Aalstechgabeln und Takelblusen

Siegfried Lenz, „Die Schweigeminute“ und ich

Heute werde ich einige Sätze über das Buch „Die Schweigeminute“ von Siegfried Lenz schreiben. Ein Titel der schon vor einigen Monaten erschienen ist. Dies allerdings erst zum Schluss des heutigen Blog-Beitrags.  Zunächst erlaube ich mir einige persönliche Anmerkungen zum Autor und seinen Werken.

„Siegfried Lenz, der am 17. März 1926 in Lyck, einer kleinen Stadt im masurischen Ostpreußen geboren wurde…“.  So oder so ähnlich stand es in den ersten Lenz-Büchern, die ich in die Hand bekam. Das kannte ich schon bevor ich ein Werk von ihm wirklich gelesen hatte. Das ist lange her und war damals und bei all meiner Jugend und Unkenntnis voller Exotik. Ein Ort namens Lyck, ein Wort ohne Vokal, masurisches Ostpreußen, im Nachkriegsdeutschland, in einer Welt der feindlichen Blöcke, eine Gegend soweit weg und so unbekannt wie das Mare Crisium. Überhaupt die Worte. Lenz gehört auch heute noch zu den Autoren, bei denen ich die unbekanntesten, seltsamsten, geheimnisvollsten und interessantesten für mich entdecken darf: Ducht, Prahm, Buhnen, Pumpenleute und Signalmänner, Patsch und Stroppen, dazu noch Namen wie Hinnerk und Hilke, Jens Ole und den endlos schreibenden Siggi Jepsen. Und es „gluckste und sabbschte im kühlen Mudd“; das waren die „Muschelkrebse, Scherenasseln, Borstenwürmer und Wellhornschnecken…“. Ich rieche den „Jodgeruch des Meeres, die salzigen Winde“ auch in einem Sessel sitzend, der im Schwäbischen, weit weg von allem Maritimen, steht.

Siegfried Lenz verdanke ich zu einem guten Teil mein anhaltendes Interesse am Norden. Es wurde zeitgleich mit und wohl auch durch die Lenz-Geschichten geweckt. Die schönsten Reisen beginnen ja im Kopf und bei entsprechend inspirierender Lektüre. So waren es nicht zuletzt die fast immer in nördlichen Regionen zu verortenden Werke dieses Schriftstellers, die mich schließlich zu Reisen nach Dänemark (passend dazu sei sein unübertroffener Reisebericht „Die dänische Kaffeetafel“ empfohlen) und Schweden anregten, die mir erste Begegnungen mit Autoren wie Pontoppidan, Hamsun, Lagerlöf, Enquist, Gustafsson und natürlich auch den Ur-Eltern aller sozialkritischer Kriminalliteratur Maj Sjöwall und Per Wahlöö ermöglichten und die mir das Hören von Komponisten wie Sibelius, Grieg, Holst und Nielsen nahelegten. Als ich mit Mitte zwanzig drei Jahre in Hamburg studierte und lebte, war ich ihm schließlich geographisch am nächsten. In Altona, genauer Ottensen, um die Ecke von der legendären „Fabrik“, neben Fisch-Friedrichsen wohnend, wusste ich die geistige Vaterfigur als guten Nachbarn nun auch räumlich in meiner Nähe.

Am dankbarsten bin ich diesem ostpreußischen Erzähler aber bis heute, dass er mir den Einstieg ermöglichte, mein Interesse weckte, am wirklich literarischen Lesen. Nach Karl May, Lederstrumpf, Perry Rhodan und was der kindlichen und sicherlich notwendigen Abenteuerausflüge mehr waren, erhielt ich von Lenz meine erste „Deutschstunde“. Jetzt stand die Deckluke weit offen für Böll und Grass, für Dürrenmatt und Hochhuth, für Hesse und Mann, Frisch und Walser.

Von Siegfried Lenz habe ich zum ersten Mal erfahren, dass die Kunst nicht nur Selbstzweck ist, dass sie der menschlichen Existenz eine Bedeutung gibt, die über das schiere Existenzielle hinaus reicht, und dass sie auch immer eine politische Dimension hat. Von dort war es nicht weit zu einer ersten ernsthaften Auseinandersetzung mit der Zeit des Nationalsozialismus und dem Schweigen unserer Eltern und Großeltern. Achtundsechzig lag gerade hinter uns. Und schließlich konnte ich erkennen, dass Schreiben Bearbeiten ist; das Bearbeiten von Fragen, von Wirklichkeiten, von Entwürfen, von persönlicher und historischer Geschichte und auch, dass Schreiben Verarbeiten ist, für die die Schreiben können, wollen oder müssen – was meisten zusammenfällt – ein lebenslanger Prozess, nicht immer angenehm, manchmal schmerzhaft, fast immer mühsam, aber von Dauer und im Ergebnis unumkehrbar.

Inzwischen sind wir alle älter geworden und Siegfried Lenz – man darf es glaube ich sagen – sehr alt. Und die Kenner dieses Schriftstellers überrascht es eigentlich gar nicht, das er noch einmal ein reifes Werk von nachhaltiger Gültigkeit vorgelegt hat: „Die Schweigeminute“.

Die Handlung ist eine Liebesgeschichte. Schlicht und mit klassischen Grundmustern ausgestattet; klassisch endet sie auch. Und damit ist nicht zuviel verraten, denn es fällt ohnehin schwer, sich eine gute Liebesgeschichte ohne tragisches Ende vorzustellen; dann müsste der Autor davon berichten, wie und unter welchen Umständen das Paar nach – sagen wir einmal: 30 Jahren – immer noch zusammen ist oder auch nicht mehr. Auch dazu gibt es Literatur; aber von dieser ist hier nicht die Rede.

Der alte Meister Lenz ist wieder ganz auf der Höhe seiner Kunst und knüpft an die Qualität seiner frühen Erzählbände an. „So schön war Suleyken“, ist eben inzwischen auch schon ein moderner Klassiker. In „Die Schweigeminute“ bringt Lenz seinen typischen Stil zu neuer Reife, besticht durch sein umfangreiches und originelles Vokabular (siehe oben) und schenkt uns damit ein Werk von spannender Dichte und absehbarer Dauerhaftigkeit. Oder wie es Ulrich Greiner in der „ZEIT“ formulierte: „Die Schweigeminute, eine zeitlose Kostbarkeit, passt in unsere Zeit.“

Erwähnung verdient dabei auch die Erotik dieser Geschichte. Gehören Liebe und Erotik wirklich untrennbar zusammen? Wenn wir dabei von jenen zauberhaften, immer wieder frischen Anziehungskräften zwischen Mann und Frau sprechen, wohl unausweichlich. Aber wie wird heute in Literatur und auch und gerade dem Theater, mit solch kostbar-köstlicher Menschlichkeit umgegangen? Ausgerechnet Altersgenossen von Siegfried Lenz sind es in den letzten Jahren, die ihre besonderen Formen von Altherren-Erotik pflegen und sich dabei an Äußerlichem und Drastik nicht überbieten lassen wollen. Das hat Lenz nicht nötig. Ihm gelingt, dass wir das Knistern zwischen den Zeilen und zwischen den Protagonisten, hautnah mitempfinden. „Selten las man etwas so Keusches, so Erotisches“, beschreibt es Ulrich Greiner.

Aus den guten Erzählungen der großen Dichter wissen wir ja um die enge Verwandtschaft von Tod und Erotik. Und gerade weil es trotz Trennung des Paares durch den Tod, am Ende doch noch einmal eine Form der Vereinigung gibt, gelingt es Lenz, Trauer und Bewegung des Lesers, der Leserin, am Schluss des Buches nochmals zu steigern und ihn gleichzeitig glücklich zurück zu lassen. Traurige Geschichten, die so leicht und gelungen erzählt werden, machen ihre Leser immer glücklich.

Lenz, Siegfried: Schweigeminute. – Hoffmann und Campe, 2008.

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3 Responses to Aalstechgabeln und Takelblusen

  1. Bemich sagt:

    Wohl wahr: „Die Schweigeminute“ des norddeutschen Schriftstellers ist ein poetisches Kleinod, das gut tut und zur inneren Mitte zurückführt, die im für unsere Gegenwart so typischen nervösen virtuellen Dauermultitasking ernsthaft in Gefahr geraten kann. In der selten gewordenen Form der Novelle zeigt sich eben der wahre Meister: Die Lektüre der traurig-schönen (Liebes)geschichte, deren dramatisches Zentrum eine „unerhörte Begebenheit“ ist, wie sie nur im maritimen Umfeld geschehen kann, ist in der Tat uneingeschränkt empfehlenswert.

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  2. Dieter sagt:

    Leute, Leute. Ottensen in den frühen 80ern! Erinnert ihr euch noch an den legendären „Leuchter“ auch ganz in der Nähe der Fabrik. Dort gab es diesen Salat mit der Extraportion Knoblauch. Oder der griechische Imbiss der Tag und Nacht aufhatte und billiges Dosenbier verkaufte.

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