„…in der Versammlung herrschte ein großes Durcheinander“

 

Sanssouci von Andreas Maier

Der Mensch als solcher ist natürlich nicht normal. Er hat sich von der rein evolutionären Natur ein großes Stück entfernt und nennt diese Entwicklung Zivilisation. Ein weitestgehender Konsens trägt wesentlich dazu bei, diesen ausgesprochen fragilen Zustand aufrechtzuerhalten. Krisen, Kriege, sowie große und kleine Ungerechtigkeiten sind dabei systemimmanent und werden toleriert.

Und wie verhält es sich mit der Wahrheit? Ist der Mensch ihr auf seinem Sonderweg denn nahe gekommen? Kennt er die gültige, die einzige Wahrheit, nachdem er reichlich Früchte vom Baum der Erkenntnis genossen hat? Die Dichter, jedenfalls die besseren und klügeren unter ihnen, klären uns immer wieder auf und führen uns vor Augen, dass es Wahrheit nur als Vielfalt und Vielklang gibt. Ihre wirklich guten Bücher handeln auch immer davon. So wie jetzt wieder Andreas Maiers „Sanssoussi“. Er ist, wie es Iris Radisch ausdrückt „darauf spezialisiert, den Abgrund zwischen dem Gesagten und dem Gemeinten zu bewirtschaften.“

Und das ist passiert: Der Filmregisseur Max Hornung ist tödlich verunglückt. Er stammte aus Frankfurt, wo er zu Beginn des geschilderten Geschehens beerdigt wird, hatte seinen Lebens- und Arbeitsmittelpunkt allerdings schon länger in der alten Preussen-Metropole Potsdam. Über diese Stadt hat er sich in einer TV-Soap namens „Oststadt“ abgearbeitet, deren Besonderheit es ist, dass es zu jeder Figur in der Film-Serie eine reale Entsprechung im gegenwärtigen Potsdam gibt. Zur Trauerfeier am Main erscheint ein buntes Völkchen, das bereits dort in lebhaftesten Diskurs verfällt. Der Autor nimmt uns mit den meisten dieser Figuren anschließend wieder mit zurück ins Brandenburgische, wo diese Protagonisten leben oder sich fortan aufhalten, einige nur vorübergehend. Wir lernen das Beziehungsgefecht kennen, das die Figuren verbindet, und in einer vielstimmigen Kakophonie erfahren wir von Vielen über Viele Vieles und lernen so immer wieder verschiedene Variationen von Wahrheiten kennen. Es ist dies der typische Erzählstil Maiers, wie wir ihn auch schon in den früheren Romanen des Autors (Wälchestag, Klausen, Kirillow) finden.

Im Mittelpunkt der eigentlichen Handlung stehen neben dem in jeder Hinsicht ahnungslosen Nachlassverwalter Christoph Mai, die in sado-masochistische Umtriebe verwickelten schönen und aufreizenden Zwillinge Arnold und Heike, die mit allen Wassern gewaschene Fleisch-Hasserin Merle Johansson, die nach ihrem Erstgeborenen namens Jesus nun ein zweites Kind erwartet und ein orthodoxer Mönch namens Alexej, der, eigentlich Novize in einem Münchener Kloster, in Potsdam ein weites seelsorgerisches Betätigungsfeld vorfindet. Außerdem bereichern allerhand Abtrünnige der Wohlstandsgesellschaft, randständige Figuren, die rund um Park und Schloss Sanssouci versuchen ihrer Existenz Würde und Sinn abzugewinnen, das Panorama des Buches. Der selbst an Glaubensfragen sehr interessierte Autor (*) benützt die Figur des Mönchs um die Differenzen zwischen zeitgenössischen Ausprägungen christlicher Religiosität und Glaubenspraxis und den tieferliegenden, spirituelleren Ansprüchen des jungen Alexej deutlich zu machen. Reizvoll die Darstellung des Gegensatzes zwischen dessen asketischen Vorstellungen und der materiell-materialistisch orientierten Realität einer heutigen deutschen Großstadt und ihren Bewohnern.

Maier ist ein humorvolles Buch gelungen, man muss nicht selten schmunzeln, doch häufig lauert bereits im nächsten Satz ein menschlicher Abgrund. Deshalb ist es auch ein böses Buch. Dass darin Potsdam und seine Bewohner eine wesentliche Rolle spielen wird dem Autor, wenn man die bisherigen Reaktionen und Rezensionen richtig interpretiert, in der Stadt wohl übel genommen. Man kann das verstehen, obwohl Potsdam hier nur ein Synonym für viele vergleichbare Städte ist. Man kann es verstehen, denn es ist ein gutes Buch und gute Bücher machen immer betroffen.

Maier Andreas: Sanssouci. – Suhrkamp, 2009. 19,80

(*) s. dazu: Maier, Andreas: Ich. Frankfurter Poetikvorlesungen. – Suhrkamp, 2006. 8,50

Das Zitat in meiner Überschrift zu dieser Rezension ist ein Auszug aus dem Motto das Andreas Maier seinem Roman vorangestellt hat. Vollständig lautet es: „Dort schrien die einen dies, die anderen das; denn in der Versammlung herrschte ein großes Durcheinander, und die meisten wußten gar nicht, weshalb man überhaupt zusammengekommen war.“ Und es steht im Neuen Testament, Apostelgeschichte 19,32.