“Das Tiefste wirst du endlich schauen…”

17. April 2012

Der Roman “Am Schwarzen Berg” von Anna Katharina Hahn

Welche Stuttgart-Romane von einiger Bedeutung sind eigentlich in den letzten Jahrzehnten erschienen? Bevor ich Anna Katharina Hahns Bücher kennenlernte, wären mir wahrscheinlich vorzugsweise die Werke von drei Autoren eingefallen. Im ersten Fall handelt es sich um einen Roman-Zyklus. In insgesamt neun selbstständigen Erzählwerken – unter dem Motto “Vergangene Gegenwart” lose zusammengefasst – schildert Hermann Lenz (1913 – 1998) Herkunft und Leben des Schriftstellers Eugen Rapp und schöpft dabei fast ausschließlich aus der eigenen Biographie. Die Handlung ist, bis auf Abstecher zu den Schauplätzen des Weltkriegs, in Stuttgart und München angesiedelt. Mit ruhiger Sprache und unspektakulärer Erzählweise, sind die Bücher bleibende Zeugnisse vergangener Zeiten und einer nahezu unscheinbaren Dichter-Existenz.

Da war das Roman-Debüt des Martin Walser (geb. 1927) – “Ehen in Philippsburg” – schon von anderem Kaliber und mit unüberhörbarem Widerhall in Medien und Gesellschaft. Seine Schilderungen der bundesdeutschen Nachkriegszeit und der ersten Schritte eines jungen Akademikers auf dem Weg zum Schriftsteller-Beruf haben ausschließlich die Medienstadt Stuttgart der 1950er-Jahre zur Vorlage.

Während Walser und Lenz in ihren Darstellungen eine bürgerliche Welt abbildeten, entführte Manfred Esser (1938-1996) die Leser in eine dazu völlig konträre. Prollig und streckenweise ordinär geht es zu im Osten der schwäbischen Großstadt. Essers “Ostend-Roman”, der beim Erscheinen (1978) von Leitmedien wie “DER SPIEGEL” und “DIE ZEIT” fast hymnisch gefeiert wurde, ist saftig wirklichkeitsnah und von kraftvoller literarischer Qualität. Erschienen ist er einst im nicht mehr existierenden und inzwischen sagenumwobenden Verlag “März”. Nur noch antiquarisch mit kräftigem Preisaufschlag zu bekommen.

Wohl nicht zufällig findet man in den Büchern Anna Katharina Hahns Spurenelemente dieser drei Vorgänger. Sie blickt hinter die Fassade intellektueller Bürgerlichkeit, entlarvt die schale Behaglichkeit einer auf den ersten Blick sehr sauberen Großstadt zwischen Wohlstand und Weinbergen. Sie zeigt uns die kaum wahrgenommenen Randexistenzen neben den wohlbestallten Ministerialbeamten und Oberstudienräten, die verschämten Schmuddelecken neben den klinisch reinen Straßenbahn-Haltestellen. Dabei kommt die Drastik bei Anna Katharina Hahn ruhig, aber sehr präzise daher, und ist gerade deshalb so schneidend und wirkungsvoll. Kleine kräftige Schläge treffen den Leser immer wieder ganz unvorbereitet. Und sie schildert “Schmerzlinien”, wie sie fast jedes Leben durchziehen.

Anna Katharina Hahn im März 2012 auf der Leipziger Buchmesse

Der neue, im Februar erschienene Roman von Anna Katharina Hahn heißt “Am Schwarzen Berg” und schildert fünf eng miteinander verwobene Schicksale. Als Peter Rau, Sohn der Nachbarn von Emil und Veronika Bub, und gleichzeitig eine Art Ziehsohn des kinderlosen Paares, in eine schwere Lebenskrise gerät, bricht die mühsam aufrechterhaltene Scheinwelt beider Häuser auseinander. Der Gymnasiallehrer Emil Bub hatte einst in Peter einen dankbaren Mitstreiter für seine Mörike-Begeisterung gefunden, seine Frau ein Ziel für brachliegende Muttergefühle. Jetzt kämpfen die beiden gealterten Paare um Wohl und Zukunft des verzweifelt Gescheiterten. Sie tun dies, über Jahrzehnte kumulierten Ballast bequemer Lebenslügen und Scheinwahrheiten im Gepäck, mit nicht tauglichen Mitteln. Hinter der Hilflosigkeit der Helfer zeichnet sich bald die Unaufhaltsamkeit einer Tragödie ab.

Nach “Kürzere Tage” hat Anna Katharina Hahn einen zweiten großartigen Stuttgart-Roman geschrieben; damit wurde diese Gattung innert weniger Jahre gleich zweifach bereichert und erweitert. “Am Schwarzen Berg” ist aber weit mehr als ein Stuttgart-Buch; mehr als ein Werk über bröckelnde Bürger-Idylle. In weiteren kunstvollen Schichten, die uns die Autorin präsentiert, entdecken wir Spuren zum langsam in Vergessenheit geratenden Hermann Lenz, vor allem aber zum unvergesslichen schwäbischen Parnass-Bewohner Eduard Mörike, dem gelernten Theologen und dichtenden Fast-Aussteiger, aus dessen Gedicht “Elemente” der Titel des Romans stammt.

Darüber hinaus gibt es in diesem Buch sehr gegenwärtige Stuttgart-Bezüge voll frischer Aktualität. So wird dieser Roman von zukünftigen Lesern, die er hoffentlich zahlreich findet, als Stimmungsbild der frühen 2010er Jahre gelesen werden können. Unter anderem dienen die Auseinandersetzungen um Stuttgart 21 als Kulisse. Der krisengetriebene Peter Rau treibt sich eine zeitlang samt Kindern in der Parkschützer-Szene herum. Während sie die Geschehnisse schildert, findet die Autorin auch noch Sprachraum um uns mit reichem Vokabular und wie nebenbei von der naturräumlichen Gegenwelt, der artenreichen Flora und Fauna, einer deutschen Metropole zu berichten.

Die Stadtbibliothek Stuttgart einst ...

Traurig-schön hingegen die Schilderung des schweren Abschieds von der alten Stadtbibliothek im Wilhelmspalais, wo die langsam aber stetig im Alkohol ertrinkende Veronika Bub fast ihr ganzes Berufsleben verbracht hat und die jetzt in das neuerbaute koreanische Luftschloss nahe des bald schon ehemaligen Bahnhofsgeländes ziehen muss – nicht nur für sie ein Fast-Begräbnis. Anna Katharina Hahn betrachtet durch die Brille ihrer bibliothekarischen Protagonistin noch einmal die Athmosphäre des charmant gealterten, nicht mehr zeitgemäßen Bibliotheks-Baus:

“Im Lesesaal war es plötzlich ganz ruhig. Ein gleichmäßiges Summen und Murmeln, Blättern und Knistern durchdrang den Raum. Niemand sprach, die Leute hatten die Köpfe über ihre Bücher gebeugt. Stadtverkehr und Spatzengetschilpe aus den Büschen um das Palais drangen nur gedämpft herein… Ein paar Erschöpfte schliefen mit den Köpfen auf den aufgeschlagenen Büchern… Sie alle wurden von der großen, unangreifbren Ruhe eingehüllt, die hier herrschte und von den Tausenden und Abertausenden von Büchern bewacht wurde. Dicht an dicht postierten sie auf ihren Plätzen und bewachten jene, die hinter ihren bunten Rücken Schutz suchten”

... und heute.
Foto: Ursula Doll

Anna Katharina Hahn hat in Hamburg und Berlin studiert und wissenschaftlich gearbeitet. Heute lebt sie mit Mann und zwei Söhnen in Stuttgart. Vor den beiden Romanen wurden von ihr zwei schmale Bände mit Erzählungen veröffentlicht. Die Schriftstellerin liest am 24. April in Tübingen (20 Uhr, Museums-Saal, von Osiander veranstaltet), am 26. April in Kirchheim/Teck (20 Uhr, im Buchhaus Zimmermann) und am 15. Mai in Stuttgart-Möhringen (20 Uhr, in der Pegasus Buchhandlung).

Auf der Seite “Da Capo” finden Interessierte das Mörike-Gedicht “Elemente”.

Hahn, Anna Katharina: Am Schwarzen Berg. – Suhrkamp, 2012. Euro 19,95


Spät-Lese (4)

5. März 2012

(Reife Bücher. Erstmals, neu oder wieder gelesen)

“Irrungen, Wirrungen” von Theodor Fontane

Warum und wozu?

Nachdem ich einige Romane von Theodor Fontane gelesen und mich etwas mit dessen Biographie beschäftigt hatte, begann ich den Roman “Ein weites Feld” von Günter Grass besser zu verstehen. Darin geht es mal offen, mal verschlüsselt, fast ausschließlich um Leben und Werk Fontanes und die Leküre erfordert entsprechende Vorkenntnisse. Früher musste ich über den ruppigen, unsensiblen, als Spiegel-Titelbild epochemachenden, allzu wörtlich illustrierten Verriss des Buches durch Marcel Reich-Ranicki schmunzeln; inzwischen weiß ich, dass der Meister wohl falsch lag. Denn “Ein weites Feld” ist ein solches und setzt eben Neigung zu und Lektüre von Fontane voraus.

Ich selbst habe die Erzählwelt von brandenburgischer Mark, Oderbruch und preußischem Berlin reichlich spät für mich entdeckt, war lange Zeit dem Vorurteil verhaftet, dass diese “alten Geschichten” zu sperrig und schwer zugänglich seien. Irgendwann las ich dann kurz hintereinander “Vor dem Sturm”, das deutschsprachige Pendant zu Tolstois “Krieg und Frieden” und Fontanes umfangreichster Roman, die Novelle “L’Adultera”, in der ich das Humor-Potential Fontanes entdeckte und die dramatisch tragische Geschichte von der armen “Grete Minde”. “Effi Briest” und “Irrungen, Wirrungen” folgten bald darauf.

Effi Briest ist nicht nur aus meiner Sicht einer der großartigsten Romane in deutscher Sprache überhaupt. Man kann Thomas Mann nur zustimmen: “Eine Romanbibliothek…, beschränkte man sie auf ein Dutzend Bände, auf zehn, auf sechs, – sie dürfte ‘Effi Briest’ nicht vermissen lassen.” Fontane schildert darin eines seiner traurigsten und hoffnungslosesten Frauenschicksale. Davon kann man sich bei “Irrungen, Wirrungen” ein Stück weit erholen; denn hier finden wir eine preußische Gesellschaft vor, die sich schon so weit entwickelt hat, dass sie Konflikte zwischen Mann und Frau und den verschiedenen Ständen ohne Todesfälle lösen kann.

Wer war der Autor?

Theodor Fontane wurde erst im fortgeschrittenen Lebensalter zum Roman-Schriftsteller. Am 30. Dezember 1819 kam er in Neuruppin zur Welt. Er trat in die Fußstapfen seines Vaters und wurde Apotheker. Berufliche Stationen waren Magdeburg, Leipzig, Dresden und Berlin, wo er auch den Militärdienst leistete. Nebenher entstanden Erzählungen und Gedichte, die in Zeitungen und Zeitschriften erschienen. Fontane verkehrte in literarischen Zirkeln, wie dem “Tunnel über der Spree”, dem u. a. auch Paul Heyse und Adolf von Menzel angehörten. Die eigentliche Laufbahn des hauptberuflichen Schriftstellers begann 1849 als Korrespondent der “Dresdner Zeitung”, einige Jahre davon in England.

1862 erschien der erste Band der “Wanderungen durch die Mark Brandenburg”. In den 1860er und 1870er Jahren war Fontane Berichterstatter von Kriegsschauplätzen in Dänemark, Böhmen und Frankreich, wo er als Spion verdächtigt und zeitweise inhaftiert wurde. Bis 1889 schrieb er Theaterkritiken für die “Vossische Zeitung”. Sein erster Roman “Vor dem Sturm” erschien schließlich 1878, in rascher Folge dann weitere, bis 1899 mit “Der Stechlin” die Reihe der Roman-Veröffentlichungen abgeschlossen wurde. Da war der Autor bereits tot. Fontane starb 1898 in Berlin; aus seinem Nachlass wurde 1914 noch das Fragment “Mathilde Möhring” veröffentlicht. “Irrungen, Wirrungen” kam 1888 heraus, noch vor “Effie Briest” (1895), ist aber zeitgeschichtlich später angesiedelt.

Worum geht es?

Schauplatz ist Berlin. Die 1870er Jahre. Eine Zeit der technischen und gesellschaftlichen Umbrüche. Im Mittelpunkt steht die Liebe zwischen dem gut aussehenden, mit beiden Beinen fest im harten Alltag stehenden, selbstbewussten Bürger-Mädchen Lene Nimptsch und dem feschen, familiären ebenso wie überholten ständischen Traditionen verpflichtete Offizier und Baron Botho von Rienäcker. Diese Liebe hat von Anfang an keine Zukunft, was Lene schon immer klar ist, was er aber gegen jeden Verstand nicht wahrhaben will. Nicht einmal dann, als die kluge junge Frau ihrem Geliebten genau vorhersagt, wann der Moment der Trennung für immer kommen wird.

Eine solche Beziehung durfte im Preußen des bereits dem Untergang geweihten, aber immer noch tonangebenden Adels, nicht offen gelebt und schon gar nicht institutionalisiert werden. Doch was wir hier erzählt bekommen ist nichts weniger als die Geschichte einer großartigen weiblichen Selbstbehauptung und zaghafter früher Emanzipation. Fontane schildert realistisch, fast nüchtern, zwar mit Distanz, doch nicht ohne Ironie und leisen Humor. Sehr feinsinnig und facettenreich gelungen sind Nebenfiguren, wie die Nenn-Mutter Nimptsch, ihre Plauderfreundin Frau Dörr und deren knorrig-geiziger Ehegatte. Hier zeigt sich die ganze Größe und Qualität des Erzählers Theodor Fontane.

Was sind die Höhepunkte?

Zu den Höhepunkten des Romans gehört zweifellos der Ausflug von Lene und Botho zum Ausflugslokal “Hankels Ablage” an einem See am Berliner Stadtrand, sowie die anschließend im Gasthof gemeinsam im Doppelzimmer verbrachte Nacht. So direkt wird der Leser auf ein Paarungsgeschehen zwischen den Protagonisten in anderen Werken Fontanes nicht hingewiesen. Allerdings geschieht dies hier ohne die heute selbstverständlichen Details.

Dass die Geschichte für das Liebespaar in pragmatischen Zweckehen mit anderen Partner endet, muss letztlich als positiv angesehen werden. So bleiben alle Beteiligten und auch wir Leser von allzu großem Unheil und damit verbundener Trauer (wie oben bereits angedeutet: s. Effi Briest, wo das ganz anders endet.) verschont. Und wenn sie nicht gestorben sind … Das Buch eignet sich übrigens hervorragend für glückliche, unbeschwerte (Liebes)-Paare unserer Tage zum gegenseitigen Vorlesen. (Doch wer macht so etwas noch?!)

***

Die Werke Fontanes gibt es in vielen verschiedenen Ausgaben. Vom wohlfeilen Reclam-Bändchen, über Taschenbücher, bis zu festgebundenen Varianten. Zur Lektüre empfiehlt sich auf jeden Fall eine kommentierte Ausgabe. So hat man die beste Möglichkeit erzählte Zeit und deren Geist richtig erfassen und mitempfinden zu können und letztlich mehr als nur eine alte Geschichte. Für Irrungen, Wirrungen empfiehlt sich deshalb:

Fontane, Theodor: Irrungen, Wirrungen. Roman, vollst. Ausgabe mit Kommentar und Nachwort von Helmuth Nürnberger. – München: dtv, versch. Jahre. Derzeit Euro 8,90


“Toggle”

16. Februar 2012

Der erste Roman von Florian Felix Weyh ist erschienen

Der erste Roman Florian Felix Weyhs handelt von dem nur wenig fiktiven, titelgebenden Internet-Konzern, dem ebenfalls nah an der Wirklichkeit erfundenen sozialen Netzwerk “Myface” und einem aus Neapel stammenden kleinwüchsigen Denker, Schriftsteller, Diplomaten und Wüstling namens Ferdinando Galiani. Dieser Galiani war zudem noch Geistlicher und begleitete das Amt eines Abbé von San Lorenzo im Bistum Centola. Einige Jahre hielt er sich als Gesandter des Königreichs Sizilien im absolutistischen Paris des Ludwig des XV. auf. Der Roman, der bis auf die historischen Einschübe über Leben, Wirken und Sterben des Galiani, in der Gegenwart oder allernächsten Zukunft spielt, ist zu unser aller Verblüffung im Verlag Galiani zu Berlin erschienen.

Ferdinando Galiani, 1728 - 1787

Mit spannender und temporeicher Handlung gelingt dem Autor ein realitätsnaher Blick auf interne Strukturen, Funktionsweise und unternehmerische Ziele zweier marktführender, exemplarischer Unternehmen, die es so nur geben kann, weil es das Internet gibt, und dessen Allgegenwart und jederzeitige Verfügbarkeit so selbstverständlich geworden sind wie vor nicht allzu langer Zeit der Zigarettenautomat an der nächsten Hausecke und die gelbe Telefonzelle gegenüber.

Beim Versuch der Daten-Kraken über die wirtschaftliche Macht hinaus auch soziale und politische Dominanz anzustreben, werden die über 250 Jahre alten Ideen des Abbé Galiani wiederentdeckt, deren Umsetzung einen tiefgreifenden Wandel der heute vorherrschenden gesellschaftlichen Realitäten zur Folge hätte. Zentraler Gedanke Galianis ist dabei eine quasi individuelle Stimmgewichtung bei Abstimmungen. Dabei führen Intelligenz und konforme Verhaltensmuster zu einer höheren Gewichtung, moralisches und gesellschaftliches Fehlverhalten, sowie Minderbegabung zu einer geringeren. Die Einführung eines solchen Modells würde zu einem Verzicht auf eine der fundamentalen Errungenschaften unseres heutigen Demokratie-Verständnisses führen: “one man, one vote.”

Im Mittelpunkt des umfangreichen Buches steht der vom Radiologen zum Leiter der Personalabteilung von “Toggle-Deutschland” mutierte Nikolaus Holzwanger. Durch einen tragischen, aber wohl nicht ganz zufälligen Todesfall, rückt er zum bundesdeutschen Chef des hyperglobalen Suchmaschinen-Imperiums auf. Das geschieht während er damit beschäftigt ist eine Konferenz mit Mitgliedern eines Intelliglenzer-Netzwerks, dem pikanterweise auch seine Frau angehört, im bayerischen Oberland zu organisieren und durchzuführen. Die IQ-Monster sollen eine Folgenabschätzung für den Fall vornehmen, dass es gelingt das Galliani-Modell tatsächlich anzuwenden. Doch die Kongress-Teilnehmer können sich auf keinerlei gemeinsame Aussage verständigen; sie verfolgen vielmehr jeweils höchst eigenwillige individuelle Interessen. Das hat ebenso fatale Auswirkungen, wie der Versuch eines russischen Oligarchen die beiden Netz-Markführer “Toggle” und “Myface” unter seine Kapitalmehrheit und Generaldirektion zu zwingen.

Florian Felix Weyh als Moderator auf dem Erlanger Poetenfest. Foto: Don Manfredo

Florian Felix Weyh wurde im westlich von Köln gelegenen Düren geboren und lebt seit vielen Jahren als freier Publizist und Schriftsteller in Berlin. Prägende Kinder- und Jugendjahre verbrachte er in Ulm an der Donau, in einem ausgesprochen buch- und bibliotheksaffinen Umfeld, das in seinem Buch die eine oder andere Spur hinterlassen hat. Er ist regelmäßiger Mitarbeiter beim Deutschlandradio und schrieb Theatertexte und Hörspiele. Außerdem stammen von ihm eine Reihe scharfsinnig feinsprachlicher Essays, auch solche umfangreicher Art, wie der zuletzt als Buch veröffentlichte “Die letzte Wahl”. “Toggle” ist sein erster Versuch mit Fiktion in epischer Breite. Man kann ihn wohl als nahezu gelungen bezeichnen.

Es lohnt noch ein kleiner Exkurs. Bemerkenswert ist nämlich, dass wir auch bei der Lektüre von “Toggle” immer wieder einmal mit dem politischen Essayisten F. F. Weyh konfrontiert werden. In einem Gespräch mit dem “Börsenblatt des deutschen Buchhandels” sagte er vor Kurzem auf die Frage, was er überbewertet findet: “Den vermeintlichen Beitrag politischer Parteien an Frieden, Freiheit und Wohlstand. Wir würden staunen, wie gut es ohne sie ginge.” Eine Aussage die uns nicht mehr an Zufall glauben lässt, dass im Roman das “originelle” Demokratie-Modell von Galiani eine so wichtige Rolle spielt. Es ist aber auch ein Hinweis darauf, dass dieses Buch nur für politisch gereifte Leser geeignet ist. Zu groß wäre für naivere Geister die Gefahr Kritik an unserer heutigen Demokratieform mit Demokratie-Ablehnung zu verwechseln.

Wir dürfen uns darüber freuen, dass Weyh auch in diesem erzählenden Format und auf dem Gebiet der belletristischen Spannungs-Literatur, einige merk-würdige, zum skeptischen Verweilen und intensiven Nachdenken anregende Sätze und Gedanken gelingen: “Müll ist Materie am falschen Ort” sinniert etwa einer seiner Protagonisten”. Und ein “Nobelpreisträger” konfrontiert uns mit der nicht ganz banalen Erkenntnis: “Man sieht Daten nicht an, wie alt sie sind. Büchern schon.”

Fazit: Weyh, Toggle – why?

Weil es bisher wenig unterhaltende Literatur in deutscher Sprache zu diesen Themenfeldern gibt und der vorliegende Roman darüber hinaus ein interessanter Diskussionsanstoß sein kann. Er böte reichlich Gesprächsstoff für belesen gesellige Runden. Es ist über weite Strecken ein echtes Lesevergnügen auf nicht alltäglichem Niveau mit kleineren Schwächen. Im zweiten Teil wird das Geschehen etwas kurzatmig und hippelig vorangetrieben und das Ende der Geschichte imponiert dann mit leicht reißerischen Passagen. Da Weyh bisher ein sehr kontrastreiches Programm vorgelegt hat, darf man auf die zukünftige Entwicklung dieses Autors auf jeden Fall gespannt sein.

Weyh, Florian Felix: Toggle. Roman. – Berlin : Galiani, 2011. Euro 19,99