Bibliothekartag 2009

Eindrücke und Nachdrucke aus Erfurt

Atmosphäre

Der Mantel „Erfurter Messe“ ist dem 98. Deutschen Bibliothekartag um einige Nummern zu groß. Hallen und Congress Center haben noch viel Luft. Wie man hört, finden auf diesem Messestandort nur wenige Veranstaltungen im Jahr, und dann eher kleinere, statt. Halle 3 ist eine riesige funktionale Messehalle, in der man problemlos Yachten oder Kleinflugzeuge ausstellen, aber natürlich auch eine Rassehunde-Ausstellung unterbringen kann. Über rote Teppiche (Faden) geht es zu zwei Seminarräumen die ganz am anderen Ende der großen Halle „eingebaut“ wurden. Wellblech und flexible Raumteiler bilden die Wände. Eisenträger und Installationsrohre die Decke. Tageslicht gibt es nicht, aber relativ gute, kühle Luft. Die technische Betreuung ist in jeder Hinsicht aufwändig, Personalknappheit ist hier kein Thema.

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Auf geht’s. Zum Bibliothekartag 2009.

Die Veranstaltungen im nobleren Congress Center sind nur auf verschlungenen Umwegen durch halb Thüringen zu erreichen. Der eigentlich vorhandene Haupteingang ist aus unerfindlichen Gründen geschlossen. Türsteher und Wegweiserinnen helfen weiter, wenn man an verschlossenen Pforten rüttelt. Das Messegelände liegt, wie viele dieser neuen Infrastruktur-Projekte, ganz am Rande der Stadt. Die nächste Bibliothek ist weit. Moderne Straßenbahnen bringen die Kongress-Teilnehmer auf angenehme Weise zu ihnen und in die wunderschöne, sehr malerische, lebhafte, stark durchgrünte Erfurter Innenstadt. Hier kann man jederzeit an einer der gefühlten zweitausend täglichen Stadtführungen teilnehmen. Wer Venedig für eine stark von Touristen frequentierte Stadt hält, war noch nicht in Erfurt.

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Typisch Erfurt: Luther und Bratwurst

Krise

Die ICOLC erwartet – mit einer gewissen zeitlichen Verzögerung – massive Einschnitte bei den Bibliotheks-Etats, verursacht durch die Finanz- und Wirtschaftkrise. In den USA hat dieser Prozess bereits begonnen, da die amerikanischen Universitäten starke Vermögenseinbußen hinnehmen mussten. In Deutschland werden noch weitere Faktoren dazu kommen, wie etwa geringere Einnahmen durch Studiengebühren oder erhöhte Aufwendungen für Bau und Unterhalt. Wie weit es her ist mit den Bildungsoffensiven der Politik, zeigt das Beispiel der ehemaligen Vorzeige-Einrichtung Forschungszentrums Jülich, die in den letzten Jahren von erheblichen Mittelkürzungen betroffen ist. Ach so: ICOLC, was ist das eigentlich? Natürlich die „International Coalition of Library Consortia“. Jedes Berufs-Feldchen hat seinen Verband, seine Vereinigung, regional, überregional und natürlich in Zeiten der Globalisierung auch international. Eine Vielzahl von Arbeitssitzungen solcher Zusammenschlüsse und Gruppierungen sind fester Bestandteil der jährlichen Bibliothekartags-Routine.

Zensur

Bibliothekare lehnen Zensurbestrebungen jeglicher Art ab. Wie sieht es aber mit dem Zusammenhang zwischen Computerspiel und Amoklauf aus? Es gibt ja so Spiele, also, tja, da sollte man schon eventuell einmal darüber nachdenken. In offener Debatte zu diesem Thema sind die Meinungen durchaus geteilt. Da wird Mancher, Manche schwach in Sachen konsequenter Verurteilung von Zensur. Mancher der, als es um gesperrte Web-Sites in China ging, ganz vorne in der Protestfront stand. Andere führen an, es sei ja wohl eine Frage der Sozialisation, der Erziehung, nicht des speziellen Mediums, die aus Menschen Verbrecher macht. Im Fall des Amokläufers von Winnenden bleibt immerhin festzuhalten, dass er über ein umfangreiches Waffenarsenal einschließlich Munition verfügte und bisher noch nicht ernsthaft geplant ist, Waffen generell zu verbieten. Wir Bibliothekare wissen auch, dass so allerhand Bedenkliches zwischen Buchdeckeln gedruckt wurde und wird, von manchen Zeitschriften, Broschüren, ganz zu schweigen. In unserem Beruf fühlen wir uns dafür zuständig, den Mitmenschen einen verantwortungsvollen Umgang damit nahezulegen. Seit dem Ende der Thekenbibliothek ist Freihand ja sehr viel greifbar – aber eben doch längst nicht alles öffentlich zugänglich, allerdings bei nachgewiesener dringender – meist wissenschaftlicher – Bedürftigkeit, in den Arsenalen der National-, Landes- und Sondersammelgebiets-Bibliotheken dennoch zu finden. Bei einer sehr interessanten, lebhaften zeitweise kontroversen Diskussionsveranstaltung, lehnten namhafte Vertreterinnen des deutschen Bibliothekswesens jede Form von Zensur ab und bekräftigten den Sammelauftrag der Bibliotheken für alle Medienformen und alle Inhalte.

Preise

Wenn Bibliothekare auf einfache Fragen selbst keine komplizierten Antworten finden, laden sie sich Wissenschaftler ein. Warum, lautet eine gern und viel gestellte Frage, sind wissenschaftliche Zeitschriften eigentlich so teuer? Welche Zusammenhänge sind erkennbar, die zu diesem Phänomen beitragen? Steffen Bernius, ein smarter Wirtschaftsinformatiker der Universität Frankfurt, mit Arbeitsschwerpunkt Wissensmanagement hat sich mit einem Team daran gemacht, klare Ergebnisse für diese komplexe Problematik zu finden. Ausgangsthese war: Der Impact-Factor ist schuld. Ergebnis der Studie: Er ist es nicht. Er konnte keine signifikante Korrelation finden, erläuterte Herr Bernius dem seinen Ausführungen fasziniert folgenden Auditorium im dicht besetzen Saal. In der Untersuchung waren nur Online-Titel untersucht worden. Dass diese meist noch parallel mit Print-Versionen erscheinen und deshalb eine komplizierte Mischkalkulation der Verlage bei der Preisfindung stattfindet, war kein Thema. In diesem Zusammenhang ist die Aussage, dass Open Access bei den Prozesskosten deutliche Vorteile besitzt, so richtig, wie die Erkenntnis, dass Wasser am liebsten bergab fließt – mit den Tatsächlichkeiten auf dem Markt hat sie jedoch wenig zu tun.

Emerging Markets

Es kann durchaus sein, dass, global betrachtet, die Bedürfnisse der deutschen Bibliotheken bei international agierenden Verlagskonzernen keine entscheidende Rolle spielen. Die Märkte der Zukunft sind in China, Indien, Südamerika, in fernerer Zukunft auch in Afrika. Und diese haben Dimensionen, die deutsche Zahlen fast zur statistischen Unsichtbarkeit degradieren. So leben in Indien derzeit etwa 1,3 Milliarden Menschen.  Indien ist der siebtgrößte Buchmarkt der Welt und der drittgrößte für englischsprachige Literatur. Heute. (2007 wurden im Buch- und Verlagswesen circa 1,4 Mrd. Euro umgesetzt.) Wenn man nun bedenkt was dort in Sachen Alphabetisierung, höherer Bildung für breite Schichten und Steigerung des allgemeinen Wohlstandes noch bevorsteht, versteht man, dass sich Springer, Elsevier, Wiley und Co. sehr viel mehr für dieses Potential als für die Finanzprobleme einer einzelnen German University of Applied Science interessieren. Interessant in diesem Zusammenhang, dass dieses Wachstum bis auf weiteres fast ausschließlich den Print-Produkten zugute kommt. (Damit wären wir wieder bei den international vertriebenen print + online Wissenschaftstiteln und erkennen, warum print noch lange nicht ausgedient hat. Siehe oben.) Ähnlich sind die Verhältnisse im größten südamerikanischen Staat, bei allerdings bereits höherer Bildung und besseren Einkommensverhältnissen. Brasilien investiert sehr viel in die Leseförderung, stellt Bücher mehrwertsteuerfrei, gibt Verlagen direkte finanzielle Unterstützung und verschenkt Bücher an Kinder und Jugendliche. Wenn man zur Literatur für Wissenschaft, Schule und Berufsbildung auch noch die Belletristik dazunimmt, wird die Größenordnung noch eindrucksvoller.

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Die Stadtbibliothek in Erfurt

Stella, mein Stern!

„Guten Abend! Ich heiße Stella und begleite Sie durch die Stabi. Ich vermute, Sie brauchen eine Auskunft. Kann ich Ihnen helfen?“ So werden Sie schon seit einiger Zeit auf der Web-Site der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg von einem bleichhaarigen Wesen begrüßt, das die meisten Besucher wohl als weiblich einstufen werden. So ist vermutlich zu erklären, dass diese virtuelle Dame jede Menge Heiratsanträge und – so ist zu vermuten – auch noch einige Anträge anderer, möglicherweise auch solche eindeutiger Art, bekommt. Das mit den Heiratsanträgen hat uns die Leiterin der Bibliothek, Frau Prof. Dr. Gabriele Beger, verraten. Sie ist die Chefin und auch so eine Art Großmutter dieses Avator (dieser Avatorin?). Damit kann man in Podiumsdiskussionen trefflich punkten und nachweisen, dass moderne Bibliotheken voll interaktiv und mächtig WEB 2.0-affin sind. Die Digital Natives sollen sich bei uns wohlfühlen. Wenn Sie jetzt Stella auch einmal anschauen und besuchen möchten, geben Sie bitte nicht einfach bei Google „Stella Hamburg“ ein, denn es ist gar nicht sicher, dass Sie dieses Ergebnis zufriedenstellen wird. Folgen Sie lieber diesem Link:

Ich will zu Stella!