Musik und Literatur aus Kopf und Bauch

Ein Roman von Michael Ebmeyer mit Musik von Ak Torgu

Es herrscht Fön im Land des jungen Erzählens. Nicht zu verwechseln mit dem voralpenländischen Föhn, jenem trockenen warmen Fallwind der in München, Raisting und Neu-Ulm an manchen Tagen Mensch und Gemüt erregt. Dieser Fön kommt direkt aus der Hauptstadt und er bläst uns ganz wacker sein Ständchen. Fön ist hier eine Combo, die textlastig komponiert, nach eigenen Aussagen auch den Menschen im fernen Sankt Petersburg gefällt und fast nur aus Schriftstellern besteht: Florian Werner, promovierter Dichter, dessen erster Erzählband versprach: „Wir sprechen uns noch“; Tilman Rammstedt, Bachmann-Preisträger, fulminant fabulierender „Kaiser von China“; Michael Ebmeyer, der mit „Henry Silber geht zu Ende“ begann und mit „Der Neuling“ zum kraftvollen Sturm auf die Leserschaft ansetzt. Von Letzterem sei hier die Rede.

Ebmeyer, Michael: Der Neuling, Kein und Aber, 2009, Euro 19,90.

Die Schoren sind ein kleines indigenes Volk, dass im südlichen Sibirien zu Hause ist, hauptsächlich im Gebiet Kemerowo und dessen schorische Sprache der Familie der Turksprachen angehört. Es mögen etwa 14.000 Menschen sein, die sich zu diesem Stamm zählen und eine traditionsreiche, mythensatte Kultur mit Schamanentum und sehr eigenwilliger Musik in die Gegenwart gerettet haben.
In die Stadt Kemerowo, Oblast Kemerowo, die wir uns in etwa von der Größe Stuttgarts denken dürfen, verschlägt es den biederen schwäbischen Versandhandels-Angestellten Matthias Bleuel. An den traumatischen Nachwirkungen einer heftig gescheiterten Ehe laborierend, wird er von seinem Chef beauftragt der sibirischen Versandagentur seines Unternehmens einen Besuch abzustatten. Vor Ort betreut ihn der Dolmetscher Artjom, mit dem ihn bald eine ambivalente Freundschaft verbindet.

Eines Tages erlebt unser Held den Auftritt der schorischen Sängerin Ak Torgu, einer angehenden Schamanin, die ihn gehörig verzaubert und ihn um Sinn und fast auch Verstand bringt, während er sich mehr und mehr Sinnliches von ihr wünscht. Er verliebt sich also in die junge Frau und tut fortan Alles um ihr nahe zu sein und ihr näher zu kommen.
Dabei durchläuft der mit nicht nur sprachlichen Verständigungsschwierigkeiten kämpfende Deutsche einen Schnellkurs in sibirisch-russischer Lebensweise und schorischer Kultur, hier vor allem der Musik. Als Leser erfahren wir sehr viel über deren Eigenarten und auf welche Weise die Sängerin den verschiedensten Organen ihres Körpers die fesselnden Laute, sowie Trommel und Laute die exotischen Töne entlockt.
Ebmeyer ist eine anrührende transkulturelle Liebesgeschichte vor einer für uns Mitteleuropäer fremd und faszinierend wirkenden Kulisse gelungen. Ein kräftiger Fallwind, der als frische Bö in hoffentlich vielen Buchläden zahlreiche Leser erreicht. Wir freuen uns über einen neuen Erzähler, der seine Leser nicht einfach nur mitnimmt in seine Welt, sondern sie regelrecht dorthin entführt. Auf diesem Kontinent angekommen, wartet – wie es in jedem guten Buch sein sollte – großes Abenteuer, das manchmal aber auch verdächtig wie Alltag aussieht.

Der Autor ist auf Lesetour. Begleitet wird er von der schorischen Sängerin Tschyltys, alias Olga Tannagaschewa. Die beiden sind u. a. während der Buchmesse am 12. und 13. März in Leipzig zu erleben. Wenn man die Hörprobe auf der Verlagsseite im Web gehört hat, ein Auftritt den man sich nicht entgehen lassen sollte.

Hier geht es zu Michael Ebmeyer und Tschyltys

So weit und ziemlich gut. Aber warum nun dieser Text hier zwischen all dem über Wille, Werk und Mich?
Weil es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis sich Lisaweta Quote, Ak Torgu und eine deutsche Kriminal-Schriftstellerin irgendwo zwischen Novosibirsk, Ob und Kemerowo begegnen werden. Dann meldet Matthias Bleuel an Daniel Kehlmann: „Ich habe sie gesehen!“

Ein Kommentar zu “Musik und Literatur aus Kopf und Bauch

  1. Pingback: Deutschland – Argentinien und zurück « Literatur * Orte * Spuren

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.