So! Rum. Der Februar MMX

27. Februar 2010

Kehraus. Tarrää, Tarrää – wenn ich diese Narren seh! Meine GEZ-Zwangs-Abgaben werden zweckentfremdet, alle öffentlich-rechtlichen Kanäle mit Faschingfasnachtkarnevaleinerlei verstopft. Und wenn nicht, wird geboxt. Literatur wenn überhaupt, verschoben und verschoben. Eine halbe Stunde Thea Dorn oder Felicitas von Lovenberg oft mehr als hinter Mitternacht.

Fremdsprachen. Dass ich einmal Mitleid mit MP a. D. und Neu-Kommissar Günther Ö. haben würde, wäre mir eigentlich in keinem meiner stets originellen Alpträume eingefallen. Doch die Einheits-Häme aller Medien – Ausgangspunkt YouTube, und alle schadenfreuen nach – macht es möglich. Das hat niemand verdient. Selbst wenn er, wie Günther Ö. den Stolz nicht aufbringt, Deutsch zu sprechen, wenn er Englisch eigentlich nicht kann. Lech Walesa spricht zu jeder Gelegenheit bei der man ihn noch zu sehen bekommt Nord-Polnisch. Sarko mit der ihm angetrauten Italienerin und auch dem Rest der Welt Französisch. Sogar der Ratzinger-Papst sagt’s in Latein. Jeder darf seine Muttersprache sprechen, nur der… naja sie wissen schon. Nein, einen Link zur Peinlichkeit gibt’s hier nicht – wo kommen wir denn da hin?

Wetter. Winter ade? Sprechen wir vom Wetter und gewöhnen wir uns daran, dass unser metereologisches Vokabular, über den von allen Stimmbändern artikulierten Klimawandel hinaus, noch andere interessante Wortbildungen bereit hält: Eiszeit, Zwischeneiszeit, Kälte-Phase, Warm-Phase. Mein Liebling: Würm-Eiszeit! Fürs Dichter-und-Denker-Land selbstverständlich, dass es zu allen Problem-Themen passende Autoren mit marktgerechtem Reaktionsvermögen gibt, die rasch unterhaltende Orientierung parat halten. Jetzt erschienen und unbedingt lesenswert: Franz Schätzchen: Der Schal. – Wiepenheuer & Kitsch, 2010. 2656 S. Euro 51,99.

Zitat 1. “Das Plagiat: Was ist es im letzten Grunde andres als Selbsterkenntnis? Dass dem Betreffenden das fehlt, was er nimmt?” Meinte der akribische Arno Schmidt irgendwann einmal.

Szene (= Berlin). Ein Buch zu schreiben, war ja schon öfters probates Mittel postpubertärer Mädels ihr Taschengeld aufzubessern. Dass man aber dermaßen das deutsche Feuilleton rockt, wie jene Jung-Autorin, die diesen Monat 18 wurde, ist schon eine ganz neue Dimension. Und natürlich nomiert für den Preis der Leipziger Buchmesse (siehe ganz weit unten), weil sie angeblich wirklich schreiben kann. Echt? Darüber wird noch zu reden sein – in frühestens zwanzig Jahren. Zu schnell entstehen heute Helden.

Zitat 2. “Der Fall Hegemann lässt in mir den dringenden Wunsch, nein, die aufrichtige Bitte aufkommen, dass sich die Literaturkritik hierzulande endlich weniger um Hypes oder die Biografie eines Autors kümmert und mehr um seinen Text.” Der Schriftsteller Thomas von Steinaecker in “Börsenblatt” 6.2010, S. 13.

Sport. In Vancouver hat das Gladiatorentum inzwischen Ausmaße angenommen, die stark an griechisch-römische Dekadenz im Endstadium erinnern. Und hierzulande mußte einmal mehr eine Gruppe älterer Herrn erkennen, dass Sexualität im Leben der Männer durchaus vorkommen kann. Nein, nicht die! Hier ist die Ober-Clique vom DFB gemeint, dass sind die, die für Fussball-Götter zuständig sind. Götter pflegen ja tradionell (siehe: griechische, siehe: römische) ein rechtes Lotterleben. Einige gemeine Stadion-Gänger-Sänger hingegen habens schon immer gewußt: “Schiri du schwule … !”.

Krieg. Oberfeldwebel Evi Sachenbacher-Stehle. Hauptfeldwebel André Lange. Hauptfeldwebel Tobias Angerer. Unteroffizier Andreas Wank. Deutsche Medailliengewinner in Kanada. Wer verteidigt eigentlich Freiheit und Vaterland am Hindukusch, wenn sich ein großer Teil der VondeutschenBodendarfniewiederKriegausgehen-Armee auf der Jagd nach Auszeichnungen durch olympischen Schnee kämpft?

Aus meinem Lese-Tagebuch. Viel Vergnügen bereitet hat mir diesen Monat die Lektüre von Thomas Glavinics “Das bin doch ich”, das mir bei einem anderen geplanten Einkauf, recht überraschend in die Finger geriet und als Spontan-Kauf noch am selben Abend angelesen wurde. Am Ende dieser äußerst witzigen Selbst-Darstellung und kultur-, bier- und weinseeligen Wien-Odysee eines jungen, nach Short-List-Präsenz lechzenden Autors, stellt sich dem Leser die spannende Frage, ob Thomas G. noch immer mit Daniel K. befreundet ist. Man wird der Ösis ja nicht müde. Deshalb bin ich jetzt mit dem neuen Hochgatterer beschäftigt. Dazu. Bald. Hier. Mehr.

Ausblick. Im Märzen der Bauer die Rösslein einspannt. Er reitet nach Leipzig. Und schon wieder ein Buchpreis, samt Shortlist: Faktor, Georgs Sorgen. Hegemann, Axolotl (das gäbe Taschengeld!). Klein, Roman unserer Kindheit. Seiler, Die Zeitwaage. Weber, Luft und Liebe. (Und Glavinic wieder nicht drauf!)

Ich bin am Ende. Diesmal fehlen zwei oder drei Tage, je nach Sichtweise, außerdem große Teile des inzwischen gewohnten winterlichen Nacht-Dunkels; wir vermissen die Schneemänner, übrig geblieben sind dreckige schmelzende Torsi; der WSV ist schon vorbei, die Berlinale auch, Stars und Sternchen weg – und Guido W.? Liegt dekadent dahingestreckt in der Hängematte. Im Schlaraffenland für wohlgeborene Politik-Profis. Und wirft mit gebratenen Tauben nach jenen in den dürren Ebenen, die nicht jedes global-urbane Tempo mitgehen durften, konnten oder wollten.

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Hypotext

Nach DNB und DDB: Die DLB kommt! Lange herrschte Funkstille, doch nun gibt es hoffnungsvolle Signale aus Raisting und Polling. Was bisher geschah: Am 29. Juni 2006 trat bekanntlich das neue “Gesetz über die Deutsche Nationalbibliothek” in Kraft. Es benannte die Bibliothek mit ihren von blühenden Vorgärten umgebenen Häusern in Leipzig, Frankfurt am Main und Berlin in Deutsche Nationalbibliothek um. Dieser bibliothekarische Kraftakt fand 2008 seinen vorläufigen Abschluss: Im Oktober jenes Jahres erlies die Bundesregierung die Pflichtablieferungsverordnung, die die bisherige Pflichtstückverordnung ablöste. Damit war Kraft gewonnen für neue Aufgaben. Folgerichtig wurde am 8. Dezember 2009 in Stuttgart, im Rahmen des jährlichen IT-Gipfels und in Anwesenheit der Frau Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel, das Projekt DDB präsentiert. Die Deutsche Digitale Bibliothek wird einen zentralen Zugang zu digitalem Wissen und Kultur in Deutschland bieten. Sie eröffnet großartige Perspektiven für die innovative und zukunftsorientierte Nutzung digitaler Medien und setzt Zeichen für die Etablierung der Wissens- und Informationsgesellschaft in der Bundesrepublik. Diesen beiden tragenden Säulen der Informations-Landschaft wollen nun namhafte Experten aus Bibliotheks-, Informations- und Archivwesen eine weitere hinzufügen. Nach monatelangen Vorberatungen, Ausarbeitung meilensteingepflasteter Konzeptionen und der Sicherung einer zukunftsorientierten Finanzierung, geht am 10. März 2010 „Die letzte Bibliothek“ (DLB) mit Häusern in Raisting und Polling an den Start. Mehr dazu. Demnächst. An dieser Stelle.


F I N I S

27. Februar 2009

Hier und heute endet jener Teil dieses Blogs, der über Wille, Werk und Mich berichtete.

Eine UAISPL war so nie vorgesehen, was nicht ausschließt dass sie eines Tages entsteht oder in anderer Form bereits existiert.

Eine Finanzkrise gibt es nur, wenn sie sprachlich in die Welt gesetzt wird.

Wille, Werk und Mich sind reale Figuren in fiktiven Texten oder fiktive Figuren in einer gestalteten Realität.

Lisaweta Quote bleibt verschollen oder taucht eines Tages wieder auf.

Nichts ist ohne sein Gegenteil wahr, hat Martin Walser sinngemäß formuliert.

Und Juli Zeh sagt:

“Ich finde den Unterschied zwischen Fiktion und Wirklichkeit marginal…Ich habe große Schwierigkeiten, diesen Unterschied dingfest zu machen.”

Dieser Blog heißt LIT*OS; er enthält Texte über Literatur, Orte und Spuren und – natürlich Literatur.


Schlechte Nachrichten (2)

27. Februar 2009

Eilmeldung!

Deutsche Niederlassung des Library Software House GarNyx meldet Insolvenz an.

Hunderte von Arbeitsplätzen in Bochum gefährdet. Fortsetzung des Geschäftsbetriebs fraglich.

Amerikanische Mutter ebenfalls in großen finanziellen Schwierigkeiten. US-Regierung lehnt Finanzspritzen ab.

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Frostige Zeiten – positive Signale sind in Raisting derzeit Mangelware


Vorgestellt

26. Februar 2009

Mich, B. E.

Mich wurde am 12. Juni 1960 um 6 Uhr und 12 Minuten in Polling bei Raisting bei Weilheim bei München geboren. Der schmächtige Knabe erhielt von seinen Eltern die klangvollen Vornamen Benedikt und Emeran, die bald im täglichen Sprachgebrauch der Geschwister und Freunde zum bis heute gebräuchlichen B. E. abgeschliffen wurden. Schon in jungen Jahren machte ihn der Vater mit den Faust-Mythen bekannt und führte ihn zu Plätzen im Dorf, die sich in Thomas Manns “Doktor Faustus” als Handlungsorte wiedererkennen lassen. Diese bürgerlich dekadente Version des Faust-Stoffes war Mich nie recht sympathisch und so wandte er sich später anderen Dichtern und Schriftstellern zu. Heute beschäftigt er sich mit deutschen Gegenwartsautoren wie Michael Ebmeyer, Andreas Maier, Juli Zeh oder den österreichischen Talenten Josef Winkler und Walter Kappacher.

Da sich Benedikt Emeran schon bald als musikalisches Kind erwies, ließen ihn die Eltern in das Musikgymnasium Roth an der Roth einschulen und folgerichtig besuchte er nach Vollendung der Schullaufbahn zunächst die Musikhochschule „Carl Orff“ in Murnau; dort machte er auch Bekanntschaft mit der Malerschule “Blauer Reiter”, deren Werke ihn seitdem in verschiedenster Form durch den Alltag begleiten. Als er sich selbst für eine musikalische Berufslaufbahn für nicht talentiert genug einstufte, schloss er dem unvollendeten Studium eine Ausbildung zum Diplom-Bibliother (FH) in Stuttgart an und hospitierte nach erfolgreichem Abschluss unter anderem an der Library of Congress und der Österreichischen Nationalbibliothek.

Heute ist Mich beruflich freischaffender Reference Librarian, sozusagen ein Feuerwehrmann der bibliothekarischen Auskunftsdienste. Das führte ihn schon in alle Teile der erschlossenen Welt. Darüber hinaus arbeitet er als Publizist, Rezensent und Reisender. Protokolle von seinen zahlreichen Exkursen und Exkursionen hat R. Eferenz Werk in dem eindrucksvollen „Per Anhalter durch das bibliographische Universum”. – Nachschlager, 2008, zu einer bibliographisch-biographischen Reisebeschreibung verdichtet.

Die lange und gründliche musikalische Ausbildung kommt ihm bis heute auf seinen ausgedehnten bibliothekarischen Unternehmungen zugute, da seine Auftritte als Straßenmusiker in aller Welt zur Finanzierung seiner Reisen beitragen. Allerdings verhinderte dieses jahrelange Vagabundieren eine feste, ehegemäße oder eheähnliche Bindung. B. E. Mich ist ledig, kinderlos und hat seinen nur wenige Wochen im Jahr benötigten festen Wohnsitz in München-Bogenhausen, von dort erreicht er nach einem kurzen Spaziergang durch das Grün des Englischen Garten die Bayerische Staatsbibliothek. Seine großzügige Dreiraumwohnung ist mit Werken zeitgenössischer europäischer Dichter und Schriftsteller gefüllt, freie Wände sind mit Reproduktionen von Werken der Blaue-Reiter-Künstler geschmückt. Wenn er sich in seiner Wahlheimat aufhält, unterstützt er gerne das Valentin-Musäum. Bei seinen sehr beliebten, weil originell gestalteten Führungen, mit gelegentlich eingestreuten Valentinaden, bringt er den Besuchern Leben, Werk und Denken des großen Münchener Volkssängers und -schauspielers näher.

Die Bilder der Blaue-Reiter-Gruppe begleiten B. E. Mich seit vielen Jahren. Hier “Der blaue See” von Gabriele Münter.


Ein Brief aus Leipzig

23. Februar 2009

Mein lieber Eferenz!

Länger hast Du nichts von dem nach Wildost verschlagenen Bruder – oder doch Cousin – im Geiste gehört und hattest doch soviel Recht zu der Erwartung, etwas von ihm zu hören, nach dessen Andeutungen im letzten Ferngespräch. Nun gut es ist soweit: Mich und ich haben uns also vergraben in den Elias-Kien-Nachlass und bemühen uns sorgsam und gründlich wertend Schicht um Schicht abzutragen und das zu Tage beförderte im rechten Licht betrachtet einer angemessenen Bestimmung zuzuführen. Wie Du weißt, sind die Brunnen der Vergangenheit tief; sollte man sie nicht unergründlich nennen? Dies nämlich dann sogar und vielleicht eben dann, wenn nur und allein ein Menschenwesen es ist, dessen Vergangenheit in Rede steht.

Soviel sei schon verraten, erste Funde zeigen Erstaunliches und lassen für die weitere Arbeit Spannung und Erwartung nicht geringer werden.
Schon nach wenigen Tagen fiel uns ein handschriftliches Gedichtfragment in die Hände, geschrieben mit schwarzer Tinte auf hell-beigen Bütten, umrankt von einem einstmals wohl buntem Blumenmuster, dessen Farben aber fast vollständig verblasst sind. Die in altdeutscher Schrift geschriebenen Zeilen jedoch erscheinen noch kräftig auf dem Papier und sind gut zu lesen.

“Du wirst im Dunkeln entschwinden,
dich nahm der steinerne Wald.
Ich werde dich nicht mehr finden,
tröstliche Menschengestalt.

Aber mich heiter zu fügen,
hab ich vollkommenen Grund:

es liegt ein großes Genügen
in dem Wissen um deinen Mund –”

Das Ende in dieser Form verleitete uns zunächst zu der Annahme, dass es sich wohl um ein Fragment handeln müsse. Titel, Autorenangabe oder irgendeine Art von Signatur waren nicht vorhanden. So schien guter Rat zwar nicht unbedingt teuer, aber immerhin schwer zu bekommen – zumindest zu Beginn unserer Recherchen. Zu einem Ergebnis kamen wir dann allerdings doch recht rasch. Um Dich nicht lange auf der Folterbank zu strecken oder mit ermüdenden Einzelheiten unserer Vorgehensweise zu langweilen, fasse ich unverzüglich zusammen.

Es handelt sich also um ein Gedicht und zwar keineswegs um ein unvollständig notiertes. Es trägt den Titel “Großstadtbegnung” und muss wohl der oberschwäbischen Dichterin Maria Menz zugeschrieben werden. Menz, die von 1903 bis 1996 lebte und die meiste Zeit in ihrer Heimat Oberessendorf, südlich von Biberach, verbrachte, arbeitete in den 1930er Jahren einige Zeit als Krankenschwester in Leipzig. Diese Stadt ist, außer Stuttgart, nachweislich ihr einzig echtes Großstadt-Erlebnis geblieben und man kann vermuten, dass sich die Betitelung auf die sächsische Metropole bezieht. Wie das Manuskript in den Besitz Kiens kam, ist sicher nicht mehr aufzuklären; dass er der Angesprochene sein könnte, eher unwahrscheinlich, da nichts in der Biographie der Dichterin eine solche Vermutung nahe legen könnte. Allerdings blieben deren Leipziger Jahre doch immer sehr im Dunkeln. Der forschenden Literaturwissenschaft sind hier anspruchsvolle Aufgaben gestellt.

Das ist also ist ein Beispiel für das was hier vor sich geht und aus scheinbar vertrockneten Brunnen an die Oberfläche drängt.

Für heute lebe denn recht wohl, lieber Eferenz Werk! Halte Dich gut, wie ich versuchen will, es zu tun, damit wir uns wiedersehen.
Ich hoffe, bald noch weitere interessante Neuigkeiten aus Leipzig in die Welt melden zu können.

Dein Arthur Thomas von der Weißen Elster

P.S.: Wenn ich es richtig sehe, gibt es weder bei Dir noch bei mir, noch sonstwo, derzeit irgend etwas Neues über unsere schmerzlich vermisste Lisaweta. Wie absurd erscheint in diesem Zusammenhang der angebliche Nutzen moderner Kommunikations-Apparaturen. Nun, der sehr geschätzte Kehlmann hat das Thema in “Ruhm” ja vortrefflich aufbereitet.


Musik und Literatur aus Kopf und Bauch

21. Februar 2009

Ein Roman von Michael Ebmeyer mit Musik von Ak Torgu

Es herrscht Fön im Land des jungen Erzählens. Nicht zu verwechseln mit dem voralpenländischen Föhn, jenem trockenen warmen Fallwind der in München, Raisting und Neu-Ulm an manchen Tagen Mensch und Gemüt erregt. Dieser Fön kommt direkt aus der Hauptstadt und er bläst uns ganz wacker sein Ständchen. Fön ist hier eine Combo, die textlastig komponiert, nach eigenen Aussagen auch den Menschen im fernen Sankt Petersburg gefällt und fast nur aus Schriftstellern besteht: Florian Werner, promovierter Dichter, dessen erster Erzählband versprach: “Wir sprechen uns noch”; Tilman Rammstedt, Bachmann-Preisträger, fulminant fabulierender “Kaiser von China”; Michael Ebmeyer, der mit “Henry Silber geht zu Ende” begann und mit “Der Neuling” zum kraftvollen Sturm auf die Leserschaft ansetzt. Von Letzterem sei hier die Rede.

Ebmeyer, Michael: Der Neuling, Kein und Aber, 2009, Euro 19,90.

Die Schoren sind ein kleines indigenes Volk, dass im südlichen Sibirien zu Hause ist, hauptsächlich im Gebiet Kemerowo und dessen schorische Sprache der Familie der Turksprachen angehört. Es mögen etwa 14.000 Menschen sein, die sich zu diesem Stamm zählen und eine traditionsreiche, mythensatte Kultur mit Schamanentum und sehr eigenwilliger Musik in die Gegenwart gerettet haben.
In die Stadt Kemerowo, Oblast Kemerowo, die wir uns in etwa von der Größe Stuttgarts denken dürfen, verschlägt es den biederen schwäbischen Versandhandels-Angestellten Matthias Bleuel. An den traumatischen Nachwirkungen einer heftig gescheiterten Ehe laborierend, wird er von seinem Chef beauftragt der sibirischen Versandagentur seines Unternehmens einen Besuch abzustatten. Vor Ort betreut ihn der Dolmetscher Artjom, mit dem ihn bald eine ambivalente Freundschaft verbindet.

Eines Tages erlebt unser Held den Auftritt der schorischen Sängerin Ak Torgu, einer angehenden Schamanin, die ihn gehörig verzaubert und ihn um Sinn und fast auch Verstand bringt, während er sich mehr und mehr Sinnliches von ihr wünscht. Er verliebt sich also in die junge Frau und tut fortan Alles um ihr nahe zu sein und ihr näher zu kommen.
Dabei durchläuft der mit nicht nur sprachlichen Verständigungsschwierigkeiten kämpfende Deutsche einen Schnellkurs in sibirisch-russischer Lebensweise und schorischer Kultur, hier vor allem der Musik. Als Leser erfahren wir sehr viel über deren Eigenarten und auf welche Weise die Sängerin den verschiedensten Organen ihres Körpers die fesselnden Laute, sowie Trommel und Laute die exotischen Töne entlockt.
Ebmeyer ist eine anrührende transkulturelle Liebesgeschichte vor einer für uns Mitteleuropäer fremd und faszinierend wirkenden Kulisse gelungen. Ein kräftiger Fallwind, der als frische Bö in hoffentlich vielen Buchläden zahlreiche Leser erreicht. Wir freuen uns über einen neuen Erzähler, der seine Leser nicht einfach nur mitnimmt in seine Welt, sondern sie regelrecht dorthin entführt. Auf diesem Kontinent angekommen, wartet – wie es in jedem guten Buch sein sollte – großes Abenteuer, das manchmal aber auch verdächtig wie Alltag aussieht.

Der Autor ist auf Lesetour. Begleitet wird er von der schorischen Sängerin Tschyltys, alias Olga Tannagaschewa. Die beiden sind u. a. während der Buchmesse am 12. und 13. März in Leipzig zu erleben. Wenn man die Hörprobe auf der Verlagsseite im Web gehört hat, ein Auftritt den man sich nicht entgehen lassen sollte.

Hier geht es zu Michael Ebmeyer und Tschyltys

So weit und ziemlich gut. Aber warum nun dieser Text hier zwischen all dem über Wille, Werk und Mich?
Weil es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis sich Lisaweta Quote, Ak Torgu und eine deutsche Kriminal-Schriftstellerin irgendwo zwischen Novosibirsk, Ob und Kemerowo begegnen werden. Dann meldet Matthias Bleuel an Daniel Kehlmann: “Ich habe sie gesehen!”


Vorgestellt

18. Februar 2009

Werk, R. Eferenz

Werk wurde 1958 in Neu-Ulm geboren. Kenner der reizlosen Mittelstadt im bayerischen Grenzgebiet zu Baden-Württemberg wissen, dass Neu-Ulm nicht nur an der Donau, sondern auch am – grünen Auwald durchfliesenden – Warmwässerle liegt. In der dortigen Oststadt besuchte der kleine Eferenz die Kindergarten-Gruppe der damals in der ganzen Stadt sehr bekannten und beliebten „Tante Anni“; zeitgleich übrigens mit einem phantasiebegabten, zu burlesken Scherzen neigenden Knaben namens Harald, mit dem er bis heute einen zwar losen, aber durchaus zeitweise tiefgründigen Gedankenaustausch pflegt.

Er arbeitete als Publizist, Fachjournalist und Dozent an der Freisinger Forschungsstätte „Serenus Zeitblom“ und ist der Autor von „Per Anhalter durch das bibliographische Universum“. Darin schildert Werk die Exkursionen und Impressionen von B. E. Mich auf dessen Erkundungen in Bibliotheken und Informationseinrichtungen aller Erd-Reiche und Welt-Alle; einem der wenigen Bücher mit einer solch exotischen Thematik, das es – wenn auch in bescheidenem Maßstab – weltweit zu beachtlicher Auflage brachte.

Werk und B. E. Mich sind nicht nur Kollegen, sondern seit Jahren auch befreundet. Die beiden haben sich in der Protestbewegung gegen den Unterausschuss des US-Amerikanischen Senats „für Kontrolle und Überwachung öffentlicher Bibliotheken (Committee for the Control and Monitoring of Public Libraries)“ kennen und schätzen gelernt. Auf einer Demonstration vor dem Heidelberger Amerikahaus fanden sie sich – die Arme untergehakt – in geschlossener Reihe, vor ihnen Heinrich Böll, neben ihnen Walter Jens, zusammen mit Dieter Hemminger, dem Studentenpfarrer der badischen Landeskirche, rhythmische Slogans skandierend.

Seit 2009 ist Werk zunächst Aufsichtsratsmitglied, dann Rektor – und damit einer der wichtigsten Wegbereiter und Ideengeber – der Raistinger University of Applied Information Sciences and Public Librarianship (UAISPL).

Eferenz ist gerne in der freien Natur, wandert durch Oberbayern, durchschwimmt die Seen des Voralpenlandes und paddelt mit seinem Kunstfaser-Boot in heimischer Umgebung auf Lauter und Riß, dortselbst immer wieder vorbei an Wielands Gartenhaus, Biberacher Vorort-Villen und Walsers Archiv.


Zitat (7)

15. Februar 2009

“Mein Leipzig lob ich mir!

Es ist ein klein Paris und bildet seine Leute.”

Johann Wolfgang von Goethe (1749 – 1832)

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Neue Zeitschrift

12. Februar 2009

Die meisten Informationen, bzw. Erkenntnisse, die auf Informationen beruhen, werden nie in eine praktische Anwendung oder in die Weiterentwicklung vorhandener Anwendungen oder Erkenntnisse umgesetzt. So werden Tag für Tag Tausende von Informationen recherchiert und dokumentiert ohne dass dies irgendwelche Konsequenzen hätte; die Ergebnisse der solchermaßen geleisteten Arbeit liegen brach. Eine stille Reserve, ein letztlich mehr oder weniger verborgener Schatz, auf den viel zu selten zurückgegriffen wird. Gewaltige Ressourcen werden auf diese Weise regelrecht verschwendet.

Mit dieser Problematik beschäftigt sich innerhalb der Informationswissenschaften, die noch junge Disziplin der „Sciences of Unapplied Information“.

Dem Renner-Verlag in Berlin, Heidelberg, Wien, Tokyo, Mailand, Sydney, Barcelona, Raisting, Neu-Ulm, Weißenhorn u. a. ist es nun zu verdanken, dass dieser neue Zweig der Scientific Community ein angemessenes Organ bekommt: Das „Journal of the Sciences of Unapplied Information.“ Jahrgang 1, Heft 1, 2009 ist soeben erschienen. Zum Editor in Chief wurde R. Eferenz Werk berufen, der in dieser Aufgabe eine ideale Ergänzung zu seiner Tätigkeit als Rektor an der UAISPL in Raisting sieht.

Werk hat sich auch bereiterklärt, zusammen mit Alter W. Undorfer, aus Anlass der Gründung der Raistinger Hochschule, in Zusammenarbeit mit und gefördert durch Renner, im September den First „Congress of the Siences of Unapplied Information“ vorzubereiten und zu veranstalten. Undorfer wird der Chairman dieser viertägigen Veranstaltung, die in der Dreifachturnhalle der Raistinger Ludwig-Thoma-Realschule stattfindet. Das Catering für die Teilnehmer aus Europa, USA, Japan und Russland (die neuseeländischen Kollegen haben bereits mit großem Bedauern wegen akuter Arbeitsüberlastung abgesagt) liegt in den bewährten Händen von Alfons Hirlhuber, dem Wirt des örtlichen Weißbräu-Stüberl.

Im Nachbarort Polling findet übrigens im selben Zeitraum eine Tagung der „Expertengruppe für geradlinige Kurvendiskussion“ statt. Teilnehmer beider Veranstaltungen sind herzlich eingeladen die Vorträge der jeweils anderen zu besuchen.

Hier nun das Inhaltsverzeichnis der ersten Ausgabe des „Journal of the Sciences of Unapplied Information“. (Eine Online-Version der Zeitschrift ist in Vorbereitung und wird voraussichtlich ab Heft 3 zur Verfügung stehen):

Greetings of the Publisher

Greetings of the Editor in Chief

Preface

A new Journal – Concepts, Bookmarks, and Milestones

R. Eferenz Werk, Raisting, University of Applied Information Sciences and Public Librarianship (UAISPL)

Dublin Core and More

James Joyce, Belfast, Union Library

Unapplied, what it realy means

Alter W. Undorfer, Zehlenberg-Quittenhain

Using Unapplied Informations in the Canadian Forestry

G. R. Osman, Alexandria, World Center for Unreadable Digital Documents

Recovering forgotten Knowledge

Lisaweta Quote, Moskau

The Information Scientist and Stress, Burn Out, and Nervous Breakdowns – A Psychoanalytic Approach

Lia D. Zlov, Dubrovnik, Garfield-Hospital for Information Specialists and Public Librarians

Announcements

New Literature

Outlook for the next issue

(If you are interested in a subscription of this new journal, please contact your local sales agent or the publisher.)


“Der Ruhm, wie alle Schwindelware…”

10. Februar 2009

Der aktuelle Buchtip von B. E. Mich bei Mississippi:

Kehlmann, Daniel: Ruhm. Ein Roman in neun Geschichten. – Rowohlt, 2009.
Euro 18,90

Gar nicht so einfach, wenn man einfach nur ein Buch lesen will; was nützt mein Wille in den Zeiten der Cholera? Wo soll man anfangen? Bei irgendeiner der inflationären Rezensionen, bei Mississippi, beim Hörbuch oder beim Video – beim Buch jedenfalls erstmal nicht.
Keine Belletristik-Neuerscheinung der großen Verlagshäuser mehr ohne werbendes Video, das uns ein ums andere Mal vor Augen führt, dass Schriftsteller nicht notwendigerweise auch brauchbare Schauspieler oder auch nur gute Selbstdarsteller sind.
Beim Video von Tellkamps Turm rast die Kamera mit uns durch Dresden und auf die markantesten Sehenswürdigkeiten der Stadt zu. Wir sollen uns sicher sein: das ist Dresden. Irgendwann steht dann der Autor mit ulkiger Kopfbedeckung vor uns – an der Elbe Strand.
War Rammstedt mit seiner chinesischen Lesung aus dem „Kaiser von China“ noch ganz witzig, obwohl auch hier die Gestik und Mimik wenig abwechslungsreich bleiben, so gibt das Video zu Kehlmanns neuem Buch gehörig zu denken. Da schreitet der Jungautor in Zeitlupe durch mit Grafitti nicht zu schönende Industrieruinen, durchmisst bewracktes Revier, schwebt ein rotes Propeller-Flugzeug über Alpengipfel, tritt auch irgendwann der Meister himself ans Lesepult vor imaginäres Publikum.
Na, danke schön. Ich wollte doch nur ein Buch lesen!
Der neue Kehlmann – das Buch! – ist zum Glück ganz der alte, und dabei ja noch so jung.
Zugegeben, erst war ich etwas enttäuscht: Nur gerade einmal 200 Seiten und das bei so großzügiger Typographie. Und ein richtiger Roman ist es auch nicht geworden.
Aber bei genauerer Überlegung muss man erkennen, dass Kehlmann noch nie dicke Wälzer geschrieben und uns auch keine „Vermessung der Welt zwei“ versprochen hat; das hätten wir ihm schließlich übel genommen.
Deshalb jetzt also ein bunter Reigen lose zusammenhängender Geschichten, von Schriftstellern und anderen bedauernswerten Figuren, denen alles Mögliche versprochen wird, wie Glück, Erfolg oder auch ein schmerzloser Tod und für die das Versprechen oft genug nicht eingelöst wird. Der Autor lässt seine Figuren regelrecht im Stich (zum Beispiel mitten in kasachischer Steppe – dazu siehe hier im Blog unter dem 25. Januar 2009) und geht allenfalls mit einem, den man am ehesten für sein alter ego halten kann, einigermaßen pfleglich um.
Das neue Buch ist aber auch eine breite Palette demonstrativer Stilproben des derzeit wohl meistgelesenen – auch des besten? – deutschsprachigen Jungautors. Da gibt es nichts was er nicht drauf hat; und trotzdem wird immer locker, flott und süffig erzählt und so gelangt man schneller an das Ende des handlichen Bandes als einem lieb ist und wird allein gelassen mit der Enttäuschung darüber, dass das alles gewesen sein soll und dem eigenen Staunen darüber, dass einer so schreiben kann.

„Dabei muß man auf die verzwickte Gescheitheit hinweisen, die dieser Sprache eignet und (im ja noch jugendlichen Werk) zu größter Aufmerksamkeit nötigt, wenn man genau folgen will.“

Nachtrag: Aus meiner Tageszeitung glotzte mich in einer Ausgabe von Ende Januar ein gewisser Oliver Bendel an. Ein Autor der Romane fürs Handy schreibt und das Ergebnis seiner Bemühungen demonstrativ ins Bild hält: Das Winz-Display mit gerade mal sechs oder so schmalen Zeilchen, die auf normale Sichtdistanz wie kyrillisches Geschnörkel wirken. Ja, Hilfe! Ich wollte doch nur ein Buch lesen.
Dass mir so etwas nicht auch noch gedruckt erscheint. Da seien alle Kehlmänner dieser Welt vor.
Wer ihn jetzt immer noch auch sehen will:
Kehlmann: Das Video
Und nun machen was die rheinische Kollegin befiehlt: LESEN!