Erfurt

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„Ein neuer Blick auf Bibliotheken“ heißt es in der nächsten Woche in Erfurt. Dann findet in der Landeshauptstadt Thüringens der 98. Deutsche Bibliothekartag statt. Anlass in diesem Blog ebenfalls einen nicht immer ganz unkritischen Blick auf das aktuelle Bibliotheks- und Informationswesen zu werfen, aber auch auf den Veranstaltungsort und seine Umgebung. Heute wird zunächst einmal an zwei historische Ereignisse erinnert, die in Erfurt stattfanden. Zwei Ereignisse, stellvertretend für die ganze bewegte Geschichte einer Stadt, die sich immer im Zentrum Europas befand und damit oft genug Schauplatz von Kriegen, Grenzverschiebungen, Wanderungsbewegungen und wichtiger Begegnungen, und die sich seit nunmehr fast 20 Jahren wieder in der Mitte des vereinten Deutschland befindet.

Vom 27. September  bis zum 14. Oktober 1808 traf sich in Erfurt alles was in Europa Rang und Namen hatte zum sogenannten „Fürstenkongress“: Kaiser Napoleon und Zar Alexander I. von Russland, Friedrich August I., König von Sachsen, Friedrich I., König von Württemberg und auch der Bayer Maximilian I., um nur einige der wichtigsten zu nennen. Napoleon1806, nach der Doppelschlacht bei Jena und Auerstedt, bei der Preußen eine vernichtende Niederlage erlitt, war die preußische Vorherrschaft in Deutschland zu Ende. Der im selben Jahr unter dem Protektorat Napoleons gegründete Rheinbund wurde zu einer der bestimmenden Mächte im Reich. Im Dezember tritt Sachsen dem Rheinbund bei. Erfurt war damals Teil des Königreichs Sachsen und lag ganz am westlichen Rand. Seine Selbstständigkeit bewahrt hatte sich mit seiner anpassungsfähigen Schaukelpolitik das kleine Herzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach unter seinem Herrscher Carl August. Von dort reiste der Dichter und Geheime Rat Johann Wolfgang von Goethe nach Erfurt. Am 2. Oktober kommt es zu einer Begegnung mit dem Kaiser der Franzosen und Eroberer Europas, von der sich Goethe ausgesprochen beeindruckt zeigte, obwohl Napoleon kaum Zeit findet sich dem Weimarer ernsthaft zu widmen.

Auch im Jahre 1970 trafen sich in Erfurt zwei europäische Staatsmänner, die unterschiedlicher nicht sein konnten, wie auch die beiden Staaten die sie vertraten, deren Bürger immerhin eine gemeinsame Sprache hatten. Willi Stoph, Vorsitzender des Ministerrates und stellvertretender Vorsitzender des Staatsrats der DDR und Willy Brandt, Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland. Stoph hatte bereits 1967 mit einem Brief an den damaligen Kanzler Kiesinger versucht deutsch-deutsche Gespräche in Gang zu bringen, aber erst der Sozialdemokrat Brandt erklärte sich im IBrandtnteresse der Menschen in Ostdeutschland zu zwei Gesprächen, in Erfurt und später in Kassel, bereit. Brandt versuchte unter dem Motto „Wandel durch Annäherung“ eine Neuausrichtung der bundesdeutschen Ostpolitik; ein Ansatz der ihn im Westen zur viel kritisierten Zielscheibe der Konservativen machte. Die Bevölkerung in beiden deutschen Staaten erhoffte sich einiges von dem Treffen. So fiel auch der Empfang für den Bundeskanzler aus: Viele Erfurter hatten die Sperren am Bahnhof überwunden und jubelten Brandt zu. Nach Willy-Willy-Rufen zeigte er sich am Fenster des „Erfurter Hofes“ – davon erfuhr man aber nur in den westdeutschen Medien. Seit kurzem erinnert auf dem Gebäude des ehemaligen „Erfurter Hofes“ ein von dem Berliner Künstler David Mannstein gestalteter Schriftzug („Willy Brandt ans Fenster“) an das legendäre Erfurter Treffen.