Ein Märchen

(Inetbib und all den fröhlichen Diskutanten dort gewidmet.)

Es war einmal vor langer Zeit in oberdeutschen Landen. Zwar lag die Herrschaft der Alamannen schon etliche Jahrhunderte zurück, aber die Gegend um den Fluss Danubius war immer noch bedeckt von dichten Wäldern. In diesen Wäldern lebten Feen, Trolle und Kobolde, hauste das Einhorn und heulten nachts die Wölfe. In einem solchen, fast undurchdringlichen Tann aber lag tief verborgen eine große Bibliothek. Voll der weisen Werke, wirkten in ihr ratsame Bibliothekare und Bibliothekarinnen, studierten an ihren Pulten hoffnungsvolle Forscher und betagte Gelehrte. Die Königin dieser Bibliothek herrschte in einem Schloss, dessen erste Grundfeste dereinst noch aus dem Holz des Auwaldes die illyrischen Sklaven der Römer gelegt hatten. Zur Zeit von Königin „Margarete die Scheue“ aber, strahlte dieses Schloss in den schönsten Farben des Barock und die Untertanen hielten es für einen Teil des Himmelreichs.

Die Bibliothek der Königin „Margarete“ war nur schwer zu erreichen. Mühsam war der Weg zu ihr über schmale, wenig begangene Pfade und gefährlich wegen der wilden Tiere die lauerten. Als eines Tages Hofmarschall Alter Weh von Undorfer seiner Herrscherin vorschlug Schneisen in den Wald zu schlagen, entlang des Weges Fackeln zu entzünden und die Bibliothek auch in den Abendstunden offen zu halten, schlug sie entsetzt die Hände vor ihr ungläubiges Gesicht. Einige Zeit später wanderte eben jener Hofmarschall in rheinische Lande aus, um, wiederum Jahre später, im märkischen Sand des Preußenreichs eine neue Heimat zu finden.

Der Schnee kam und ging, die Sommer waren einmal heiß und trocken, dann wieder feucht und kühl. Jahr um Jahr verging und Deutschland war längst eins geworden; nur noch die ganz Alten konnten sich an Königin „Margarete die Scheue“ erinnern. Nun herrschten die großen Männer vom Stamme der Technocrati. Sie hatten weite Teile des Waldes gerodet und damit freier Wissenschaft und exzellenter Gelehrsamkeit gehörig Raum geschaffen. Die alte Bibliothek aber lag in neuem Glanz, angebaut, umgebaut, neubebaut, von Scheinwerfern umstrahlt, der Mittelpunkt einer riesenhaften Universitas, die die Technocrati auf dem ehemaligen Waldgrund errichtet hatten. Von Fabelwesen und wilden Bestien hatte hier niemand je gehört. Tag und Nacht strömten Studenten und Professoren durch die automatisch sich öffnenden Glastüren des Wissensspeichers, gingen durch lange Regalreihen und reihenweise online, buchten selbst, checkten an Lichtschranken ein und aus, trugen Medien die mit RFIDs ausgestattet waren herum und kommunizierten über einen allgegenwärtigen Helpdesk mit ratsamen, aber unsichtbaren Wesen. Der Horizont schien grenzenlos.

Da meldete sich im fernen Berlin, das die Bewohner der oberdeutschen Landschaft mit einer modernen Beförderungsmaschine jetzt in weniger als sechs Stunden erreichen konnten und das vor Jahr und Tag zur Hauptstadt des gesamten Reichs avanciert war, ein greiser Mann zu Wort, der behauptete er hieße Alter W. Undorfer und sei einst Hofmarschall der Königin „Margarete die Scheue“ gewesen. Er ging in schwarzem Anzug, an einem Stock mit Knauf, hob den altmodischen Zylinderhut und sprach zu der Menge, die sich bald um ihn versammelt hatte: „Liebe Bibliothekare und Bibliothekarinnen, liebe Mitmenschen! Welch dunklen Zeiten und Mächten sind wir alle entkommen. Endlich muss keine Bibliothekarin mehr in nächtlicher Kälte, vorbei an grollenden Ungeheuern, durch dichten Nebel und dunklen Tann zum späten Dienst erscheinen. Ein Hoch auf die modernen Zeiten und ihre Automaten!“