Literaturgeographie

Auf dem Mond und anderswo

In Arno Schmidts Roman „KAFF auch Mare Crisium“ dominieren zwei Schauplätze. Ein abgelegenes Dorf in norddeutscher Heidelandschaft = KAFF und je eine russische und eine amerikanische Siedlung, die nach einem Atomkrieg auf der Erde, im „Meer der Gefahren“ auf dem Mond = Mare Crisium, entstanden sind. Während es sicher noch etwas dauern wird, bis die ersten literarisch vorbelasteten Touristen auf der Mondoberfläche auftauchen werden, hat sich das Dorf, das nicht nur in diesem Werk Schmidts Vorbild war für flach- und niederdeutsche Kulisse, zu einer Kult- und Pilgerstätte der Schmidt-Jünger entwickelt. Das Original heißt Bargfeld, liegt nahe Celle und beherbergt heute die Arno-Schmidt-Stiftung, eine Gedächtnisstätte, ein Archiv und das ehemalige Wohnhaus des Dichters.

Auf den Spuren von Hermann Hesse in Gaienhofen am Bodensee. Eine Wanderung in der Landschaft von Oskar Maria Graf. Eine Exkursion durch Berlin zum Grab von „Nathan dem Weisen“. Literarische Reisen und Exkursionen erfreuen sich zunehmender Beliebtheit. Orte und Regionen in denen Schriftsteller und Dichterinnen zu Hause waren oder die sich in deren Werk wiederfinden lassen, werden zum Ziel von Spaziergängen, Reisen und Ausflügen. „Per Pedal zur Poesie. Literarische Radwege“, ist ein Angebot, das schon etwas kurios klingt, nichts desto weniger ernst gemeint ist. Es wird präsentiert auf der schön gemachten, viele Informationen und Anregungen vermittelnden Web-Site „Literaturland Baden-Württemberg:

http://www.literaturland-bw.de/index.php

In literarischen Werken finden wir allerhand seltsame und bemerkenswerte Lokalitäten. Sie haben mehr oder weniger reale Vorbilder in der Geographie oder sind in reinen Phantasielandschaften angesiedelt. Tolkiens Mittelerde wurde gründlich kartiert, Robinson Crusoes Insel wird von Defoe so plastisch beschrieben, dass man das Eiland jederzeit aufzeichnen kann ohne allerdings genaue Koordinaten angeben zu können. Literarische Landschaften sind vielfältig; ihre Gestaltung und Ausformung liegt ganz im Ermessen des Autors; Grenzen setzt ausschließlich dessen Plan und Phantasie.

„Schreibende fühlen sich zu Orten und Landschaften hingezogen oder sind in ihnen von Kindheit an verwurzelt und machen sie zu Schauplätzen und Handlungsräumen ihrer Geschichten, während Lesende in der Folge Autoren mit bestimmten Regionen, Landstrichen und Metropolen in unauflöslicher Verbindung sehen.“ So umreißt die Schweizer Literaturwissenschaftlerin Barbara Piatti – eine Tochter des jahrzehntelangen dtv-Illustrators Celestino Piatti – das Themenfeld. In ihrer 2008 im Wallstein Verlag erschienenen Dissertation unternimmt sie dabei so etwas wie eine Grundlegung der Disziplin „Literaturgeographie“.

Piatti, Barbara: Die Geographie der Literatur. Schauplätze, Handlungsräume, Raumphantasien. Wallstein, 2008.

Sie zeigt schwerpunktmäßig am Beispiel der Schweiz und an Schillers „Wilhelm Tell“, wie Geographie in literarischen Werken dargestellt wird und was wir von der poetisch gestalteten Geographie in der Wirklichkeit wiederfinden können. Einige Beispiele für die Begriffe, die in diesem Zusammenhang verwendet werden und die helfen sollen zu nachvollziehbaren, gleichsam genormten Definitionen in diesem Fachgebiet zu gelangen: Literarischer Raum, fiktionalisierte Landschaft, literarische Topographie, imaginäre Orte, Erzählräume, Handlungsräume, Schauplätze, Stadttext, Textstadt. Ein Glossar oder ein Wiki für diesen speziellen Wortschatz zu schaffen, wäre sicher ein lohnendes Projekt. Piattis Arbeit ist Teil, bzw. partizipiert an dem Projekt „literarischer Atlas Europas“. Daran sind die Universitäten Göttingen, Prag und Zürich beteiligt. Wer sich dafür interessiert kann sich hier informieren:

http://www.literaturatlas.eu/index.html

Bereits vor einigen Jahren wurde in einer anderen Publikation diese Atlas-Idee ebenfalls aufgegriffen und sehr interessant und detailgenau umgesetzt. Auf hundert ausführlich erläuterten Plänen wird Geographie als Literatur vorgeführt und den Wegen ihrer Figuren nachgespürt. Karten und Kommentare untersuchen in welchen Weltgegenden Schriftsteller ihre Handlung ansiedelten oder welche Vorstellungen etwa Dostojewski in seinen Werken von Westeuropa offenbart. Den Schwerpunkt bilden hier Romane des 19. Jahrhunderts:

Moretti, Franco: Atlas des europäischen Romans. Wo die Literatur spielte. DuMont, 1999

„Von der Erde zum Mond, Direktflug in 97 Stunden 20 Minuten“ schrieb Jules Vernes in seinem Roman aus dem Jahr 1865. Und noch immer ist – außer einigen Amerikaner, denen gelegentlich die großen Schritte gelingen – noch niemand von uns Normalsterblichen dort angekommen. Es wird auch noch dauern. So lange schauen wir uns auf dem Planeten um, auf dem wir fürs erste ausharren müssen. Zahlreiche sehens- und studierenswerte Flecken mit literarischen Bezügen finden wir auch hier.

Literaturgeographie im weitesten Sinne ist auch eines der Themenfelder dieses Blogs; allerdings ist die Darstellungsform hier keine wissenschaftliche, sondern eine eher populäre Form. Vielleicht kann ich Anregungen geben für eigene Exkursionen und Ausflüge, die ja nicht immer in realer Landschaft stattfinden müssen. Manchmal ist es am spannendsten in der eigenen Vorstellung und bei der Lektüre von Lieblingsautoren und –büchern zu reisen. „Die wahren Abenteuer sind im Kopf – und sind sie nicht in deinem Kopf, dann sind sie nirgendwo.“ So hat es Andre Heller formuliert. Brechen wir also auf.

Die Beiträge zu diesem Themenkreis werden in der neuen Kategorie „StadtLandFluss“ archiviert.

3 Kommentare zu “Literaturgeographie

  1. Eine Buchhandlung mit ähnlichem Konzept – nicht ganz so konsequent, wie von Ortheil angedacht – findet man in Freiburg. Ausgewählte Literatur, mehr Hardcover als Taschenbuch, signierte Bücher, Graphiken, viel Lyrik, hochwertiges Antiquariat, exquisite Musik, zu kaufen und zu hören und das ganze in einem sehr ästhetischen Ambiente. Sie heißt Buchhandlung zum Wetzstein. Hier ein kleiner optischer Eindruck:
    http://www.buch-wetzstein.de/

    Liken

  2. „Brechen wir also auf“- realiter und fiktiv, das gefällt mir! Eine Begegnung mit einer besonderen und wohl bisher einmaligen Form von Literaturgeographie sei hier erwähnt: Der Schriftsteller Hanns-Josef Ortheil („Das Verlangen nach Liebe“), in Köln geboren und u.a. in Wissen an der Sieg aufgewachsen, hat kürzlich weit über die Fachwelt hinaus Aufsehen erregt mit seinem Konzept „Die ganz andere Buchhandlung“. 2010 will er in seinen Wohnorten Stuttgart und Wissen zwei Buchhandlungen einrichten, in denen nur die Titel (ca. 5000) präsentiert werden und zu kaufen sind, die er persönlich empfehlen kann. Diese „Kopf-Bibliothek“ wird in Sektionen aufgeteilt sein wie z.B. „Wodurch man ein guter Leser wird“. Bei ausgewählter Musik, wahlweise Kaffee, Tee, Wasser und Champagner werden die Besucher auch eingeladen, ihre Gedanken, Assoziationen und Reflexionen zu den alten und neuen Büchern schriftlich zu fixieren (die so entstandenen Notate sollen, ebenso wie die Bestandsliste, im Internet veröffenlicht werden). Der Verfasser dieses Kommentars, in Ulm/Neu-Ulm lebend und arbeitend, gebürtig und aufgewachsen in einem Ort ca. 10 km von Wissen entfernt, freut sich darauf, Anfang 2010 bei einem Besuch in der alten Heimat die Ortheilsche Buchhandlung in dem zu einem Kulturzentrum umgebauten ehemaligen größten Walzwerk Europas aufzusuchen. Schriftsteller und ihre Orte- im Westerwald (und im Schwabenland) findet diese innige Verknüpfung einen ganz besonderen Ausdruck.

    Liken

  3. Pingback: Romane » Blog Archiv » Literaturgeographie

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.