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		<title>Mai 1960</title>
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		<pubDate>Sun, 22 Jan 2012 21:32:37 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Jan Haag</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Die Gruppe 47 in Ulm Der erste Teil Die Ulmer Hochschule für Gestaltung wird für immer als eine ganz besondere Bildungseinrichtung in Erinnerung bleiben. Der Gebäudekomplex, den sie bei ihrer Gründung 1955 bezog, war von dem Schweizer Architekten und Mitbegründer der Hochschule, Max Bill im Bauhausstil als industrielles Serienprodukt (Plattenbau) geplant und errichtet worden. Unscheinbar [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=litos.wordpress.com&amp;blog=7395633&amp;post=5408&amp;subd=litos&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3><span style="text-decoration:underline;"><strong>Die Gruppe 47 in Ulm<br />
</strong></span></h3>
<p><strong>Der erste Teil</strong></p>
<p>Die Ulmer Hochschule für Gestaltung wird für immer als eine ganz besondere Bildungseinrichtung in Erinnerung bleiben. Der Gebäudekomplex, den sie bei ihrer Gründung 1955 bezog, war von dem Schweizer Architekten und Mitbegründer der Hochschule, Max Bill im Bauhausstil als industrielles Serienprodukt (Plattenbau) geplant und errichtet worden. Unscheinbar und harmonisch fügen sich auch heute noch die einzelnen Trakte in den sanften Hang des Hochsträß. Etwas außerhalb der Stadt auf dem Kuhberg gelegen, war die HfG von Anfang gleichermaßen Fortschrittsmotor wie skandalumwehter Sammelpunkt kreativ liberaler Geister. 1968 wurde sie auf Druck der baden-württembergischen CDU-Regierung und mit zustimmender Genugtuung weiter Kreise der Ulmer Stadtgesellschaft abgewickelt.</p>
<p>Das letzte Wochenende im Mai 1960 war für die ehemalige freie Reichsstadt Ulm an der Donau von großer Bedeutung &#8211; sie bekam ihre zweite Hochschule. Im großen Ratssaal fand die feierliche Eröffnung einer Ingenierschule durch den damaligen Kultusminister Storz statt. Eine Bildungsstätte die sich mit realen, greif- und begreifbaren Gegenständen beschäftigte, fand in der Stadt sofort wesentlich mehr Anklang als das eher abstrakte und theoretische Wirken der Hochschule für Gestaltung. Dass dort durchaus bahnbrechende, Jahrzehnte nachwirkende Ideen, Entwürfe und Produkte entstanden, wurde den meisten Skeptikern erst klar, als diese Aera schon wieder vorbei war. Die Ingenieurschmiede aber wurde 1971 zur Fachhochschule und inzwischen im Rahmen der Bologna-Prozesse zur Hochschule veredelt.</p>
<p style="text-align:center;"><a href="http://litos.files.wordpress.com/2012/01/testtttt.jpg"><img class="aligncenter size-full wp-image-5431" title="TESTTTTT" src="http://litos.files.wordpress.com/2012/01/testtttt.jpg?w=450" alt=""   /></a></p>
<p>Während im historischen Rathaus der Donaustadt von den Honoratioren des Landes und der Stadt auf den Bildungs-Meilenstein angestoßen wurde, fand am selben Wochenende eine andere, ebenfalls äußerst prominent besetzte Zusammenkunft statt. Im Bill-Bau der HfG traf sich die Gruppe 47 ab Donnerstag den 26. Mai und bis Sonntag den 29. Mai zu einer Hörspieltagung. 80 Schriftsteller, Autoren, Journalisten und Kulturschaffende waren dazu angereist.</p>
<p>Die Gruppe 47, das von Hans Werner Richter begründete Schriftstellertreffen, wurde in den ersten Jahrzehnten der Bundesrepublik etwa zweimal jährlich einberufen. Die letzte reguläre Tagung fand 1967 statt. “Eigentlich ist die Gruppe gar keine Gruppe. Sie nennt sich nur so.” (H. W. Richter) Diese Gruppe, die keine Gruppe war, nie aus einem festen Teilnehmerkreis bestand, hat die literarische Landschaft des Nachkriegsdeutschland wesentlich mit geprägt und ihre weitere Entwicklung nachhaltig beeinflußt. Was im Mai 1960 in Ulm stattfand war ein Treffen außerhalb des üblichen Rhythmus und eine Tagung, die sich ein enges und spezielles Themenspektrum gewählt hatte: Sie war ganz und ausschließlich dem Hörspiel gewidmet. Aus diesem Sonderstatus erklärt sich zum Teil die schlechte Quellenlage. Es existieren nur wenige verwertbare Zeugnisse und Dokumente zu diesem Ereignis.</p>
<p><a href="http://litos.files.wordpress.com/2012/01/radio.jpg"><img class="aligncenter size-full wp-image-5416" title="Radio" src="http://litos.files.wordpress.com/2012/01/radio.jpg?w=450&#038;h=321" alt="" width="450" height="321" /></a></p>
<p>1960 hatte die Medienform des Hörspiels ihren Bedeutungshöhepunkt und den Gipfel des Publikumszuspruchs schon leicht überschritten. Die Konkurrenz des noch jungen Fernsehens und des zunehmend beliebten Fernsehspiels wurde stärker. In den Jahren zuvor waren einige wichtige Werke im Genre Hörspiel entstanden, die auch jederzeit höheren literarischen Ansprüchen genügten. Prägend wurde bei der Aufnahmepraxis die &#8222;Hamburger Hörspieldramaturgie&#8220; unter Heinz Schwitzke der auch den Begriff des “Wortkunstwerks” prägte. Südwestfunk und Süddeutscher Rundfunkt waren Rundfunksender die Hörspiel, Hörbild und Hör-Essays in ihren Programmen besonders pflegten. Damit trugen sie nicht zuletzt wesentlich zur Verbesserung der Einkommenssituation des einen oder anderen Schriftstellers bei. 1960 gab es in allen deutschen Rundfunkanstalten etwa 300 Termine für Hörspielsendungen. An der Veranstaltung in Ulm nahmen u. a. teil: Alfred Andersch, Wolfgang Hildesheimer und Günter Wellershoff, Ruth Rehmann, Walter Hasenclever und Franz Schonauer, der Regisseur Peter Schulze-Rohr, der Großkritiker Marcel Reich-Ranicki, der Medienwissenschaftler Friedrich Knilli, sowie Günter Eich und Ilse Aichinger.</p>
<p>Günter Eich studierte Sinologie und arbeitete ab 1932 als freier Schriftsteller. Seine Schwerpunkte waren die Lyrik und eben das Hörspiel, wie zum Beispiel das 1951 erstgesendete “Träume” oder “Das Mädchen von Viterbo” (1953). “Wie alle großen Schriftsteller hat Eich sich eine Grundform geschaffen, an deren Vervollkommnung er arbeitet”, schrieb Walter Jens über Eich und sein Verhältnis zum Hörspiel. Man zählte ihn zu den Wegbereitern des “literarischen Hörspiels”. Doch dieser Begriff wurde immer wieder in Frage gestellt. So auch bei der Tagung auf dem Ulmer Kuhberg. Die örtliche Zeitung resümierte sogar: “Das literarische Hörspiel gibt es noch nicht.” Man war generell auf der Suche nach neuen literarischen Ausdrucksformen, hielt die traditionellen Gattungen für überholt. Eine Entwicklung, die aus heutiger Sicht, eher im Sande verlief.</p>
<p>Seit 1953 war Günter Eich mit Ilse Aichinger verheiratet. Ilse Aichinger als Tochter einer jüdischen Ärztin und eines Lehrers in Wien geboren, wurde katholisch getauft. Die Familie war der Verfolgung durch die Nationalsozialisten ausgesetzt; Ilses Großmutter und die jüngeren Geschwister der Mutter wurden 1942 deportiert und ermordet. Die Zwillingsschwester floh im Juli 1939 mit einem der letzten Jugendtransporte nach England. Ilse Aichingerr selbst und ihre Mutter blieben unter schwierigen Umständen in Wien. Ilse absolvierte zwar erfolgreich das Gymnasium, bekam aber als Halbjüdin keinen Studienplatz. Erst nach Kriegsende konnte sie ein Medizinstudium beginnen, das sie jedoch nach fünf Semestern abbrach, um ihren ersten Roman zu schreiben.</p>
<p><a href="http://litos.files.wordpress.com/2012/01/hfg2.jpg"><img class="aligncenter size-full wp-image-5429" title="Hfg" src="http://litos.files.wordpress.com/2012/01/hfg2.jpg?w=450&#038;h=337" alt="" width="450" height="337" /></a></p>
<p>Die österreichische Schriftstellerin stieß früh zur Gruppe 47, zu deren Gründungsmitgliedern ihr späterer Mann Günter Eich gehörte. 1948 war ihr Roman “Die größere Hoffnung” erschienen. Aichingers wichtigsten Hörspiele waren “Knöpfe” (1953), das auch dramatisiert wurde und “Weiße Chrysanthemen”, mehr ein Hörtext als ein szenisches Hörspiel. Ilse Aichinger warnte vor einer radikalisierten Sprachkritik, wie sie u. a. auch von der Abteilung Information der Ulmer HfG betrieben wurde, die der Naturwissenschaftler, Philosoph und Schriftsteller Max Bense aufgebaut hatte. In ihrem Essay “Meine Sprache und ich” schrieb Aichinger dazu: “Meine Sprache und ich, wir reden nicht miteinander, wir haben uns nichts zu sagen.” Anfang der 50er Jahre hatte sie zeitweilig bei Inge Aicher-Scholl an der Ulmer Volkshochschule gearbeitet. Inge Aichers Mann, der bekannte Graphiker und Designer Otl Aicher war maßgeblich am Aufbau der Hochschule für Gestaltung beteiligt. Diese Verbindungen waren es wohl, die die Teilnehmer der Hörspieltagung im Mai 1960 ausgerechnet nach Ulm führten.</p>
<p>In Ulm wurden Arbeiten von Teilnehmer der Tagung, aber auch von Autoren die nicht nach Ulm gekommen waren, präsentiert &#8211; durch Vortrag oder das Abspielen von Tonbändern; einige Aufnahmen wurden vom Rundfunk-Übertragungswagen eingespielt. Dabei war Neues und Altes, Rohfassungen ebenso, wie fertige Inszenierungen. Da es die Quellenlage unmöglich macht eine komplette Teilnehmerliste der Tagung zu erstellen, ist aus heutiger Sicht nicht mehr eindeutig zu klären, welche Werke vor Ort von ihren Autoren vorgestellt und welche von fremder Stimme gelesen oder von Band eingespielt wurden.</p>
<p><a href="http://litos.files.wordpress.com/2012/01/uher.jpeg"><img class="aligncenter size-full wp-image-5419" title="Uher" src="http://litos.files.wordpress.com/2012/01/uher.jpeg?w=450" alt=""   /></a></p>
<p>Hier eine kleine Auswahl der am letzten Maiwochende 1960 vorgestellten Werke: Das schon erwähnte Dreipersonen-Stück “Weiße Chrysanthemen” Ilse Aichingers und “Albino” von Alfred Andersch, der lange für Hessischen und Süddeutschen Rundfunk gearbeitet hatte, seit 1958 aber im Tessin lebte, weil er mit der gesellschaftlichen Entwicklung im Adenauer-Deutschland nicht einverstanden war. Von Günter Eich eine alte und eine neue Fassung von “Der Tiger Jussuf”; von Alfred Döblins “Berlin Alexanderplatz” eine Hörspielfassung. Der “Schützengraben-Dialog” des israelischen Aktivisten und Schriftstellers Ben-Gavriel, der 1891 als Eugen Hoeflich in Wien zur Welt gekommen war, wurde ebenso heftig diskutiert wie Wolfgang Hildesheimers böse Komödie “Herrn Walsers Raben”.</p>
<p>Vom Polen Zbigniew Herbert, der hauptsächlich als Lyriker bekannt wurde, gab es “Das Zimmer” und von Eugène Ionesco, dem Großmeister des absurden Theaters, den “Automobil-Salon”. Von Paul Kruntorad, der aus dem Tschechischen stammte und in Österreich als Publizist wirkte, “Das Hobby”; von der viele Jahre später auch als Grünen-Politikerin auftretenden Ruth Rehmann Partien aus “Ein ruhiges Haus” und von Dieter Wellershoff Passagen aus “Der Minotaurus”. Wellershoff erfuhr vor drei Jahren mit seinem erfolgreichen Roman “Der Himmel ist kein Ort” noch einmal späte Anerkennung.</p>
<p>Die Sitzungen dauerten bis weit in die Nacht, dabei wurde kräftig geraucht und reichlich gezecht. Zur nicht immer nur ernsthaften Runde gehörte damals bereits ein 33-jähriger Bildhauer, der neuerdings auch als Schriftsteller vernehmbar von sich reden machte und bis heute bei vielen gesellschaftlichen, politischen und literarischen Anlässen mit seinen meinungsstarken Wortmeldungen nicht wegzudenken ist: Günter Grass.</p>
<p><strong>Dazu mehr im zweiten Teil und in Kürze an dieser Stelle.</strong></p>
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		<title>&#8222;Weiskerns Nachlass&#8220; von Christoph Hein</title>
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		<pubDate>Sun, 08 Jan 2012 21:23:34 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Jan Haag</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Weiskerns Nachlass]]></category>

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		<description><![CDATA[Die Literatur entdeckt das akademische Prekariat Christoph Hein zählt seit Jahrzehnten zur ersten Reihe deutscher Erzähler, ohne allerdings so nachdrücklich bedeutungsschwanger aufzutreten wie die Zeitgenossen Grass, Walser und Co. (Denen soll ihr Nobelpreis-Niveau allerdings auch keineswegs abgesprochen werden.) Er wurde 1944 in Schlesien geboren und lebt in Berlin, wo er zunächst als Dramaturg und Bühnenautor [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=litos.wordpress.com&amp;blog=7395633&amp;post=5374&amp;subd=litos&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Die Literatur entdeckt das akademische Prekariat</strong></p>
<p>Christoph Hein zählt seit Jahrzehnten zur ersten Reihe deutscher Erzähler, ohne allerdings so nachdrücklich bedeutungsschwanger aufzutreten wie die Zeitgenossen Grass, Walser und Co. (Denen soll ihr Nobelpreis-Niveau allerdings auch keineswegs abgesprochen werden.) Er wurde 1944 in Schlesien geboren und lebt in Berlin, wo er zunächst als Dramaturg und Bühnenautor arbeitete, bevor er mehr und mehr als Prosa-Autor in Erscheinung trat. Seine bekanntesten Titel sind “Horns Ende”, “Der Tangospieler”, “Willenbrock” und “Landnahme”. Sein Sohn Jakob gehört übrigens auch bereists zu den bekannteren Schriftstellern einer jüngeren Generation (u. a. “Herr Jensen steigt aus”, “Wurst und Wahn”).</p>
<p>Weiskerns Nachlass  ist ein Campus-Roman. Eine Gattung, die in der angelsächsischen Literatur eine lange Tradition hat. Dorothy Sayers und David Lodge sind prägnante Vertreter des Genre. In Deutschland war vor etlichen Jahren “Der Campus” von Dietrich Schwanitz sehr im Gespräch. Aktuell schreibt Christian von Ditfurth eine Reihe von Kriminalromanen (die bei kiwi erscheinen) in deren Mittelpunkt der habilitierte, aber akademisch gescheiterte Historiker Dr. Josef Maria Stachelmann steht.</p>
<p><a href="http://litos.files.wordpress.com/2012/01/42241.jpg"><img class="alignleft  wp-image-5378" title="42241" src="http://litos.files.wordpress.com/2012/01/42241.jpg?w=100&#038;h=168" alt="" width="100" height="168" /></a>In Heins Roman sind dem äußerlich gut erhaltenen Endfünfziger und Kulturwissenschaftler Rüdiger Stolzenburg nur noch zwei Themen wichtig. Sein auch in diesem Alter noch anhaltender Erfolg bei Frauen verschiedenster Altersstufen und sein privater Forschungsgegenstand Friedrich Wilhelm Weiskern. Zu gern würde er die von ihm zusammengetragenen und editierten Werke dieses Librettisten Mozarts, Schauspielers und Kartographen des 18. Jahrhunderts herausbringen, doch ein Verleger ist dafür nicht in Sicht.</p>
<p>Mit dem nahen Ende der dürftig versickernden Hochschul-Laufbahn fürchtet Stolzenburg zunehmend um ein Nachlassen seiner männlichen Anziehungskraft und Leistungsfähigkeit. Inzwischen nimmt die Sache Weiskern noch einmal unerwartet Fahrt auf. Von dubioser Seite werden dem einzigen Spezialisten dieses Forschungsgegenstandes neu entdeckte Autographen angeboten. An eine Erfüllung der damit verbundenen finanziellen Forderungen durch den Halbtags-Dozenten, dem auch noch das Finanzamt mit erheblichen Nachforderungen im Nacken sitzt, ist eigentlich überhaupt nicht zu denken. So fädelt er einen Deal ein, der ihn in nicht geringe Schwierigkeiten bringt. Probleme zeichnen sich derweil auch in seinen zwischenmenschlichen Beziehungen ab. Als er schließlich noch ebenso unglückliches wie peinliches Opfer einer gewalttätigen Bande 12- bis 14 jähriger Mächen wird, scheint das berufliche und private Leben in unumkehrbare Ausweglosigkeit zu münden.</p>
<p>Die Handlung des Buches hat erkennbar die sächsische Musik- und Messestadt Leipzig als Kulisse; es könnte aber auch jeder andere größere deutsche Hochschulstandort sein. Hein hat keines der derzeit recht verbreiteten Ost- oder Ost-West-Bücher geschrieben. Er schildert exemplarisch gescheiterte Lebensentwürfe unserer postkapitalistischen Jahre. Es gibt offensichtlich nichts mehr, was einen Menschen durch ein ganzes Leben trägt. Vergeblich sucht nicht nur die Hauptfigur nach Sinn und Bleibendem in seiner beruflichen, individuellen, also menschlichen Existenz.</p>
<p><a href="http://litos.files.wordpress.com/2012/01/img00797.jpg"><img class="aligncenter size-full wp-image-5383" title="IMG00797" src="http://litos.files.wordpress.com/2012/01/img00797.jpg?w=450&#038;h=337" alt="" width="450" height="337" /></a></p>
<p>Exemplarisch sind auch die Figuren denen Rüdiger Stolzenburg und der Leser dieser temporeichen Erzählung begegnet. Der frustrierte Lehrstuhlinhaber, dessen Institut die Abwicklung droht; eine neureiche Elite, für die Kunst und Wissenschaft genau so käuflich sind, wie die menschlichen Statisten die ihnen dienen; die karrieregeilen, abgestumpften Studenten und die hübschen Studentinnen, die versuchen mit naturgegebenen Reizen den Studienerfolg zu erzwingen; der erfolgreiche Verleger, der längst mit der Aufgabe seiner Ambitionen bezahlt hat und schließlich die Frauen in Stolzenburgs Leben: die jungen mit ihren naiven Hoffnungen und die schon etwas reiferen mit all ihren Scheiterungs-Erfahrungen.</p>
<p>Bücher von Christoph Hein sind in der Regel gefällig zu lesen, dabei von bester sprachlicher Qualität. Das trifft auch wieder auf “Weiskerns Nachlass” zu. Für Spannung ist gesorgt und für die eine oder andere fast humorvolle Passage. Doch es ist Galgenhumor und entspanntes Lächeln fällt schwer. Solch ein an äußeren Ereignissen reicher Handlungsablauf und seine spezielle Dramatik legt eine baldige Verfilmung des Stoffes nahe. Zuletzt gelang das vor einigen Jahren bei Heins “Willenbrock” mit einem bestens aufgelegten Axel Prahl in der Titelrolle ganz hervorragend. Man sollte, während man auf einen möglichen Kino-Höhepunkt hofft, allerdings nicht versäumen das Buch zu lesen.</p>
<br />Einsortiert unter:<a href='http://litos.wordpress.com/category/bucher/'>Bücher</a>, <a href='http://litos.wordpress.com/category/dichter-und-denker/'>Dichter und Denker</a>  <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gocomments/litos.wordpress.com/5374/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/comments/litos.wordpress.com/5374/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godelicious/litos.wordpress.com/5374/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/delicious/litos.wordpress.com/5374/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gofacebook/litos.wordpress.com/5374/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/facebook/litos.wordpress.com/5374/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gotwitter/litos.wordpress.com/5374/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/twitter/litos.wordpress.com/5374/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gostumble/litos.wordpress.com/5374/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/stumble/litos.wordpress.com/5374/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godigg/litos.wordpress.com/5374/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/digg/litos.wordpress.com/5374/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/goreddit/litos.wordpress.com/5374/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/reddit/litos.wordpress.com/5374/" /></a> <img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=litos.wordpress.com&amp;blog=7395633&amp;post=5374&amp;subd=litos&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></content:encoded>
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		<title>Sudeleien: Weihnachten 2011</title>
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		<pubDate>Sun, 18 Dec 2011 21:08:24 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Jan Haag</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Von Außenseitern Beim Sovormichhinschlendern durch die vorweihnachtliche Kulisse meines Städtchens staune ich über die rasche Vergänglichkeit eines Kalenderjahres. Und wenn im Dezemberdunkel dicke feuchte Flocken herniederschweben, muss ich an die Geschichte vom kleinen Mädchen mit den Schwefelhölzern denken. Es ist eine der traurigsten, die ich kenne. Vor Jahren konnte ich einmal das Geburtshaus des phantasiereichen [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=litos.wordpress.com&amp;blog=7395633&amp;post=5303&amp;subd=litos&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3 style="text-align:center;"><span style="text-decoration:underline;"><strong>Von Außenseitern</strong></span></h3>
<p>Beim Sovormichhinschlendern durch die vorweihnachtliche Kulisse meines Städtchens staune ich über die rasche Vergänglichkeit eines Kalenderjahres. Und wenn im Dezemberdunkel dicke feuchte Flocken herniederschweben, muss ich an die Geschichte vom kleinen Mädchen mit den Schwefelhölzern denken. Es ist eine der traurigsten, die ich kenne. Vor Jahren konnte ich einmal das Geburtshaus des phantasiereichen Dichters dieser Erzählung in der Stadt Odense auf Fünen besuchen. Als der Däne Hans Christian Andersen dort 1805 zur Welt kam, hatte er für seine weitere Zukunft die denkbar schlechtesten Voraussetzungen. Als Kind eines armseligen Schusters und einer trunksüchtigen Mutter schaffte er es mit Umwegen auf Lateinschule und Universität.</p>
<p><a href="http://litos.files.wordpress.com/2011/12/andersen_20.jpg"><img class="aligncenter size-full wp-image-5347" title="andersen_20" src="http://litos.files.wordpress.com/2011/12/andersen_20.jpg?w=450&#038;h=284" alt="" width="450" height="284" /></a></p>
<p>Er starb 1875 als international anerkannter Schriftsteller in Kopenhagen. Einen großen Teil seines Lebens verbrachte er auf Reisen, blieb ledig. Homoerotisch veranlagt, intellektuell anspruchsvoll und in viele Richtungen interessiert, führte er ein Leben als Betrachter, nicht als Teilnehmer.</p>
<p>Was hatte Dieter K. eigentlich verbrochen? Gut, er war ein verwöhntes Einzelkind; er trug Hosen mit Bügelfalten; und er war einen Tick begabter als wir anderen. Das reichte uns Volksschülern schon, um ihn immer wieder zu hänseln, zu schubsen, ihm ein Bein zu stellen oder ihn auch einmal für eine Stunde in den dunklen Kellerraum zu sperren. Solche Formen von Drangsal waren und sind unter Kindern und Jugendlichen üblich. Der Wiener Maler, Poet und Sänger Arik Brauer drückte es in seinem Lied “Rostiger die Feuerwehr kommt” so aus: “Wir hab’n in der Schul’ ein g’habt, den hab’n wir terrorisiert! / Der hat rote Haar’ g’habt und Brill’n mit dicke dicke Augenlasn’ln / und ich war der Allerärgste von allen. / Und heut’ tut mir das ja so leid.”</p>
<p style="text-align:center;"><a href="http://litos.files.wordpress.com/2011/12/cimg1634.jpg"><img class="aligncenter  wp-image-5329" title="CIMG1634" src="http://litos.files.wordpress.com/2011/12/cimg1634.jpg?w=405&#038;h=303" alt="" width="405" height="303" /></a></p>
<p>Die Außenseiter. In der Literatur dieser Welt sind sie daheim. All diese Gestalten von der meist traurigen, manchmal auch heiteren Gestalt. Die Don Quichottes, Schwejks und Oskar Matzeraths. Sie bieten allemal ergiebigen, deftigen Erzählstoff. Außenseiter gibt es in Literatur und Leben in vielen Varianten und Erscheinungsformen. Als Einzelgänger oder Sonderling, Individualisten, Egozentriker und Exoten. Es gibt den Lebenszaungast und den Eigenbrötler, den Schrat und den Kauz. Das Original, das Unikum und den Charakterkopf.</p>
<p>Günter Eich, Dichter und zu seiner Zeit ein innovativer Hörfunk-Autor, erhielt 1959 den Georg-Büchner-Preis. In seiner Dankesrede sprach er über jene, die “der Ritterschaft von der traurigen Gestalt angehören … Indem sie rebellieren und leiden verwirklichen sie unsere Möglichkeiten … alle die sich nicht einordnen lassen, die Einzelgänger und Außenseiter, die Ketzer in Politik und Religion, die Unzufriedenen, die Unweisen, die Kämpfer auf verlorenen Posten, die Narren, die Untüchtigen, die glücklosen Träumer, die Schwärmer, die Störenfriede, alle, die das Elend der Welt nicht vergessen können, wenn sie glücklich sind.”</p>
<p>Eine einzigartige, weit ausholende Studie zu diesem Thema hat in den 1970er Jahren der Literaturwissenschaftler Hans Mayer verfasst. Für ihn sind Außenseiter Menschen, denen traditionelle Rechte und Selbstverständlichkeiten einer Gesellschaft vorenthalten werden. Und er wendet sich gegen die im 20. Jahrhunderts sehr verbreitete Philosophie, dass die Interessen des Kollektivs über die Individualrechte zu stellen sind. Historisch und literaturgeschichtlich fundiert, auf sprachlich hohem Niveau, macht Mayer dies am Beispiel von Frauen, Homosexuellen und Juden deutlich. Er kann dabei nachweisen, dass nicht selten gerade die für unverrückbar geltenden kulturellen und politischen Konventionen Ursache für Mißverständnisse, Mißverhältnisse, Ungleichbehandlung, ja letztlich für die Rechtfertigung der Vernichtung von Menschen sind.</p>
<p style="text-align:center;"><a href="http://litos.files.wordpress.com/2011/12/img00688.jpg"><img class="aligncenter  wp-image-5312" title="YAKUMO DIGITAL CAMERA" src="http://litos.files.wordpress.com/2011/12/img00688.jpg?w=405&#038;h=303" alt="" width="405" height="303" /></a></p>
<p style="text-align:left;">Eine besondere Form des Außenseiters ist der Künstler &#8211; oder sollte man besser sagen: will der Künstler sein? Da er sich meist bewußt und willentlich in dieser Rolle sieht, grenzt er sich damit doch deutlich von den bürgerlichen, sich ihrer Sache sicheren Mehrheiten und deren Gepflogenheiten ab. Daraus resultierende Konflikte und ans Krankhafte grenzende Symptome sind eines der Hauptmotive im Werk von Thomas Mann: “Aber in dem Maße, wie seine Gesundheit geschwächt ward, verschärfte sich seine Künstlerschaft …” Das führt unweigerlich dazu, dass man an der Peripherie des wirklichen Lebens bleibt, nirgends richtig dazugehört, nirgendwo ganz zu Hause ist und an den “Wonnen der Gewöhnlichkeit” nicht teilhaben kann. Joseph von Westphalen, ein Autor unserer Tage, schreibt: “Als Gast werde ich nicht auftauchen. Literatur lebt für mich immer noch von Ungeselligkeit und nicht von Bombenstimmung.”</p>
<p style="text-align:left;">Umfassend und aus verschiedensten Perspektiven wird das komplexe Thema in der Doppelnummer 748/749 (Herbst 2011) der Zeitschrift “Merkur” behandelt. Die “Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken” hat dazu folgendes Motto auf die Titelseite gesetzt: “Sag die Wahrheit! Warum jeder ein Nonkonformist sein will, aber nur wenige es sind.” Jeder Beitrag dieses Bandes ist lesenswert. Mich besonders beeindruckt hat Gustav Seibt, der uns in einem historischen Rückblick seine ganz persönlichen Außenseiter vorstellt und originellerweise in der Fast-Gegenwart bei dem Heide-Unikum und der solitären Schriftsteller-Existenz Arno Schmidt ankommt, sowie Michael Rutschky mit seinen Thesen über die “Erfindung des Ich”, der dazu Selbstdarsteller wie den Dreitagebartträger, Piraten oder James Dean in den Zeugenstand ruft.</p>
<p style="text-align:left;">Wie klein muss oder darf eigentlich eine Minderheit sein, um noch als solche zu gelten? Vor dem zweiten Weltkrieg gab es Städte und Dörfer im multikulturellen Osten und Südosten Europas in denen die Juden die größte Bevölkerungsgruppe bildeten. Dennoch wurden ihnen nicht nur fundamentale Bürgerrechte &#8211; wie z. B. die freie Berufausübung &#8211; vorenthalten, sie waren auch in Konfliktfällen die ersten Sündenböcke und Opfer von Verfolgung, Progromen und Vernichtung. Eine solche vergangene Welt und das Unrecht, das in ihr begangen wurde, steht am Anfang des Lebensweges von Itsik Malpesch, der Hauptfigur in einem weitgespannten Roman-Epos des amerikanischen Schriftstellers Peter Manseau mit dem Titel &#8222;Bibliothek der unerfüllten Träume.&#8220; Die Hauptfigur Malpesch ist Literaturfreund und Dichter, und am Ende seines Lebens, als es ihn längst nach New York verschlagen hat, der Letzte der im Jiddisch-Dialekt seiner Herkunftsregion schreiben und lesen kann.</p>
<p style="text-align:center;"><a href="http://litos.files.wordpress.com/2011/12/666px-armbinden2.jpg"><img class="aligncenter  wp-image-5332" title="666px-Armbinden" src="http://litos.files.wordpress.com/2011/12/666px-armbinden2.jpg?w=405&#038;h=364" alt="" width="405" height="364" /></a></p>
<p style="text-align:left;">Der Weg vom nur skeptisch betrachteten Außenseiter zum Opfer war &#8211; das zeigt die Geschichte &#8211; schon immer ein kurzer. Literaten waren leider noch nie unbeteiligt, wenn es um die Manifestation von Vorurteilen ging, wie schon Lion Feuchtwanger deutlich machte: “Auffallend ist, dass die Weltliteratur, so widerwärtig die Mehrzahl ihrer jüdischen Männer ist, beinahe ausschließlich sympathische jüdische Frauen zeigt.” Ausgrenzungen basieren auf verstärkten, nachdrücklich behaupteten Kontrasten und der ständigen Selbstvergewisserung des sogenannten “Normalen”.</p>
<p style="text-align:left;">Vor etwa 2000 Jahren lebte in einer Gegend, die wir heute Naher Osten nennen &#8211; in Wirklichkeit ist es ein buntgescheckter Kultur- und Sprachraum, der seit jeher unter willkürlich gezogen Grenzen leidet &#8211;  ein aufrechter Mann, der ein unstetes Wanderleben führte. Dabei setzte er sich ohne falsche Scham und ohne Rücksicht auf geltende Normen für Menschen am Rande der Gesellschaft ein: Für Arme, Huren, Kranke und Behinderte, ja sogar für die damals besonders unbeliebten, korrupten Zöllner. Er war aber auch ein großer Erzähler und Redner. Dabei brachte er einige auch heute noch bedenkenswerte Aussagen unter seine Zeitgenossen, wie das längst volksmündliche “richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet!” oder das später vom Philosophen Emmanuel Kant zum kategorischen Imperativ veredelte: “Alles, was ihr also von anderen erwartet, das tut auch ihnen!” Manche Sätze waren durchaus gesellschaftspolitisch brisanter Sprengstoff: „Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt.” &#8211;  “Leistet dem, der euch etwas Böses antut, keinen Widerstand, sondern wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin.”</p>
<p style="text-align:center;"><a href="http://litos.files.wordpress.com/2011/12/608px-lorenzo_di_credi-geburt_christi.jpg"><img class="aligncenter  wp-image-5334" title="608px-Lorenzo_di_Credi-Geburt_Christi" src="http://litos.files.wordpress.com/2011/12/608px-lorenzo_di_credi-geburt_christi.jpg?w=324&#038;h=319" alt="" width="324" height="319" /></a></p>
<p style="text-align:left;">Das irritierte und wurde folglich nicht lange geduldet. Bald drängten die alteingesessenen Konformisten dieses Landstriches die römische Besatzungsmacht zu Konsequenzen. Jesus von Nazareth war gerade einmal Anfang 30 als er am Kreuz starb. Eine starke Minderheit unseres Planeten feiert am 24. Dezember eines jeden Jahres seinen Geburtstag. Besonders heftig und innig ist dies in Deutschland der Fall, wo die Feierlichkeiten eine Mischung aus germanischer Mythen-Beschwörung und erstarrten, von Amtskirchen diktierten Riten und Liturgien mit christlich-religiösen Alibi sind. Baum und Kreuz symbolisieren dabei ebenso widersprüchlich wie hartnäckig, die stete Vergeblichkeit vorgeblicher Sinnsuche.</p>
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		<title>Feste lesen!</title>
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		<pubDate>Sun, 04 Dec 2011 18:33:51 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Jan Haag</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Bei Kerzenschimmer, Zimtgebäck und Malventee. In Wollsocken unter der Leselampe. Mit Büchern durch den Winter. “Es ist etwas Besonderes um Menschen, die am gedruckten Wort Interesse haben. Sie sind eine eigene Spezies: kundig, freundlich, wißbegierig &#8211; einfach menschlich.” Dieser Satz stammt von Nathan Pine, der, als er im Dezember 1982 neunzigjährig in New York verstarb, [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=litos.wordpress.com&amp;blog=7395633&amp;post=5265&amp;subd=litos&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align:right;"><span style="color:#333399;"><strong>Bei Kerzenschimmer, Zimtgebäck und Malventee. In Wollsocken unter der Leselampe. Mit Büchern durch den Winter.</strong></span></p>
<p><em>“Es ist etwas Besonderes um Menschen, die am gedruckten Wort Interesse haben. Sie sind eine eigene Spezies: kundig, freundlich, wißbegierig &#8211; einfach menschlich.”</em> Dieser Satz stammt von Nathan Pine, der, als er im Dezember 1982 neunzigjährig in New York verstarb, 77 Jahre als Buchhändler gearbeitet hatte.</p>
<p><span style="text-decoration:underline;"><strong>Lange Lesen</strong></span></p>
<p>Zum Beispiel mit Jan Brandt und seinem <em>“Gegen die Welt”</em> (Dumont. Euro 22,99). Der aus Leer stammende Jungautor und Journalist macht seine Heimatregion Ostfriesland zur literarischen Landschaft. Die Geschichte beginnt Mitte der Siebzigerjahre und erzählt wird auf fast 1000 Seiten die Geschichte des Daniel Kuper, der gerne zwischen Stühle und geistige Fronten gerät und in dessen Leben es nicht immer mit rechten Dingen zu geht. <em>“Rebellisch und bewegend, wahnsinnig und witzig”</em>, fand Söhnke Wortmann das Buch.</p>
<p><em>“Der wahrhaftige Volkskontrolleur”</em> von Andrej Kurkow (Haymon. Euro 22,90) hat leider nur schlappe 500 Seiten. Man hätte gerne mehr gehabt von diesen absurden, skurrilen und doch der Realität so nahen Episoden und Ereignissen, die in Russland angesiedelt sind. Kurkow selbst stammt aus der Ukraine und ist spätestens seit seinem “Picknick auf dem Eis” auch bei uns bestens bekannt. Ob Russland oder Ukraine &#8211; nicht auszuschließen, dass der Alltag in beiden Staaten derzeit große Ähnlichkeit mit Kurkows Romanen hat. In seinem neuen Buch geht es um einen eher harmlosen Zeitgenossen, der unerwartet in das groteske Amt eines Volkskontrolleurs gewählt wird. Das bleibt nicht folgenlos.</p>
<p style="text-align:center;"><a href="http://litos.files.wordpress.com/2011/12/312061_310473728979073_100000493458643_1297097_1581485080_n1.jpg"><img class=" wp-image-5275 aligncenter" title="312061_310473728979073_100000493458643_1297097_1581485080_n" src="http://litos.files.wordpress.com/2011/12/312061_310473728979073_100000493458643_1297097_1581485080_n1.jpg?w=450&#038;h=337" alt="" width="450" height="337" /></a></p>
<p>Wer den diesjährigen Gewinner des deutschen Buchpreises noch nicht gelesen hat, sollte die Feiertage dazu nutzen. <em>“In Zeiten des abnehmenden Lichts”</em> (Rowohlt. 19,95) reisen wir mit Eugen Ruge. Und es sind sehr deutsche Zeiten. Eine breit angelegter Familienroman, der ganz aus östlicher, also DDR-Perspektive erzählt wird. Der Autor war bereits 57 Jahre alt, als sein Erstling dieses Jahr erschien und für den die eigene Familiengeschichte reichlich Stoff lieferte. Einer der Höhepunkt, wie in so manch gutem Generationen-Roman, ist ein Weihnachtskapitel. Rasant und amüsant wie hier linienharte Stalinisten den Spagat versuchen zwischen völligem Ignorieren und gelassenem Hinnehmen dieser christlich-heidnischen Traditionsveranstaltung.</p>
<p>Wer lieber etwas lesen möchte, das mit unseren aktuellen Problemen zu tun hat, ist bei einem anderen Buch richtig, das ebenfalls ein wundervolles, vor allem nahrhaftes Weihnachtskapitel zu bieten hat. Hauptsächlich geht es jedoch um Spekulation, Warentermin-Geschäfte, geschäftlichen Niedergang, die Krise des Kapitalismus, die Unzufriedenheit breiter Bevölkerungsschichten und um Probleme mit der nachwachsenden Generation. Das Buch ist dick, gut und erschien erstmals vor 110 Jahren: <em>“Buddenbrooks”</em> von Thomas Mann. (S. Fischer. Gebunden Euro 14, als TB Euro 9,95)</p>
<p><span style="text-decoration:underline;"><strong>Besonderes Lesen</strong></span></p>
<p>Judith Schalansky erfüllt mir viele Wünsche. Sie hat ihr neuestes Werk traumhaft schön gestaltet, selbst gesetzt, Material, Schrift und Farben ausgewählt. In der Hand hält man mit <em>“Der Hals der Giraffe”</em> (Suhrkamp. Euro 21,90) ein ganzheitlich erfahrbares Sinnes- und Lese-Erlebnis, das die vielfach begabte Schriftstellerin schelmisch einen Bildungsroman nennt. Es ist zeitlich vor und nach der deutschen Wende angesiedelt und handelt von einer Lehrerin, die Naturwissenschaften unterrichtet und deren Verstand Gefühlsregungen ablehnt. Eine grausame und gleichzeitig bemitleidenswerte Figur, für die man als Leser seltsamerweise alsbald echte Sympathie entwickelt. Ein faszinierender Beweis, was Literatur anrichten kann.</p>
<div class="mceTemp mceIEcenter">
<dl class="wp-caption aligncenter">
<dt class="wp-caption-dt"><a href="http://litos.files.wordpress.com/2011/12/296541_290316574328122_100000493458643_1215160_1272804822_n.jpg"><img class="size-full wp-image-5279" title="296541_290316574328122_100000493458643_1215160_1272804822_n" src="http://litos.files.wordpress.com/2011/12/296541_290316574328122_100000493458643_1215160_1272804822_n.jpg?w=450&#038;h=337" alt="" width="450" height="337" /></a></dt>
</dl>
</div>
<p><em>“Wunsiedel”</em> (Wunderhorn. Euro 18,90) ist ein kleines Städtchen im nördlichen Franken, nahe der Grenze zu Tschechien. Nicht jeder kennt es. Im Sommer finden dort auf Deutschlands ältester Freilicht- und Naturbühne die Luisenburg-Festspiele statt. Wunsiedel ist der Geburtsort des ebenso originellen, wie zu wenig geschätzten Dichters Jean Paul. Beides spielt in dem schmalen Band von Michael Buselmaier eine zentrale Rolle. Der Autor, der wenig und selten veröffentlicht, lässt seinen Protagonisten zweimal in die Provinz reisen. Das reicht um den Leser über dessen Leben zu unterrichten. Lektüre für Menschen, die sich bei Handke, Hermann Lenz oder Kappacher nicht langweilen.</p>
<p><em>“Die Herrlichkeit des Lebens”</em> (Kiepenheuer &amp; Witsch. Euro 18,99) ist ein wirklich doppelbödiger Titel für das neue Buch von Michael Kumpfmüller und inhaltlich ein starker Kontrast zu seinem vielbeachteten <em>“Hampels Fluchten”</em>. Geht es darin doch um die letzte Liebe, das elende Siechtum und das frühe Sterben des Franz Kafka. Irgendwo zwischen jeder Menge Elend und Aussichtslosigkeit glimmt der Funke eines kleinen Glücks, das fast alles erträglich macht. Eindrucksvoll und einfühlsam erzählt. Franz Kafka, der deutschsprachige Jude aus Prag, einer der größten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, starb am 3. Juni 1924. Er wurde nur 41 Jahre alt.</p>
<p><span style="text-decoration:underline;"><strong>Preiswert lesen</strong></span></p>
<p>Eine ebensfalls längst vergangene jüdische Welt und Kultur lernen wir in Peter Manseaus <em>“Bibliothek der unerfüllten Träume”</em> (dtv. Euro 9,90) kennen. Ein junger amerikanischer Autor mit praller osteuropäischer Erzähllust. In den Zwanzigerjahren des vorigen Jahrhunderts wandert Itsik Malpesch aus dem bessarabischen Kischinau nach New York aus. Sein Leben ist von zwei großen Lieben geprägt. Zur Literatur und zur Metzgerstochter Sascha Bimko. Malpesch denkt und dichtet in einem ausgestorbenen jiddischen Dialekt. Am Ende seines Lebens ist er der einzige der diesen noch beherrscht.</p>
<p>Hanns-Josef Ortheils  <em>“Die Erfindung des Lebens”</em> (btb. Euro 11,99) ist wieder etwas für Leute, die gerne länger am selben Buch lesen. Fast 600 Seiten umfasst dieser stark autobiographische und kaum verschlüsselte Roman des in Köln und im Westerwald verwurzelten, heute in Stuttgart lebenden Schriftstellers, Nachdenkers und Genießers. Wie der Autor, erlebt die Hauptfigur des Romans, eine Mutter, die nach zahlreichen Schicksalschlägen nicht mehr spricht. Und so bleibt auch das Kind zunächst stumm. Der Vater und die Musik öffnen den Jungen schließlich für die Welt der Sprache. Er wird Schriftsteller. Eine Geschichte, fast zu schön, wüßte man nicht, dass sie im Kern wahr ist.</p>
<p style="text-align:center;"><a href="http://litos.files.wordpress.com/2011/12/305444_290316357661477_100000493458643_1215158_110528351_n.jpg"><img class=" wp-image-5271  aligncenter" title="305444_290316357661477_100000493458643_1215158_110528351_n" src="http://litos.files.wordpress.com/2011/12/305444_290316357661477_100000493458643_1215158_110528351_n.jpg?w=446&#038;h=333" alt="" width="446" height="333" /></a></p>
<p>Viele sagen: Das ist der hinreisenste Liebesroman der letzten Jahre. Und die Geschichte ist bereits in unseren Kinos angekommen. Doch man sollte keinesfalls auf das Buch verzichten. <em>“Zwei an einem Tag”</em> (Heyne. Euro 9,99) von David Nicholls. Sie sind zwanzig als sie sich kennenlernen, aber eine gemeinsame Zukunft werden sie nicht haben. Getrennt durch Jahr und Tag, verpassen und begegnen sich immer wieder. Solide Erzählkunst, Humor und ein wenig Tragik, dazu ein Schuss britische Ironie &#8211; das macht zumindest die Leser glücklich.</p>
<p>Und zum guten Schluss noch: Das herrliche <em>“Das war ich nicht”</em> (Goldmann. Euro 8,99) des deutsch-isländischen Hamburgers Kristof Magnusson gibt es inzwischen auch als Taschenbuch. Drei Menschen, die vorher nichts voneinander wussten, geraten in abenteuerliche Wechselbeziehungen und eine Bank bricht zusammen. Rasant und amüsant. Mit für deutsche Romane ungewöhnlich flotten Dialogen.</p>
<p>Nun machen wir uns also auf zum Buchhändler unseres Vertrauens, Friedrich Nietzsches Satz immer im Hinterkopf: <em>“Ein Buch, das man liebt, darf man nicht leihen, sondern muss es besitzen.”</em></p>
<p><strong>Die Fotos dieses Beitrags sind von Wiebke Haag. Sie entstanden in dem walisischen Buchdorf Hay-on-Wye.</strong></p>
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		<title>Besessen &#8211; Possessed!</title>
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		<pubDate>Sun, 20 Nov 2011 23:15:54 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Jan Haag</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Das abenteuerliche Leben der Elif Batuman mit russischer Literatur Ist das wirklich ein Buch über russische Literatur? Jein. Die kommt schon vor, meist in Gestalt längst toter russischer Schriftsteller. Es ist aber keine systematische Abhandlung irgendwelcher Epochen und schon gar keine russische Literaturgeschichte. Eigentlich sind es Geschichten, die erzählt werden. Von Elif Batuman, einer jungen, [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=litos.wordpress.com&amp;blog=7395633&amp;post=5208&amp;subd=litos&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align:center;"><span style="text-decoration:underline;"><strong>Das abenteuerliche Leben der Elif Batuman mit russischer Literatur</strong></span></p>
<p style="text-align:left;">Ist das wirklich ein Buch über russische Literatur? Jein. Die kommt schon vor, meist in Gestalt längst toter russischer Schriftsteller. Es ist aber keine systematische Abhandlung irgendwelcher Epochen und schon gar keine russische Literaturgeschichte. Eigentlich sind es Geschichten, die erzählt werden. Von Elif Batuman, einer jungen, von Bildungshunger und Fernweh angespornten Autorin, die so gerne einen Roman schreiben möchte, was ihr vorerst nicht gelingt, dafür eines der originellsten und leserfreundlichsten Bücher über Literatur und Menschen die sich damit beschäftigen</p>
<p style="text-align:left;">Elif Batuman stammt aus einer türkischen Familie und wurde 1977 in New York geboren. Sie studierte vergleichende Literaturwissenschaft in Stanford, wo sie auch promovierte. Die begabte Wissenschaftlerin erhielt mehrere Stipendien, u. a. auch Reisestipendien, die wesentlich zur Entstehung ihrer ersten nun auch auf deutsch vorliegenden Mongraphie beigetragen haben.</p>
<p style="text-align:left;"><a href="http://litos.files.wordpress.com/2011/11/batuman.jpg"><img class="alignleft size-thumbnail wp-image-5227" title="batuman" src="http://litos.files.wordpress.com/2011/11/batuman.jpg?w=150&#038;h=150" alt="" width="150" height="150" /></a>Im Oktober war die Autorin zwei Tage in Frankfurt zu Gast, um auf der Buchmesse ihre Neuerscheinung zu präsentieren. Der Messe- und Medienrummel war für sie sichtlich neu und überraschend. Überraschend war auch, wie stark das Interesse an ihr und ihrem Buch im deutschsprachigen Raum ausfällt. Nach Frankfurt besuchte sie noch Zürich. Eingeladen von ihrem Verlag Kein &amp; Aber, der so mutig war dieses ungewöhnliche Buch von Renate Orth-Guttmann ins Deutsche übersetzen zu lassen und im September diesen Jahres auf den Markt zu bringen. Das amerikanische Original erschien bereits im Februar 2010 bei Farrar, Straus and Giroux in New York.</p>
<p style="text-align:left;">Elif Batuman ist derzeit “Writer-in-Residence” an der Koç Universität in Istanbul. Erlebnisse mit dem Erfolg ihres Erstlings im englischsprachigen Raum hat sie in dem Artikel “Life after a Bestseller” verarbeitet (<a href="http://www.guardian.co.uk/books/2011/apr/21/elif-batuman-bestseller-life?INTCMP=SRCH">Guardian, 21. April 2011</a>). Ihre neueste Arbeit ist wohl schon ein erstes Ergebnis des Türkei-Aufenthalts. “Natural Histories: A Journey in the Shadow of Arrat” erschien am 24. Oktober in der renommierten Literatur-Zeitschrift “New Yorker”. Offensichtlich ist die Schriftstellerin auf gutem Weg nicht nur geographische Regionen, sondern auch literarische und geistige Räume, neu zu entdecken und für uns mit ihrer ansteckenden Begeisterung zu beschreiben.</p>
<p style="text-align:left;">“Die Besessenen. Abenteuer mit russischen Büchern und ihren Lesern” besteht aus mehreren von einander unabhängigen Themenblöcken. Nach einer längeren Einleitung beginnt es mit Betrachtungen über Isaak Babel. Was zunächst nur ein Bericht über eine wissenschaftliche Konferenz ist, wird bei Elif Batuman zum kulturgeschichtlichen Panorama, gespickt mit zahlreichen Details über den nicht mehr sehr bekannten Dichter, der nur ein schmales Werk hinterlassen konnte. Man staunt, was aus einer so simpel erscheinenden Berichtslage werden kann, wenn Elif Batuman darüber schreibt, wohin uns ihre Sätze mitnehmen, wie weit wir uns zwischendurch vom Ausgangspunkt entfernen und wie sie uns mit sicherer Feder am Ende wieder zum Thema zurückführt.</p>
<p style="text-align:left;">Einen weiteren größeren Block bildet die launische Beschreibung einer Zusammenkunft von Tolstoi-Experten, die sich zu einem viertägigen Kongress auf Jasnaja Poljana trafen, <em>“dem Gut, auf dem Tolstoi geboren wurde, wo er fast sein ganzes Leben verbrachte, wo er &#8216;Krieg und Frieden&#8217;  und &#8216;Anna Karnenina&#8217; schrieb und wo er begraben ist.”</em> Breiten Raum nahmen auf der Veranstaltung Spekulationen über Tolstois Tod ein. Vielerlei Verschwörungs-Theorien mündeten immer wieder in die Frage, die dem Kapitel in Batumans Buch den Titel gab: <em>“Wer hat Tolstoi umgebracht?”</em></p>
<p style="text-align:center;"><a href="http://litos.files.wordpress.com/2011/11/img0050013.jpg"><img class="aligncenter  wp-image-5237" title="img005001" src="http://litos.files.wordpress.com/2011/11/img0050013.jpg?w=405&#038;h=303" alt="" width="405" height="303" /></a></p>
<p style="text-align:left;">Ein umfangreicher, stark biographisch gefärbert Teil des immerhin 386 Seiten starken Buches wurde, in drei Kapitel aufgeteilt, zwischen andere Abschnitte eingefügt. Darin erzählt Elif Batuman von ihrem ersten längeren Auslandsaufenthalt zu Studienzwecken. Zusammen mit ihrem damaligen Freund, hatte es sie durch allerhand kuriose Umstände und Zufälle nach Samarkand verschlagen. Da bei Land und Leuten in der zweitgrößten Stadt des zentralasiatischen Usbekistan die Literatur nicht unbedingt eine Hauptrolle spielt, außerdem Alltag und Arbeit wenig poetisch sind, geriet die Exkursion überwiegend zu einer intensiven Phase der Persönlichkeitsentwicklung der damals noch zukünftigen Autorin und aus diesen Passagen des Buches wurde ein kleiner Entwicklungsroman.</p>
<p style="text-align:left;">Wir Leser begleiten Wilhelmine Meister-Batuman auf ihrer Suche nach Wegen zum Künstlertum. Sie würde so gerne einen Roman schreiben. Was nun vorliegt ist zwar kein Roman und dennoch oder gerade deswegen ein gelungenes Werk. Ein Buch, dass auch davon berichtet, warum es mit dem Roman zunächst einmal nichts wurde und letztlich eine ganz andere Literaturform herauskam. Welche eigentlich? Das spielt keine Rolle. Hauptsache das Ergebnis gefällt uns. Elif Batuman lässt uns teilhaben an dem Entwicklungsprozess, den sie in der asiatischen Steppe durchlebte. Es war für die junge Frau eine wichtige, ja entscheidende Lebensstufe, <em>“&#8230; auch wenn ich gewisse Hemmungen habe zu sagen, dass das, was in Samarkand endete, meine Jugend war …”</em></p>
<p style="text-align:left;">Über weite Strecken lebt “Die Besessenen” vom Enthusiasmus der Autorin und ihrer Fähigkeit diesen an ihre Leser weiterzugeben. Ihr phantasievoller und anekdotenreicher Stil erinnert nicht zufällig an orientalische Erzählweisen. Darüber hinaus zeichnet er sich durch Witz, Selbstironie und Tempo aus. Wir Leser können dabei gut folgen, ohne jedes literaturgeschichtliche- oder -theoretische Detail verstehen zu müssen.</p>
<p style="text-align:left;">2005 veröffentlichte die damals noch neue New Yorker Kulturzeitschrift “n+1” die erste für eine breitere Öffentlichkeit gedachte Arbeit von Elif Batuman. <em>“Und niemand der Elif Batuman’s ersten Artikel gelesen hat, wird ihn je wieder vergessen”</em>, schrieb ein elektrisierter amerikanischer Kritiker. Es ist jener Aufsatz, aus dem später das Kapitel über Isaak Babel wurde. Schnell war klar, dass man es hier mit einer außergewöhnlichen Schreib-Begabung zu tun hatte. Erste Vergleiche mit der jungen Susan Sontag wurden gewagt.</p>
<p style="text-align:left;"><a href="http://litos.files.wordpress.com/2011/11/41ohcidyrwl-_sl500_aa300_.jpg"><img class="alignleft size-thumbnail wp-image-5239" title="41OhCiDyRwL._SL500_AA300_" src="http://litos.files.wordpress.com/2011/11/41ohcidyrwl-_sl500_aa300_.jpg?w=150&#038;h=150" alt="" width="150" height="150" /></a>Man ist erstaunt, dass sich eine hochveranlagte junge Frau mit Dichtern beschäftigt die seit 100 oder 200 Jahren tot sind und nicht unbedingt im Fokus us-amerikanischen Wissenschafts-Interesses stehen. Aber Elif Batuman gehört eben auch zu Jenen, die ihrem Buch den Titel gaben: den “Besessenen”. Damit ist hier nichts krankhaft Übersteigertes gemeint, sondern lustvolle Begeisterungsfähigkeit, anhaltende Leidenschaft mit Kenntnis und Wissen gepaart, für nicht ganz alltägliche Gegenstände. Es gibt von diesen Menschen nicht eben Massen auf unserem Planeten. Aber immer noch und immer wieder zahlreiche Leser, Wissenschaftler, Buchmenschen, Literaten, die ihren Passionen ein Leben lang intensiv nachgehen. Jetzt haben sie eine in ihren Reihen, die ganz wunderbar, humorvoll und klug darüber schreiben kann.</p>
<p style="text-align:left;">Eines muss ich noch gestehen. Bereits nach einem ersten Reinblättern und Anlesen war entschieden, dass ich das Buch kaufen und lesen würde. Weil es mit diesen Sätzen beginnt:</p>
<p style="text-align:left;"><em>“In Thomas Manns Zauberberg kommt ein junger Mann namens Hans Castorp in ein Schweizer Sanatorium, um seinem schwindsüchtigen Cousin drei Wochen Gesellschaft zu leisten &#8230; So komplex das Buch auch ist &#8211; seine zentrale Fragestellung ist sehr einfach: Wie kommt es, dass jemand, der nicht selbst die Schwindsucht hat, sieben Jahre in einer Lungenheilanstalt verbringt?”</em> Und Elif Batuman fragt sich, wie es ihr widerfahren konnte, dass sie sieben Jahre am Fachbereich Vergleichende Literaturwissenschaften in Stanford verbrachte. Und kommt zu dem Schluss, dass es wie bei Hans Castorp <em>“eine Geschichte der Liebe und der Begeisterung für alles Russische”</em> war.</p>
<p style="text-align:left;">Das konnte ich sofort verstehen, und kam an diesem Buch einer jungen amerikanischen Autorin und Wissenschaftlerin mit türkischen Wurzeln, ausgeprägter Russophilie und ihrer intelligent-munteren Ausruckskraft nicht mehr vorbei.</p>
<p style="text-align:left;"><strong>Batuman, Elif: Die Besessenen. Abenteuer mit russischen Büchern und ihren Lesern. Zürich : Kein &amp; Aber, 2011. Euro 22,90</strong></p>
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		<title>Schweizer Buchpreis 2011 geht an Catalin Dorian Florescu</title>
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		<pubDate>Sun, 20 Nov 2011 13:12:35 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[Näheres dazu finden Sie auf der Seite &#8222;da capo&#8220;. Einsortiert unter:Bücher, Buchmessen<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=litos.wordpress.com&amp;blog=7395633&amp;post=5245&amp;subd=litos&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span style="text-decoration:underline;"><strong>Näheres dazu finden Sie auf der Seite &#8222;da capo&#8220;.</strong></span></p>
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		<title>Spät-Lese (3)</title>
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		<pubDate>Tue, 08 Nov 2011 21:01:28 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[(Reife Bücher. Erstmals, neu oder wieder gelesen.) &#8222;Hölderlin&#8220; von Peter Härtling Warum jetzt? Auf “Hölderlin. Eine Winterreise” von Thomas Knubben hatte ich mich gefreut seit ich die Vorankündigung des Verlages kannte. Das Buch erschien im August bei Klöpfer &#38; Meyer; einem Verlag dem ich eigentlich nur Gutes unterstelle. Diesmal wurde ich enttäuscht. Das ist kein [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=litos.wordpress.com&amp;blog=7395633&amp;post=5144&amp;subd=litos&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align:right;"><em>(<strong></strong>Reife Bücher. Erstmals, neu oder wieder gelesen.)</em></p>
<h2 style="text-align:left;">&#8222;Hölderlin&#8220; von Peter Härtling</h2>
<p style="text-align:left;"><strong>Warum jetzt?</strong></p>
<p>Auf “Hölderlin. Eine Winterreise” von Thomas Knubben hatte ich mich gefreut seit ich die Vorankündigung des Verlages kannte. Das Buch erschien im August bei Klöpfer &amp; Meyer; einem Verlag dem ich eigentlich nur Gutes unterstelle. Diesmal wurde ich enttäuscht. Das ist kein Hölderlin-Buch. Das ist ein Knubben-Buch. Es schildert nicht wirklich die Tragödie Hölderlins letzter großer Reise nach Bordeux und unter Umwegen zurück in die Heimat. Knubben hängt sich an den aktuellen Wanderbuch-Boom an. Da müssen Hölderlin-Zitate herhalten, wo dem Autor der erzählerische Faden verloren geht. Da werden Harald Schmidt, Bob Dylan, Patmos, Anne und Patrick Poirier und viele Andere zitiert ohne dass es dafür gute Gründe gibt.</p>
<p>Eigentlich hatte ich auf Seite vierundzwanzig genug. Knubben zitiert dort Harald Schmidt, der sich einmal den Spaß machte, Hölderlin als Familiendichter zu bezeichnen, den man locker zwischendurch am Strand lesen könne. Arglos fällt er dem Zyniker zum Opfer und gesteht: <em>“Ich habe es versucht, an den Gestaden des Mittelmeeres, es geht vorzüglich.”</em></p>
<p>Daraufhin habe ich mehr oder weniger lustlos noch etwas hin- und hergeblättert, einige Passagen kreuz- und quergelesen, gegrübelt und die abgestürzte biographische Versuchsanordnung dann leichten Herzens beiseite gelegt. Anschließend der Griff ins Regal &#8211; zum &#8222;Klassiker&#8220;. Der als Roman deklarierten Hölderlin-Biographie von Peter Härtling.</p>
<p><a href="http://litos.files.wordpress.com/2011/11/bc3bcchergilde.jpg"><img class="alignleft size-thumbnail wp-image-5158" title="büchergilde" src="http://litos.files.wordpress.com/2011/11/bc3bcchergilde.jpg?w=150&#038;h=150" alt="" width="150" height="150" /></a>Dieses Buch besitze ich in einer Ausgabe der Büchergilde Gutenberg von 1978 (das Original ist 1976 bei Luchterhand erschienen). Sie wurde von Jürgen Seuss gestaltet, aus der Korpus Bodini gesetzt, auf schwäbischem Scheufelen-Papier bei Hoffmann in Mainz gedruckt und von Lachemaier in Reutlingen gebunden. Das Buch ist frisch wie am ersten Tag. Sein Inhalt auch.</p>
<p>Zugegeben, das mag eine sehr persönliche Erkenntnis sein. Emotional. Das Werk hat mich, als ich es vor Jahren erstmals las, begeistert, in mehrfachem Sinne mitgenommen und zu einer anhaltenden Beschäftigung mit dem württembergischen Dichter angestiftet. In meinem Bekanntenkreis wurde viel darüber diskutiert. Und der eine oder die andere las ergänzend und erweiternd die umfangreiche wissenschaftliche Monographie von Pierre Bertaux, der sich erdreistete den Konsens über Hölderlins geistige Erkrankung in Frage zu stellen.</p>
<p><strong>Der Autor</strong></p>
<p>Peter Härtling wurde 1933 in Chemnitz geboren. Die ersten Lebens- und Schuljahre verbrachte er in Sachsen, bevor ihn Kriegswirren und Vertreibungswellen ins Neckarstädtchen Nürtingen spülten. Dort verbrachte er, wie Friedrich Hölderlin etwa 150 Jahre vor ihm, wichtige und prägende Jahre. Härtling ist heute Ehrenbürger von Nürtingen.</p>
<p>Nach einer Ausbildung und Tätigkeiten als Journalist begleitete er mehrere Positionen beim tradtionsreichen Verlag S. Fischer in Frankfurt, und widmete sich ab 1974 ganz dem literarischen Schreiben. Der engagierte evangelische Christ lebt mit seiner Familie seit vielen Jahren im Nordbadischen.</p>
<p>Im Laufe der Jahrzehnte entstand ein umfangreiches und vielfältiges Werk. Gedichte, Theaterstücke, vor allem aber viel gelesene Romane, zu deren Höhepunkten die biographischen Erzählungen gehören. Über Nikolaus Lenau, Robert Schumann, Wilhelm Waiblinger, E.T.A. Hoffmann und andere.</p>
<p style="text-align:left;">Härtling hat auch sehr viel für Kinder und Jugendliche geschrieben. Titel wie “Krücke”, “Fränze”, “Ben liebt Anna” wurden sehr populär. Der Schriftsteller erhielt zahlreiche Auszeichnungen. <a href="http://litos.files.wordpress.com/2011/11/41dzx2z6whl-_sl500_aa300_1.jpg"><img class="alignright size-full wp-image-5187" title="41Dzx2Z6WhL._SL500_AA300_" src="http://litos.files.wordpress.com/2011/11/41dzx2z6whl-_sl500_aa300_1.jpg?w=450" alt=""   /></a>Bemerkenswert ist, dass bereits zu seinen Lebzeiten dreizehn Schulen in Deutschland nach ihm benannt sind.</p>
<p style="text-align:left;">Sein neuestes Buch ist wieder ein Erzählwerk das rund um biographische Bruchstücke einer künstlerischen Persönlichkeit entstanden ist. “Liebste Fenschel!: Das Leben der Fanny Hensel-Mendelssohn in Etüden und Intermezzi”, kam in diesem Frühjahr heraus.</p>
<p><strong>Werk und Inhalt</strong></p>
<p><em>“&#8230;ich schreibe keine Biographie. Ich schreibe vielleicht eine Annäherung.”</em> Was ist es wirklich? Roman? Bericht? Wissenschaftliche Abhandlung? Von allem etwas? Härtling hat sich mit Werk und Sekundärliteratur von und zu Hölderlin jedenfalls gründlich beschäftigt, um uns, seinen Lesern, erzählen zu können. Erzählen von Leben, Denken und Dichten des Friedrich Hölderlin, geboren am 20. März 1770, von seinen Freunden Hölder genannt. Von Kindheit und Jugend in Lauffen, Nürtingen, Denkendorf und Maulbronn. Von den Tübinger Jahren. Vom Studium im evangelischen Stift, der theologischen Kaderschmiede Württembergs. Den Wanderjahren. Der langen Suche nach Wegen und Zielen. Der Beerdigung im Juni 1843  auf dem alten Friedhof in Tübingen, der heute mitten in der Stadt liegt. <em>“Christoph Schwab spricht. Der Liederkranz singt zwei Choräle.”</em></p>
<p style="text-align:center;"><a href="http://litos.files.wordpress.com/2011/11/img006991.jpg"><img class="aligncenter size-full wp-image-5164" title="YAKUMO DIGITAL CAMERA" src="http://litos.files.wordpress.com/2011/11/img006991.jpg?w=450" alt=""   /></a></p>
<p>So lernen wir den begabten Gymnasiasten und Studenten kennen, den Dichter und Zeitgenossen Schillers, Goethes und Napoleons, den schmerzlich Liebenden, den Rastlosen, der erst zur Ruhe kommt, als der Geist eigene Wege geht. Wir erfahren vom Republikaner und frühen Demokraten Hölderlin, dem Verächter der Despoten, dem Freund des klassischen (idealisierten) Griechenlands. Peter Härtling zu seiner Vorgehensweise: <em>“Ich erfinde Gestalten, die es gegeben hat. Ich schreibe ein Drehbuch zu einem Kostümfilm. Längst ist er mir vertraut. Ich projiziere, nachdem ich in seinen Briefen und Gedichten gelesen habe, meine Gefühle auf seine Handlungen.”</em></p>
<p><strong>Höhepunkte</strong></p>
<p>Fasziniert haben mich Persönlichkeiten, die wir rund um Hölderlin kennenlernen. Den schwäbelnden Hegel, den superschlauen Schelling, die Großen von Weimar und Jena, den Freund Sinclair und die Pflegeleute Ernst und Charlotte Zimmer. Und dann natürlich die Frauen. Louise Nast, Elise Lebret, schließlich die Liebe des Lebens, Susett Gontard, seine “Diotima”. Wie uns Härtling mit Umständen und Lebensverhältnissen vertraut macht, uns eintauchen lässt in die historische Kulisse, sein intensiver Erzählstil. Das geht unter die Haut.</p>
<p style="text-align:center;"><a href="http://litos.files.wordpress.com/2011/11/img00694.jpg"><img class="aligncenter size-full wp-image-5153" title="YAKUMO DIGITAL CAMERA" src="http://litos.files.wordpress.com/2011/11/img00694.jpg?w=450" alt=""   /></a></p>
<p style="text-align:left;">Tübingen, das dreckige kleine Nest. Die dunkle, stille, mühsame Zeit. Die Vergangenheit ist nicht zu verherrlichen. Wir können uns in Menschen, die vor zwei Jahrhunderten lebten, nicht mehr wirklich hineinversetzen. Ihre Vorstellungen, ihr Weltbild, nicht mehr nachvollziehen. Es bleibt beim Versuch der Annäherung. Aus fernen Jahren kommen Hölderlins Werke zu uns. Mit ihren Geheimnissen und ihrer Sprachmacht. Mit ihren großen Bildern und dem idealistischen Weltentwurf erreichen und ergreifen sie uns bis heute.</p>
<p style="text-align:left;"><strong>Härtling, Peter: Hölderlin. Ein Roman. &#8211; Darmstadt : Luchterhand, 1976 (aktuelle Taschenbuchausgabe bei dtv. Euro 12,90)</strong></p>
<p style="text-align:left;"><strong>Härtling, Peter: Liebste Fenchel!: Das Leben der Fanny Hensel-Mendelssohn in Etüden und Intermezzi. &#8211; Köln : Kiepenheuer &amp; Witsch, 2011. Euro 19,99</strong></p>
<p style="text-align:left;"><strong>Bertaux, Pierre: Friedrich Hölderlin. &#8211; Frankfurt : Suhrkamp, 1978 (nur antiquarisch oder in Bibliotheken)</strong></p>
<br />Einsortiert unter:<a href='http://litos.wordpress.com/category/bucher/'>Bücher</a>, <a href='http://litos.wordpress.com/category/dichter-und-denker/'>Dichter und Denker</a>, <a href='http://litos.wordpress.com/category/geschichte/'>Geschichte</a>, <a href='http://litos.wordpress.com/category/spat-lese/'>Spät-Lese</a>  <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gocomments/litos.wordpress.com/5144/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/comments/litos.wordpress.com/5144/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godelicious/litos.wordpress.com/5144/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/delicious/litos.wordpress.com/5144/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gofacebook/litos.wordpress.com/5144/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/facebook/litos.wordpress.com/5144/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gotwitter/litos.wordpress.com/5144/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/twitter/litos.wordpress.com/5144/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gostumble/litos.wordpress.com/5144/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/stumble/litos.wordpress.com/5144/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godigg/litos.wordpress.com/5144/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/digg/litos.wordpress.com/5144/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/goreddit/litos.wordpress.com/5144/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/reddit/litos.wordpress.com/5144/" /></a> <img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=litos.wordpress.com&amp;blog=7395633&amp;post=5144&amp;subd=litos&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></content:encoded>
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		<title>“Thomas Mann der Amerikaner”</title>
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		<pubDate>Fri, 28 Oct 2011 00:03:12 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Jan Haag</dc:creator>
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			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align:left;"><strong>Eine biographische Nahaufnahme von Hans Rudolf Vaget</strong></p>
<p style="text-align:left;">Es ist eine Lektüre mit Mehr-Wert. Neben zahlreichen neuen oder vertiefenden Details über einen der wichtigsten Lebensabschnitte des Groß-Schriftstellers bekommen Thomas-Mann-Freunde manches Extra über die krisen- und kriegsreiche Geschichte des 20. Jahrhunderts. Für alle also, deren historische Kenntnisse über solides Allgemeinwissen nicht hinausgehen, eine lohnende, stellenweise regelrecht spannende Lektion. Thomas Mann lebte vierzehn Jahre in den USA. In seiner nicht gerade ereignisarmen Lebensspanne, dürfte dieser Abschnitt zu den bewegtesten gehören.</p>
<p style="text-align:left;">Hans Rudolf Vaget lehrt als Literaturwissenschaftler in Northampton, Massachusetts. Thomas Mann ist seit Jahrzehnten einer seiner Forschungs-Schwerpunkte, zu denen auch Goethe und Richard Wagner zählen. Vaget hat den Briefwechsel von Thomas Mann und Agnes Meyer herausgegeben. Er ist einer der Herausgeber der aktuell bei S. Fischer erscheinenden neuen großen kommentierten Ausgabe der Werke Thomas Manns. Zu seinen wichtigsten Veröffentlichungen gehört “Seelenzauber” &#8211; mittlerweile ein Standardwerk über Manns Beziehung zur Musik; in Zeitschriften und Kongressbänden sind darüber hinaus eine große Zahl vielbeachteter Aufsätze von ihm erschienen.</p>
<div id="attachment_5116" class="wp-caption aligncenter" style="width: 237px"><a href="http://litos.files.wordpress.com/2011/10/455px-fdrin19421.jpg"><img class="size-medium wp-image-5116" title="455px-FDRin1942" src="http://litos.files.wordpress.com/2011/10/455px-fdrin19421.jpg?w=227&#038;h=300" alt="" width="227" height="300" /></a><p class="wp-caption-text">Franklin D. Roosevelt (1942), Foto: Library of Congress</p></div>
<p style="text-align:left;">“Annäherungen an Amerika”, “Amerika &#8211; die große Verführung” und “Die heimatliche Ferne” sind die drei Hauptabschnitte des Buches überschrieben. Schwerpunkte der Darstellung bilden Manns Verhältnis zur amerikanischen Politik, geprägt durch sein besonderes Verhältnis zum Präsidenten Roosevelt; das erstmals in dieser Breite analysierte Verhältnis zwischen dem Schriftsteller und seiner amerikanischen Förderin und Bewunderin Agnes Meyer &#8211; wir erfahren, wie differenziert, schwankend, ja phasenweise heikel diese Beziehung tatsächlich war. Den dritten großen Schwerpunkt bildet das literarische Schaffen Manns während der amerikanischen Periode, und man muss die Kraft bewundern, mit der er bei all den Ablenkungen, Unruhen und Unwägbarkeiten in Leben und Umfeld, zu solch konzentrierter und ergiebiger Arbeit fähig war.</p>
<p style="text-align:left;">Hans Rudolf Vaget erschloss für die Arbeit an seinem Buch neue, sowie bisher weniger beachtete Quellen und ermöglicht so veränderte Interpretationen und Sichtweisen. Etwa wenn wir erfahren, dass die prominente, hoch veranlagte Publizistin Susan Sontag bereits in sehr jungen Jahren eine große Thomas-Mann-Verehrerin war. Oder die von Vaget glaubwürdig belegte Erkenntnis, dass Thomas Mann während seiner Zeit in Amerika von Anfang an im Fokus und unter Beobachtung des FBI stand. Das war Teil eines Generalverdachts gegenüber fast allen Kulturschaffenden. “Hoover ließ praktisch die ganze amerikanische Literatur beschatten”, fasst Vaget zusammen.</p>
<p style="text-align:left;">Als schließlich die Kommunisten-Hysterie und die damit verbundenen Bespitzelungen, Verfolgungen und Intellektuellen-Tribunale in der McCarthy-Aera ihren Höhepunkt erreichten, sah Thomas Mann darin ein Form der “Herrschaft fascistischer Gewalt.” Als er selbst immer stärker unter Druck geriet, ging er schließlich mehr und mehr auf Distanz zum politischen Establishment seines Gastlandes. Diese Entwicklung hat letzten Endes entscheidend dazu beigetragen, dass er sich entgegen ursprünglicher Absichten, doch zu einer Rückkehr nach Europa entschloss und seine letzten Lebensjahre in Zürich verbrachte.</p>
<p style="text-align:left;">Thomas Mann gehörte zu den am meisten beachteten, übersetzten und materiell erfolgreichsten deutschen Schriftstellern im Exil. Das trug ihm auch allerhand Neid und Missgunst ein. Wie intensiv Wirkung und Wahrnehmung seiner Werke, dabei insbesondere der Joseph-Romane, gerade in Nordamerika war, macht Vaget in einem so bisher nicht ausgeführten Umfang deutlich. Auch der große Roman über Deutschland &#8211; “Doktor Faustus” &#8211; hat seine spezielle amerikanische Perspektive. Vaget dazu: “Thomas Manns deutschestes Werk entstand in Pacific Palisades, dem von Deutschland am weitesten entfernten Ort seiner Laufbahn.” Manns Geschichtsverständnis beruhte zwar in erster Linie auf persönlicher Erfahrung, geschrieben darüber hat der Nobelpreisträger jedoch aus zeitlicher undoder geographischer Distanz.</p>
<p style="text-align:left;"><a href="http://litos.files.wordpress.com/2011/10/vaget.jpg"><img class="alignleft size-medium wp-image-5120" title="sfv_vaget_mann_rz.indd" src="http://litos.files.wordpress.com/2011/10/vaget.jpg?w=195&#038;h=300" alt="" width="195" height="300" /></a>Die nun vorliegende, mit allen Anhängen fast 600 Seiten umfassende Teil- und Detail-Biographie des wichtigsten und vielleicht auch umstrittensten deutschen Schriftstellers des 20. Jahrhunderts ist durchweg spannend, dabei flüssig zu lesen. Hin und wieder tauchen kleine Redundanzen auf. Wer will kann auch schwächere Passagen entdecken.</p>
<p style="text-align:left;">Ein Beispiel ist die Vermutung Vagets, dass “in der homoerotischen Dimension seiner Fiktionen ein reiches Potential für seine Langzeitwirkung beschlossen liegt, jedenfalls in Amerika” &#8211; die mir etwas gewagt und willkürlich erscheint, zumal wenn behauptet wird, “dass in einer Zeit, in der angesichts von Aids das gleichgeschlechtliche Begehren weitgehend wieder, wie schon in Thomas Mann formativen Jahren, eine solitäre und imaginäre Angelegenheit geworden ist …” Möglicherweise zeugt es von einer gewissen Unaufgeklärtheit, Veranlagung und Begehren gleichzusetzen. Auch kann ich, um es flappsig zu formulieren, derzeit keinen Run von Schwulen und Lesben auf die Werke Thomas Manns erkennen &#8211; weder diesseits noch jenseits des Atlantiks.</p>
<p style="text-align:left;">Freunde, Verehrer und Kenner Thomas Manns und seinem Werk, gleich welcher Weltanschauung und Neigung, werden die großartige Arbeit von Hans Rudolf Vaget aber auf jeden Fall mit Gewinn, ja mit Vergnügen, lesen und studieren. In der biographischen Sekundärliteratur zu Thomas Mann wird sie einen prominenten Platz neben Mendelsohn und Kurzke einnehmen, weil sie deren Standard-Werke vertiefend ergänzt und weiterführt.</p>
<p style="text-align:left;"><strong>Vaget, Hans Rudolf: Thomas Mann der Amerikaner. &#8211; S. Fischer, 2011. Euro 24,95</strong></p>
<br />Einsortiert unter:<a href='http://litos.wordpress.com/category/bucher/'>Bücher</a>, <a href='http://litos.wordpress.com/category/geschichte/'>Geschichte</a>, <a href='http://litos.wordpress.com/category/dichter-und-denker/thomas-mann-dichter-und-denker/'>Thomas Mann</a>  <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gocomments/litos.wordpress.com/5111/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/comments/litos.wordpress.com/5111/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godelicious/litos.wordpress.com/5111/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/delicious/litos.wordpress.com/5111/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gofacebook/litos.wordpress.com/5111/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/facebook/litos.wordpress.com/5111/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gotwitter/litos.wordpress.com/5111/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/twitter/litos.wordpress.com/5111/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gostumble/litos.wordpress.com/5111/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/stumble/litos.wordpress.com/5111/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godigg/litos.wordpress.com/5111/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/digg/litos.wordpress.com/5111/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/goreddit/litos.wordpress.com/5111/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/reddit/litos.wordpress.com/5111/" /></a> <img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=litos.wordpress.com&amp;blog=7395633&amp;post=5111&amp;subd=litos&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></content:encoded>
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		<title>Frankfurter Buchmesse 2011</title>
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		<pubDate>Mon, 17 Oct 2011 11:58:24 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Jan Haag</dc:creator>
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			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align:center;"><span style="text-decoration:underline;"><strong>Eine kurze Nachlese in Stichworten, wobei fast nur von Büchern die Rede ist</strong></span></p>
<p>Ob absolviert oder zelebriert &#8211; die Frankfurter Buchmesse 2011 ist vorbei. Was bleibt? Der “Sprachkurs Plus: Isländisch, systematisch, schnell und gut” von Cornelsen. Die Freude darüber, dass es gelungen ist eine Verbindung zwischen Buch- und Automobil-Branche zu konstruieren (einfach und zweckmäßigerweise deshalb, weil als Symbol des modernen Golden Kalbes der Audi-Pavillon von der Automobil-Messe noch im Weg stand). Und schließlich, unvergessen, die flammenden Sätze über vulkanische Landschaften eines Literatur- und Island-Experten namens Westerwelle (nein, mit der Brandung an Islands Küste hat das nichts zu tun) &#8211; im Hauptberuf Noch-Außenminister.</p>
<div id="attachment_5063" class="wp-caption aligncenter" style="width: 415px"><a href="http://litos.files.wordpress.com/2011/10/vip-guido-westerwelle.jpg"><img class="size-full wp-image-5063 " title="Frankfurter Buchmesse 2011, Frankfurt book fair 2011" src="http://litos.files.wordpress.com/2011/10/vip-guido-westerwelle.jpg?w=450" alt=""   /></a><p class="wp-caption-text">Copyright: Frankfurter Buchmesse</p></div>
<p><strong>Auszeichnungen 1.</strong> Den Deutschen Buchpreis bekam in diesem Jahr Eugen Ruge für sein “In Zeiten des abnehmenden Lichts” (1). Ein wirklich gutes Buch. Deutsche Geschichte aus radikal östlicher Perspektive; eine Familiengeschichte über vier Generationen, sehr spannend geschrieben. Höhepunkt, wie in so manch gutem Generationen-Roman seit “Buddenbrooks”, das Weihnachtskapitel. Rasant und amüsant wie hier linienharte Stalinisten den Spagat versuchen zwischen völligem Ignorieren und gelassenem Hinnehmen dieser christlich-heidnischen Traditionsveranstaltung. Ein beachtliches und lesenswertes Buch, das diesen Preis ebenso verdient hat, wie den der nächtlichen Kultur-Sendung “Aspekte”, die damit tradtionell Debütanten auszeichnet. Ein guter, ein hoffnungsvoller Schriftsteller also? Ruge hat zwar Schreiberfahrung, doch in der Epik debütiert er mit 57 Jahren, was in der Reife seines Schreibens durchweg deutlich wird. Er hat fast ein Leben lang gesammelt und gewartet, bis er schreiben konnte, was er zu sagen hatte. Ob da dann allerdings noch etwas nachkommen kann?</p>
<p><strong>Auszeichnungen 2.</strong> Sibylle Lewitscharoff, 2009 mit dem Leipziger Buchpreis für ihren Roman “Apostoloff“ ausgezeichnet, und in diesem Jahr mit ihrem Philosophen-Roman “Blumenberg” (2) immerhin auf der Short-List für den Deutschen Buchpreis, durfte sich schon einige Tage vor Messebeginn freuen. Über den Wilhelm-Raabe-Literaturpreis und die damit verbundenen 30.000 Euro. Ihre Sprache macht es uns nicht leicht und mit ihrem neuesten Werk setzt sie auch noch richtig voraus. Das ist nicht unbedingt meine liebste Urlaubslektüre, aber die schwäbelnde Stuttgarterin mit den bulgarischen Wurzeln gehört sicher zu den Besten im Land.</p>
<p><strong>Island 1.</strong>Eines der ältesten Zeugnisse europäischer Literatur und Ausgangspunkt allen isländischen Dichtens sind die Sagas (3). Sie erzählen vom Leben der ersten Siedler auf Island, der Landnahme, den oft blutigen Familienfehden, den Erkundungsfahrten per Schiff nach England, Schottland und sonstwohin. Islands vielleicht wichtigster Beitrag zur Weltliteratur ist neu übersetzt in fünf gut ausgestatteten Bänden bei S. Fischer erschienen.</p>
<div id="attachment_5068" class="wp-caption aligncenter" style="width: 460px"><a href="http://litos.files.wordpress.com/2011/10/ehrengast-island-2011.jpg"><img class="size-full wp-image-5068" title="Frankfurter Buchmesse 2011, Frankfurt book fair 2011" src="http://litos.files.wordpress.com/2011/10/ehrengast-island-2011.jpg?w=450&#038;h=297" alt="" width="450" height="297" /></a><p class="wp-caption-text">Copyright: Frankfurter Buchmesse, Fotograf: Peter Hirth</p></div>
<p><strong>Island 2.</strong> In den letzten Jahren zur regelrechten Titelschwemme angewachsen: Die Island-Krimis. In meiner Stadtbibliothek habe ich eher zufällig das Ur dieser Gattung entdeckt. Der Roman “Schwarze Vögel” (4) von Gunnar Gunnarson erschien erstmals 1929. Seine Handlung beruht auf einem aufsehenerregenden Rechtsfall aus dem Jahr 1802. Ein ehebrechendes Paar war auf Grund von Indizien zum Tode verurteilt worden, weil sie gemeinschaftlich die jeweiligen Ehepartner umgebracht haben sollten. Gunnarson hat für seine Geschichte die Protokolle dieses Prozesses studiert. Der Autor ist einer der wichtigsten isländischen Schriftstellern des 20. Jahrhunderts. Er lebte von 1889 bis 1975. “Schwarze Vögel” (Svartfugl) erschien im Original in dänischer Sprache; erst später erstellte der Autor eine isländische Fassung.</p>
<p><strong>Island 3.</strong> Apropos Übersetzer. Kristof Magnusson ist Hamburger mit isländischem Migrationshintergrund. Er sorgt dafür, dass wir in Deutschland den einen oder anderen isländischen Dichter überhaupt lesen können. Zahlreiche Übersetzungen von ihm haben uns Autoren wie Hallgrímur Helgason, Einar Kárason oder Audur Jónsdóttir nähergebracht. Er selbst hat uns im letzten Jahr mit seinem Roman “Das war ich nicht” (5), einer flotten, originellen und überraschungsreichen Geschichte, auch als Autor begeistert. Von ihm gibt es jetzt eine humor- und stimmungsvolle “Gebrauchsanweisung für Island” (6). Die lesbar leichfüßige Annäherung an Land und Leute.</p>
<p><strong><a href="http://litos.files.wordpress.com/2011/10/laxness_islandglocke_978-3-88243-794-2-225x1501.jpg"><img class="alignleft size-full wp-image-5077" title="Laxness_Islandglocke_978-3-88243-794-2-225x150" src="http://litos.files.wordpress.com/2011/10/laxness_islandglocke_978-3-88243-794-2-225x1501.jpg?w=450" alt=""   /></a>Laxness 1.</strong> Der isländische Literaturnobelpreisträger (1955) heißt Halldór Laxness. Er hat große Romane geschrieben. Zum Beispiel “Die Islandglocke” (7). Wie Hermann Hesses “Glasperlenspiel” und der letzte Band der Joseph-Romane von Thomas Mann im Jahr 1943 erschienen (was für ein Jahr für Romane! &#8211; und die halbe Welt im Krieg). Rolf Vollmann schwärmte: “Es ist auch ein wunderbarer Swing in dieser Sprache, im ruhigen Duktus ihrer Dialoge und Berichte. Auch die Namen haben schon etwas; das Mädchen … heißt Snaefridur, der Mann Sigurdur, ein Dichter auch, außer daß er Prediger ist und Bischof werden wird; am Schluß sind sie zusammen … Das großartige Deutsch der Übersetzung ist von Hubert Seelow.”</p>
<p><strong>Laxness 2.</strong> Die deutschen Ausgaben der Werke von Halldór Laxness werden im Göttinger Steidl-Verlag gepflegt. Dort ist auch die Neuausgabe einer Biographie (8) von Halldór Gudmundsson über den großen Dichter erschienen. Dafür hat der Verleger Gerhard Steidl, der Laxness persönlich gut kannte, einige Schätze aus seinem Privatarchiv gehoben. So präsentiert das Buch zahlreiche nie zuvor publizierte Fotografien aus dem ungewöhnlichen Leben des isländischen Schriftstellers und weitgereisten Weltbürgers.</p>
<p><strong>Frankfurt vor wenigen Tagen.</strong> An einem kleinen Tisch im Messe-Cafè. Jung-Autor und Alt-Verleger. Jung-Autor: Haben Sie mein Manuskript gelesen? Was empfehlen Sie mir? Alt-Verleger: Lesen, lesen, lesen. So lange Sie lesen, können Sie nicht schreiben.</p>
<div id="attachment_5066" class="wp-caption aligncenter" style="width: 460px"><a href="http://litos.files.wordpress.com/2011/10/audi-open-space.jpg"><img class="size-full wp-image-5066" title="Frankfurter Buchmesse 2011, Frankfurt book fair 2011" src="http://litos.files.wordpress.com/2011/10/audi-open-space.jpg?w=450&#038;h=262" alt="" width="450" height="262" /></a><p class="wp-caption-text">Copyright: Frankfurter Buchmesse, Fotograf: Alexander Heimann</p></div>
<p><strong>Fazit.</strong> Willkommener Kontrast zu Menschenmassen, Medienauflauf und Dauer-Propaganda: “Man ist ganz auf sich geworfen. Diese Einsamkeit kann schrecklich sein, es geht aber auch eine große Faszination von ihr aus.” Was Daniela Krien über das Schreiben sagt, trifft natürlich auch auf das Lesen zu. Und das tut uns nach Frankfurt und Reykjavik jetzt so richtig gut.</p>
<p><strong>(1) Ruge, Eugen: In Zeiten des abnehmenden Lichts. Roman einer Familie. &#8211; Reinbek : Rowohlt, 2011</strong></p>
<p><strong>(2) Lewitscharoff, Sibylle: Blumenberg. Roman. &#8211; Berlin : Suhrkamp, 2011</strong></p>
<p><strong>(3) Böldl, Klaus (Hrsg.): Die Isländersagas in vier Bänden mit einem Begleitband. &#8211; Frankfurt : S. Fischer, 2011</strong></p>
<p><strong>(4) Gunnarsson, Gunnar: Schwarze Vögel. Roman. &#8211; Stuttgart : Reclam, 2009</strong></p>
<p><strong>(5) Magnusson, Kristof: Das war ich nicht. Roman. &#8211; München : Kunstmann, 2010</strong></p>
<p><strong>(6) Magnusson, Kristof: Gebrauchsanweisung für Island. &#8211; München : Piper, 2011</strong></p>
<p><strong>(7) Laxness, Halldór: Die Islandglocke. Roman. &#8211; Göttingen : Steidl, Neuausg. 2009</strong></p>
<p><strong>(8) Gudmundsson, Halldór: Halldór Laxness. Sein Leben. &#8211; Göttingen : Steidl, 2011 (Erweiterte und überarbeitete Ausgabe einer 2002 erstmals auf Deutsch erschienenen Biographie)</strong></p>
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		<title>Sudeleien: Anfang Oktober 2011</title>
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		<pubDate>Fri, 07 Oct 2011 22:16:16 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Jan Haag</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Island, Frankfurt, Barcelona Beim Sovormichhinknabbern an (auf?) meinen Cantucci, die mindestens so bissfest waren wie die hochgeprießene DeCecco-Pasta (1) in ungekochtem Zustand, musste ich natürlich ständig an die in wenigen Tagen zu Frankfurt am Main beginnende Buchmesse denken. Und daran, dass auch die größten Erzähler aus dem kleinen Island nichts daran ändern werden, dass Literarisches [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=litos.wordpress.com&amp;blog=7395633&amp;post=4994&amp;subd=litos&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align:left;"><span style="text-decoration:underline;"><strong>Island, Frankfurt, Barcelona</strong></span></p>
<p style="text-align:left;">Beim Sovormichhinknabbern an (auf?) meinen Cantucci, die mindestens so bissfest waren wie die hochgeprießene DeCecco-Pasta (1) in ungekochtem Zustand, musste ich natürlich ständig an die in wenigen Tagen zu Frankfurt am Main beginnende Buchmesse denken. Und daran, dass auch die größten Erzähler aus dem kleinen Island nichts daran ändern werden, dass Literarisches auf diesem Markt des Allesmöglichen immer mehr in den Hintergrund gerät. Wir kennen es bereits aus den immer noch Buchhandlung genannten Gemischtwaren-Läden, wo emsige Menschen, die ursprünglich den angesehenen Beruf eines Buchhändlers, einer Buchhändlerin erlernt hatten, nun mit Non-Book-Waste überladene Aktionstische fleißig über Präsentations-Flächen schieben.</p>
<p style="text-align:left;">Also tauchte ich das hartnäckige Mandel-Gebäck in meinen Espresso lungho und freute mich darüber, innert kurzer Zeit zwei herausragenden Würdigungen der allerjüngsten deutschen Literaturgeschichte begegnet zu sein.</p>
<p style="text-align:center;"><a href="http://litos.files.wordpress.com/2011/10/img009321.jpg"><img class="aligncenter size-full wp-image-5027" title="YAKUMO DIGITAL CAMERA" src="http://litos.files.wordpress.com/2011/10/img009321.jpg?w=450" alt=""   /></a></p>
<p style="text-align:left;">Wir machen uns ja gerne etwas klein. Die Kritikergemeinde im Land der längst verblichenen Dichter und Denker lässt gemeinhin nichts unversucht um deutschsprachigen Autorinnen und Autoren überdurchschnittliche Fähigkeiten abzusprechen und ihnen, meist durchaus subtil formuliert, zu unterstellen, sie kämen über eine provinziell kleingeistige Sichtweise nicht hinaus und zeichneten sich dabei in herausragender Weise durch ihre Sprach- und Phantasie-Armut aus.</p>
<p style="text-align:left;">Im Konstrast dazu begeistert sich Maxim Biller mit einem umfangreichen Essay (2) und in gewohnt fulminanter Form an der Vorstellung, dass er in einer literarischen “Ichzeit” zuhause ist, staunt über die von ihm entdeckte Vielfalt und vertritt &#8211; ganz im Gegensatz zu einer Mehrheit der Zunft &#8211; die These, dass unser Land über ein reiches Reservoir begabter und fähigster Erzähler und Erzählerinnen verfügt. Er belegt dies mit betont subjektiven Lese-Anregungen, von denen einige bereits wohlbekannt, andere eher weniger und deshalb umso verlockendere Überraschungen sind. Gleichzeitig liegt uns mit Billers Aufsatz “Über die Epoche, in der wir schreiben” &#8211; wie es im Untertitel heißt &#8211; ein erster Höhepunkt dieses feuilletonisten Herbstes vor. (Sei es aus Trotz oder zur Demonstration publizistischer Vielfalt, DIE ZEIT hält dagegen, und betitelt ihre Literatur-Beilage vom Donnerstag mit &#8222;Abschied vom Ich&#8220;.)</p>
<p style="text-align:left;">Richard Kämmerlings Werk über die “Deutschsprachige Literatur seit ‘89” (3) setzt, wie der Untertitel andeutet, mit der Wende ein und markiert damit den Fall der Mauer als Beginn eines neuen Kapitels der deutschen Literaturgeschichte.</p>
<p style="text-align:left;">“Das kurze Glück der Gegenwart” &#8211; so der Hauptitel des Buches &#8211; macht zugleich deutlich, dass nach 1989 nicht plötzlich völlig anders, neu oder gar besser geschrieben wurde. Auch die Literatur hat seitdem, wie vorher schon, blühende Landschaften und dürre Wüsten. Zu unser aller Glück führte die Einheit nicht zu Einförmigkeit. Ohnehin ist die “Deutsche Literatur” nach dem Zweiten Weltkrieg immer die Literatur von mindestens drei Staaten und zahlreichen kulturell sehr unterschiedlichen Regionen gewesen.</p>
<p style="text-align:left;"><a href="http://litos.files.wordpress.com/2011/10/41on8ipsfbl-_ss500_.jpg"><img class="alignleft size-medium wp-image-5016" title="41oN8iPSFbL._SS500_" src="http://litos.files.wordpress.com/2011/10/41on8ipsfbl-_ss500_.jpg?w=216&#038;h=216" alt="" width="216" height="216" /></a>Ganz uptodate gipfelt Kämmerlings Abhandlung in einem Ranking. Er traut sich seine zehn Bücher der letzten zwanzig Jahre aufzulisten. Ohne zuviel zu verraten: Nummer 7 ist Martin Kluger mit “Abwesende Tiere”, von dem ich bis dato noch nichts gehört hatte. Aber das zeichnet gute Lektüre aus; sie ist lehrreich und kurzweilig und originell.</p>
<p style="text-align:left;">Eben noch aufgepeppt von mediteranem Backwerk und überdosierter Koffein-Zufuhr, machte ich mich auf zu einem Gang durch die Straßen unserer herbstlichen Stadt. Doch inmitten der spätkapitalistischen Menschen- und Waren-Massen fühlte ich mich alsbald wieder mut- und kraftlos. Zum Glück war gerade “Energietag” in der City. Auf dem sonst einem vitaminreichen Angebot vorbehaltenen Marktplatz, zu Füßen unserer gotischen Kathetrale, wurden jetzt Produkte präsentiert die zwar Spannung erzeugen, aber keineswegs zur Kategorie Kriminal-Literatur gehören.</p>
<p style="text-align:left;">Wenn man – um ein beliebiges Beispiel anzuführen – Besitzer eines Fließgewässers ist, konnte man hier den Erwerb einer hochmodernen Kraftwerksanlage mit höchstem Effizienzfaktor nebst Turbine und Generator in Betracht ziehen. Alternativ gab es Windräder in verschiedenen Größen, sonnenhungrige Solarmodule für die gleichzeitig ein subventionsgefüttertes Finanzierungsangebot zur Verfügung steht, energiesparende Kraftfahrzeuge an Stromzapfsäulen, die noch genauso aussehen, wie jene aus denen das knapp-teure Benzin fließt, und Werbe-Flyer die von wärmeerhaltend verpackten Gebäuden schwärmen.</p>
<p style="text-align:center;"><a href="http://litos.files.wordpress.com/2011/10/bild-017.jpg"><img class="aligncenter size-full wp-image-5004" title="Bild 017" src="http://litos.files.wordpress.com/2011/10/bild-017.jpg?w=450" alt=""   /></a></p>
<p style="text-align:left;">Als ich mich erkundigte, ob der „Energietag“ auch die Möglichkeit böte als menschliches Individuum frische Energie zu tanken, wurde dies leicht irritiert verneint. Auf erneute Nachfrage, wurde mir versichert, dass ich hier und heute wirklich nicht einmal das kleinste Bündel bekommen könnte.</p>
<p style="text-align:left;">So kam es, dass ich wieder einmal nicht zur Buchmesse nach Frankfurt fahren werde.</p>
<p style="text-align:left;">Was mich aber nicht davon abhalten wird meine eigene Gedanken-Cloud über dieses merkantile Buch-Babel zu erzeugen. Informationen, Anregungen und Hinweise für solch unzusammenhängendes Gesudel entnahm und entnehme ich den bekannten, gewohnt fragwürden Quellen. FAZ, FAS, SZ, NZZ, BILD, BAMS, WAMS, ARD, ZDF, 3sat, SWR, BR, MDR, HR und zahlreichen anderen ergiebigen Gerüchteküchen. Sind wir nicht alle nur ein Medien-Echo? Demnächst also mehr über Frankfurt und die Folgen. Hier.</p>
<p style="text-align:left;">Und jetzt beachten Sie bitte noch den nachfolgenden Nachsatz.</p>
<p style="text-align:left;">N.S.: Ich könnte jetzt anfügen, dass das neue Buch von Emma Braslavsky (4) in Frankfurt noch nicht präsentiert wird (es erscheint im Februar 2012), wir uns aber wohl vorfreuen dürfen, sie im März in Leipzig hören und sehen zu können, verzichte jedoch darauf und gestehe stattdessen (mich bei allen entschuldigend, die gerade wegen dieses Stichworts hier reingelesen haben und deren Enttäuschung ich nachvollziehen kann), dass mir zu Barcelona, zumindestens in dem an dieser Stelle abgehandelten Zusammenhang, nichts Vernünftiges eingefallen ist; auf den durch das Werk eines bedeutenden amerikanischen Filmemachers und Europafreundes inspirierten Titel für diese ungaren Zeilen konnte und wollte ich aber auch nicht mehr verzichten.</p>
<p style="text-align:left;"><strong>(1) Ortheil, Hanns-Josef: Lesehunger. Ein Bücher-Menu in 12 Gängen. &#8211; Luchterhand, 2009, S. 74</strong></p>
<p style="text-align:left;"><strong>(2) Biller, Maxim: Ichzeit. Über die Epoche, in der wir schreiben. In: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 2. Oktober 2011, Nr. 39, S. 23</strong></p>
<p style="text-align:left;"><strong>(3) Kämmerlings, Richard: Das kurze Glück der Gegenwart. Deutschsprachige Literatur seit ‘89. &#8211; J. G. Cotta’sche Buchhandlung, 2011</strong></p>
<p style="text-align:left;"><strong>(4) Braslavsky, Emma: Alles in Ordnung. Roman. &#8211; Ullstein, 2012</strong></p>
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