Was Wille meint

Heute: Free access und freie Fahrt

Man stelle sich einmal diese irrwitzige Situation vor: Google würde Autos verkaufen. Oder besser noch, verschenken. In der Folge würden alsbald weltweit die geltenden Verkehrsregeln in Frage gestellt. Die Anhänger von Google und frei verfügbaren Autos sind nämlich entschiedene Gegner jeglicher Einschränkung ihrer automobilen Freiheiten und damit natürliche Feinde aller Straßenverkehrsordnungen. Bestehende Rechtssysteme werden ignoriert. Google, die Free-Drive-Initiative Herrsching am Ammersee und ein gewisser Herr Graf begrüßen und unterstützen diese Entwicklung ausdrücklich. Das Motto: „Freie Fahrt für alle – jederzeit und überall!“ Also auch: Vorfahrt an allen Kreuzungen für alle! Aber, meckert der Zögerliche, sind da nicht Kollisionen vorprogrammiert?

Wenden wir uns an dieser entscheidenen Stelle nun einfach einmal abrupt dem Publikationswesen zu. Google möchte nicht weniger als Alles – und zwar haben, also besitzen; auch Dinge die ihm nicht gehören. Begründung: Das dient der Allgemeinheit (gemeint sind dabei hauptsächlich das allgemeine Google und seine Aktionäre). Google dient der Wissenschaft. Alles was irgendwo von irgendwem erforscht, geschrieben und dokumentiert wurde, gehört ins Netz, frei für Jedermann. Andere wollen das auch. Forschung zum Beispiel heißt es, die sei doch Allgemeingut. Eine starke Front schließt sich dem an. Dabei sind außer Google, die Free-Access-Initiative Herrsching am Ammersee, sowie Herr Graf.

Wieder Andere wollen das dagegen ganz und gar nicht. Es sind jene, die man bisher als Eigentümer, Rechte-Inhaber oder zumindest Urheber, bezeichnet hat. Also ein gewisser Herr Ulmer und so Schriftsteller-Typen, so wie Daniel Kehlmann und Siegfried Lenz. Die sind dageben. Begründung: Geistiges Eigentum. Was jetzt gemacht wird sei Diebstahl geistigen Eigentums. Digitale Technik macht vieles möglich, dennoch ist das Problem keinesweg so neu. Schon Martin Luthers Traktate wurden geklaut, schwarz verbreitet, nicht entgolten und dabei auch noch inhaltlich entstellt. Es geht um viel: Geld, Einfluss, Macht – wie immer halt. (Das patente Gen-Schwein wird, um die Sache dann doch etwas zu vereinfachen, hier übrigens nicht auch noch abgehandelt.)

An dieser Stelle muss Zeit sein für einen kurzen Rückblick auf die Wechselfälle der Geschichte; denn liebe Freunde des gepflegten Diskurses, was man uns da umsonst verkaufen will, ist ja eigentlich nicht wirklich neu: Offline, dafür absolut absturzsicher, jede Menge Content, free access, für alle (fast) immer unbürokratisch und unkompliziert zugänglich, in ansprechendem Ambiente, bei kompetentem Support und leicht erreichbaren Helpdesks (vulgo: Auskunft oder Info); zudem eine sichere Einkommensquelle für Buchhändler und Verleger. – – – Man nannte es Bibliothek!

Und gleich danach die ebenso unangenehme, wie hochaktuelle Frage: Was ist eigentlich Eigentum? Das Guthaben einer Bank, gehört es der Bank oder den Kunden der Bank? Die in letzter Zeit modisch werdenden hohen Schulden mancher Bank: Wem gehören Sie? Der Bank? Dem Kunden? Dem Staat? Sind sie free access? Kann sie jeder haben, jederzeit?

Und damit zum Ende des ersten Aktes unserer kleine Tragikomödie, weitere werden mit Sicherheit folgen: Viele Fragen aufgeworfen, keine beantwortet. Verwirrung gestiftet, Orientierung nicht in Sicht. Das war der Sinn. Aber was sind schon Sinn und seine kleine Cousine Vernunft? Garantiert nicht jederzeit für jedermannfrau verfügbar. Aber unbezahlbar.

Arthur Thomas Wille, Jahrgang 1954, hat Buchhändler gelernt, studierte Philosophie, Linguistik und Ungaristik und arbeitet freischaffend als praktischer Philosoph und Informationstheoretiker. Er wird in Zukunft auf LIT*OS mit gelegentlichen Glossen und Kommentaren vertreten sein. Wille lebt mit seiner Familie in Weimar und im Westallgäu.

Ein Kommentar zu “Was Wille meint

  1. Tipp zur aktuellen Diskussion über das Urheberrecht und deren vorzügliche ironisch-ernste Variierung im Blog: Deutschland Radio Kultur, 20.05.2009, 19:30 Uhr: Wissen und Eigentum – vom ewigen Wandel des Urheberrechts (in der Reihe ‚Zeitreisen‘). Ob die Sendung der Orientierung dient?

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