Bodensee-Gedicht

Die Schenke am See

von Annette von Droste-Hülshoff

An Levin S.

*

Ist’s nicht ein heitrer Ort, mein junger Freund,

Das Kleine Haus, das schier vom Hange gleitet,

Wo so possierlich uns der Wirt erscheint,

So übermächtig sich die Landschaft breitet;

Wo uns ergötzt im neckischen Kontrast

Das Wurzelmännchen mit verschmitzter Miene,

Das wie ein Aal sich schlingt und kugelt fast,

Im Angesicht der stolzen Alpenbühne?

*

Sitz nieder. – Trauben! – und behend erscheint

Zopfwedelnd der geschäftige Pygmäe;

O sieh, wie die verletzte Beere weint

Blutige Tränen um des Reifes Nähe;

Frisch greif in die kristallne Schale, frisch,

Die saftigen Rubine glühn und locken;

Schon fühl‘ ich an des Herbstes reichem Tisch

Den kargen Winter nahn auf leisen Socken.

*

Das sind dir Hieroglyphen, junges Blut,

Und ich, ich will an deiner lieben Seite

Froh schlürfen meiner Neige letztes Gut.

Schau her, schau drüben in die Näh‘ und Weite;

Wie uns zur Seite sich der Felsen bäumt,

Als könnten wir mit Händen ihn ergreifen,

Wie uns zu Füßen das Gewässer schäumt,

Als könnten wir im Schwunge drüber streifen!

*

Hörst du das Alphorn überm blauen See?

So klar die Luft, mich dünkt ich seh den Hirten

Heimzügeln von der duftbesäumten Höh‘ –

War’s nicht als ob die Rinderglocken schwirrten?

Dort, wo die Schlucht in das Gestein sich drängt –

Mich dünkt ich seh den kecken Jäger schleichen;

Wenn eine Gemse an der Klippe hängt,

Gewiß, mein Auge müßte sie erreichen.

*

Trink aus! – die Alpen liegen stundenweit,

Nur nah die Burg, uns heimisches Gemäuer,

Wo Träume lagern langverschollner Zeit,

Seltsame Mär und zorn’ge Abenteuer.

Wohl ziemt es mir, in Räumen schwer und grau

Zu grübeln über dunkler Taten Reste;

Doch du, Levin, schaust aus dem grimmen Bau

Wie eine Schwalbe aus dem Mauerneste.

*

Sieh drunten auf dem See im Abendrot

Die Taucherente hin und wieder schlüpfend;

Nun sinkt sie nieder wie des Netzes Lot,

Nun wieder aufwärts mit den Wellen hüpfend;

Seltsames Spiel, recht wie ein Lebenslauf!

Wir beide schaun gespannten Blickes nieder;

Du flüsterst lächelnd: immer kömmt sie auf –

Und ich, ich denke, immer sinkt sie wieder!

*

Noch einen Blick dem segensreichen Land,

Den Hügeln, Auen, üpp’gem Wellenrauschen,

Und heimwärts dann, wo von der Zinne Rand

Freundliche Augen unserm Pfade lauschen;

Brich auf! – da haspelt in behendem Lauf

Das Wirtlein Abschied wedelnd uns entgegen:

»– Geruh’ge Nacht – stehn’s nit zu zeitig auf! –«

Das ist der lust’gen Schwaben Abendsegen.

* * *

Annette von Droste-Hülshoff stammte aus der Nähe von Münster in Westfalen und lebte von 1797 bis 1848. Nachdem sie schon öfters am Bodensee zu Gast gewesen war – ihre Schwester hatte dort den Freiherrn Joseph von Laßburg geheiratet – lebte sie von 1841 bis zu ihrem Tod fast ausschließlich in Meersburg. Ab 1843 im eigenen, bei einer Versteigerung erworbenen Haus, dem „Fürstenhäusle“, das oberhalb der Stadt inmitten von Weinbergen liegt und heute ein Museum ist.

Levin S. (Schücking), 1814 – 1883, Schriftsteller und Journalist, war der Sohn einer früh verstorbenen Freundin von Annette von Droste-Hülshoff, mit dem sie ab etwa 1837 eine Dichterfreundschaft verband.