Urbi et Libri

25. Mai 2012

StadtLesen kommt nach Neu-Ulm

„In der Stadt lebt man zu seiner Unterhaltung, auf dem Lande zur Unterhaltung der anderen.“
(Oscar Wilde)

Ich bin ja gern in Metropolen unterwegs. Einen Tag oder mehrere in München oder Leipzig, Wien, Berlin oder Zürich, notfalls sogar Stuttgart, bringen immer Gewinn, Anregung, Aufregung, Kunst-, Musik- und Literatur-Erlebnisse. Man kann lange davon zehren. Aber im Grunde meines Herzens bin ich ein Kleinstädter, komme aus einer, habe lange in diesen überschaubaren Biotopen gelebt. Und es zieht mich immer wieder hin.

Neulich hatte ich wieder einen meiner Westallgäu-Tage. Das ist so eine kleine Kurz-Kur; der Erholungsbedarf nimmt schließlich von Lebensjahr zu Lebensjahr zu. Der Himmel war blau, die Luft frisch, es wurde flächendeckend geheut (= Gras gemäht); Gras und Kräuter setzten die herrlichsten Aromen und Aerosole frei. Wie fast jedesmal landete ich auch diesmal in einer jener malerisch heimeligen Kleinstädte der Region. Ich saß, ich laß, ich aß (kleine Demo warum wir das “ß” noch brauchen!) und zwischendurch ging ich ein wenig. Er-ging mich zwischen duftenden Wiesen, an Waldränder entlang, bergauf und bergab. Zwischendurch wurde der Blick frei auf die Alpenkette; an Nordhängen und in Mulden der Hochtäler lag noch reichlich Schnee. Der Weg führte schließlich wieder zurück ins Städtchen. StadtLesen auf der Parkbank, im Cafè oder Biergarten. Unter Linden, blühenden Kastanien, wuchtigen Buchen. Mein ganz persönliches StadtLesen.

StadtLesen gibt es seit einigen Jahren auch im großen Stil. Als Kampagne. Dieses StadtLesen ist eine Aktions- und Veranstaltungsreihe die das Thema Lesen in eine breite Öffentlichkeit tragen möchte – ohne Verpflichtung, ohne Hemmschwellen. Konzipiert und realisiert wird das Ganze von der Innovationswerkstatt Sebastian Mettler in Salzburg. Unterstützt und finanziert von Partnern und Sponsoren aus Wirtschaft, Kultur und Medien. Die wohl unvermeidliche Schirmherrschaft haben die UNESCO- Kommissionen Österreichs und Deutschlands übernommen. In ausgewählten StadtLesestädten wird auf einem von der jeweiligen Stadt zur Verfügung gestellten Platz zu freiem Lesegenuss unter freiem Himmel eingeladen. Höhepunkte sind Lesungen bekannter Autorinnen und Autoren, die aus populären Werken lesen. Nach den ersten Jahren in Österreich, gibt es StadtLesen inzwischen auch in Deutschland, der Schweiz und Italien.

Jedes Jahr wird eine begrenzte Anzahl LeseStädte ausgewählt. 2011 waren das u. a. Ludwigshafen, München und Landshut, Innsbruck, Graz und Eisenstadt. Diesmal sind aus Deutschland z. B. Fürth und Berlin, Zwickau und Chemitz, Saarbrücken und Ingelheim dabei.

Und zum ersten Mal macht heuer der Tross auch in unserer Region halt. Vom 5. bis 8. Juli heißt dann die LeseStadt Neu-Ulm. Ab neun Uhr morgens, bis zum Einbruch der Dunkelheit, kann man auf dem Rathausplatz in über 3000 Büchern schmökern. Am 6. Juli findet ein Integrationslesetag statt, an dem Bürgerinnen und Bürger mit Migrationshintergrund dazu eingeladen sind, in ihrer Muttersprache selbst verfasste Texte zu präsentieren. Und gleich am ersten Abend um 20 Uhr liest der bekannte Krimi-Autor und ehemalige Ulmer Gerichts-Reporter Ulrich Ritzel aus “Schlangenkopf”, seinem neuesten Buch rund um den ehemaligen Polizeibeamten Hans Berndorf.

Rathaus-Platz Neu-Ulm mit Brunnen und Skulptur “Drei Männer im Boot” des in Neu-Ulm geborenen Bildhauers Edwin Scharff (1887 – 1955).

Welche Bedeutung dem Ereignis auf lokaler Ebene zukommt, lässt uns das Grußwort von Gerold Noerenberg, seines Zeichens Lese-Biest und Oberbürgermeister von Neu-Ulm, erahnen:
“Bücher bergen Wissen, Geschichten und Schicksale. Sie lehren von der Natur, von der Wissenschaft oder vom Leben und erzählen spannende, phantastische oder traurige Geschichten. Lesen heißt: Aussteigen aus dem Alltag, aufsaugen von Wissen oder abwandern in andere Welten. In einen besonderen Erlebnisraum des Lesens können Sie im “Lesewohnzimmer” der Aktion StadtLesen auf dem Neu-Ulmer Rathausplatz eintreten. Genießen Sie und bleiben Sie ein Weilchen. Ich wünsche Ihnen viel Vergnügen.”

Lesefestivals in vielen großen und kleinen Städten: Leipzig, Köln, Hamburg, in Literaturhäusern, auf Burg Ranis, sogar in Schaffhausen. Leseförderung flächendeckend in Kindergärten, Schulen, Vereinen, Bibliotheken, demnächst vermutlich auch in Altenheimen. Der “Welttag des Buches” im April. “Treffpunkt Bibliothek” im Oktober. Jetzt also auch noch “Stadtlesen”. Glaubt wirklich jemand, dass sich mit all diesem Aktionismus, all dem Gutgemeinten, die Zahl der Lesefähigen und Lesewilligen signikant erhöhen, die Zahl der Leseverweigerer deutlich verringern lässt? Ich melde vorsichtshalber Skepsis an. Letztlich ist es immer ein individueller Schritt. Lesen erfordert Antrieb, Lust, Fähigkeiten und setzt ein Verlangen nach dem voraus was Lesen geben kann: Genussvolle Unterhaltung, Wissen, Bildung, Kritikfähigkeit, Lust am Vertiefen und Studieren, vielleicht sogar den Anstoß zu eigenem Schreiben.

Der Klick zu StadtLesen.


Frankfurter Buchmesse 2011

17. Oktober 2011

Eine kurze Nachlese in Stichworten, wobei fast nur von Büchern die Rede ist

Ob absolviert oder zelebriert – die Frankfurter Buchmesse 2011 ist vorbei. Was bleibt? Der “Sprachkurs Plus: Isländisch, systematisch, schnell und gut” von Cornelsen. Die Freude darüber, dass es gelungen ist eine Verbindung zwischen Buch- und Automobil-Branche zu konstruieren (einfach und zweckmäßigerweise deshalb, weil als Symbol des modernen Golden Kalbes der Audi-Pavillon von der Automobil-Messe noch im Weg stand). Und schließlich, unvergessen, die flammenden Sätze über vulkanische Landschaften eines Literatur- und Island-Experten namens Westerwelle (nein, mit der Brandung an Islands Küste hat das nichts zu tun) – im Hauptberuf Noch-Außenminister.

Copyright: Frankfurter Buchmesse

Auszeichnungen 1. Den Deutschen Buchpreis bekam in diesem Jahr Eugen Ruge für sein “In Zeiten des abnehmenden Lichts” (1). Ein wirklich gutes Buch. Deutsche Geschichte aus radikal östlicher Perspektive; eine Familiengeschichte über vier Generationen, sehr spannend geschrieben. Höhepunkt, wie in so manch gutem Generationen-Roman seit “Buddenbrooks”, das Weihnachtskapitel. Rasant und amüsant wie hier linienharte Stalinisten den Spagat versuchen zwischen völligem Ignorieren und gelassenem Hinnehmen dieser christlich-heidnischen Traditionsveranstaltung. Ein beachtliches und lesenswertes Buch, das diesen Preis ebenso verdient hat, wie den der nächtlichen Kultur-Sendung “Aspekte”, die damit tradtionell Debütanten auszeichnet. Ein guter, ein hoffnungsvoller Schriftsteller also? Ruge hat zwar Schreiberfahrung, doch in der Epik debütiert er mit 57 Jahren, was in der Reife seines Schreibens durchweg deutlich wird. Er hat fast ein Leben lang gesammelt und gewartet, bis er schreiben konnte, was er zu sagen hatte. Ob da dann allerdings noch etwas nachkommen kann?

Auszeichnungen 2. Sibylle Lewitscharoff, 2009 mit dem Leipziger Buchpreis für ihren Roman “Apostoloff“ ausgezeichnet, und in diesem Jahr mit ihrem Philosophen-Roman “Blumenberg” (2) immerhin auf der Short-List für den Deutschen Buchpreis, durfte sich schon einige Tage vor Messebeginn freuen. Über den Wilhelm-Raabe-Literaturpreis und die damit verbundenen 30.000 Euro. Ihre Sprache macht es uns nicht leicht und mit ihrem neuesten Werk setzt sie auch noch richtig voraus. Das ist nicht unbedingt meine liebste Urlaubslektüre, aber die schwäbelnde Stuttgarterin mit den bulgarischen Wurzeln gehört sicher zu den Besten im Land.

Island 1.Eines der ältesten Zeugnisse europäischer Literatur und Ausgangspunkt allen isländischen Dichtens sind die Sagas (3). Sie erzählen vom Leben der ersten Siedler auf Island, der Landnahme, den oft blutigen Familienfehden, den Erkundungsfahrten per Schiff nach England, Schottland und sonstwohin. Islands vielleicht wichtigster Beitrag zur Weltliteratur ist neu übersetzt in fünf gut ausgestatteten Bänden bei S. Fischer erschienen.

Copyright: Frankfurter Buchmesse, Fotograf: Peter Hirth

Island 2. In den letzten Jahren zur regelrechten Titelschwemme angewachsen: Die Island-Krimis. In meiner Stadtbibliothek habe ich eher zufällig das Ur dieser Gattung entdeckt. Der Roman “Schwarze Vögel” (4) von Gunnar Gunnarson erschien erstmals 1929. Seine Handlung beruht auf einem aufsehenerregenden Rechtsfall aus dem Jahr 1802. Ein ehebrechendes Paar war auf Grund von Indizien zum Tode verurteilt worden, weil sie gemeinschaftlich die jeweiligen Ehepartner umgebracht haben sollten. Gunnarson hat für seine Geschichte die Protokolle dieses Prozesses studiert. Der Autor ist einer der wichtigsten isländischen Schriftstellern des 20. Jahrhunderts. Er lebte von 1889 bis 1975. “Schwarze Vögel” (Svartfugl) erschien im Original in dänischer Sprache; erst später erstellte der Autor eine isländische Fassung.

Island 3. Apropos Übersetzer. Kristof Magnusson ist Hamburger mit isländischem Migrationshintergrund. Er sorgt dafür, dass wir in Deutschland den einen oder anderen isländischen Dichter überhaupt lesen können. Zahlreiche Übersetzungen von ihm haben uns Autoren wie Hallgrímur Helgason, Einar Kárason oder Audur Jónsdóttir nähergebracht. Er selbst hat uns im letzten Jahr mit seinem Roman “Das war ich nicht” (5), einer flotten, originellen und überraschungsreichen Geschichte, auch als Autor begeistert. Von ihm gibt es jetzt eine humor- und stimmungsvolle “Gebrauchsanweisung für Island” (6). Die lesbar leichfüßige Annäherung an Land und Leute.

Laxness 1. Der isländische Literaturnobelpreisträger (1955) heißt Halldór Laxness. Er hat große Romane geschrieben. Zum Beispiel “Die Islandglocke” (7). Wie Hermann Hesses “Glasperlenspiel” und der letzte Band der Joseph-Romane von Thomas Mann im Jahr 1943 erschienen (was für ein Jahr für Romane! – und die halbe Welt im Krieg). Rolf Vollmann schwärmte: “Es ist auch ein wunderbarer Swing in dieser Sprache, im ruhigen Duktus ihrer Dialoge und Berichte. Auch die Namen haben schon etwas; das Mädchen … heißt Snaefridur, der Mann Sigurdur, ein Dichter auch, außer daß er Prediger ist und Bischof werden wird; am Schluß sind sie zusammen … Das großartige Deutsch der Übersetzung ist von Hubert Seelow.”

Laxness 2. Die deutschen Ausgaben der Werke von Halldór Laxness werden im Göttinger Steidl-Verlag gepflegt. Dort ist auch die Neuausgabe einer Biographie (8) von Halldór Gudmundsson über den großen Dichter erschienen. Dafür hat der Verleger Gerhard Steidl, der Laxness persönlich gut kannte, einige Schätze aus seinem Privatarchiv gehoben. So präsentiert das Buch zahlreiche nie zuvor publizierte Fotografien aus dem ungewöhnlichen Leben des isländischen Schriftstellers und weitgereisten Weltbürgers.

Frankfurt vor wenigen Tagen. An einem kleinen Tisch im Messe-Cafè. Jung-Autor und Alt-Verleger. Jung-Autor: Haben Sie mein Manuskript gelesen? Was empfehlen Sie mir? Alt-Verleger: Lesen, lesen, lesen. So lange Sie lesen, können Sie nicht schreiben.

Copyright: Frankfurter Buchmesse, Fotograf: Alexander Heimann

Fazit. Willkommener Kontrast zu Menschenmassen, Medienauflauf und Dauer-Propaganda: “Man ist ganz auf sich geworfen. Diese Einsamkeit kann schrecklich sein, es geht aber auch eine große Faszination von ihr aus.” Was Daniela Krien über das Schreiben sagt, trifft natürlich auch auf das Lesen zu. Und das tut uns nach Frankfurt und Reykjavik jetzt so richtig gut.

(1) Ruge, Eugen: In Zeiten des abnehmenden Lichts. Roman einer Familie. – Reinbek : Rowohlt, 2011

(2) Lewitscharoff, Sibylle: Blumenberg. Roman. – Berlin : Suhrkamp, 2011

(3) Böldl, Klaus (Hrsg.): Die Isländersagas in vier Bänden mit einem Begleitband. – Frankfurt : S. Fischer, 2011

(4) Gunnarsson, Gunnar: Schwarze Vögel. Roman. – Stuttgart : Reclam, 2009

(5) Magnusson, Kristof: Das war ich nicht. Roman. – München : Kunstmann, 2010

(6) Magnusson, Kristof: Gebrauchsanweisung für Island. – München : Piper, 2011

(7) Laxness, Halldór: Die Islandglocke. Roman. – Göttingen : Steidl, Neuausg. 2009

(8) Gudmundsson, Halldór: Halldór Laxness. Sein Leben. – Göttingen : Steidl, 2011 (Erweiterte und überarbeitete Ausgabe einer 2002 erstmals auf Deutsch erschienenen Biographie)


Olle Lönnaeus: Das fremde Kind

12. April 2011

Die häßliche Seite des morschen Volksheims

Vor ziemlich genau zwölf Monaten: Einmal mehr sorgte das Frühjahr für hormonelle Ausschüttungen, die bei Tier und Mensch zu allerhand sonderlichem Verhalten führen. Ich beschließe, dass sich Einiges in meinem Leben ändern muss. Ab sofort werde ich mich fettarm ernähren, zweimal die Woche 50 Bahnen schwimmen und keine skandinavischen Kriminalromane mehr lesen. Ich mache mich stattdessen ernsthaft über Fontane, Feuchtwanger, Frisch und Co. her.

Wenige Wochen später fiel mir das erste Buch der Schwedin Viveca Sten in die Hände. Der Frühling hatte einem regnerischen Frühsommer Platz gemacht. Die Vorsätze waren vergessen. Es folgten Theorin, Jungstedt und der unvermeidliche Adler Olsen, um nur die Wichtigsten zu nennen.

In der reichhaltigen nordischen Krimilandschaft gibt es inzwischen einen neuen Tatort. Er heißt Tomelilla. Die südschwedische Kommune besteht aus mehreren Ortschaften, hat knapp 13.000 Einwohner und liegt etwa 20 Kilometer nordöstlich des lebhaften Hafenstädtchens Ystad, von dem wichtige Fährverbindungen in die weite Welt abgehen. In Tomelilla gibt es eine moderne Kunsthalle, ein kleines Filmmuseum und ein Jazz-Archiv. Malerische schwedische Bilderbuch-Provinz also, mit weißgetünchter Kirche, einem hübschen Marktplatz mit Kopfsteinplaster und niedrige Häuschen vor denen bunte Malven wachsen. Man muss dies vorausschicken, denn in dem Buch, um das es hier geht, kommt all das nicht vor. Tomelilla kommt nicht gut weg. Wir erleben die Gemeinde als trost- und kulturlosen Ort, der von pietistischer Enge und allgegenwärtiger Fremdenfeindlichkeit geprägt ist.

Südschwedisches Idyll

Tomelilla liegt landeinwärts und damit etwas im Schatten des von vielen Reisenden frequentierten Küstenortes Ystadt. Jenem Ystad in dem einst Mankells Kommissar Kurt Wallander seine melancholischen Runden durch Mariagatan und Österleden drehte. Nun versucht mit Olle Lönnaeus ein weiterer schwedischer Verfasser von Kriminalromanen zu Legenden wie Sjöwall/Wahlöö, Mankell, Marklund und Larsson aufzuschließen.

Und einmal mehr ist Schreckliches passiert und aufzuklären im ehemaligen Volksheim-Idyll. Ein scheinbar unmotivierter Doppelmord an einem alten Ehepaar und der Totschlag an zwei jungen Männern mit Migrationshintergrund. Als Schatten liegt über dem Ort das Jahrzehnte zurückliegende Schicksal einer Polin, die, nachdem sie die Internierung im Konzentrationslager Auschwitz überlebt hatte, in Südschweden gestrandet war, um kurz darauf spurlos zu verschwinden. Zurück blieb ihr siebenjähriger Sohn Konrad, der bei eben jenen Jönssons in Pflege kam, die Jahrzehnte später zu Mordopfern wurden. Mit siebzehn Jahren hatte Konrad Tomelilla verlassen, war als Seemann, Journalist und in aller Welt unterwegs und ist jetzt nach vielen Jahren gezwungen in das mit unliebsamen Erinnerungen verbundene Städtchen seiner Kindheit zurückzukehren.

Während der nur stockend vorankommenden Ermittlungen und durch allerhand kleinstädtische Kabelen, wird Konrad immer mehr zum Hauptverdächtigen der überforderten Polizisten. Er beginnt selbst zu recherchieren und begegnet dabei Freunden und Feinden aus Kindertagen. Bei seiner Spurensuche wird er von dem exzentrischen Lokalreporter Örland Palander unterstützt, der wie Konrad zu den Außenseitern des hermetischen Gemeinwesens gehört. Allmählich gelingt es den beiden hinter die glatten Fassaden zu schauen. Dabei stoßen sie unter anderem auf eine radikale schwedennationale Bewegung, deren Mitglieder in allerhand Machenschaften verstrickt sind und deren Ziele Örland Palander so zusammenfasst: “Dreht die Zeit zurück! Werft alle raus, die unser schönes Land zerstören!”

Konrad muss sich zunehmend mit seiner eigenen Vergangenheit auseinandersetzen. Als Kind blieb er in der bigotten, pietistischen Gesellschaft ein Fremdkörper und erfuhr vielfache Ablehnung. Sein Mathematik-Lehrer brachte es auf den Punkt und sprach damit vielen Bürgern Tomelillas aus dem Herzen: “Konrad Jönsson, dieser kleine Dreckskerl, ist ein uneheliches Kind. Ein Polackenbengel. Der ist anders als wir anderen.” Bald verdichtet sich der Verdacht, dass zwischen dem Verschwinden von Konrads Mutter und den aktuellen Ereignissen ein Zusammenhang besteht.

Olle Lönnaeus wurde 1957 geboren, lebt in Lund und arbeitet hauptberuflich als Journalist. Für seine Artikel und Reportagen erhielt er mehrfach Auszeichnungen. “Das fremde Kind” ist sein erster Kriminalroman, der in Schweden bereits 2009 unter dem Titel “Det som ska sonas” erschien. Das Buch war bei Publikum und Kritik sehr erfolgreich; von der schwedischen Krimi-Akademie wurde es mit dem Preis für das beste Debut ausgezeichnet. Außer in Deutsch wurde es auch in Polnisch und Italienisch übersetzt; in Italien schaffte es der Roman auf die Bestseller-Liste. Im letzten Jahr erschien das zweite Buch von Olle Lönnaeus: “Mike Larssons rymliga hjärta”. Eine deutsche Übersetzung liegt noch nicht vor.

“Das fremde Kind”, ist in einer sachlichen, realistischen Sprache geschrieben. Auf übertriebene Drastik, wie sie sich inzwischen immer mehr durchsetzt, hat der Autor weitestgehend verzichtet. Der Roman steht ganz in der gesellschaftskritischen Tradition schwedischer Krimi-Autoren. Neben der spannenden und vielschichtigen Haupthandlung, schildert ein zweiter Erzählstrang die Entwicklungsgeschichte des ungeliebten Außenseiters Konrad Jönsson, dessen wichtigste Lebensstationen in Rückblenden geschildert werden. Der zeitgeschichtliche Hintergrund, ein skeptischer Blick auf aktuelle Entwicklungen in dem einstigen skandinavischen Vorzeigestaat, sowie das markante, eigenwillige Personal, machen die besondere Qualität dieses Schwedenkrimis aus. Gute Unterhaltung mit Mehrwert, die durchaus Lust auf weitere Werke des Autors macht.

Mein Entschluss steht jedoch wieder einmal felsenfest. Ich werde widerstehen. Seit gestern lese ich die Feuchtwanger-Biographie von Volker Sierka, habe die Reclam-Ausgabe von Effi Briest neben mir liegen und breche gleich auf, um mir eine Zehnerkarte fürs Hallenbad zu besorgen. Draußen tobt der Frühling.

Lönnaeus, Olle: Das fremde Kind. – Rowohlt, 2011. Softcover, Euro 14,95.


“Leipzig liest.” – Ein Vorbericht

13. März 2011

Fakten. Seit 20 Jahren gibt es inzwischen das große Lese-Festival parallel zur alljährlichen Buchmesse. Es findet nicht nur in den Messehallen, sondern auch und vor allem in ganz Leipzig statt, und längst ist daraus Europas größtes Lesefest geworden: Vier Tage, über 2000 Veranstaltungen, mehr als 1500 Autoren und Autorinnen. Sie treten an 300 unterschiedlichen Veranstaltungsorten auf, lesen aus ihren Werken,  diskutieren auf Podien, stellen sich den Fragen der interessierten Öffentlichkeit. Baumwollspinnerei, Clownmuseum, Gerichtsgebäude, Schwimmbad und Klärwerk sind nur einige der kuriosen Einrichtungen an denen gelesen und in der Regel sehr intensiv zugehört wird.

Das war Ich. Bio boomt. Nein, nicht das eichelfressende, freilaufende Schnitzel, nicht der biodramatisch erzeugte Kohlrabi und auch nicht der Stoff der treibt. Bio im Wortschatz von Verlegern und Buchhändlern meint in einem weitem Sinne und in gedruckter Form alles Biographische. Ob alt, ob jung, inzwischen sind es allzuviele bekannte und weniger bekannte, bedeutende und weniger bedeutende Persönlichkeiten und Persönchen, die glauben schon so viel Leben und Erlebtes hinter sich zu haben, dass es sich lohnt darüber zu schreiben – oder schreiben zu lassen. Ob Eckart Lohse und Markus Werner mit ihrer leicht überholten, aber gut verkäuflichen Guttenberg-Nachdichtung, Veronica Ferres, die plötzlich feststellt “Kinder sind unser Leben”, Jürgen Todenhöfer mit der uneigennützigen Aufforderung “Teile dein Glück”, die blonde Bikini-Entwerferin Sony Kraus, die mit Zitronen handelt, der kölsch nuschelnde Wolfgang Niedecken, der uns von seiner Kindheit erzählen möchte oder der alterskluge Alfred Grosser mit einer Lebensbilanz – die angereiste Prominenz, all die Menschen, die man aus TV und Presse-Erzeugnissen zu kennen glaubt, verschaffen manchem Verlag und mancher Buchhandlung einen Zulauf, der nicht selten die vorhandenen Kapazitäten deutlich übersteigt. Die Veranstalter können sich jedenfalls darüber freuen, dass auch und gerade solche massenwirksamen  Ereignisse zu immer neuen Rekorden bei den Besucherzahlen beitragen.

Lyrik. Freunde gereimter und ungereimter Poesie kommen bei “Leipzig liest” allemal auf ihre Kosten. Die Wahl wird schwer fallen, denn das Angebot ist reichhaltig und bunt. Lyrik-Veranstaltungen gibt es u. a. wieder im Gohliser Schlösschen, bei der traditionellen “Lyrik im Schlösschen”. Am 17. März um 17.30 Uhr wird dort die Lyrik-Session der Leipziger Buchmesse 2011 mit Klaus-P. Anders, Helmut Braun, Wulf Kirsten, Reiner Kunze und Richard Pietraß eröffnet. – “Teil der Bewegung. Lyriknacht an Musik.”, lautet der Titel einer abendfüllenden Veranstaltung in der Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB). Unter musikalischer Begleitung von Kat Frankie stellen Vertreter der neuen Lyrik ihre aktuellen Gedichtbände vor. Am 19. März ab 20 Uhr lesen in der Hochschule neben vielen anderen: Mary Jo Bang aus den USA, der Luxemburger Jean Krier, die Berlinerin Ulrike Almut Sandig und Mathias Traxler.

Krimi. Immer stärker in den Vordergrund tritt die deutsche Autorin Elisabeth Hermann, deren bisherigen Romane ebenso Berlin zum Schauplatz haben, wie ihr neuestes Buch, das sie auf der Messe vorstellt. “Zeugin der Toten” ist eine spannende Geschichte, mit origineller Hauptfigur und aktuellem zeitgeschichtlichen Hintergrund. Es ist bei List als Hardcover erschienen; frühere Titel sind durchweg als Taschenbuch erhältlich. Ihr erster Roman “Das Kindermädchen” wird zur Zeit mit Jan Josef Liefers in einer der Hauptrollen verfilmt. – Viele gute Krimis kommen ja bekanntlich aus den nordischen Ländern. Ganz neu in der Szene ist der norwegische Tenor, Schauspieler, Komponist und jetzt auch Autor, Øystein Wiik. Er bleibt bei seinen Leisten und siedelt sein erstes Buch im Opern-Milieu an: Die Hinrichtung in Tosca endet für den Star-Sänger tatsächlich tödlich, woraufhin Opernkritiker Hartmann recherchiert und sich damit in allerhand Kalamitäten bringt. Der Titel erscheint bei dtv und kommt erst am 1. April auf den Markt – kein Scherz! Øystein kann man aber bereits am 18. März um 13.30 im Nordischen Forum erleben. Ob er liest oder singt oder beides, ist (noch) nicht bekannt.

(Quelle: Leipziger Messe)

Der Norden. Gleich weiter mit einer Erzählerin und einer Poetin aus der ausgesprochen farbigen und breiten literarischen Szene Skandinaviens. Eine Statistik will wissen, dass jeder dritte Isländer im Laufe seines Lebens ein Buch schreibt. Der neue Roman der erfolgreichen isländischen Autorin Kristin Marja Baldursdottir erscheint leider erst im Herbst, dann ist Island bekanntlich Gastland der Frankfurter Buchmesse. In Leipzig gewährt die Schriftstellerin aber schon einmal einen kleinen Einblick und liest aus ihren bisherigen Werken. Auf Deutsch erschienen zuletzt “Möwengelächter” und “Hinter fremden Türen” – beide Titel sind als Taschenbuch zu haben. Reizvoll und ganz besonders sind die Texte der samischen Lyrikerin Inger-Mari Aikio-Arianaick, vor allem wenn sie diese selbst und in ihrer Muttersprache vorträgt. Sie stammt aus finnisch Lappland und ist am 18. März um 11.30 im Nordischen Forum zu Gast. Auf Deutsch gibt es von ihr den Titel “Lebensrad”, der 2009 im Wiener Verlag Timar erschienen ist.

Aufs Ohr. Der postbürgerliche Mensch putzt selbst, kocht selbst und macht auch als Heimwerker jederzeit “sein Ding”. Da ist es nur recht und billig, dass man nicht auch noch selbst lesen will. Wir lassen lesen! Und im Ernst: Gute Texte, ob klassisch oder neuzeitlich, von schönen geschulten Stimmen gelesen – das hat schon was. Nicht selten erlebt man bekannte Werke dann noch einmal ganz anders als beim eigenen Lesen und im individuellen Kopf-Kino. Das Hörbuch ist in Leipzig tradtionell besonders stark vertreten. Und natürlich ist auch der Hörbuchbereich gegenüber den Vorjahren wieder gewachsen. Mehr als 120 Aussteller, über 100 Veranstaltungen, sowie eine Präsentation der ARD-Rundfunkanstalten. Zudem und erstmals in diesem Jahr, ein ganz neues Forum für das Hörspiel: Die “Hörspiel-Arena”.

Halle. Ausnahmsweise nicht Glas- oder Messehalle, sondern Halle an der Saale, die Nachbar-Großstadt von Leipzig, in Sachsen-Anhalt gelegen und nur wenige Kilometer Luftlinie vom Leipziger Messegelände entfernt. “Wir lesen mit:” heißt das trotzige Motto der Händelstadt. Die Veranstaltungen gehen hier von Sonntag 13.3. bis Samstag 19.3. und dabei sind u. a. Clemens Meyer, Angela Krauß und John Lennon. John Lennon am Samstag-Abend im Hallensischen “Beatles Museum” und zwar “in seiner eigenen Schreibe.” Wer dort war, möge doch bitte Nachricht geben von der Erscheinung.

Leipziger Nächte. Zurück an Weiße Elster und Pleiße. Allseits sehr beliebt ist die jährliche “Lange Leipziger Lesenacht” in der malerisch unterirdischen Moritzbastei. Diesmal schon am Donnerstag, 17. März. Und damit auch Leipziger Nächte wirklich lang sind, beginnt die Veranstaltung schon um 19 Uhr. Mit dabei Jens Eisel, Claudia Klischat, Nils Mohl, Selim Özdogan, Donata Rigg, Ulrike Almut Sandit, Clemens J. Setz und die berühmten vielen anderen. Für Musik sorgt “watching me fall”. Allzutief geht das in dem Festungsgemäuer allerdings nicht mehr, an dessen Wiederherstellung und Ausbau zum Studentenclub dereinst eine deutsche Bundeskanzlerin als “Baustudentin”, wie das in DDR-Deutsch hieß, mitwirkte. Wer danach noch mit Clemens Meyer durch die Laibdscher Barszene gezogen ist, der kommt gerade recht zum “Wake-up Slam” – täglich 10.30 Uhr bei ARTE.

Das alles und noch viel mehr, bei “Leipzig liest.”


Neue Krimi-Autorin aus Schweden

6. Juni 2010

Das maritime Mord-Milieu der Viveca Sten

Es geht gleich saftig los. Mit einem drastisch geschilderten Todesfall. Und man denkt: Wieder so ein Krimi für Hartgekochte, mit detailliertem Morden, Sektionen in Nahaufnahme und anderen Scheußlichkeiten, die häufig begrenzte erzählerische Fähigkeiten wettmachen müssen. Obwohl am Ende drei Opfer zu beklagen sind, haben wir es hier aber dennoch nicht mit reißerischem Stil, der auf billige Effekte setzt, zu tun. Vielmehr bekommen wir neben den eigentlichen Kriminalfällen soviel Landeskunde und authentisches Lokalkolorit, wie selten in einem der zahlreichen, von sogenannten „Crime-Ladies“ verfassten, Schwedenkrimis.

Dieses Buch ist das erste einer Trilogie, deren schwedische Originalausgaben in den Jahren 2008 bis 2010 erschienen sind und die jetzt nach und nach in Deutsch bei Kiepenheuer und Witsch herauskommen. Fast hätte ich jedoch auf Kauf und Lektüre verzichtet. Denn der deutsche Titel „Tödlicher Mittsommer“ ist ein derber Marketing-Fehlgriff, eine unlogische, billig ausschließlich an Kauf-Instinkte appellierende und eher abschreckende Zumutung.

Viveca Sten, eine Stockholmer Juristin, Ehefrau und Mutter, legt ihr erstes belletristisches Werk vor. Es führt uns an Schauplätze, die manchen von uns aus jungen Jahren oder durch Kinder und Enkel schon recht gut bekannt sind – vorausgesetzt sie waren oder sind eifrige Astrid-Lindgren-Leser. Diesmal ist das Geschehen allerdings nicht auf dem idyllischen Saltkrokan angesiedelt, sondern auf einer der größten Schären-Inseln, dem etwa 30 Kilometer vor der Küste in der Ostsee liegenden Sandhamn. Auch in der vielverkauften “Millenium”-Trilogie von Stieg Larsson spielt das Felsen-Eiland eine Rolle. Mikael Blomkvist, die männliche Hauptfigur der Thriller, besitzt dort eine kleine Hütte, in die er sich gerne zum kontemplativen Arbeiten oder ausgedehnten Liebesspielen zurückzieht.

Viveca Sten kennt die Ferien-Insel durch zahlreiche eigene Aufenthalte. Nach der Lektüre ihres Krimis dürfte sich auch jeder der irgendwann einmal selbst diesen Ort besucht, bereits bestens orientieren können. Namen und Lage der schönsten Sehenswürdigkeiten, Gasthäuser und Strände sind geläufig und vertraut. Ebenso die Fährverbindungen vom Festland und zwischen den einzelnen Schärenfelsen, einschließlich Abfahrts- und Ankunftszeiten. Die Autorin erzählt plastisch und detailgetreu. Maritimes Milieu und maritimer Wortschatz („Roringknoten“, „zwei halbe Schläge um die eigene Part“) sind Seite für Seite gegenwärtig. Immer wieder besuchen wir mit ihr den edlen königlich schwedischen Segelclub (KSSS) mit seinen Traditionen, auf konservative Männlichkeit ausgerichteten Ritualen und seinen situierten Mitgliedern aus besten Kreisen.

Die Todesfälle erschüttern das kleine Soziotop und erzeugen ein Klima der Verunsicherung und des Misstrauens. Das gesellschaftliche Gefüge wankt, Wunden der Vergangenheit werden aufgerissen. Der zuständige Polizeibeamte ist Thomas Andreasson von der Dienststelle Nacka. Ein Mann Ende dreißig, der auf vielfältige Weise mit den Menschen der Schären-Welt verbunden ist. Er vergräbt sich gerne in seine Arbeit, da er persönliche, noch nicht allzu lange zurückliegende, Schicksals-Schläge zu verarbeiten hat.

In einer langen Tradition, seit dem Autorenpaar Maj Sjöwall und Per Wahlöö, bis zu aktuellen Autorinnen wie Camilla Läckberg und Aasa Larsson, sind gute schwedische Kriminalromane auch spannende Gesellschaftsdramen. Viveca Sten reiht sich hier gekonnt ein.

Neben dem Polizisten Thomas steht das Ehepaar Nora und Henrik Linde im Mittelpunkt der Erzählung. Wie stark sie in die aktuellen Fälle verwickelt sind, bleibt lange offen und ist eines der Spannungselemente des Buches. Kurze Kapitel und häufiger Perspektivenwechsel sorgen zusätzlich für Tempo und Kurzweil.

In der harmonischen Ehe von Nora und Henrik kommt es zu einem Konflikt, der entfernt an die Figur der Nora in Henrik Ibsens „Ein Puppenheim“ erinnert. Allerdings ist die moderne Nora Linde keine verwöhnte Zicke wie die norwegische Namens-Cousine, sondern eine gut ausgebildete und ambitionierte junge Frau, die gerne eine berufliche Chance wahrnehmen möchte. Dabei lernt sie ihren Ehemann plötzlich von einer ihr bis dahin nicht vertrauten, patriarchalisch konservativen Seite kennen.

Die Lösung der Kriminalfälle erweist sich schließlich, wie eben auch manches gesellschaftliche Phänomen, als im wahrsten Sinne zwiespältig. Mehr kann an dieser Stelle nicht verraten werden. Das Buch ist ideale Urlaublektüre und dabei nicht nur für Ostsee-Strände geeignet. Wir sind auf die Fortsetzungen schon sehr gespannt.

Sten, Viveca: Tödlicher Mittsommer (I de lungaste vatten, dt.). – Kiepenheuer und Witsch, 2010. Euro 14,95


Idyll und Grauen

6. März 2010

Paulus Hochgatterers Bücher handeln von Grenzübertretungen

Es ist eine schreckliche Geschichte. Kinder werden geschlagen, misshandelt, missbraucht. Pornographie, Mord und Totschlag in der Kleinstadt-Idylle. Daraus könnte man den x-ten brutal voyeuristischen Reiser machen. Oder einen literarisch hochverdichteten, perspektivenreichen Roman, der den Leser von Anfang bis Ende fesselt und durchaus im doppelten Sinne mitnimmt. Mit seinem neuen Buch „Das Matratzenhaus“, gelingt dies dem Österreicher Paulus Hochgatterer bereits zum zweiten Mal.

„Für mich sind das keine Kriminalromane. Das sind Bücher, wie ich sie schreiben und wie ich sie vermutlich auch gerne lesen will. Es macht überhaupt keinen Unterschied. Und Spannung mitzukalkulieren, macht Spaß.“ So der Autor vor einigen Tagen in einem Interview mit der Frankfurter Rundschau. Müssen Leser und Autor ein schlechtes Gewissen haben? Müssten sie sich nicht eigentlich schämen, wenn sie sich von solchen Themen und nahe an der Realität angesiedelten Verbrechen unterhalten lassen? Nach dem Verhältnis der Menschen zu Grenzüberschreitungen und Tabu-Verletzungen gefragt, stellt Hochgatterer fest: „Es gibt so etwas wie eine Notwendigkeit zum Imaginären … Ich halte das für einen psycho-hygienisch extrem wichtigen Mechanismus. Er wirkt einerseits präventiv: Die Dinge, die wir uns vorstellen, müssen wir nicht tun oder oft nicht tun. Andererseits wirkt er auch triebregulierend.“ Das Pathologische der „wenigen Täter, die es real gibt“, sei das Umsetzen von Vorstellungen in wirkliches Handeln.

Zurück zum aktuellen Buch und seinen Protagonisten:

Raffael Horn, Psychiater: Ist schockiert als sein Sohn, dem der Vater – zu unrecht – unterstellt dass er kifft, am Frühstückstisch mit bloßer Hand ein Ei zerquetscht und lebt in ständiger Angst, seine Frau, eine attraktive Cellistin, könne ihn mit einem italienischen Tenor betrügen. Gleichzeitig beschäftigt sich seine eigene Phantasie mit einer ganzen Reihe potentieller Seitensprünge. Gelegentlich spricht er, was er gerade denkt, unbewusst mehr oder weniger deutlich aus, was nicht selten im kollegialen Umfeld der Klinik für Verwirrung sorgt.

Ludwig Kovacs, Kommissar: Ein Mann mittleren Alters, voller Selbstzweifel und dringend auf den Halt seiner Lebensabschnitts-Partnerin angewiesen. Ein Kenner des nächtlichen Sternenhimmel, der Angst vor seiner Tochter, bzw. deren pubertärer und post-pubertärer Entwicklung hat. Sie lebt nicht mehr beim Vater. Als sie ihn besucht, verwirrt sie mit einem knallgrünen Irokesenschnitt und allerhand jungendlichen Eigenheiten und Auffassungen.

Die österreichische Kleinstadt: Im Roman heißt sie Furth. Sie liegt an einem See in der Nähe von Bergen oder am Rande der Alpen. Ein Fluss entspringt dort irgendwo, durchfließt eine Klamm und mündet bei Furth in einen See, dessen Oberfläche zu allerhand Spiegelungen Anlass gibt. Der Ort ist ideal-typisch und verfügt über alle Einrichtungen die solch ein Gemeinwesen ausmachen: Eine Klinik, reichlich Kneipen, etwas Tourismus, aufmüpfige Jugend, schlecht integrierte Zugezogene, die Massen-Siedlung, für Jene mit denen es das Schicksal nicht ganz so gut gemeint hat und natürlich Kriminalität in allen Ausprägungen. Dieser Kosmos wurde vom Autor nicht einfach erfunden, sondern aus vorhandenen Ersatzstücken zusammengefügt. Ich bin mir sicher, dass dem Städtchen Furth ein real existierendes Vorbild zugrunde liegt. Als kein guter Kenner unseres Nachbarlandes, nehme ich gerne entsprechende Hinweise entgegen.

Im geschickten Wechsel von direkter und indirekter Rede, von Eindeutigkeiten und Andeutungen, forciert der Autor seine dichte Erzählweise. Die ständigen Perspektivenwechsel nehmen den Leser in drei unterschiedliche Positionen mit. Die gesellschaftspolitische Sichtweise auf Opfer und Täter, die psychologisch, medizinisch, psychoanalytische Perspektive von Horn und seinen Kolleginnen und Kollegen, sowie die kriminologisch, juristische des Kommissars und seines Teams. Es ist ein Roman auf beachtlichem literarischen Niveau, der dem Leser auch einiges an Lese-Erfahrung abverlangt.

Dass die Opfer irgendwann ebenfalls zu Tätern werden, wie im „Matratzenhaus“ von Paulus Hochgatterer, kann niemanden wirklich überraschen. Gerade diese zentralen Figuren bleiben übrigens während der ganzen Erzählung schemenhaft, stehen im Schatten, werden nie ganz oder deutlich sichtbar. Das öffnet der Phantasie des Lesers breiten Raum, aber vielleicht auch die Möglichkeit, über das eigene Vorstellungsvermögen zu erschrecken.

Paulus Hochgatterer wurde 1961 in Niederösterreich geboren. Er ist im Hauptberuf Kinder- und Jugendpsychiater. In den letzten Jahren sind von ihm die Romane „Über die Chirurgie“, „Wildwasser“ und „Über Raben“ erschienen. 2006 erschien „Die Süße des Lebens“, das erste Buch um die Hauptfiguren Raffael Horn und Ludwig Kovacs. Dass das Werk mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnet wurde, ändert nichts an der Tatsache, dass es weit über das eigentliche Genre hinausgreift.

Hochgatterer hat zuletzt zusammen mit Autoren und Autorinnen wie Ilja Trojanow, Kathrin Röggla u. a. an einem Stück für das Wiener Schauspielhaus zu den Zehn Geboten geschrieben. Dabei hatte jeder Teilnehmer eines der Gebote zu bearbeiten. Der Kinderpsychiater und Schriftsteller Paulus Hochgatterer entschied sich für das Vierte: „Du sollst Vater und Mutter ehren“, wie es in der bekannten und populären Version heißt. Das ausführlichere Original lautet: „Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf daß du lange lebest im Lande, das dir der Herr, dein Gott gibt.“

Hochgatterer, Paulus: Das Matratzenhaus. – Deuticke, 2010. Euro 19,90

derselbe: Die Süße des Lebens. – Deuticke, 2006. Euro 19,90. Taschenbuchausgabe: DTV, 2008. Euro 8,95