Zwischenbericht

Leipziger Buchmesse 2009

Mehr oder weniger. Die Messeverantwortlichen glauben Jahr für Jahr die Qualität ihrer Veranstaltung über die Steigerungsraten von schierer Masse definieren zu müssen. Das ist wohl branchen- und wirtschaftsüblich. So kommt man dann in diesem Jahr auf erstaunliche und für die Messegesellschaft als Erfolgsnachweis sicher erfreuliche 2.300 Aussteller, 1.900 Veranstaltungen, 1.500 teilnehmende Autoren, die an 300 Spielstätten auftreten (Messegelände und Stadt). Schon zur Halbzeit waren 59.000 Besucher zu verzeichnen, was einer Steigerungsrate von 11 Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht. Irgendwann in den nächsten Jahren wird sich dieser Trend möglicherweise einmal umkehren. Wird dann Panik und Krisenstimmung ausbrechen? Oder wird man sich dessen erinnern, was man noch zu bieten hat: Neben Breite auch viel Qualität, neben oft mürrischen Ausstellern, viel fröhliches Jungvolk. Und nirgends sonst treffen sich so viele Leser. Finden sich so viele Menschen ein, die gleiches Interesse eint: Ihre Verbundenheit zur Literatur und ihren Protagonisten.

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Da ist Musik drin. Auch die Musikstadt Leipzig ist auf der Messe präsent. Und die Messebesucher wiederum sieht man natürlich auch in der Thomaskirche, im Gewandhaus, in der Oper und den vielen kleinen und größeren Musiktempeln der Off-Szene in Connewitz, Plagwitz und Sonstwitz.
Aufgefallen ist mir ein ganz kleiner Stand in der großen Glashalle. Er präsentiert: „Bach, Mendelssohn, Schumann. Wege zur Musik in Leipzig“. Hier haben sich die Leipziger Musikmuseen und -gedänkstätten zusammengetan. Dazu gibt es eine sehr schön gestaltete, mit vielen Klangbeispielen ausgestattete, Web-Site:
www.klangquartier.de

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Personenbeförderung. Etwas weit draußen ist das neue Messegelände in Leipzig ja schon. Dort hat es allerdings sehr großzügig, viel und schön Raum gefunden. Und man sollte es nicht versäumen aus der Innenstadt mit den Leipziger Straßenbahnen dorthin zu gelangen. Sie fahren in dichtem Takt und die Reise mit den Modellen der verschiedensten Bahnen-Generationen ist immer ein Ereignis. Manchmal geht es dabei etwas eng und hautnah zu und man hat so Gelegenheit die ersten Kontakte zu Kolleginnen und Kollegen zu knüpfen. Wem das nicht behagt, der wartet einfach auf den nächsten Zug und findet in diesem wahrscheinlich wieder ein großzügigeres Platzangebot.

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Wo ist Kehlmann? Am Donnerstag-Nachmittag, als die Preise der Leipziger Buchmesse vergeben werden sollen, ist für alle nominierten Autoren ein Platz mit ihrem Namen reserviert. Den Namen Daniel Kehlmann sucht man vergebens. Ist damit von vornherein klar, dass der Jungstar bei der Preisvergabe leer ausgeht? Das würde dann aber schon stark nach Schiebung riechen. Und wo ist er dann, wenn er nicht hier ist?
Am nächsten Tag erfahre ich, dass er an diesem Tag in Köln ist. In Köln bei der Konkurrenz. Beim Liteaturfestival „Litcologne“, welches neuerdings offensichtlich unbedingt parallel zu Leipzig stattfinden muss. Mit Grönemeyer fragt man: „was soll das?!“, blättert kurz virtuell im Programm und findet unseren vermissten Kehlmann – nicht in kasachischer Steppe – sondern am deutschen Rheine wieder: Um 19 Uhr und dreißig liest er im Theater am Tanzbrunnen, Rheinparkweg 11, wer dabei sein will zahlt oberstolze 12 bis 17,50 Euronen. Am Freitag-Abend taucht er dann in Leipzig auf und liest im Schauspielhaus. Den Preis hat er nicht bekommen. Weil es so vorgesehen war? Oder jetzt erst recht zu recht nicht?
Ich halte es mit Clemens Meyer, der alles Wichtige zu diesem Thema im FAZ-Blog auf den Punkt bringt:
„Preise wurden auch noch vergeben. Alles Prima. Lesen Sie Zeitung. Kommen Sie ins „Bricks“. Fahren Sie nicht nach Köln. Einsturzgefahr.“

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Nachwuchs. Die Messe ist bunt, fröhlich und jung, auch wenn einmal einen ganzen Tag lang der Regen über das riesige Dach der Glashalle rinnt. Am nächsten Tag scheint wieder die Sonne und verwandelt die Lokalität in eine Mega-Sauna. Autoren und Zuhörer schwitzen, die Getränkestände machen gute Umsätze und jede Menge pittoresquer Gestalten wimmeln, hüpfen oder schreiten zu zweit, zu dritt und in größeren Gruppen durch die Hallen und zwischen den mit ernsten Mienen echte Literatur goutierenden „Erwachsenen“ hindurch.

Es sind Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene die sich in die Lieblingsfiguren ihrer Comic-, Hentei- oder Manga-Lektüren verwandelt haben.

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Zeh um Zeh. Wer zu Juli Zeh möchte, kommt an Bärbel Schäfer nicht vorbei. Die Plätze in der Autorenarena der Leipziger Volkszeitung – wo Zeh um 14 Uhr im Gespräch mit einem Redakteur des Blattes zu erleben sein wird – sind knapp; wer gut sehen und hören, hautnah miterleben möchte, muss rechtzeitig kommen. Wer rechtzeitig kommt, kommt gerade recht um der Ex-Moderatorin und Michel-Friedman-Gattin Schäfer bei der Vorstellung ihres aktuellen Werks zu begegnen. Zusammen mit Monika Schuck hat sie „Glücksgeheimniss: Paare erzählen vom Gelingen ihrer Liebe“ geschrieben – gar nicht so uninteressant das Thema und die Schicksale, schließlich sind wir fast alle irgendwie Paar: Ehepaar, Promi-Paar, Geschwister-Paar, Lesbenpaar, Nonne und Gott usw. Meine Hoffnung: Nach Schäfer gehen alle und ich bekomme einen guten Platz für die Diskussion um „Corpus Delicti“. Bärbel hat fertig und geht – aber sonst fast niemand. Alle saßen und standen bei Schäfer wegen Zeh. Und jetzt kommen jede Menge neue Neugierige dazu.
Ich habe dann doch noch ein gutes Plätzchen ergattert. Musste dafür den Corpus etwas einsetzen.

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E-Book-Hype. Den soll es ja geben. Er findet vor allem in den Medien statt. In Leipzig, rund um das Messegelände, wird das Thema eher sachlich gehandelt. Die neuen Geräte werden vorgestellt. Sind sie brauchbar? Bieten sie Mehrwert? Wer wird sie kaufen für um die 300 Euro? Die Lizenzen für die Inhalte müssen ja noch zusätzlich erworben werden. Man ist sich sicher, dass es in Zukunft neben Hardcover, Paperback, Buchclub, Sonderausgabe, Hörbuch, Hörspiel und Film, noch eine weitere Vermarktungskette geben wird. Eben das E-Book. Wie sich das auf das Angebot gedruckter Bücher auswirkt, ist noch nicht richtig abzusehen. Das konventionelle Buch wird aber mit Sicherheit in nächster Zeit nicht vom Markt verschwinden. Die Download-Versionen unterliegen zudem ebenfalls der Preisbindung. Das ist schon einmal fair.
Ein großes Fragezeichen dagegen hinter der aktuellen Hardware. Ist sie wirklich marktfähig? Oder macht das Handy das Rennen? Oder die schicken kleinen Netbooks? Alles in Bewegung. Alles in fluss. Wie immer halt.