Frankfurter Buchmesse 2011

17. Oktober 2011

Eine kurze Nachlese in Stichworten, wobei fast nur von Büchern die Rede ist

Ob absolviert oder zelebriert – die Frankfurter Buchmesse 2011 ist vorbei. Was bleibt? Der “Sprachkurs Plus: Isländisch, systematisch, schnell und gut” von Cornelsen. Die Freude darüber, dass es gelungen ist eine Verbindung zwischen Buch- und Automobil-Branche zu konstruieren (einfach und zweckmäßigerweise deshalb, weil als Symbol des modernen Golden Kalbes der Audi-Pavillon von der Automobil-Messe noch im Weg stand). Und schließlich, unvergessen, die flammenden Sätze über vulkanische Landschaften eines Literatur- und Island-Experten namens Westerwelle (nein, mit der Brandung an Islands Küste hat das nichts zu tun) – im Hauptberuf Noch-Außenminister.

Copyright: Frankfurter Buchmesse

Auszeichnungen 1. Den Deutschen Buchpreis bekam in diesem Jahr Eugen Ruge für sein “In Zeiten des abnehmenden Lichts” (1). Ein wirklich gutes Buch. Deutsche Geschichte aus radikal östlicher Perspektive; eine Familiengeschichte über vier Generationen, sehr spannend geschrieben. Höhepunkt, wie in so manch gutem Generationen-Roman seit “Buddenbrooks”, das Weihnachtskapitel. Rasant und amüsant wie hier linienharte Stalinisten den Spagat versuchen zwischen völligem Ignorieren und gelassenem Hinnehmen dieser christlich-heidnischen Traditionsveranstaltung. Ein beachtliches und lesenswertes Buch, das diesen Preis ebenso verdient hat, wie den der nächtlichen Kultur-Sendung “Aspekte”, die damit tradtionell Debütanten auszeichnet. Ein guter, ein hoffnungsvoller Schriftsteller also? Ruge hat zwar Schreiberfahrung, doch in der Epik debütiert er mit 57 Jahren, was in der Reife seines Schreibens durchweg deutlich wird. Er hat fast ein Leben lang gesammelt und gewartet, bis er schreiben konnte, was er zu sagen hatte. Ob da dann allerdings noch etwas nachkommen kann?

Auszeichnungen 2. Sibylle Lewitscharoff, 2009 mit dem Leipziger Buchpreis für ihren Roman “Apostoloff“ ausgezeichnet, und in diesem Jahr mit ihrem Philosophen-Roman “Blumenberg” (2) immerhin auf der Short-List für den Deutschen Buchpreis, durfte sich schon einige Tage vor Messebeginn freuen. Über den Wilhelm-Raabe-Literaturpreis und die damit verbundenen 30.000 Euro. Ihre Sprache macht es uns nicht leicht und mit ihrem neuesten Werk setzt sie auch noch richtig voraus. Das ist nicht unbedingt meine liebste Urlaubslektüre, aber die schwäbelnde Stuttgarterin mit den bulgarischen Wurzeln gehört sicher zu den Besten im Land.

Island 1.Eines der ältesten Zeugnisse europäischer Literatur und Ausgangspunkt allen isländischen Dichtens sind die Sagas (3). Sie erzählen vom Leben der ersten Siedler auf Island, der Landnahme, den oft blutigen Familienfehden, den Erkundungsfahrten per Schiff nach England, Schottland und sonstwohin. Islands vielleicht wichtigster Beitrag zur Weltliteratur ist neu übersetzt in fünf gut ausgestatteten Bänden bei S. Fischer erschienen.

Copyright: Frankfurter Buchmesse, Fotograf: Peter Hirth

Island 2. In den letzten Jahren zur regelrechten Titelschwemme angewachsen: Die Island-Krimis. In meiner Stadtbibliothek habe ich eher zufällig das Ur dieser Gattung entdeckt. Der Roman “Schwarze Vögel” (4) von Gunnar Gunnarson erschien erstmals 1929. Seine Handlung beruht auf einem aufsehenerregenden Rechtsfall aus dem Jahr 1802. Ein ehebrechendes Paar war auf Grund von Indizien zum Tode verurteilt worden, weil sie gemeinschaftlich die jeweiligen Ehepartner umgebracht haben sollten. Gunnarson hat für seine Geschichte die Protokolle dieses Prozesses studiert. Der Autor ist einer der wichtigsten isländischen Schriftstellern des 20. Jahrhunderts. Er lebte von 1889 bis 1975. “Schwarze Vögel” (Svartfugl) erschien im Original in dänischer Sprache; erst später erstellte der Autor eine isländische Fassung.

Island 3. Apropos Übersetzer. Kristof Magnusson ist Hamburger mit isländischem Migrationshintergrund. Er sorgt dafür, dass wir in Deutschland den einen oder anderen isländischen Dichter überhaupt lesen können. Zahlreiche Übersetzungen von ihm haben uns Autoren wie Hallgrímur Helgason, Einar Kárason oder Audur Jónsdóttir nähergebracht. Er selbst hat uns im letzten Jahr mit seinem Roman “Das war ich nicht” (5), einer flotten, originellen und überraschungsreichen Geschichte, auch als Autor begeistert. Von ihm gibt es jetzt eine humor- und stimmungsvolle “Gebrauchsanweisung für Island” (6). Die lesbar leichfüßige Annäherung an Land und Leute.

Laxness 1. Der isländische Literaturnobelpreisträger (1955) heißt Halldór Laxness. Er hat große Romane geschrieben. Zum Beispiel “Die Islandglocke” (7). Wie Hermann Hesses “Glasperlenspiel” und der letzte Band der Joseph-Romane von Thomas Mann im Jahr 1943 erschienen (was für ein Jahr für Romane! – und die halbe Welt im Krieg). Rolf Vollmann schwärmte: “Es ist auch ein wunderbarer Swing in dieser Sprache, im ruhigen Duktus ihrer Dialoge und Berichte. Auch die Namen haben schon etwas; das Mädchen … heißt Snaefridur, der Mann Sigurdur, ein Dichter auch, außer daß er Prediger ist und Bischof werden wird; am Schluß sind sie zusammen … Das großartige Deutsch der Übersetzung ist von Hubert Seelow.”

Laxness 2. Die deutschen Ausgaben der Werke von Halldór Laxness werden im Göttinger Steidl-Verlag gepflegt. Dort ist auch die Neuausgabe einer Biographie (8) von Halldór Gudmundsson über den großen Dichter erschienen. Dafür hat der Verleger Gerhard Steidl, der Laxness persönlich gut kannte, einige Schätze aus seinem Privatarchiv gehoben. So präsentiert das Buch zahlreiche nie zuvor publizierte Fotografien aus dem ungewöhnlichen Leben des isländischen Schriftstellers und weitgereisten Weltbürgers.

Frankfurt vor wenigen Tagen. An einem kleinen Tisch im Messe-Cafè. Jung-Autor und Alt-Verleger. Jung-Autor: Haben Sie mein Manuskript gelesen? Was empfehlen Sie mir? Alt-Verleger: Lesen, lesen, lesen. So lange Sie lesen, können Sie nicht schreiben.

Copyright: Frankfurter Buchmesse, Fotograf: Alexander Heimann

Fazit. Willkommener Kontrast zu Menschenmassen, Medienauflauf und Dauer-Propaganda: “Man ist ganz auf sich geworfen. Diese Einsamkeit kann schrecklich sein, es geht aber auch eine große Faszination von ihr aus.” Was Daniela Krien über das Schreiben sagt, trifft natürlich auch auf das Lesen zu. Und das tut uns nach Frankfurt und Reykjavik jetzt so richtig gut.

(1) Ruge, Eugen: In Zeiten des abnehmenden Lichts. Roman einer Familie. – Reinbek : Rowohlt, 2011

(2) Lewitscharoff, Sibylle: Blumenberg. Roman. – Berlin : Suhrkamp, 2011

(3) Böldl, Klaus (Hrsg.): Die Isländersagas in vier Bänden mit einem Begleitband. – Frankfurt : S. Fischer, 2011

(4) Gunnarsson, Gunnar: Schwarze Vögel. Roman. – Stuttgart : Reclam, 2009

(5) Magnusson, Kristof: Das war ich nicht. Roman. – München : Kunstmann, 2010

(6) Magnusson, Kristof: Gebrauchsanweisung für Island. – München : Piper, 2011

(7) Laxness, Halldór: Die Islandglocke. Roman. – Göttingen : Steidl, Neuausg. 2009

(8) Gudmundsson, Halldór: Halldór Laxness. Sein Leben. – Göttingen : Steidl, 2011 (Erweiterte und überarbeitete Ausgabe einer 2002 erstmals auf Deutsch erschienenen Biographie)


Olle Lönnaeus: Das fremde Kind

12. April 2011

Die häßliche Seite des morschen Volksheims

Vor ziemlich genau zwölf Monaten: Einmal mehr sorgte das Frühjahr für hormonelle Ausschüttungen, die bei Tier und Mensch zu allerhand sonderlichem Verhalten führen. Ich beschließe, dass sich Einiges in meinem Leben ändern muss. Ab sofort werde ich mich fettarm ernähren, zweimal die Woche 50 Bahnen schwimmen und keine skandinavischen Kriminalromane mehr lesen. Ich mache mich stattdessen ernsthaft über Fontane, Feuchtwanger, Frisch und Co. her.

Wenige Wochen später fiel mir das erste Buch der Schwedin Viveca Sten in die Hände. Der Frühling hatte einem regnerischen Frühsommer Platz gemacht. Die Vorsätze waren vergessen. Es folgten Theorin, Jungstedt und der unvermeidliche Adler Olsen, um nur die Wichtigsten zu nennen.

In der reichhaltigen nordischen Krimilandschaft gibt es inzwischen einen neuen Tatort. Er heißt Tomelilla. Die südschwedische Kommune besteht aus mehreren Ortschaften, hat knapp 13.000 Einwohner und liegt etwa 20 Kilometer nordöstlich des lebhaften Hafenstädtchens Ystad, von dem wichtige Fährverbindungen in die weite Welt abgehen. In Tomelilla gibt es eine moderne Kunsthalle, ein kleines Filmmuseum und ein Jazz-Archiv. Malerische schwedische Bilderbuch-Provinz also, mit weißgetünchter Kirche, einem hübschen Marktplatz mit Kopfsteinplaster und niedrige Häuschen vor denen bunte Malven wachsen. Man muss dies vorausschicken, denn in dem Buch, um das es hier geht, kommt all das nicht vor. Tomelilla kommt nicht gut weg. Wir erleben die Gemeinde als trost- und kulturlosen Ort, der von pietistischer Enge und allgegenwärtiger Fremdenfeindlichkeit geprägt ist.

Südschwedisches Idyll

Tomelilla liegt landeinwärts und damit etwas im Schatten des von vielen Reisenden frequentierten Küstenortes Ystadt. Jenem Ystad in dem einst Mankells Kommissar Kurt Wallander seine melancholischen Runden durch Mariagatan und Österleden drehte. Nun versucht mit Olle Lönnaeus ein weiterer schwedischer Verfasser von Kriminalromanen zu Legenden wie Sjöwall/Wahlöö, Mankell, Marklund und Larsson aufzuschließen.

Und einmal mehr ist Schreckliches passiert und aufzuklären im ehemaligen Volksheim-Idyll. Ein scheinbar unmotivierter Doppelmord an einem alten Ehepaar und der Totschlag an zwei jungen Männern mit Migrationshintergrund. Als Schatten liegt über dem Ort das Jahrzehnte zurückliegende Schicksal einer Polin, die, nachdem sie die Internierung im Konzentrationslager Auschwitz überlebt hatte, in Südschweden gestrandet war, um kurz darauf spurlos zu verschwinden. Zurück blieb ihr siebenjähriger Sohn Konrad, der bei eben jenen Jönssons in Pflege kam, die Jahrzehnte später zu Mordopfern wurden. Mit siebzehn Jahren hatte Konrad Tomelilla verlassen, war als Seemann, Journalist und in aller Welt unterwegs und ist jetzt nach vielen Jahren gezwungen in das mit unliebsamen Erinnerungen verbundene Städtchen seiner Kindheit zurückzukehren.

Während der nur stockend vorankommenden Ermittlungen und durch allerhand kleinstädtische Kabelen, wird Konrad immer mehr zum Hauptverdächtigen der überforderten Polizisten. Er beginnt selbst zu recherchieren und begegnet dabei Freunden und Feinden aus Kindertagen. Bei seiner Spurensuche wird er von dem exzentrischen Lokalreporter Örland Palander unterstützt, der wie Konrad zu den Außenseitern des hermetischen Gemeinwesens gehört. Allmählich gelingt es den beiden hinter die glatten Fassaden zu schauen. Dabei stoßen sie unter anderem auf eine radikale schwedennationale Bewegung, deren Mitglieder in allerhand Machenschaften verstrickt sind und deren Ziele Örland Palander so zusammenfasst: “Dreht die Zeit zurück! Werft alle raus, die unser schönes Land zerstören!”

Konrad muss sich zunehmend mit seiner eigenen Vergangenheit auseinandersetzen. Als Kind blieb er in der bigotten, pietistischen Gesellschaft ein Fremdkörper und erfuhr vielfache Ablehnung. Sein Mathematik-Lehrer brachte es auf den Punkt und sprach damit vielen Bürgern Tomelillas aus dem Herzen: “Konrad Jönsson, dieser kleine Dreckskerl, ist ein uneheliches Kind. Ein Polackenbengel. Der ist anders als wir anderen.” Bald verdichtet sich der Verdacht, dass zwischen dem Verschwinden von Konrads Mutter und den aktuellen Ereignissen ein Zusammenhang besteht.

Olle Lönnaeus wurde 1957 geboren, lebt in Lund und arbeitet hauptberuflich als Journalist. Für seine Artikel und Reportagen erhielt er mehrfach Auszeichnungen. “Das fremde Kind” ist sein erster Kriminalroman, der in Schweden bereits 2009 unter dem Titel “Det som ska sonas” erschien. Das Buch war bei Publikum und Kritik sehr erfolgreich; von der schwedischen Krimi-Akademie wurde es mit dem Preis für das beste Debut ausgezeichnet. Außer in Deutsch wurde es auch in Polnisch und Italienisch übersetzt; in Italien schaffte es der Roman auf die Bestseller-Liste. Im letzten Jahr erschien das zweite Buch von Olle Lönnaeus: “Mike Larssons rymliga hjärta”. Eine deutsche Übersetzung liegt noch nicht vor.

“Das fremde Kind”, ist in einer sachlichen, realistischen Sprache geschrieben. Auf übertriebene Drastik, wie sie sich inzwischen immer mehr durchsetzt, hat der Autor weitestgehend verzichtet. Der Roman steht ganz in der gesellschaftskritischen Tradition schwedischer Krimi-Autoren. Neben der spannenden und vielschichtigen Haupthandlung, schildert ein zweiter Erzählstrang die Entwicklungsgeschichte des ungeliebten Außenseiters Konrad Jönsson, dessen wichtigste Lebensstationen in Rückblenden geschildert werden. Der zeitgeschichtliche Hintergrund, ein skeptischer Blick auf aktuelle Entwicklungen in dem einstigen skandinavischen Vorzeigestaat, sowie das markante, eigenwillige Personal, machen die besondere Qualität dieses Schwedenkrimis aus. Gute Unterhaltung mit Mehrwert, die durchaus Lust auf weitere Werke des Autors macht.

Mein Entschluss steht jedoch wieder einmal felsenfest. Ich werde widerstehen. Seit gestern lese ich die Feuchtwanger-Biographie von Volker Sierka, habe die Reclam-Ausgabe von Effi Briest neben mir liegen und breche gleich auf, um mir eine Zehnerkarte fürs Hallenbad zu besorgen. Draußen tobt der Frühling.

Lönnaeus, Olle: Das fremde Kind. – Rowohlt, 2011. Softcover, Euro 14,95.


Leipziger Buchmesse 2011 – ein Vorbericht

7. März 2011

Fakten. Die Leipziger Buchmesse findet in diesem Jahr vom 17. bis zum 20. März statt. Es wird mit etwa 2.100 Ausstellern aus dem In- und Ausland gerechnet. Die Ausstellungsfläche wurde erweitert. Viele junge, unabhängige Verlage nutzen die günstigen Leipziger Rahmenbedingungen und können sicher sein, dass sie auf mehr Interesse stoßen, als bei der tosenden herbstlichen Konkurrenz am Main. Neu ist ein vergrößerter Bereich für die mehr als 120 Hörbuch-Aussteller in Halle 3, sowie die „Hörspiel-Arena“. Die Fantasy-Fans bekommen erstmals eine eigene „Lese-Insel“ in Halle 2.

Serbien. Ost- und Südost-Europa mit seiner sprachlichen, literarischen und verlegerischen Vielfalt, die in Deutschland immer noch sehr peripher wahrgenommen wird, war schon immer einer der Schwerpunkte der Leipziger Messe. Aussteller, Autoren und Publikum aus diesen Regionen kamen und kommen gern nach Leipzig. In diesem Jahr ist Serbien das Schwerpunktland. Aus diesem Anlass wurde vom serbischen Kultusministerium eine Übersetzungs-Förderung („Traduki“) auf den Weg gebracht. So können 30 neue Titel erstmals in Deutsch erscheinen.

Vor 50 Jahren erhielt Ivo Andric den Literaturnobelpreis. Seitdem führte die serbische Literatur in Europa eher ein Nischen-Dasein. Weitere bekannte Autoren sind Danilo Kis und Aleksandar Tisma. Inzwischen hat sich aber wieder eine lebendige junge Literaturszene etabliert. Im Südosteuropa-Forum (Halle 4) stellt die Leipziger Buchmesse in Zusammenarbeit mit Traduki und der Robert-Bosch-Stiftung Autoren und Autorinnen des gesamten südosteuropäischen Raumes vor.

Nordeuropa. Besonders interessant, und auch schon traditionell mit Spannung erwartet, wird wieder der Auftritt der nordischen Länder. Alle skandinavischen Staaten und Island präsentieren sich gemeinsam im „Nordischen Forum.“ Die mittlerweile sechste nordische Literaturnacht findet am 18. März ab 19 Uhr im NaTo (KaLi) statt. Island wird zudem im Herbst Gastland der Frankfurter Buchmesse sein, ein Ereignis, das erste Vorboten auch nach Leipzig entsandt hat.

Blau. Kultmöbel und eine der am stärksten frequentierten Anlaufstellen ist das blaue Sofa von Deutschlandradio Kultur, ZDF und Club Bertelsmann unter der imposanten Kuppel der zentralen Glashalle. Hier lassen sich alle zu Interview und Lesung nieder, die im Gespräch oder gefragt sind und jene, die etwas zu sagen, bzw. geschrieben haben. In diesem Jahr nehmen circa 60 Autoren und Autorinnen neben den Moderatoren und Moderatorinnen Platz. ZDFinfokanal und Deutschlandradio Kultur senden fast 30 Stunden; so entsteht die längste öffentlich-rechtliche Literatursendung.

Antiquariat. Als internationale Verkaufsausstellung für antiquarische Bücher, Graphiken und Autographen, bietet die Leipziger Antiquariatsmesse einen eigenen, stets gut nachgefragten und etwas intimeren Handelsplatz innerhalb des großen Messe-Treibens. Antiquare sind weitestgehend unabhängig von saisonalen und aktuellen Trends; doch in diesem Jahr dürfte es in ihrem Umfeld etwas aufgeregter zugehen. Die zentrale Internetplattform für Antiquariate ZVAB soll an den Konkurrenten abebooks verkauft werden. Der Deal ist für das zweite Quartal geplant. Hinter abebooks steht Amazon als Mehrheitseigner. Da ist sicher noch mit allerhand Bewegung in der sonst eher etwas beschaulich trägen Branche zu rechnen.

Nominiert. Gleich am ersten Messetag, ab 16 Uhr, werden wieder die Preise der Leipziger Buchmesse vergeben. Im Bereich der Belletristik ist es der Jury gelungen, zum großen Teil überdurchschnittliche Qualität von Autoren sehr unterschiedlichen Charakters herauszufiltern:

Anna Katharina Fröhlich: “Kream Korner”
(Berlin Verlag)
Arno Geiger: “Der alte König in seinem Exil”
(Carl Hanser)
Wolfgang Herrndorf: “Tschick”
(Rowohlt Berlin)
Clemens J. Setz: “Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes”
(Suhrkamp)
Peter Stamm: “Seerücken”
(S. Fischer)

Arno Geiger, so kann man sich überzeugen, wird mit jeder Veröffentlichung besser. Nach dem erfolgreichen “Alles über Sally” im Vorjahr, hat er jetzt ein einfühlsames Buch über seinen an Demenz erkrankten Vater vorgelegt. “Der alte König in seinem Exil” ist ein gutes Stück Literatur, aber auch Plädoyer für ein eher traditionelles Familienbild und den unvergänglichen Wert des Lebens jenseits gängiger und konsumabler Klischees und Normen. Sprachlich schöner, allemal feinfühliger und weniger peinlich als dereinst Jens über Jens.

Überschätzten Poschlismus produziert Clemens Setz, dessen voluminöse “Frequenzen” mir schon gewaltig auf die Nerven gingen, und dessen Erzählungen rund um das “Mahlstädter Kind” Ähnliches befürchten lassen. Erste Auftritte des Jung-Autors deuten jedenfalls in diese Richtung. Talent hat er sicherlich, aber das muss noch länger reifen. Hätte ich nicht mit in die Auswahl genommen.

Mein Favorit heißt Wolfgang Herrndorf! “Tschick” ist ein Buch, wie man es in deutscher Sprache lange sucht. Geht man ganz weit zurück, so findet man vielleicht mit Ludwig Thomas’ “Lausbubengeschichten” annähernd Vergleichbares. Doch natürlich ist “Tschick” ganz anders: Rührendes Pubertätsdrama, jugendliches Zeitstück, Road-Movie; manchmal weht auch etwas “Fänger-im-Roggen”-Stimmung durch das Buch. Es handelt von zwei sehr unterschiedlichen vierzehnjährigen Jungs, und sollte unbedingt von allen Menschen jenseits dieses Alters gelesen werden, denn es ist auch eine literarisch verpackte Lektion über männliches Erwachsenwerden in überregulierten Zeiten. Aber vor allem: Es hat Tempo und Witz. Und das ist schon so viel mehr, als man sonst auf deutschen Büchertischen geboten bekommt.

Möpse. “Ein Leben ohne Möpse ist möglich, aber sinnlos”, sinnierte einst der große Lebensberater Loriot. Leipzig macht es möglich. Eine Messe mit Mops. Das Tier heißt Henry und in Frankfurt wurde ihm seinerzeit der Zutritt zu den Hallen hehren Handelns verwehrt. In Leipzig präsentiert er in diesem Jahr, zusammen mit seinem Frauchen Uschi Ackermann, die tierische Neuerscheinung “Ein Mops, ein Buch.” Ob Henry auch auf dem blauen Sofa bellen darf?


Feste lesen! (2)

6. Dezember 2010

Geschenke vom Buchmarkt – Zweiter Teil

Schmöker(n)

Gut und leicht lesbarer Stoff wird jetzt empfohlen. Ausgedehntes Schmökern ist in diesen kurzen kalten Tagen möglicherweise eine vergnügliche, zudem das Sichtfeld erweiternde Alternative zur in nächster Zeit in Aussicht stehenden Überdosis germanisch-christlicher Leitkultur.

Seit vielen Jahren ein zuverlässiger Lieferant spannend süffanten Lesestoffs und inzwischen hoch in die selbigen gekommen, muss John LeCarré nicht mehr vorgestellt werden. Sein Neuer heißt “Verräter wie wir” (Ullstein. 24,95). Diesmal sind wir von uns selbst überrascht, wie leicht ein böser Russe ans Herz wachsen kann. Der erste Teil, in dem man, wunderbar bissig ironisch geschrieben, das pittoreske Ensemble kennen und schätzen lernt, ist bärenstark. Gegen später schwächelt die Geschichte ganz leicht, um schlagartig zu enden. Die ideale Alternative zur zweiten Portion Schweine- oder Gänsebraten, zu Verwandten-Besuch und Stollen-Überdruss. Der ebenfalls empfehlenswerte Vorgänger “Marionetten” – eine Geschichte um Islamisten in Deutschland – liegt als Taschenbuch vor (Ullstein. 9,95).

Die bösartig, skurrilen Figuren, mit denen uns die in Russland geborene, Deutsch schreibende Autorin Alina Bronski vertraut macht, sind durchweg weiblich. In rascher Generationenfolge sind Großmutter, Tochter und Enkelin in dieser Welt angekommen. Unfreiwillig und unzertrennlich miteinander verbunden. Auf ihrem schicksalhaften Weg dürfen wir Leser den drei Frauen durch drei Jahrzehnte folgen. Bronskis zweiter Roman nach dem erfolgreichen “Scherbenpark” (Kiepenheur und Witsch. 8,95) trägt den Titel “Die schärfsten Gerichte der tatarischen Küche” (Kiepenheuer und Witsch. 18,95). Obwohl hier mancher Brei verdorben wird, ist dies kein Kochbuch. Aber ein gut gewürztes Vergnügen.

Leider ist nach 188 Seiten schon Schluss. Bedauerlich, denn “Der Ministerpräsident” (Klöpfer und Meyer. 18,90) von Joachim Zelter ist eine spannende Politik-Lektion in schmucker Romanform. Und irgendwie kommt uns das auch noch bekannt vor: Die politisch notwendige Genesung des nach einem Unfall erinnerungsgestörten Ministerpräsidenten entstellt sein Menschsein und lässt ihn zum bloßen Machtinstrument für andere werden. Auch hier ist es einmal mehr eine (junge) Frau, die dem traurig drohenden Schicksal die entscheidende Wende gibt.

Nicht fehlen darf der Krimi, und der kommt hier einmal als Pauschalempfehlung für eine einzige Autorin. Leena Lehtolainen wurde 1964 im finnischen Vesanto geboren und schon in jugendlichem Alter schrieb sie Bücher für ihre Generation, deren Titel im finnischen Original so aussehen: “Ja äkkiä onkin toukokuu” und “Kitara on rakkauteni” (Dt. etwa: Und plötzlich ist es Mai und Die Gitarre ist meine Liebe). Seit 1993 lässt sie die fest im finnischen Alltag verankerte Maria Kallio durch ein kompliziertes Leben und auf Verbrecherjagd gehen. Im mittlerweile neunten Fall – “Auf der falschen Spur” – (dieses Jahr als TB erschienen. rororo. 8,95) geht es um die Sportjournalistin Jutta Särkikoski, die einen Dopingskandal aufgedeckt hat und deren Leben damit nicht einfacher wird. Bereits im Januar kommt “Die Leibwächterin” (Kindler. 19,95) auf den Markt. Die junge Finnin Hilja Ilveskero ist Leibwächterin. Ihre derzeitige Auftraggeberin betreibt nicht ganz durchsichtige Immobiliengeschäfte in Moskau und wird Hilja von Tag zu Tag unsympathischer. Lehtolainen ist nur geeignet für Leser die skandinavische Melancholie in der schwermütigen finnischen Variante zu schätzen wissen. Liebhaber von Kaurismäki-Filmen werden also besonders gerne zugreifen.

Backlist

Auf die Backlists von Verlagen kommen lieferbare Bücher, die nicht in der aktuellen Saison oder dem laufenden Jahr erschienen sind. Schlecht verkäufliche Titel werden oft schon nach relativ kurzer Zeit makuliert oder verramscht (modernes Antiquariat). Hier ein kleiner Rückblick auf Titel, die im Herbst vor zwei Jahren erschienen sind. Vielleicht hat man doch etwas übersehen. Zugreifen solange noch lieferbar. Zudem sind diese Bücher in der Regel inzwischen als Taschenbuch-Ausgaben lieferbar.

Sie stammt aus Franken, lebt aber schon lange wie es sich gehört im preußischen Sammelbecken für Kunst- und Kulturschaffende: Iris Hannika. Vor zwei Jahren erschien ihr “Treffen sich zwei” (TB bei btb. Euro 8). Dass die Liebe zuschlägt, wenn man gar nicht (mehr) damit rechnet, soll ja vorkommen. In diesem Buch macht dies das Leben der Beteiligten keineswegs leichter.

Etwas unterschätzt wird und noch zu wenig bekannt ist der in Ehingen an der Donau geborene Karl-Heinz Ott. Er schreibt und arbeitet seit Jahren hauptsächlich fürs Theater. Inzwischen sind aber auch einige Romane von ihm erschienen; so 2008  “Ob wir wollen oder nicht” (Hoffmann und Campe. 17,95. Noch keine TB-Ausgabe). Eines Mißbrauchs verdächtig, sitzt der Protagonist im Untersuchungsgefängnis. Jetzt ist für ihn alles mit dicken Mauern umgeben: die Provinz, die Schädeldecke für seine Gedanken…

Zwischen “Beim Häuten der Zwiebel” (dtv. 9,90) und dem aktuellen “Grimms Wörter” (kommt gleich noch dran) erschien von Günter Grass “Die Box” (dtv. 8.90) als zweiter Teil seiner (auto)biographischen Spiegelungen und Betrachtungen. Der Fotoapparat belichtet genüsslich die vielköpfige, aber etwas unübersichtliche Familienstruktur, die Grass mit seinen Frauen gelungen ist. Er selbst nannte das im Untertitel  “Dunkelkammergeschichten”.

Der Sohn von Christoph Hein (“Willenbrock”, “Landnahme”, “In seiner frühen Kindheit ein Garten”, um nur drei seiner  allemal lesenswerten Werke zu nennen) heißt Jakob Hein und hatte als gelernter Facharzt für Psychiatrie sicher sein Ein- und Auskommen. Dennoch sattelte er um und wurde Schriftsteller. Sein “Vor mir der Tag und hinter mir die Nacht” (Piper. 8,95) handelt von Boris der Ideen sammelt, bevor sie verloren gehen und Rebecca. Tja, man ahnt es natürlich schon! – und hat dabei das schmale Buch schneller ausgelesen als einem lieb ist.


Das besondere Buch

Heimat-Format. Anfang Oktober feierte die oberschwäbische Schriftstellerin Maria Beig ihren 90. Geburtstag und wurde in bescheidenem Umfang, wie es ihrem eigenen Naturell entspricht, gefeiert und geehrt. Ihr Tübinger Verlag Klöpfer und Meyer hatte sich bereits rechtzeitig auf das Ereignis vorbereitet. Im Frühjahr erschien das Gesamtwerk in fünf Bänden (Euro 89). Diese Ausgabe enthält den autobiographischen Roman “Ein Lebensweg”, der es Anfang diesen Jahres sogar in die Bestseller-Listen geschafft hatte ebenso wie Rabenkrächzen, den ersten Erfolg der Autorin, die erst im Alter von 60 Jahren zu schreiben begann. Dem Verlag ist dabei eine sehr schön gestaltete, hochwertig gedruckte und gebundene Edition gelungen.

Kunst-Format. Mit mehreren künstlerischen Talenten ist bekanntlich Günter Grass ausgestattet. Zwei davon setzte er ein um uns mit seinen “Grimms Wörter” (Steidl. 29,80) zu beschenken. Der Schriftsteller erzählt aus seinem Leben – eine große Rolle spielt sein politischer Werdegang – und über den Weg von Jakob und Wilhelm Grimm zum großen deutschen Wörterbuch. Der Zeichner – oder muss es hier Maler heißen? – schuf die farbigen Vignetten vor den einzelnen Kapiteln und auf Umschlag und Schuber. Druck, Papier und Bindung runden das handwerkliche Meisterstück aus dem Göttinger Hause Steidl ab. So schön kann Buch sein und wird es bleiben wenn Oyo, PRS300B, Kindle und Co. längst im Sondermüll gelandet sind.

(Fussnote: Dieser letzte Satz ist nicht als grundsätzlicher finaler Seitenhieb auf elektronische Medien zu verstehen, schon gar nicht als Contra digitale Informationsverarbeitung, vielmehr als auf- und herausforderndes Für. Für mehr Kunst, Kreativität und Ästhetik. Für viel mehr Phantasie in Kultur, Wissenschaft und Alltag. Denn Plaste und Elaste sind aus den Fünfjahresplänen entlassen; ihnen wird das Öl abgegraben.)


 

Über-Format. Im Regal brauchen Sie Platz für 1536 Seiten und 35,6 cm Höhe. Mutig und, wie man inzwischen weiß, erfolgreich, war es von Suhrkamp, Zettel’s Traum in neuem Satz herauszugeben. Ob sich Arno Schmidt gefreut hätte über diese Abwandlung seines Original-Typoskripts? Der Inhalt der eigentlichen Erzählung ist vergleichsweise simpel, der Stoff dafür umso feiner und musterreicher gestrickt. Im Mittelpunkt steht der alternde Daniel Pagenstecher, seineszeichens Poe- und Po-Experte. Der Autor will uns zudem weiß machen, dass der dolle Dan bei der frechen, verlockenden, aber minderjährigen Franzi landen könnte. (Siehe zu diesem, von angejahrten Autoren gern bearbeiteten Thema auch: Goethe, Mann (ein Sonderfall), Nabokov, Walser und wie sie alle heißen. Doch stehts(,) vergebens ist alles Sehnen!) Die Standardausgabe, erschienen als letzter Band der Bargfelder Gesamtausgabe der Werke Schmidts, kostet Euro 298. Eine preiswertere Studienausgabe bekommt man in vier Binde-Einheiten aufgeteilt und broschiert für Euro 198; die limitierte und hochwertig ausgestattete Sonderausgabe kommt auf 448. Nachfragen haben ergeben: Das Werk ist nicht überall vorrätig. Auch im Bestand der einen oder anderen Stadtbibliothek könnte man es möglicherweise vergeblich suchen.


Neue Krimi-Autorin aus Schweden

6. Juni 2010

Das maritime Mord-Milieu der Viveca Sten

Es geht gleich saftig los. Mit einem drastisch geschilderten Todesfall. Und man denkt: Wieder so ein Krimi für Hartgekochte, mit detailliertem Morden, Sektionen in Nahaufnahme und anderen Scheußlichkeiten, die häufig begrenzte erzählerische Fähigkeiten wettmachen müssen. Obwohl am Ende drei Opfer zu beklagen sind, haben wir es hier aber dennoch nicht mit reißerischem Stil, der auf billige Effekte setzt, zu tun. Vielmehr bekommen wir neben den eigentlichen Kriminalfällen soviel Landeskunde und authentisches Lokalkolorit, wie selten in einem der zahlreichen, von sogenannten „Crime-Ladies“ verfassten, Schwedenkrimis.

Dieses Buch ist das erste einer Trilogie, deren schwedische Originalausgaben in den Jahren 2008 bis 2010 erschienen sind und die jetzt nach und nach in Deutsch bei Kiepenheuer und Witsch herauskommen. Fast hätte ich jedoch auf Kauf und Lektüre verzichtet. Denn der deutsche Titel „Tödlicher Mittsommer“ ist ein derber Marketing-Fehlgriff, eine unlogische, billig ausschließlich an Kauf-Instinkte appellierende und eher abschreckende Zumutung.

Viveca Sten, eine Stockholmer Juristin, Ehefrau und Mutter, legt ihr erstes belletristisches Werk vor. Es führt uns an Schauplätze, die manchen von uns aus jungen Jahren oder durch Kinder und Enkel schon recht gut bekannt sind – vorausgesetzt sie waren oder sind eifrige Astrid-Lindgren-Leser. Diesmal ist das Geschehen allerdings nicht auf dem idyllischen Saltkrokan angesiedelt, sondern auf einer der größten Schären-Inseln, dem etwa 30 Kilometer vor der Küste in der Ostsee liegenden Sandhamn. Auch in der vielverkauften “Millenium”-Trilogie von Stieg Larsson spielt das Felsen-Eiland eine Rolle. Mikael Blomkvist, die männliche Hauptfigur der Thriller, besitzt dort eine kleine Hütte, in die er sich gerne zum kontemplativen Arbeiten oder ausgedehnten Liebesspielen zurückzieht.

Viveca Sten kennt die Ferien-Insel durch zahlreiche eigene Aufenthalte. Nach der Lektüre ihres Krimis dürfte sich auch jeder der irgendwann einmal selbst diesen Ort besucht, bereits bestens orientieren können. Namen und Lage der schönsten Sehenswürdigkeiten, Gasthäuser und Strände sind geläufig und vertraut. Ebenso die Fährverbindungen vom Festland und zwischen den einzelnen Schärenfelsen, einschließlich Abfahrts- und Ankunftszeiten. Die Autorin erzählt plastisch und detailgetreu. Maritimes Milieu und maritimer Wortschatz („Roringknoten“, „zwei halbe Schläge um die eigene Part“) sind Seite für Seite gegenwärtig. Immer wieder besuchen wir mit ihr den edlen königlich schwedischen Segelclub (KSSS) mit seinen Traditionen, auf konservative Männlichkeit ausgerichteten Ritualen und seinen situierten Mitgliedern aus besten Kreisen.

Die Todesfälle erschüttern das kleine Soziotop und erzeugen ein Klima der Verunsicherung und des Misstrauens. Das gesellschaftliche Gefüge wankt, Wunden der Vergangenheit werden aufgerissen. Der zuständige Polizeibeamte ist Thomas Andreasson von der Dienststelle Nacka. Ein Mann Ende dreißig, der auf vielfältige Weise mit den Menschen der Schären-Welt verbunden ist. Er vergräbt sich gerne in seine Arbeit, da er persönliche, noch nicht allzu lange zurückliegende, Schicksals-Schläge zu verarbeiten hat.

In einer langen Tradition, seit dem Autorenpaar Maj Sjöwall und Per Wahlöö, bis zu aktuellen Autorinnen wie Camilla Läckberg und Aasa Larsson, sind gute schwedische Kriminalromane auch spannende Gesellschaftsdramen. Viveca Sten reiht sich hier gekonnt ein.

Neben dem Polizisten Thomas steht das Ehepaar Nora und Henrik Linde im Mittelpunkt der Erzählung. Wie stark sie in die aktuellen Fälle verwickelt sind, bleibt lange offen und ist eines der Spannungselemente des Buches. Kurze Kapitel und häufiger Perspektivenwechsel sorgen zusätzlich für Tempo und Kurzweil.

In der harmonischen Ehe von Nora und Henrik kommt es zu einem Konflikt, der entfernt an die Figur der Nora in Henrik Ibsens „Ein Puppenheim“ erinnert. Allerdings ist die moderne Nora Linde keine verwöhnte Zicke wie die norwegische Namens-Cousine, sondern eine gut ausgebildete und ambitionierte junge Frau, die gerne eine berufliche Chance wahrnehmen möchte. Dabei lernt sie ihren Ehemann plötzlich von einer ihr bis dahin nicht vertrauten, patriarchalisch konservativen Seite kennen.

Die Lösung der Kriminalfälle erweist sich schließlich, wie eben auch manches gesellschaftliche Phänomen, als im wahrsten Sinne zwiespältig. Mehr kann an dieser Stelle nicht verraten werden. Das Buch ist ideale Urlaublektüre und dabei nicht nur für Ostsee-Strände geeignet. Wir sind auf die Fortsetzungen schon sehr gespannt.

Sten, Viveca: Tödlicher Mittsommer (I de lungaste vatten, dt.). – Kiepenheuer und Witsch, 2010. Euro 14,95


So! Rum. April MMX

29. April 2010

Aus aktuellem Anlass: Island von A – Z

Literarische, kulinarische und vulkanologische Aspekte.

A.

Asche. In letzter Zeit einer der weit streuendsten Export-Artikel des subarktischen Inselstaates Island. Dennoch kein echter außenwirtschaftlicher Devisenbringer, da der vulkanische Verbrennungsrückstand so reichlich vorhanden war, dass im April zwar den Mitteleuropäern eine gute Portion abgegeben werden konnte, diese jedoch keineswegs gewillt waren, die Lieferungen finanziell zu entgelten. Demgegenüber: Asche, wie Kohle, Schotter, also in der Bedeutung von Geld. Davon werden auf Island nur noch schwache Vorkommen nachgewiesen. Die meisten Summen haben negative Vorzeichen. Deshalb starkes Interesse an einer Einfuhr aus anderen – insbesondere EU – Staaten.

B.

Baldursdottir, Kristin Maja. 1949 in Hafnarfjörður geboren. Zunächst Lehrerin, dann Journalistin und schließlich Schriftstellerin. Der Roman “Möwengelächter”, in Deutschland 2001 bei Krüger erschienen, war ein erster internationaler Erfolg. 2006 erschien “Die Eismalerin”, ebenfalls bei Krüger. Das groß angelegte Familienepos ist inzwischen als Fischer Taschenbuch erhältlich. Baldursdottir ist eine der bekanntesten Schriftstellerinnen Islands.

Blöðmör. Klingt schön und wollen wir uns deshalb nicht ersparen. Eine wirklich sehr spezielle Spezialität, die auch gegessen werden kann – zumindest von Isländern: Gesäuerte Schafsblutwurst mit Zucker gesüßt und in Molke gelagert.

Buchmarkt. In Island erscheinen jährlich etwa 2000 neue Titel – bei einer Einwohnerzahl von 318.000. Umgerechnet auf deutsche Verhältnisse: Die 80 Millionen Einwohner unseres Landes müssten in jedem Jahr etwa eine halbe Million neue Bücher schreiben, herausgeben, produzieren. (In Deutschland erscheinen tatsächlich jährlich etwa 60.000 Titel, einschließlich Übersetzungen und Neu-Auflagen.)

C.

Dieser Buchstabe kommt im isländischen Alphabet nicht vor.

D.

Dichter. Wenn man weit verbreiteten Gerüchten Glauben schenkt, sind nahezu jeder zweite Isländer, jede zweite Isländerin dichterisch tätig. Im geheimen, familiären oder in aller Öffentlichkeit. Siehe auch unter Buchmarkt. Ein großer Teil der isländischen Schriftsteller schreibt Kriminalromane, auf die deutsche Buch-Käufer ganz besonders abfahren.

E.

Eyja. Kein Kosewort, sonder isländisch für Insel.

Eyjafjalla. Tag- und nachtaktiver Vulkan. Ergiebiger Lava- und Ascheproduzent.

Eyjafjallajökull. Zum Vulkan Eyjafjalla gehörender Gletscher, der sich gerne einmal verflüssigt um seiner Umgebung die Sintflut zu bringen. Eyjafjallajökull ist auch der Name für das aus Berg, Gletscher und Vulkan bestehende Gebirgsmassiv.

F.

Fjalla. Isländisch für Berg. Derzeit häufig in der Kombination mit Eyja verwendet. Siehe auch dort.

G.

Guðnason, Hilmar. Isländischer Schauspieler. Bekannt geworden durch seine Rolle in „101 Reykjavik“ (2000), einem der bekanntesten Filme aus und über Island.

H.

Helgason, Hallgrimur. Isländischer Schriftsteller, Jahrgang 1959. Sein bekannter Roman „101 Reykjavik“ (2. Aufl., Klett-Cotta, 2009) diente als Vorlage für den gleichnamigen Film von Regisseur Baltasar Kormakur. Ebenfalls bei Klett-Cotta erschien unter dem originellen Titel „Zehn Tipps, das Morden zu beenden und mit dem Abwasch zu beginnen“ eine als Thriller verkleidete Gesellschaftskomödie.

I.

Indriðason, Arnaldur, 1961 geboren, in Deutschland sehr populärer Verfasser sog. Island-Krimis. Arnaldur Indriðason hat bislang dreizehn Romane veröffentlicht, die bis auf einen alle ins Deutsche übersetzt wurden. Hauptfigur ist meist der Kommissar Erlendur Sveinsson. Die Taschenbücher erscheinen bei Bastei Lübbe.

Isländisch. Gehört zur nordgermanischen Gruppe der indogermanischen Sprachen. Isländisch hat, wie auch Norwegisch und Färengisch, seine Ursprünge im Altwestnordischen. Eine lange Tradition hat die geschriebene Sprache. Älteste Aufzeichnungen stammen aus dem 11. Jahrhundert. Weltweit einzigartig ist die Existenz einer grammatikalischen Abhandlung aus dem Jahr 1255, die die Phonetik nach dem Prinzip der vergleichenden Lautlehre beinhaltet. Die Formen habe sich bis heute kaum verändert und mit ihnen die Konjugationen und Deklinationen ebenso wenig. Das isländische Alphabet hat 32 Buchstaben und sieht so aus: a, á, b, d, ð, e, é, f, g, h, i, í, j, k, l, m, n, o, ó, p, r, s, t, u, ú, v, x, y, ý, þ, æ, ö. (An dieser Stelle bitte ich um Verständnis, dass nicht alle 32 in meinem Island-Spezial wiederzufinden sind.)

J.

Johannesdottir, Steinuun, geboren 1948 in Akranes, Island, arbeitet als Regisseurin, Journalistin und Autorin in Reykjavík. Schreibt historische Romane. Z. B.: „Die Isländerin“, Rowohlt, 2006.

K.

Karason, Einar, geboren 1955, lebt in Reykjavík und zählt zu den wichtigsten skandinavischen Autoren der Gegenwart. Bekannt und gelobt seine Trilogie „Die Teufelsinsel“, „Die Goldinsel“, „Das gelobte Land“ – alle bei btb als Taschenbücher erschienen.

Katla. Noch mehr Vulkan als Eyjafjalla.

L.

Laxness. Wer an ein neues Wellness- oder Entspannungs-Produkt zentraleuropäischer Luxus-Ressorts denkt, liegt falsch. Vielmehr haben wir es mit einem Nobelpreisträger für Literatur (1955) zu tun: Haldor Laxness. Der Autor – er lebte von 1902 bis 1998 – ist in seinem Heimatland ein unvergesslicher Volksheld, ein nationales Denkmal. Bei uns sind nur noch wenige seiner Werke lieferbar. So etwa das einstmals sehr bekannte und auch verfilmte „Atomstation“ oder „Die Islandglocke“ und „Das Fischkonzert“.

Lundi. Achtung, für Vogelliebhaber weniger geeignet. Wieder eine der isländischen Spezialitäten von denen behauptet wird, dass man sie essen kann. Gebratener Papageientaucher. Sein Geschmack soll mit Wild vergleichbar sein, das Fleisch ist fest und zart; da es nicht sehr reichlich ausfällt, gehören immer mehrere Vögelchen auf einen Teller.

M.

Magnusson, Kristof. Ein Schriftsteller mit isländischen Namen, der aber 1976 in Hamburg geboren wurde. Er ist ausgebildeter Kirchenmusiker und studierte am Deutschen Literatur-Institut in Leipzig und an der Universität Reykjavik. Zur Zeit ist er mit dem Roman „Das war ich nicht“, Kunstmann, 2010, im Gespräch. Das Buch – flott und unterhaltsam geschrieben – beschäftigt sich mit dem Milieu ehrgeiziger erfolgreicher Banker. Magnusson ist ein junger vielversprechender Autor von dem in Zukunft sicher noch interessante Veröffentlichungen zu erwarten sind. Er ist auch als Übersetzer aus dem Isländischen tätig. Die informative Web-Site von Magnusson findet man hier: http://www.kristofmagnusson.de/

N.

Nordal, Sigurdur. (1886 – 1974), Poet, Schriftsteller, vor allem aber einer der bedeutendsten Sprach- und Literaturwissenschaftler Islands. Nachdem er in Kopenhagen Nordische Philologie studiert hatte, lehrte er in Berlin, Oxford und an der Harvard University. Ab 1919 war er Professor für isländische Sprache und Literatur an der Universität Islands in Reykjavik. Mit seinen Monographien und Aufsätzen zur älteren und neueren isländischen Literatur erwarb er sich internationales Renomèe. Seine Dichtungen, die aus der volkstümlichen Kultur schöpften, hatten großen Einfluss auf die psychologisierende Richtung der isländischen Erzählweise im 20. Jahrhundert.

O.

Oskar, Jon. (1921 – 1998) Arbeitersohn aus Akranes. Nach Land- und Realschule wurde Oskar am Konservatorium zum Pianisten ausgebildet. Er sammelte Erzählungen und Lieder, übersetzte moderne französische Literatur. Außerdem schrieb er Gedichte und Erzählungen in deren Mittelpunkt das Alltagsleben steht.

P.

Pony. Beliebtes isländisches Haustier und Fortbewegungsmittel. Kräftig, mollig, ausdauernd, mit zotteliger Mähne.

Q.

Qualen mit diesem Buchstaben bleiben den Isländern erspart.

R.

Reykjavik. Hauptstadt. 120.000 Einwohner. 15 Kunstmuseen. 9 Theater. 7 Bibliotheken. 101 Bäume, meist von minderem Wuchs.

Islands Nationalbibliothek in Reykjavik

S.

Sagas. Ur-Suppe isländischer Literatur, basierend auf unsterblichen Mythen und Heldengeschichten. Am bekanntesten ist die Edda. Die Sagas beeinflussen bis heute die nordische Literatur mit ihren Motiven, Namen und Gestalten. Die längste der zahlreichen Helden-Erzählungen ist die Njáls saga mit 97.000 Wörtern.

Stefansson, Jon Kalman ist ein Schriftsteller der jüngeren Generation, geboren wurde er 1963 in Reykjavik. Im Städtchen Mosfellsbær war er zwischenzeitlich auch als Bibliothekar tätig. In deutscher Übersetzung liegen mehrere Romane des Autors vor. Unter anderem die poetisch-humorvolle Familiengeschichte „Das Knistern in den Sternen.“

Svið. Versprochen, das letzte isländische Gericht, das in diesem Island Spezial vorkommen wird. Vielleicht ist es ja nicht das allerbekömmlichste, spektakulär hört sich das Rezept auf jeden Fall an: Ein abgesengter (geschorener) halber Schafskopf, der durchgekocht und nicht ausgenommen auf den Tisch kommt. Ältere Isländer schwören darauf. Das Auge gehört zu den besonderen Delikatessen.

T.

Thorarinsson, Arni. 1950 geboren, lebt in Reykjavík. Er arbeitet als Journalist und Autor für Zeitung, Radio und Fernsehen und gehört zu jenen Autoren, die Ende der neunziger Jahre den Grundstein für die isländische Kriminalliteratur legten. Mittlerweile sind bereits vier Romane mit dem Reporter Einar als Hauptfigur erschienen, zuletzt 2008 der Titel „Todesgott“ bei Droemer.

U.

Universität(en). Es dauerte bis 1911 ehe Island in Reykjavik eine eigene Universität bekam. Bis dahin, aber auch noch danach studierten die Landeskinder gerne an anderen skandinavischen Hochschulen wie Kopenhagen oder Oslo. Heute gibt es in Island sieben staatliche Hochschulen, sowie drei private Hochschulinstitute. Auf Grund der geographischen Besonderheiten, ist auch das Fernstudium weit verbreitet. Das Studium an den staatlichen Hochschulen ist kostenlos.

V.

Vulkan. Eine Stelle der Erdoberfläche, an der Magma austritt und der dabei entstehende Berg. Es gibt aktive und erloschene Versionen.

W.

Wodka. Obwohl auch das W im Isländischen nicht benötigt wird, muss es hier verwendet werden um in seiner lateinischen Variante einen wichtigen Treibstoff, nicht nur nordischen Lebens, anzukündigen. Wie überall im Norden trägt Hochprozentiges je nach Gemütslage zum Überleben oder zum Untergang bei. Auch in Island wird Wodka produziert. Es gibt zwei Sorten. Diese tragen die w-losen Namen Eldurís und Icy. Beide haben ungefähr 40%Vol Alkohol und sind vom Geschmack her eher weich. Der Brennivín hingegen ist ein in Island gern getrunkener Kümmelschnaps.

XYZ.

Die ersten beiden Buchstaben kennt das isländische Alphabet durchaus, angewendet werden sie in der Sprachpraxis allerdings selten; den dritten im Bunde gibt es – wie schon C, Q und W – in der isländischen Sprache nicht.

*****

Hypotext

Raisting. Im April 2010. Einer hochrangigen Experten-Kommission, der neben einigen anderen profilierten Persönlichkeiten auch Sepp Daxenberger und A. T. Wille angehörten, ist es in den letzten Wochen gelungen den Sammel-Auftrag der letzten Bibliothek (DLB) annähernd exakt zu formulieren. Nach Auskunft ihres Sprechers Enn Enn, wird sich die Einrichtung darauf focusieren, das jeweils letzte Buch zu erwerben, zu erschließen und bereitzustellen. Bei den letzten Büchern soll es um nachweisbar allerletzte Werke handeln. Das können die eines Schriftstellers, einer Schriftenreihe oder eines mehrbändigen Werkes sein. Es kann sich dabei aber ebenso gut um das letzte Buch handeln, dass ein Sammler erworben hat oder das allerletzte, das von einer bestimmten Ausgabe oder Auflage noch auf dem Markt war. Fachleute rechnen in der Zukunft mit einer dramatischen Zunahme der Ein-Exemplar-Auflagen; garantiert doch gerade dieses Verfahren des ersten und letzten Werkes die sichere Aufnahme in Fundus und Katalog der Letzten Bibliothek (DLB). Nicht gesammelt werden Bücher, die von Kritikern mit dem Ausruf “Das ist ja das allerletzte” bedacht wurden. Wie etwa weiland “Jenseits der Liebe” des Autors Martin Walser von dem Kritiker Emm Errerr. Nachzulesen in den in diesen Wochen erschienen Tagebüchern Walsers, dem bei Interviews und Gesprächen anzumerken ist, dass er sich davon bis heute nicht ganz erholt hat. Die Leitung der Letzten Bibliothek überlegt Martin Walser eine Einladung als “Writer in Residence” zukommen zu lassen.


Von Menschen und Gedichten

7. April 2010

Nachträge zur Leipziger Buchmesse 2010

Zweiter Teil – mit zwei Lyrikern

„Und wir / hasten und hatschen und huschen und jagen und joggen und latschen und marschieren und schleichen und schlendern und spazieren und staksen und stapfen und stelzen … und storchen und tänzeln und tippeln und tappeln und trippeln und trappeln und trödeln und trotten und wallen und wandeln und wandern und waten und watscheln und zockeln und zotteln und zuckeln, / und wir sammeln uns in Gruppen und in Gesellschaften und in Bekanntenkreisen … „

Zitate aus dem Gedicht „Vademecum“ von Morten Söndergaard. Enthalten in dem Anfang dieses Jahres erschienenen Band „ein schritt in die richtige richtung“, der aus vier längeren Gesängen und Gedichten besteht. Der dänische Autor spricht von einem „Gehbuch“. In „Vademecum“, dem ersten Teil des Buches, das in Dänemark bereits 2005 herauskam, untersucht Söndergaard gründlich das Gehen als Bewegungsform im wörtlichen, aber auch im metaphorischen Sinn und erprobt dafür mögliche Sprach- und Ausdrucksmöglichkeiten: wir gehen zum Einkaufen, kommen in die Gänge, gehen vor die Hunde, gehen bankrott und schließlich über den Jordan…

Morten Söndergaard wurde und wird von Roland Hoffmann mit viel Gefühl für Rhythmus und Sprachmelodie ins Deutsche übertragen. Hoffmanns Versionen entsprechen den Originalen auf verblüffende Weise, wozu sicherlich auch die nahe Verwandtschaft der beiden germanischen Sprachen beiträgt. Wie stimmig, stimmungsvoll und ausdruckstark das beim Vortrag klingen kann, wurde demonstriert als Dichter und Übersetzer auf der Leipziger Buchmesse am Stand der Nordischen Literaturen Passagen aus „Vademecum“ synchron in Deutsch und Dänisch vortrugen. Hier zumindest ein kleiner Eindruck, wie man sich das Zitat am Anfang in dänischer Sprache vorzustellen hat:

„Og vi / dasker og driver og drysser og defilerer og flanerer og gakker og jokker og jakker og jogger og lister og lunter og promenerer og sjokker og sjosker og slentrer og spadserer og spankulerer og stavrer og stepper og stolprer og storker … og tusser og töffer og vader og vandrer og vralter / og vi samler os i grupper og i samfund og i omgangskredse …“

Die Lyrik Söndergaards wirkt am stärksten bei Auftritten vor Publikum, wenn die Lesung zur Performance wird, wenn Gestik, Mimik und Musikalität des Dichters oder Vortragenden die uralte Verwandtschaft von Dichtung und Lied, von Dichtung und Gesang, deutlich machen können. Auch in Leipzig waren die Zuhörer bei solchen Veranstaltungen sichtlich beeindruckt. Einer der Höhepunkte war der gemeinsame Auftritt von Morten Söndergaard und Clemens Meyer, als es dem Dänen gelang, den Leipziger zu einem ebenfalls ausdrucksstark gestalteten Vortrag seiner Prosa zu bewegen. Die Augen- und Ohren-Zeugen im altehrwürdigen Theater-Saal waren begeistert.

Die deutschen Ausgaben der Werke Morten Söndergaards erscheinen im Verlag seines Übersetzers, dem litteraturverlag roland hoffmann. Sie sind selbst in guten Buchhandlungen nicht immer vorrätig, aber jederzeit und problemlos zu beschaffen. Bemühen Sie den Buchhändler ihres Vertrauens – er wird es ihnen danken.

Wesentlich schneller und leichter zugänglich sind neue Gedichte von Michael Lentz. Durch geschickte Kooperation mit der FAZ sind einige im sonst nicht immer lyrischen WWW nur wenige Klicks vom geneigten Interessenten und potentiellen Zuhörer entfernt. (Link im Anhang.) Die Originale und den ganzen umfangreichen Zyklus von Liebesgedichten gibt es selbstverständlich auch als schön gestaltetes Druckwerk unter dem Titel „Offene Unruh. 100 Liebesgedichte“ im Verlag S. Fischer.

Der 1964 geborene Michael Lentz begann seine dichterische Laufbahn mit Poetry Slam. 1998 wurde er „Deutscher Meister“ in dieser Disziplin; 2001 gewann er den Ingeborg-Bachmann-Preis und wurde 2005 mit dem „Preis der Literaturhäuser“ ausgezeichnet. Von ihm liegen inzwischen mehrere Lyrik- und Prosa-Bände vor. Großen Anklang bei Publikum und Kritik fand sein 2007 erschienener Roman „Pazifik Exil“. Darin schildert er die Flucht vieler Intellektueller und Künstler vor der nationalsozialistischen Herrschaft ins amerikanische Exil. Seit 2006 ist er Professor für literarisches Schreiben am Deutschen Literaturinstitut der Universität Leipzig.

Söndergaard, Morten: ein schritt in die richtige richtung. et skridt i den rigtige retning. Gedichte Deutsch und Dänisch. – Übersetzt von Roland Hoffmann. litteraturverlag roland hoffmann, 2010. Euro 19,90

Ders.: Bienen sterben im Schlaf. – Übersetzt von Roland Hoffmann. litteraturverlag roland hoffmann, 2007. Euro 18,90

Lentz, Michael: Offene Unruh. 100 Liebesgedichte. – S. Fischer, 2010. Euro 16,95

Die Lyrik-Lesungen von Michael Lentz auf faz.net

Lentz, Michael: Pazifik Exil. S. Fischer, 2007. – Als Fischer Taschenbuch, 2009. Euro 9,95