Leipziger Nachlese (1)

Generation Internet

Sie chatten, sie twittern, sind in einer oder mehreren communities, bloggen, gamen und führen ein second life. Für die Generation der unter 25-jährigen ist das Internet mit seinen Anwendungs- und Kommunikationsmöglichkeiten zum selbstverständlichen Alltagsinstrument geworden. Zumindest in den Ländern, die wir zur sogenannten westlichen, will heißen wirtschaftlich hoch entwickelten Welt zählen. In Entwicklungsländern und Ländern mit eingeschränkten demokratischen Freiheiten ist dem nicht so. Menschen der mittleren und älteren Generationen, sowie manche Pädagogen und Medienwissenschaftler sind skeptisch und weisen auf Risiken hin. Gefährliche Inhalte, Gefahr des Missbrauchs, gefährliche Kommunikationsformen, Killerspiele, Gewalt und Pornographie. Was ist dran? Wie sieht die Realität aus? Inzwischen ist das Medium so etabliert und so lange zugänglich, dass erste verlässliche Langzeitstudien zur Verfügung stehen.

Zusammen mit John Palfrey erforscht Urs Gasser die Digital Natives am Berkman Center for Internet and Society in Harvard. Die beiden haben ihre und auch die Ergebnisse anderer Forschungsprojekte ausgewertet, zusammengefasst und in einem gut lesbaren Ton als Buch veröfffentlicht.

John Palfrey und Urs Gasser: Generation Internet. Digital Natives: Wie sie leben – Was sie denken – Wie sie arbeiten. Hanser, 2008. 19,90

Urs Gasser war in Leipzig auf der Buchmesse, stellte das Buch vor und diskutierte vor Ort Inhalte, Ergebnisse, Konsequenzen.
„Born Digital“ – wie das englische Original heißt – bilanziert alle wesentlichen technologischen Entwicklungen der Digitalisierung und der weltweiten Vernetzung von Computern in ihren Auswirkungen auf die menschliche Kommunikation, historisch und systematisch. Damit ist es eine der ersten, ernst zu nehmenden Zwischenbilanzen des digitalen Zeitalters. Ein Grundlagenwerk und emfehlenswerte Lektüre für Eltern und Lehrer. Denen will das Buch helfen, die Digital Natives besser zu verstehen. Es soll erklären, wie sie lernen, arbeiten und kommunizieren, und wie sie sich dabei von anderen Generationen unterscheiden.
Gasser meint, dass derzeit die Grenzen zwischen wirklicher Welt und Cyberspace zunehmend verschwimmen – zumindest wenn man den Digital Natives angehört. Sie nutzen intensiv die Möglichkeiten des Experimentierens mit verschienden Identitäten. Die virtuelle Identität ist nicht an einen geographischen Ort gebunden, sie bleibt erhalten, auch wenn zum Beispiel jemand durch einen Umzug seine reale Lebenssphäre komplett verändert.

Das Netz erzeugt auf keinen Fall neue oder andere Menschen. Wer im Netz kommunikativ ist, ist es in der Regel im normalen Leben auch und natürlich auch umgekehrt. Das bedeutet, dass man nicht durch das Killer-Game zum einsamen Ego-Shooter wird, sondern dass vereinsamte und isolierte Individuen verstärkt zu solchen Medien greifen. Dort finden Sie eine Selbstbestätigung, die ihnen ihre reale Umwelt offensichtlich oder vielleicht auch nur scheinbar, vorenthält.
Da die heutigen Entscheidungsträger, Eltern, Lehrer, Vorgesetzte noch nicht mit dem Internet aufgewachsen sind, hapert es oft an gegenseitigem Verständnis; es bestehen regelrechte Sprachprobleme, die Älteren wissen oft nicht, wovon die Jungen sprechen. Dieses Unverständnis führt zu Abwehrmechanismen und Überreaktionen. Gefahren werden überbewertet, Chancen übersehen. Gasser vertritt die Meinung, dass wir keine neuen Gesetze brauchen, dass wir aber ein massives Problem haben vorhandene Gesetze und Regelungen anzuwenden und umzusetzen. Das liegt zum einen an mangelnden Kenntnissen und nicht vorhandenen Spezialisten bei Polizei, Justiz und Gesetzgebern, zum anderen an der Globalität des Mediums. Nationale Gesetze können eben in einem internationalen Rahmen nicht angewendet werden.

In der Vergangenheit war es immer so, dass jedes neue Medium, jede neue Technologie (Eisenbahn, Auto, Telefon, Fernsehen) erst einmal ein Stück weit verteufelt und abgelehnt wird, bevor es wie selbstverständlich zum Alltags-Gegenstand wird.
Das Internet ist ein wirklich neues Medium, mit ganz neuen Kommunikationsformen. Hatten wir beim Fernsehen wenige Sender und viele Empfänger der Signale, so sind es hier sehr viel mehr Sender und Anwendungsmöglichkeiten und ebenfalls viele (potentielle) Empfänger. Das Internet ist jedoch auch ein wichtiges Instrument der Teilhabe an der modernen Gesellschaft und der Demokratie, nicht umsonst wird es in Ländern, wie z. B. China eingeschränkt oder gesperrt.
Für die Erziehung, für Eltern, für alle die gegenüber Kindern und Jugendlichen Verantwortung tragen, ist es wichtig zu wissen, dass der Umgang und die Allgegenwärtigkeit des Internet keine neuen Regeln erfordern. Es sind die gängigen Maßstäbe und Normen, die vermitteln werden müssen. Nur darf es eben nicht vernachlässigt werden. Wir müssen mit unseren Kindern im Gespräch bleiben, das Gespräch suchen, fragen was sie im Netz machen, neugierig sein auf ihre Interessen. Eine Gesprächskultur aufrechterhalten. Dabei gegenseitiges Verständnis und Toleranz bewahren.

Wer sich gerne tiefergehend mit dem Thema befassen möchte, findet hier den passenden Einstieg:

DigitalNatives

2 Kommentare zu “Leipziger Nachlese (1)

  1. Zum Thema noch der Hinweis auf einen lesenswerten Artikel: Fremde Freunde- vom zweifelhaften Wert digitaler Beziehungen. Wie die Freundeszentralen im Netz das soziale Leben verändern. Von Jörg Blech u.a. In: Der Spiegel, Nr. 10, 2009, S. 118-131

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  2. Ein inspirierender und zum weiteren Nachdenken anregender Beitrag. Hin- und hergerissen zwischen den vertrauten Buchdeckeln und dem verlockenden Netzgezwitscher versuche ich einen Standpunkt zu finden, von dem aus ich in neue Welten aufbrechen kann- in der Realität des Lebens, in erzählten Geschichten, im digitalen Kosmos.

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