Tschyltys

Ganz weit weg von hier…

Es ist einige „denkerische Willenskraft“ erforderlich, um da, wo man vor einem einschneidenden Ereignis aufgehört hatte, weiterzumachen. Wenn einem Etwas zu nahe geht, muss man einige Schritte zurücktreten. In Gedanken dürfen es auch schon einmal einige tausend Kilometer sein. Und schon sind wir in Südsibirien.
Dass Musik auch sehr hilfreich sein kann Kraft zu finden, wurde schon erwähnt. Selbst durchaus heilende Kräfte werden ihr ja zugeschrieben. In manchen Regionen dieser Erde ist diese Verbindung tradierte Gewissheit. Beim südsibirischen Turk-Volk der Schoren, sind Musik und Schamanentum eng miteinander verknüpft. Gleichzeitig hat die Musik, und hier besonders der Gesang, eine erzählerische Komponente; Mythen, Sagen und Erzählungen werden auf diese Weise erhalten und weitergegeben.

So durfte und konnte ich heute eine Veranstaltung besuchen, die in wohltuender Weise zwei Dinge miteinander verband: Das Lesen aus einem der aktuellen Gegenwart gewidmeten Roman eines jungen Zeitgenossen und den aus den Tiefen einer vergewisserten Vergangenheit aufsteigenden Gesang einer schorischen Künstlerin. Roman und Sängerin habe ich hier schon einmal kurz vorgestellt. Es waren damals meine Eindrücke nach dem Lesen des Erzählwerks. Meinen danach aufgezeichneten Blog-Beitrag findet man hier:

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Heute erlebte ich beide Protagonisten aus nächster Nähe und inmitten eines quirrlig brummenden Messegeschehens. Und es war diese Nähe zu einer Musik aus ganz anderer Welt und Zeit, die half Abstand zu gewinnen, durchzuatmen und mich wieder an dem zu freuen, was Menschen, die mit mir auf diesem Planeten leben, an kreativen Schöpfungen zuwege bringen. Tschyltys, russisch: Olga Tannagaschewa, war für Michael Ebmeyer das musikalische Vorbild für die Figur der Ak Torgu in seinem Roman „Der Neuling“. Sie singt von Wölfen, Schamanen und Flüssen in Tönen, die uns nicht vertraut sind. Wir hören Obertöne und Kehlkopfgesang und eine einfache virtuose Begleitung auf einem mandolinenartigen Instrument, das lediglich mit zwei Saiten ausgestattet ist. Erst allmählich zieht der völlig andere Rhythmus in seinen magischen Bann und entfernt uns aus der Realität; entführt uns in eine Welt des ganz anderen Erzählens, Singens und Heilens. Und wir ahnen, dass hier noch ein viel tieferes Verständnis von Wunden und Verwundungen gepflegt wird, als es unsere pharmakologisch gleichgeschaltete, sogenannte Zivilisation zulässt.

Auf dieses Themenfeld – nennen wir es einfach einmal Gesundheit – werde ich demnächst zurückkommen; dann wird von den erstaunlichen Erkenntnissen und ihren literarischen Konsequenzen einer Juli Zeh die Rede sein. Frau Zeh werde ich dabei voraussichtlich auch in Bildern präsentieren können. Bei Tschyltys habe ich darauf verzichtet, obwohl sie in ihren bunten Gewändern und ihrer ausdrucksstarken Mimik ein hervorragendes Motiv darstellt. Ich hätte meinen Eindrücken und der Kunst dieser Sängerin mit meinen Schnappschüssen nicht gerecht werden können. Wer die bildliche Darstellung dennoch haben möchte, wird im Netz sicher leicht fündig.

Ein Kommentar zu “Tschyltys

  1. „Eine Welt des ganz anderen Erzählens, Singens und Heilens“ war am 7.3.09 auch im Stadthaus in Ulm zu hören und zu erfahren: In einer Veranstaltung der Tibet Initiative gestaltete der tibetische Sänger Loten Namling, ein wilder Geselle mit der Kraft eines Titans, einer wunderschönen Stimme und einer warmherzigen Ausstrahlung, zusammen mit dem Fotographen Dieter Glogowski die acht Glückssymbole des tibetischen Buddhismus. Die alten tibetischen Lieder sang er, sich selbst mit der dreisaitigen Dranyen begleitend, mit hoher Intensität, mit Mitgefühl, Wahrhaftigkeit und berührendem künstlerischen Ausdruck. Wie die vom Blogger JH eindrücklich geschilderte Musik der Schoren sind auch die heiligen und heilenden Klänge des Loten Namling von außerordentlicher Wirkung auf die Zuhörer, die einiges von der inneren Stärke, dem Mut, der Lebensfreude und der mythologisch-tiefgründigen Energie dieses Mannes mitnehmen können nachhause, in ihren ganz persönlichen Alltag.
    In einem Infotext der Tibet Initiative heißt es: „Das Hören auf die „innere Stimme“ ist ihm [Loten Namling] wichtig, er bereitet sich einige Tage vor einem Konzert darauf vor, und reinigt als Buddhist Körper und Geist, damit eine positive Wirkung auf sein Auditorium übergreifen kann. Die Künstler sollten nicht nur an ihren Erfolg denken, sondern vor allem an das Wohl der ihrer Mitmenschen. So hofft er auch mit seiner Musik etwas zu bewirken, der größte Erfolg wäre es für ihn, wenn seine Musik in Tibet gehört werden könnte.“
    Welch ein Glück ist es für uns in einer hoch technisierten Welt, dass die wahrlich heilsame Musik alter- und was Tibet betrifft, vom Untergang bedrohter- Kulturen von einer Tschyltys aus dem Volk der Schoren und einem Loten Namling, der auf der Flucht seiner Eltern aus Tibet geboren wurde, uns Gegenwärtigen dargeboten wird!

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