gedichte. – Hrsg. und mit einem Nachwort von Herta Müller. – Wien, 1999. (Vergriffen, nur noch antiquarisch zu bekommen.)

Kramer, Theodor: Laß still bei dir mich liegen. Liebesgedichte. – Erweiterte Neuausgabe. – Wien, 2005

Weitere Informationen zu Theodor Kramer findet man bei der Theodor-Kramer-Gesellschaft, Wien.

Und hier geht es zu Wenzel.

(Bei der Österreichischen Nationalbibliothek, Wien, bedanke ich mich für die Genehmigung das Foto Theodor Kramers verwenden zu dürfen.)


Feste lesen! (1)

29. November 2010

Geschenke vom Buchmarkt – Erster Teil

Advent! Advent! die erste Kerze brennt inzwischen rasch herunter und so langsam wird es Zeit den vorweihnachtlichen Konsumtrieben zu folgen.

Liebe Freunde dieses Blogs, wenn Sie in den nächsten Tagen und Wochen aus der Buchhandlung ihres Vertrauens mehr als den geldwerten Gutschein mitnehmen wollen, gibt es hier, heute und demnächst nochmals, einige kurze Hinweise auf im Druck erschienene Erzeugnisse von Schriftstellern und Schriftstellerinnen, die es möglicherweise verdienen getrost nach Hause getragen, verschenkt oder gar vom Käufer selbst gelesen zu werden. Sollten Sie die nachfolgend aufgeführten Werke in den langen Regalreihen oder auf den Themen-Tischen nicht sofort entdecken, kein Grund zur Panik oder Flucht nach Amazonien. Jeder ordentlich ausgebildete Sortiments-Buchhändler beschafft das Vermisste in der Regel bis zum nächsten Werktag.

 

Junge Stimmen

Die junge Schweizerin Dorothee Elmiger gewann mit ihrer ersten Veröffentlichung, dem Roman “Einladung an die Waghalsigen” (Dumont. Euro 16,95), den diesjährigen Aspekte-Literaturpreis des ZDF. In ganz eigenem Stil erzählt sie von zwei Schwestern die in einer Endzeitlandschaft zu einer Expedition aufbrechen um ihre eigene Herkunft zu erforschen. Eine erfindungsreiche Geschichte voller erzählerischer Kraft.

Aus dem vorpommerschen Anklam stammt Judith Zander, die in Berlin lebt. In “Dinge die wir heute sagten” (dtv. Euro 16,90) erzählt sie eine Familiengeschichte über drei Generationen im Nordosten Deutschlands. Es geht um Provinz und Alltag, um Freundschaft und Verrat. Ein Erstling von erstaunlicher Reife. Das Buch stand auf der Short-List für den deutschen Buchpreis.

Auch der Berliner Schriftsteller und Musiker (Mitglied der Gruppe “Fön”) Michael Ebmeyer erzählt uns eine Familiengeschichte. Doch diese führt von der Provinz in die weite Welt. Vom Rheinland und dem schwäbischen Tübingen nach Argentinien und zurück. Und zeitlich vom 19. Jahrhundert bis in die bewegten 1960er Jahre der Bundesrepublik: Landungen (Kein & Aber. Euro 19,90)

Sie gewann in diesem Jahr sowohl den Deutschen, wie auch den Schweizer Buchpreis: Melinda Nadj Abonji, geboren in Becsej in der Vojvodina, studierte an der Universität Zürich Deutsche Literatur und Geschichte. In Ihrem zweiten Roman “Tauben fliegen auf” (Jung und Jung. Euro 22) erzählt sie eine stark autobiographisch geprägte Migranten-Geschichte. Die Familie Kocsis lebt in der Schweiz, aber es ist ein schwieriges Zuhause, noch keineswegs zur neuen Heimat geworden, obwohl Eltern und Kinder schon gut in das Arbeits- und Alltags-Leben integriert sind. Die Schweiz schafft manchmal die Töchter, Ildiko vor allem, sie ist zwar angekommen, fühlt sich aber nicht immer angenommen.

An orientalische Erzählungen erinnert der Stil von Mariam Kühsel-Hussani. Wie für Melinda Nadj Abonji ist auch für sie Deutsch die Zweit- und eigentlich eine Fremdsprache. Doch in dieser hat die in Kabul geborene Berlinerin zu großer Ausdruckskraft gefunden. In “Gott im Reiskorn” (Berlin University Press. Euro 18,90) erzählt sie uns von einer alten afghanischen Kalligraphenfamilie, die in den fünfziger Jahren den jungen deutschen Kunsthistoriker Jakob Benta aufgenommen hat. Es ist auch ein Ausflug zu Stationen afghanischer Kulturgeschichte, von denen viele während der zahlreichen Kriegsjahre inzwischen zerstört oder verloren sind.

Alt, aber gut

Wo Leo Tolstois “Krieg und Frieden” nach, für die meisten zu vielen Seiten endet, setzt “Vor dem Sturm” an. (Mehrere Ausgaben auf dem Markt. Sehr schön ist die reich kommentierte von dtv. Euro 15,90) Es ist der erste Roman Theodor Fontanes und gleichzeitig sein umfangreichster. Napoleon ist jetzt auf dem Rückzug aus Russland. Im märkischen Oderbruch bereiten sich Adel und Bevölkerung auf die zurückweichenden Heere vor. Zwischen alter und junger Generation gibt es sehr unterschiedliche Pläne, wie vorgegangen werden soll. Ein breites Panorama der Adels-, Bürger- und Bauernwelt um 1810 mit zahlreichen historischen Rückblenden, farbigen Personen- und Landschaftsschilderungen. Mit etwas Eingewöhnung gut lesbare 700 Seiten.

Wie Tolstoi starb auch Wilhelm Raabe im Jahr 1910. Beider hundertster Todestag wurde in den letzten Wochen mehr oder weniger ausgiebig gewürdigt. Raabe erfuhr dabei so etwas wie eine Neubewertung. Literaturhistorisch zählt der Zeitgenosse Fontanes, Storms und Kellers zu den Realisten. Sein Werk enthält aber auch spätromantische und phantastische Passagen. Inzwischen hat man in seinem Stil und seinen Themen moderne Elemente, die ihrer Zeit voraus waren, entdeckt. Raabe war kein Erfolgsautor, er schrieb nicht gefällig und leichtgängig und liest sich auch heute noch durchaus etwas sperrig. Doch auch hier wird die Mühe mit Lesegenuss und Staunen über die Vielschichtigkeit und Aktualität der Geschichten belohnt. Etwa wenn in “Pfisters Mühle” (Reclam. Euro 6) der Einbruch moderner Technik und damit neuer Geschwindigkeiten in das Leben der Menschen des 19. Jahrhunderts geschildert wird.

Stopfkuchen” (u. a. bei dtv. Euro 8,90) bezeichnete Raabe selbst im Untertitel als “See- und Mordgeschichte”. Fachleute sehen in dem Roman einen Vorläufer der späteren Kriminalromane. Eduard, kehrt nach Jahrzehnten in Südamerika noch einmal in seine deutsche Heimat zurück und trifft seinen Jugendfreund Heinrich, genannt “Stopfkuchen”. Im Mittelpunkt der Geschichte steht Heinrichs Lebensbericht. Dieser versucht darin eine Rechtfertigung seiner im bürgerlichen Sinn verfehlten Lebensform. Heinrich hat sich nämlich vom schwächelnden Außenseiter zum humoristischen Spötter der Gesellschaft entwickelt. Wenn man so will – und wie es später wohl Thomas Mann definiert hätte – zum Künstler. Dem stehen die praktischen, weltzugewandten Erfahrungen Eduards gegenüber.

Wer es erst einmal in kürzerer Form mit Raabe versuchen möchte, dem sei das unvollendete Spätwerk “Altershausen” empfohlen (Insel-Bücherei Nr. 1335 – wunderschöner kleiner Band! Euro 13,90). Der siebzigjährige Obermedizinalrat Friedrich Feyerabend, zieht Lebensbilanz und beschließt an den Ort seiner Kindheit zurückzukehren. Er reist nach Altershausen, um zu erkunden, wer noch mit ihm auf der Welt geblieben ist. Diese Insel-Ausgabe gewinnt ihren besonderen Wert durch das eigenwillige, ausgesprochen lesenswerte Nachwort des Raabe-Kenners und -Preisträgers Andreas Maier, der erst einmal von sich erzählt: “Ich komme aus einer Kleinstadt, die sich schon während meiner ersten Jahre so verwandelte, daß ich als Student bereits den Überblick verloren hatte … Ständig verschwinden die Dinge im Nichts, und zwar durch Menschenwerk … Wenn man eine Spanne von siebzig Jahren lebt, ist eigentlich am Ende die komplette Welt ausgetauscht.”

Tip: Von Raabe und Fontane gibt es zahlreiche Werke gelb und handlich in Reclams Universal-Bibliothek. Diese Bändchen sind preiswert und können bequem überall mit hingenommen werden.


Lyrik

“… Im Forsthaus kniet bei Kerzenschimmer
die Försterin im Herrenzimmer.
In dieser wunderschönen Nacht
hat sie den Förster umgebracht …”

So stimmungsvoll kann der Advent sein, zum Beispiel bei Loriot. Und Loriot geht immer: Gemalt, bewegt, gereimt. In vielen Formen und Farben und für alle Altersklassen.

Jan Wagner hingeben meint es ernst. Der aus Hamburg stammende, wie es sich für schöpferische Geister heute gehört, in Berlin lebende Dichter ist einer der wichtigsten und interessantesten deutschen Lyriker der jüngeren Generation. Sein neuestes Buch heißt “Australien” (Berlin Verlag, 18 Euro). “Man ist glücklich in Australien, / sofern man nicht dorthin fährt” – diese Verse von Alvaro de Campos hat Jan Wagner der neuen Sammlung vorangestellt und zum poetischen Programm einer Weltreise umgemünzt. Und wo immer Jan Wagner uns hinführt, fördert er Überraschendes zu Tage. Wie gut sich Wagner liest und spricht zeigt dieser Ausschnitt aus dem 2004 erschienen Gedicht “Botanischer Garten”:

“dabei, die worte an dich abzuwägen –
die paare schweigend auf geharkten wegen,
die beete laubbedeckt, die bäume kahl,
der zäune blüten schmiedeeisern kühl,
das licht aristokratisch fahl wie wachs –
sah ich am hügel gläsern das gewächs-
haus, seine weißen rippen, fin de siècle,
und dachte prompt an jene walskelette … “

Streckenweise heiter geht es bekanntlich bei dem vor vier Jahren verstorbenen Robert Gernhardt zu. Tief- und Hintersinn kommen dabei aber keineswegs zu kurz. Seine “Gesammelte Gedichte. 1954 – 2006″ (S. Fischer. Euro 16) kann man nur immer wieder empfehlen. Und mit ihm hoffen nicht Wenige, dass in Erfüllung geht, was er sich einst zusammenreimte:  “Ums Buch ist mir nicht bange. / Das Buch hält sich noch lange.”


Geschenkt!

Reckless (Dressler. Euro 19,95) von Cornelia Funke. Was man den Brüdern Grimm und ihren Figuren alles antun kann, hat uns schon Hollywood auf der Leinwand vor Augen geführt. Jetzt setzt Frau Funke dem noch eins drauf und der Verlag hat es bestsellergerecht zwischen Buchdeckel gepackt. Dazu die Spezialistin für Kinder- und Jugendliteratur, Birgit Dankert: „Cornelia Funke operiert zum Teil recht erfolgreich mit der Ausstattung der Grimmschen Märchenwelt … Aber viele der Wesen, die wir aus den alten Märchen kennen, werden in Reckless einfach nur benutzt und ausgebeutet … Die ständige Aufgeregtheit, die Tücke, die Kleptomanie all der Wassergeister, Stilze, Einhörner und Wölfe, die das Buch übervölkern, schaffen immer nur kurzfristig Spannung … Sehr bedenklich ist auch das Frauenbild, das Reckless zeichnet: Reiz und Kraft der weiblichen Figuren liegen fast ausschließlich in ihren sexuellen Vorzügen. Das beliebte Klischee der gefährlichen Frau nimmt breiten Raum ein.“

* * *

“Feste lesen! wird fortgesetzt, wenn das Wachs von der zweiten Kerze tropft. Dann geht es u. a. um “Schmöker”, echte “Herausforderungen” und “besondere Bücher.”


Arno Schmidt und Hermann Hesse

27. Oktober 2010

Erster Teil: Neunzehnhundertvierunddreißig

“Nun tritt der Mond aus einer breiten Wolke.”

Mitte des Jahres 1934 war die Machtergreifung durch die Nationalsozialisten in Deutschland nahezu abgeschlossen. Die Ämter von Präsident und Kanzler wurden per Dekret zusammengelegt; Reichskanzler Adolf Hitler war über Nacht Staatschef und damit auch Oberbefehlshaber des Militärs. Die Säuberungs- und Vernichtungswelle von „jüdischen und undeutschen Elementen“ in Kultur, Wissenschaft und Kunst war spätestens seit den Bücherverbrennungen im Frühjahr 1933 in vollem Gange. Viele Intellektuelle und Künstler hatten Deutschland bereits verlassen.

Im Januar 1934 fand der damals zwanzigjährige Arno Schmidt nach monatelangem Warten und Suchen endlich eine Lehrstelle. Die Greiff-Werke stellten den jungen Mann an, ein Textil-Betrieb in der Kleinstadt Greiffenberg, die heute Gryfow Slaski heißt. Nun fuhr er täglich mit dem Zug vom schlesischen Lauban in das etwa 15 Kilometer entfernte Städtchen, das, wie die ganze Region, seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs zu Polen gehört. Der kaufmännische Lehrling sah seine Ausbildung in der Industrie als ein notwendiges Übel und eine vorübergehende Nebenbeschäftigung.

Arno Schmidt war ein Erzähler und sich dieser künstlerischen Veranlagung schon früh bewusst, entschlossen, die Begabung zum Beruf zu machen. Bereits im Gymnasium fiel er durch allerhand Wissereien, aber auch kenntnisreiche Vorträge auf und hatte bereits ein umfangreiches Lektüre-Pensum, das weit über den Schulstoff hinausging, bewältigt. Dazu gehörten Kant und Schopenhauer, historische Stoffe und östliche Philosophie. Auch Hesse hatte er gelesen und war von dessen 1927 erschienenen „Steppenwolf“ sehr berührt gewesen. Da ging es Arno Schmidt nicht anders als vielen sensiblen jungen Menschen in aller Welt damals und bis in die Gegenwart.

Erste eigene Texte schrieb Schmidt schon während der Schulzeit, außerdem begann er Material für eine geplante Fouqué-Biographie zu sammeln. Erst sehr viel später (1958 und 1960) entstanden daraus zwei „biographische Versuche“ mit dem auf Wielands “Aristipp” anspielenden Titel „Fouqué und einige seiner Zeitgenossen“ – im ersten Anlauf 590, in einem zweiten ganze 734 Seiten umfassend. In den 1930er-Jahren entstanden auch zahlreiche Gedichte. Eines Tages schlug ihm der Freund und ehemalige Mitschüler Heinz Jerofsky vor, Arbeitsproben an bekannte Schriftsteller zu senden und um eine Einschätzung und guten Rat für das weitere Vorgehen zu bitten. So ging u. a. das Gedicht „Verbrüderung“ im Frühjahr 1934 an Hermann Hesse, „dem Dichter des Steppenwolfes in hoher Verehrung“:

„Blutbruder Gras, ich liebe dich; / dein Wasserglanz stürzt über mich / wie eine Schale Tau. / Ich hebe meine Hände her / und streichle dich so süß und schwer / und mehr und immer, immer mehr / wie die geliebte Frau…“

Es hatte da ein Mädchen gegeben, das Gedanken und Gefühle des Oberschülers und späteren Lehrlings jahrelang beschäftigte. Sie hieß Hanne Wolf, fuhr im selben Zug von Lauban nach Görlitz, wo weiterführende Schulen besucht wurden, Jungen und Mädchen natürlich – das war damals nicht anders denkbar – getrennte Einrichtungen. Er verehrte sie aus der Ferne und nannte sie gegenüber dem Freund „a tricky woman“. Persönlich gesprochen hat er nie mit ihr.

Eine erste kleine Gedichtsammlung schenkte Arno Schmidt Heinz Jerofsky, der große Stücke auf die lyrischen Fähigkeiten des Freundes hielt. Doch Schmidt konnte mehr. Was er an Sprachdurchdringung und Wortartistik zu bieten hatte, zeigen nicht erst die Jahre später veröffentlichten Werke, sondern bereits frühe Postkarten und Briefe. Davon erfahren wir in Aufzeichnungen Jerofskys.

Schon in einem Schreiben Schmidts an seinen Freund vom 29.8.1933 taucht der noch häufig metaphorisch verwendete Erdtrabant auf: „Der Mond grinste gequaelt in wolken, wind lief mit geschrei schwarz auf rauebersteigen, arno schmidt, ein fremder prinz aus dem buecherlande umging den steinberg.“ Der Steinberg ist eine unbedeutende schlesische Erhebung. In den Augen des angehenden Schriftstellers, der sich ein Leben lang nach norddeutschen Ebenen sehnen und eines Tages dort auch sesshaft werden sollte „ein nichtswürdiger klein=beleibter Hügel…“

Bildungsstolz und leicht protzend ist der Ton in einer Postkarte vom 14. September des gleichen Jahres: „Geschrieben zu beginn der nacht-el-kadr, der 26. des ramadan, im jahre 1311 der hedschra…“, wo es am Schluss heißt: „d. tinte geht aus: ‚ade! ade!’ (hamlet I. V.) schreibe spaetestens 1940 wieder. die parallel gesäumte krueppelkiefer…“

Die fernverehrte Zugfahrerin, jene tricky Hanne, wird schließlich in Arno Schmidts Erst-Veröffentlichung „Leviathan“ als Anne wieder auftauchen. Hier kommen sich der Ich-Erzähler und das weibliche Ideal – in allerdings aussichtsloser Lage – zumindest verbal-erotisch näher: „Passiert Ihnen das übrigens öfter: von mir zu träumen – ?“ Zum „Leviathan“ kommen wir im zweiten Teil der kleinen Betrachtung über das Verhältnis von Arno Schmidt und Hermann Hesse.

Hermann Hesse lebte 1934 bereits im Tessiner Montagnola. 1931 hatte er seine langjährige Gefährtin Ninon Dolbin geheiratet, ein neues Haus mit Garten bezogen und erste Vorarbeiten an seinem letzten großen Prosawerk, dem „Glasperlenspiel“, begonnen. Es sollte erst 1943 erscheinen. Schon zu dieser Zeit bekam Hesse sehr viel Post. Darunter immer wieder zahlreiche Briefe von jungen Menschen aus aller Welt, die nicht selten um Hilfe in Lebensfragen und Konfliktsituationen baten. Er versuchte zu beantworten, so viel und was ihm möglich war, musste aber erkennen – und bekannte das auch immer wieder – dass ihn die Erwartungen und Hoffnungen der Schreibenden überforderten. Der ihm abverlangten Rolle als Beichtvater und Lebensberater fühlte er sich auf Dauer nicht gewachsen.

Arno Schmidt erhielt seine Antwort am 19. Juni 1934. Hesse, längst Schweizer Staatsbürger, der sich damit auch formal korrekt von Nazi-Deutschland abgrenzen durfte, sandte einen „Gruß von Hermann Hesse“ und legte sein Gedicht „Dreistimmige Musik“ bei. Arno Schmidt, der sich in keiner Weise über die Situation Hesses im Klaren war, hatte wohl mehr erwartet, ohne selbst genau zu wissen was. Der junge Lehrling und zukünftige Schriftsteller war von seinem Idol aus seiner Sicht enttäuscht worden. Hesses Schreiben reichte er an Ernst Jerofsky weiter, der es aufbewahrte. Durch seine Erinnerungen wissen wir davon.

1937 heiratete Arno Schmidt die Arbeitskollegin Alice Murawski. Bis 1940 arbeitete er noch in den Greiff-Werken. Längst war der Krieg ausgebrochen und bald wurde auch der inzwischen 26-jährige Schlesier zur Wehrmacht eingezogen. Fünf lange Jahre trug er Uniform, erlebte Vernichtung, Tod, Leid, Verzweiflung und den Niedergang seiner Nation der Dichter und Denker. Im Chaos des Frühjahrs 1945 entfloh Schmidt zunächst dem Militärdienst, meldete sich jedoch wieder zurück und wurde noch zu letzten sinnlosen Kämpfen an die Front geschickt. Er überlebte. Von April bis Dezember 1945 war er in britischer Gefangenschaft, in der er immerhin Gelegenheit hatte, seine englischen Sprachkenntnisse zu vervollkommnen. Das ermöglichte ihm für die Zukunft Einkünfte als Übersetzer.

Der zweite Teil von „Arno Schmidt und Hermann Hesse“ folgt in Kürze.


Herbst MMX: So geht es weiter.

4. September 2010

Erreichen eigentlich die Künstler unserer Tage ihre Zeitgenossen noch? Sind sie in der Lage den Blitzlicht-Gewittern, den allgegenwärtigen bewegten, aber kaum noch bewegenden Bildern, den penetranten Verkündern, Verheißern und Verführern aus Wirtschaft, Technik, Politik und Unterhaltungs-Industrie etwas entgegen zu setzen? Gibt es sie überhaupt noch, die Eigenbrödler und Spinner, Narren und Poeten, Neugierigen, Fragenden, Zweifelnden, in ihren Nischen, Ateliers und Dichterstuben? Jene, die Melancholie und Hoffnung beschreiben, Vergangenheit und Einsamkeit besingen, Träume und Utopien malen? Mehr als der Frühling, war deren Jahreszeit immer schon der Herbst.

Der Herbst heute, ist eine schnelle, übervolle, arbeitsreiche und hektische, aber auch spannende, an Eindrücken reiche, Jahreszeit. Für Dichter und andere Künstler dankbar und ergiebig. Dabei nicht stürmend und drängend, aber immer wieder stürmisch und bewegend. Er macht herrlich traurig und kreativ, regt an zu Nachdenklichkeit und tätigem Rückzug.

Emil Nolde: Abendhimmel

Reiche Ernte für Beobachter,  Berichterstatter, Chronisten und in der Folge die Qual der Wahl, was wert erscheint notiert und weitergegeben zu werden. Für dieses Blog sind für die nächsten Wochen und Monate deshalb Sichtung und Auswahl gefragt. Erste Entscheidungen zeichnen sich bereits ab: Es geht zu literarischen Orten in Württemberg, Argentinien, Niedersachsen. Es gibt Neues von Günther Grass, Michael Ebmeyer, Arno Schmidt. Arno Schmidt wird uns dann noch in einer ganz alten Geschichte begegnen, in der auch Hermann Hesse mitspielt. Und an Thomas Mann kommen wir einmal mehr auch nicht vorbei.

Rings, ein Verstummen, ein Entfärben: / Wie sanft den Wald die Lüfte streicheln, / Sein welkes Lauf ihm abzuschmeicheln; / Ich liebe dieses milde Sterben.

So dichtete einst Nikolaus Lenau. Die Wenigsten leben heute noch im Einklang mit dem natürlichen Jahreslauf, dem Rhythmus der Jahreszeiten. Der Herbst 2010 wird sein wie die meisten in den letzten Jahren: Übervoll mit Ereignissen, Neuigkeiten, Aufgeregtheiten, Hektik, Nervosität und Konsum. Man kann das bedauern oder sich kopfschüttelnd abwenden. Man kann auch versuchen, mit gezielter Auslese und genussvoller Beschränkung einen eigenen Weg zu gehen. Durch Herbstgewitter, späte Sonnentage und lichte Nebel. Dabei freue ich mich über alle, die gelegentlich in den kleinen Seitenpfad zu „Literatur*Orte*Spuren“ abbiegen.


Maria Müller-Gögler

19. Mai 2010

Eine oberschwäbische Schriftstellerin

Drei Frauen mit dem für die Region nicht untypischen Vornamen Maria sind im 20. Jahrhundert in der literarischen Landschaft Oberschwaben auf sehr unterschiedliche Weise hervorgetreten. Die stille, religiös-mysthisch dichtende Maria Menz fand mit ihren – meist in Mundart verfassten – Gedichten, naturgemäß nur ein begrenztes Publikum; ihr gedrucktes Werk ist inzwischen schwer zu bekommen. Im Heimatort Oberessendorf erinnert nur noch der Grabstein an sie. Maria Beig schreibt spröde eindrucksvolle Prosa. Mit “Rabenkrächzen” und ihrem im letzten Jahr erschienen “Lebenslauf” erreichte sie auch ein breiteres Publikum und fand Beachtung bei den Kritikern namhafter Medien. Bei Klöpfer und Meyer ist zum 90. Geburtstag der Autorin ein fünfbändiges Gesamtwerk in attraktiver Ausstattung erschienen. Die dritte Maria – und von der soll an dieser Stelle etwas ausführlicher die Rede sein – hieß Müller-Gögler und war die vielseitigste dieser drei Schriftstellerinnen.

Das verlegerische Gesellenstück, das der spätere Suhrkamp-Chef Siegfried Unseld abzuliefern hatte, als er im Ulmer Aegis-Verlag unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg sein Handwerk erlernte, war ein Bändchen mit dem Titel „Maria Müller-Gögler. Gedichte“. Es erschien 1947 und das darin enthaltene Gedicht „Die Geige“ wählte Hermann Hesse als eines der für ihn zehn schönsten für die Anthologie „Geliebte Verse“ aus.

Dennoch blieb der 1900 im damaligen Oberamts-Städtchen Leutkirch geborenen und ab dem fünften Lebensjahr in Weingarten aufgewachsenen Schriftstellerin eine breitere Anerkennung zunächst verwehrt. Den führenden Verlagen der Republik war die provinzielle Herkunft der Autorin, den Verlegern des evangelisch-württembergischen Kernlandes ihre katholische Konfession, suspekt. So blieb es der Journalistin Jella Lepman in den 20er und 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts vorbehalten, die ersten beiden Romane von Maria Müller-Gögler im liberalen Stuttgarter Tagblatt erscheinen zu lassen. Nur schwer fanden sich danach kleinere Verlage die bereit waren „Die Magd Juditha“ und „Beatrix von Schwaben“ auch als Buch herauszugeben. Nach dem großen Krieg und dem Ende der Naziherrschaft erhielt das Verlangen der Leser nach der Literatur aus der Welt, von der man zwölf Jahre abgeschnitten war, Vorrang und die Dichterin aus dem Oberland wurde nur am Rande und von Wenigen wahrgenommen. Für Maria Müller-Gögler aber war Schreiben von Kindheit an zur Existenzform geworden.

Lange erschien ihr Werk sehr verstreut und sporadisch. In den siebziger Jahren hatte sich schließlich Martin Walser für die  Kollegin  eingesetzt. Auch ihr langjähriger Wohnort Weingarten entsann sich seiner Mitbürgerin. 1978 erhielt sie den Kunstpreis der Städte Ravensburg und Weingarten, zwei Jahre später das Bundesverdienstkreuz. Eine bescheidene späte Entdeckung und Anerkennung setzte damit ein. Das Literaturarchiv Oberschwaben ermöglichte eine neunbändige Werkausgabe im Thorbecke-Verlag; inzwischen sind jedoch alle Bücher nur noch antiquarisch oder in guten Bibliotheken zu bekommen.

Viele Anregungen für ihre Werke schöpfte Müller-Gögler aus der oberschwäbischen, ins Allgäu und den Bodensee übergehenden Landschaft, ihrer Natur, ihren Menschen, der Geschichte der Region. Sie entwickelte dabei bald einen eigenständigen, realistischen Erzählstil, dessen Vorbilder sie in romanischen und östlichen Literaturen fand. Der russische Atheist Paustowski zählte ebenso wie Bulgakow zu ihren Lieblingsautoren. Eine tiefe Zuneigung zu Frankreich, seiner Literatur und Musik, hat in ihren Büchern viele Spuren hinterlassen. Mit ihrem katholischen Glauben, dem sie ein Leben lang unbeirrt treu blieb, tritt sie niemals engstirnig oder dogmatisch auf; musste sie sich doch selbst von manchen Fesseln, in die sie durch religiös-konservative Erziehung und damit eng verbunden, die ihr zugedachte Rolle als Frau, gezwängt worden war, mühsam befreien. So ist das Religiöse ein Stück selbstverständlicher Lebenskultur, unabdingbar verbunden mit dem Alltag, den Festen, den Jahresläufen, den Ritualen der Menschen jener Gegend aus der die Dichterin kam und über die und für die sie schrieb.

Maria Müller-Göglers Roman „Täubchen, ihr Täubchen…“ durfte auf Anordnung des damaligen Oberbürgermeisters von der Stadtbücherei Ravensburg lange Zeit nicht ausgeliehen werden. Er handelt von den erotischen Irrungen und Wirrungen eines Junglehrers und setzt sich auch kritisch-ironisch mit dem ländlichen Schulwesen im Württemberg der Fünfziger-Jahre des 20. Jahrhunderts auseinander. Das Buch erschien erstmals 1963 und erzeugt auch heute noch beim Leser eine nachhaltige Betroffenheit. Es ist im Zusammenhang mit den jüngst enthüllten Missbrauchsfällen von neuer, beklemmender Aktualität.

In dem historischen Roman „Beatrix von Schwaben“ überträgt die Autorin die politischen Ereignisse im Deutschland der beginnenden Nazi-Zeit auf die Zeit der staufischen Ritter. Ebenso wie im Roman „Die Truchsessin“, der während der Bauernkriege spielt, fesselt den Leser die Spannung der Handlung, halten sich Erfindung und Präsentation historischer Fakten gekonnt die Waage. Beide Bücher schildern Frauenfiguren, die durch eine für ihre Zeit ungewöhnliche Eigenständigkeit in Denken und Handeln hervortreten und man darf getrost unterstellen, dass diese Protagonistinnen Persönlichkeitselemente der Autorin enthalten. Sie stehen den kriegerischen Welteroberungsplänen und Unterdrückungsfeldzügen ihrer männlichen Umwelt ablehnend gegenüber. Die Truchsessin, keine geringere als die Gattin des sogenannten Bauernjörg, drückt es im Roman so aus: „Ich habe mich immer schon gewundert, wie sich die Männer ein Leben lang mit Kriegen und Händeln herumschlagen mögen … Wir Frauen sind die Zuschauer bei den gefährlichen Spielen der Männer. Vielleicht wäre es gut darüber zu lächeln. Aber sie sorgen dafür, dass wir häufiger darüber weinen müssen.“

Die Bücher Maria Müller-Göglers sind auch deshalb und immer noch  interessant, weil die Lektüre farbigen und kenntnisreichen zeitgeschichtlichen Hintergrund und intensive, sehr gelungene Frauendarstellungen bietet. Martin Walser schrieb: „Ich habe beim Lesen dieser Autorin des öfteren verwundert den Kopf geschüttelt, weil das, was in unseren Jahren fast das einzige Entwicklungsthema geworden ist, eben die Menschwerdung der Frau, im Lebenswerk von Maria Müller-Gögler seit Jahrzehnten in jeder Tonart angeschlagen worden ist: von ätzend sarkastisch bis weltüberwinderisch-ergeben“.

In ihren persönlichen Erinnerungen („Bevor die Stürme kamen“, „Hinter blinden Fenstern“, „Das arme Fräulein“) schildert die Tochter des Finanzbeamten Adolf Gögler die ersten 25 Jahre ihres Lebens und damit des 20. Jahrhunderts. Die junge Schulmeisterin und spätere Gymnasial-Lehrerin schreibt hier fesselnde Lokal- und Regionalgeschichte, lange bevor diese Themen in Volkshochschul-Programme Einzug hielten. Sie nimmt den Leser mit in die kleinbürgerliche Welt vor, während und nach dem Ersten Weltkrieg, in die abgeschlossene Sphäre eines klösterlichen Erziehungsinstituts und schließlich, als gerade erst neuzehnjährige Lehrerin, auf eine Odyssee durch die Dorfschulen.

Das oberschwäbische Weingarten im Jahr 1917

Sie verlies den im ländlich konservativen Oberschwaben für junge Frauen vorgesehen Weg, brach aus der vorbestimmenten Laufbahn aus und studierte in München und Tübingen Germanistik, Philosophie, Pädagogik und promovierte 1930 in Tübingen mit einer Arbeit über “Die pädagogischen Anschauungen der Marie von Ebner-Eschenbach“, die 1931 bei Vieweg in Buchform erschien. Nach dem Studium heiratete Maria Gögler ihren Berufskollegen Paul Müller; der gemeinsame Sohn Paul wurde 1931, die Tochter Gisela 1932 geboren. Über die Berufsstationen Schwäbisch Gmünd, Laupheim und Crailsheim, kam sie 1938 nach Ulm, wo sie am Kepler-Gymnasium unterrichtete. Nachdem die Stadt im Dezember 1944 durch Bomben fast völlig zerstört worden war, zog die Familie nach Weingarten; dort lebte die Dichterin bis zu ihrem Tod im Jahr 1987.

Maria Müller-Gögler war eine sehr musikalische Frau, spielte gut und gerne Geige und Klavier, zählte zu den regelmäßigen Besucherinnen in Bayreuth und Salzburg. Mit dem Thema Musik hat sie sich auch literarisch beschäftigt, u. a. in Biographien über den aus Ravensburg stammenden Sänger Karl Erb und über den Orgelbaumeister Joseph Gabler, dessen Groß-Instrumente noch heute oberschwäbische Kirchenräume mit himmlischen Klängen füllen. Im aktuellen Kopfbild dieses Blogs sind deshalb Register der großen Gabler-Orgel in der Basilika zu Weingarten abgebildet.

In ihren zahlreichen Gedichten fand die Dichterin harmonische Melodien, die lange nachklingen und mit denen sie nicht nur ihre Liebe zur oberschwäbischen Landschaft und Kultur immer wieder neu interpretierte. Sie schreibe „Lyrik, die sich wie eine glänzende Kuppel über ihr Schaffen wölbt,“ schwärmte Siegfried Unseld zum fünfzigsten Geburtstag der Autorin. Ihr ganzes langes Leben und ihr umfangreiches Werk hatte sie schon mit einem ihrer frühen Gedichte unter ein passendes Leitwort gestellt:

„Bewahre mich vor leerem Wort, / vor Glanz, der nicht von innen glüht, / vor Blüte, die papieren blüht, / vor Wachstum, dem das Herzblatt dorrt.“


Von Menschen und Gedichten

7. April 2010

Nachträge zur Leipziger Buchmesse 2010

Zweiter Teil – mit zwei Lyrikern

„Und wir / hasten und hatschen und huschen und jagen und joggen und latschen und marschieren und schleichen und schlendern und spazieren und staksen und stapfen und stelzen … und storchen und tänzeln und tippeln und tappeln und trippeln und trappeln und trödeln und trotten und wallen und wandeln und wandern und waten und watscheln und zockeln und zotteln und zuckeln, / und wir sammeln uns in Gruppen und in Gesellschaften und in Bekanntenkreisen … „

Zitate aus dem Gedicht „Vademecum“ von Morten Söndergaard. Enthalten in dem Anfang dieses Jahres erschienenen Band „ein schritt in die richtige richtung“, der aus vier längeren Gesängen und Gedichten besteht. Der dänische Autor spricht von einem „Gehbuch“. In „Vademecum“, dem ersten Teil des Buches, das in Dänemark bereits 2005 herauskam, untersucht Söndergaard gründlich das Gehen als Bewegungsform im wörtlichen, aber auch im metaphorischen Sinn und erprobt dafür mögliche Sprach- und Ausdrucksmöglichkeiten: wir gehen zum Einkaufen, kommen in die Gänge, gehen vor die Hunde, gehen bankrott und schließlich über den Jordan…

Morten Söndergaard wurde und wird von Roland Hoffmann mit viel Gefühl für Rhythmus und Sprachmelodie ins Deutsche übertragen. Hoffmanns Versionen entsprechen den Originalen auf verblüffende Weise, wozu sicherlich auch die nahe Verwandtschaft der beiden germanischen Sprachen beiträgt. Wie stimmig, stimmungsvoll und ausdruckstark das beim Vortrag klingen kann, wurde demonstriert als Dichter und Übersetzer auf der Leipziger Buchmesse am Stand der Nordischen Literaturen Passagen aus „Vademecum“ synchron in Deutsch und Dänisch vortrugen. Hier zumindest ein kleiner Eindruck, wie man sich das Zitat am Anfang in dänischer Sprache vorzustellen hat:

„Og vi / dasker og driver og drysser og defilerer og flanerer og gakker og jokker og jakker og jogger og lister og lunter og promenerer og sjokker og sjosker og slentrer og spadserer og spankulerer og stavrer og stepper og stolprer og storker … og tusser og töffer og vader og vandrer og vralter / og vi samler os i grupper og i samfund og i omgangskredse …“

Die Lyrik Söndergaards wirkt am stärksten bei Auftritten vor Publikum, wenn die Lesung zur Performance wird, wenn Gestik, Mimik und Musikalität des Dichters oder Vortragenden die uralte Verwandtschaft von Dichtung und Lied, von Dichtung und Gesang, deutlich machen können. Auch in Leipzig waren die Zuhörer bei solchen Veranstaltungen sichtlich beeindruckt. Einer der Höhepunkte war der gemeinsame Auftritt von Morten Söndergaard und Clemens Meyer, als es dem Dänen gelang, den Leipziger zu einem ebenfalls ausdrucksstark gestalteten Vortrag seiner Prosa zu bewegen. Die Augen- und Ohren-Zeugen im altehrwürdigen Theater-Saal waren begeistert.

Die deutschen Ausgaben der Werke Morten Söndergaards erscheinen im Verlag seines Übersetzers, dem litteraturverlag roland hoffmann. Sie sind selbst in guten Buchhandlungen nicht immer vorrätig, aber jederzeit und problemlos zu beschaffen. Bemühen Sie den Buchhändler ihres Vertrauens – er wird es ihnen danken.

Wesentlich schneller und leichter zugänglich sind neue Gedichte von Michael Lentz. Durch geschickte Kooperation mit der FAZ sind einige im sonst nicht immer lyrischen WWW nur wenige Klicks vom geneigten Interessenten und potentiellen Zuhörer entfernt. (Link im Anhang.) Die Originale und den ganzen umfangreichen Zyklus von Liebesgedichten gibt es selbstverständlich auch als schön gestaltetes Druckwerk unter dem Titel „Offene Unruh. 100 Liebesgedichte“ im Verlag S. Fischer.

Der 1964 geborene Michael Lentz begann seine dichterische Laufbahn mit Poetry Slam. 1998 wurde er „Deutscher Meister“ in dieser Disziplin; 2001 gewann er den Ingeborg-Bachmann-Preis und wurde 2005 mit dem „Preis der Literaturhäuser“ ausgezeichnet. Von ihm liegen inzwischen mehrere Lyrik- und Prosa-Bände vor. Großen Anklang bei Publikum und Kritik fand sein 2007 erschienener Roman „Pazifik Exil“. Darin schildert er die Flucht vieler Intellektueller und Künstler vor der nationalsozialistischen Herrschaft ins amerikanische Exil. Seit 2006 ist er Professor für literarisches Schreiben am Deutschen Literaturinstitut der Universität Leipzig.

Söndergaard, Morten: ein schritt in die richtige richtung. et skridt i den rigtige retning. Gedichte Deutsch und Dänisch. – Übersetzt von Roland Hoffmann. litteraturverlag roland hoffmann, 2010. Euro 19,90

Ders.: Bienen sterben im Schlaf. – Übersetzt von Roland Hoffmann. litteraturverlag roland hoffmann, 2007. Euro 18,90

Lentz, Michael: Offene Unruh. 100 Liebesgedichte. – S. Fischer, 2010. Euro 16,95

Die Lyrik-Lesungen von Michael Lentz auf faz.net

Lentz, Michael: Pazifik Exil. S. Fischer, 2007. – Als Fischer Taschenbuch, 2009. Euro 9,95



Oskar Pastior (1927 – 2006)

19. November 2009

“Ich sitze stumm und kraule / das Kleinhirn zwecks Belebung / die Sprache zwecks Bestrebung”

„Natürlich weiß ich nie, wann ein Projekt beginnt. Das ist das Aufregende: erst wenn es begonnen hat (nach 3, 4, 7, 8 Anläufen oder Würfen) hat es gegriffen, so genau kennt man den Zeitpunkt nie.“

Aber wir kennen zumindest diesen Zeitpunkt: Am 20.  Oktober 1927 kam Oskar Pastior in Hermannstadt (Sibiu) als Angehöriger der deutschen Minderheit in Rumänien zur Welt. Und bei allem, was wir heute über den Menschen und sein Werk wissen und nicht wissen, ist zu vermuten, dass er schon als Dichter geboren wurde. „Als könnte Sprache indem sie mich erfindet, dem ‚Wort vor dem Ding vor dem Wort vor dem Ding vor dem Wort’, usw., auf die Spur kommen.“

Der Vater war Zeichenlehrer, das Elternhaus kulturell inspiriert und vergleichsweise aufgeschlossen, die Umgebung seiner Kindheit und Jugend deutsch. Deutsche Sprache, Kirche und Schule, deutsche Bücher. Von 1938 bis 1944 besuchte er das Gymnasium in der Heimatstadt. Wie für viele Menschen nahm sein Leben durch den Zweiten Weltkrieg eine entscheidende Wende, mit Ereignissen und Erlebnissen, die für immer nachwirkten und die zu prägenden Traumatisierungen führten.

Gegen Kriegsende wurden Rumäniendeutsche in die damalige UdSSR deportiert. Sie sollten sich am „Wiederaufbau der Sowjetunion“ beteiligen und damit ihre „Kriegsschuld“ abtragen. Oskar Pastior traf es bereits im Januar 1945. Da ist er 17 Jahre alt. Fünf Jahre wird er in sowjetischen Arbeitslagern verbringen. Er wusste nicht, ob er wieder aus dem Lager herauskommen würde. Doch die Großmutter hatte ihm zum Abschied gesagt: „Ich weiß, du kommst wieder.“ Dieser Satz habe ihn am Leben erhalten, wird er später Herta Müller erzählen. Auch Bücher, die er mitgenommen hatte, gaben ihm Halt und Kraft um Hunger und Demütigungen zu überstehen. Darin gelesen werden konnte nicht, man musste sie verstecken, der Besitz von Papier war verboten.

Nach seiner Rückkehr schlug er sich zunächst als Kistennagler und Bautechiker durch, leistete Militärdienst. „Ansonsten erkläre ich hiermit, dass ich im Nageln von Butterkisten weniger gut bin als im Nageln von Auberginenkisten, bei denen ich es einmal auf 800 Nägel die Stunde gebracht habe. Es lebe die Auberginenkiste, sie ist eine Naturschönheit.“ So steht es in einer biographischen Skizze aus den 70er Jahren.

1953 konnte er endlich Abitur machen und 1955 mit dem Germanistik-Studium in Bukarest beginnen, das er 1960 mit dem Staatsexamen abschloss. Die folgenden Jahre arbeitete er bei einem deutschsprachigen Rundfunkprogramm in der rumänischen Hauptstadt. 1964 erschien der Lyrikband „Offene Worte“, zwei Jahre später „Gedichte“. Erste Auszeichnungen folgten.

1968 nutzte Oskar Pastior einen Studienaufenthalt in Wien zur Flucht in die Bundesrepublik Deutschland, über München kam er nach Berlin, wo er ab 1969 als freier Schriftsteller lebte. Noch im selben Jahr erschien mit „Vom Sichersten ins Tausendste“ eine erste Gedichtsammlung in Deutschland. Wenig später mit „Kopfnuss und Januskopf“ ein Titel der andeutete, was die Leser bei diesem Autor erwartet. Von vielen Begriffen auch die Kehrseite, von vielen Reimen auch der Kehrreim. Er war ein Wortspieler und Buchstaben-Jongleur, er wirbelte Sprache durcheinander, gewann ihr spielerische Elemente ab. Die FAZ bezeichnete ihn als „einen der legitimen Nachfahren von Dada“. Doch das trifft nur ungenau. Zu komplex sind die Inhalte und Themen, zu vielfältig die Chiffren, Verweise und Anspielungen. Es ging nicht einfach um neue Formen oder scheinbare Form-Auflösungen. Nicht um Originalität mit aller Macht, aber auch nicht um eine Kapitulation vor der Allmacht von Sprache. Oskar Pastior war im besten und vieldeutigsten Sinne ein Sprach-Beherrscher.

In den neunziger Jahren war der Schriftsteller Gastdozent in Kassel und Frankfurt. Seine Frankfurter Poetik-Lesungen wurden bei Suhrkamp unter dem Titel „Das Unding an sich“ veröffentlicht. Sie bieten mögliche Erklärungen und Interpretationen – einige von vielen denkbaren – für die programmatische Programmlosigkeit, für die Dauerversuche an Wort, Satz und Vers. Jörg Drews nannte Pastior einen „lingualen Neutöner“. Es entstanden Experimente mit Stilformen wie Anagramm, Sonett und Sestine, eine aus dem italienischen übernommene Gedichtform der Troubadoure mit sechszeiligen Strophen:

„voilà une sixtine francaise-anglaise:

this is an english-german sestina:

oh eine deutsch-rumänische sestine:

iata si sextina romino-ruseasca:

äto – russo-italjanskaja sestina:

eccola una sestina italian-italiana:”

(Liebe Rumänen, Rumäniendeutsche, Kenner des Rumänischen: Zu gerne hätte ich die vierte Zeile obiger Gedicht-Strophe mit den notwendigen Akzenten ausgerüstet, doch die mir zur Verfügung stehenden Zeichensätze waren darauf nicht vorbereitet. J. H.)

Was ihm an sprachlichem Material zur Verfügung stand, aus welchen Brunnen er schöpfen konnte, schilderte Oskar Pastior in einer der Frankfurter Vorlesungen: “…die siebenbürgisch-sächsische Mundart der Großeltern; das leicht archaische Neuhochdeutsch der Eltern; das Rumänisch der Straße und der Behörden; ein bissel Ungarisch; primitives Lagerrussisch; Reste von Schullatein, Pharmagriechisch, Uni-Mittel- und Althochdeutsch; angelesenes Französisch, Englisch.”

Im Jahr 2004 besuchte Oskar Pastior zusammen mit Herta Müller die ehemaligen Arbeitslager in der heutigen Ukraine. Die Schriftstellerin plante eine Roman-Biographie über das Schicksal eines deportierten Rumäniendeutschen. Das Erlebte des Kollegen Pastior sollte als Grundlage dafür dienen. Dieser unterstützte das Vorhaben, erzählte Herta Müller viele Einzelheiten aus Lagerzeit und –leben. Er ist für sie einer der wenigen brauchbaren Zeugen und Quellen, „weil seine Erinnerung aus Winzigkeiten besteht, aus Details. Und genau das ist der Stoff für Literatur.“ Sie wollten das Buch gemeinsam schreiben, formulierten Sätze, die aus langen Gesprächen entstanden, arbeiteten zusammen an den einzelnen Kapiteln. Oskar hat alles mit einer mechanischen Schreibmaschine getippt und sich über die ständigen Änderungswünsche von Herta geärgert. „Ich wusste nicht, dass Prosa so schwer ist.“

Am 4. Oktober 2006, mitten in den Arbeiten am entstehenden Buch, starb der Mitverfasser Oskar Pastior überraschend. Zwei Wochen vor Verleihung des Büchnerpreises der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung; er war gerade in Frankfurt eingetroffen, um die Buchmesse zu besuchen.

„Doch wer, wenn der Schnee schmilzt,

wird dort finden, was übrigblieb von uns beiden,

und den rissigen Findelstein

aufnehmen bei sich?“

Seine Stimme lebt in den Hörbüchern fort, die er selbst eingesprochen hat. Sie stellen ein ideales Medium für die vielfarbigen, ausdrucksstarken Sprachwerke eines einmaligen Dichters dar. Der österreichische Kollege Ernst Jandl brachte es auf den Punkt als er ihm folgenden Vers widmete: “oskar passt zu pastior / pastior paßt zu oskar”. Die schwerste Zeit seines Lebens, die Jahre größter Not und Verelendung, sind aufgehoben in dem Roman „Atemschaukel“ von Herta Müller. „Ich wollte eine Beschädigung deutlich machen, und ich musste Situationen zeigen, die das Trauma verursacht haben.“ Im Dezember wird Herta Müller in Stockholm den Nobelpreis für Literatur entgegennehmen. Oskar Pastior wird sie begleiten.

Pastior, Oskar: durch – und zurück. Gedichte. Mit einem Nachwort von Michael Lentz. – Fischer Taschenbuch Verlag, 2007. Euro 9.95

Pastior, Oskar: Das Unding an sich. Frankfurter Vorlesungen. – Suhrkamp, 2006. Euro 7,50

Bei Hanser ist in den letzten Jahren eine vierbändige Werkausgabe erschienen.

Müller, Herta: Atemschaukel. Roman. – Hanser, 2009. Euro 19,90


Nachsommer (2)

5. September 2009

Stimmen und Stimmungen


IMG00328

Kurt Tucholsky

“So vier, so acht Tage – Und dann geht etwas vor. Eines Morgens riechst du den Herbst. Es ist noch nicht kalt; es ist nicht windig; es hat sich eigentlich gar nichts geändert – und doch alles. Noch ist alles wie gestern: Die Blätter, die Bäume, die Sträucher… aber nun ist alles anders… Das Wunder hat vielleicht vier Tage gedauert oder fünf, und du hast gewünscht, es solle nie, nie aufhören… Spätsommer, Frühherbst und das, was zwischen ihnen beiden liegt. Eine ganz kurze Spanne Zeit im Jahre. Es ist die fünfte und schönste Jahreszeit.”

*

Ingeborg Bachmann

„Die große Fracht des Sommers ist verladen,

das Sonnenschiff im Hafen liegt bereit

wenn hinter dir die Möwe stürzt und schreit.

Die große Fracht des Sommers ist verladen.“

*

Artur Thomas Wille

Preußisches Finale. Während echte Blüten welken, blüht es auf an Laternenpfählen, Bauzäunen, Plakatwänden. Papierene Pracht in Grün und Gelb, Rot und Schwarz, in Altbraun. Mähdrescher haben ihre Arbeit getan, Phrasendrescher ziehen auf. Noch einmal wird es hitzig im Land. An einem Sonntagabend im späten September wird abgerechnet werden. Nach Abwrackprämie und Kinderbonus gibt es Prozente. Sitze werden verteilt im verkuppelten Reichstag. Im Müggelsee letzte Nacktbader an mildem Abend. Kreuzberger Nächte sind wieder lang. Noch einen grünen Tee in Habakuks Gartenlaube. Dann spielen die Philharmoniker ihre Öde ohne Freude und der letzte Vorhang fällt uns vor die Füße. Trauerzug zum Stadtschloss. Requiem im Dom.

*

Rainer Maria Rilke

Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren laß die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
gieb ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

*

Maria Beig

„Dann drängte es mich – die Schwalben zwitscherten zum Abschied – manches schriftlich festzuhalten. Dabei wunderte ich mich, wie groß die Lust war, dies zu tun.“

Mehr über den „Lebensweg“ der oberschwäbischen Schriftstellerin in einigen Tagen an dieser Stelle.