München und Thomas Mann

Poschingerstraße 1 hieß die letzte Adresse der Familie Mann in München. In dem herrschaftlichen Haus am rechten Isar-Ufer lebte sie von 1914 bis 1933. Im vorherigen Blog-Beitrag habe ich geschildert, dass die Manns bereits im März 1933 ins Exil gehen mussten. Die Villa in Bogenhausen wurde beschlagnahmt und zunächst vermietet. Von 1937 bis 1940 wurde sie vom Lebensborn genutzt, einer Einrichtung, die der Zucht reinrassiger Arier zu dienen hatte. „Heilig soll uns sein jede Mutter guten Blutes“, war das Motto, das Heinrich Himmler dieser Organisation gegeben hatte. Schließlich wurde das Haus in Wohnungen aufgeteilt und wieder vermietet. Im Mai 1945 steht Klaus Mann, zu der Zeit in amerikanischen Armee-Diensten, vor dem ehemaligen elterlichen Besitz: „Auf den ersten Blick nimmt sich das alte Ding gar nicht so übel aus. Der reine Bluff!…Das Gerüst hat standgehalten, aber nur als Attrappe und hohle Form. Drinnen ist alles wüst und ausgebrannt…Durch Schutt und Asche tastete ich mich weiter ins Haus hinein. Fremd, fremd, fremd – und doch auch wieder nicht.“

An dieser Stelle hatte ich ursprünglich geplant, darzustellen, wie nach 1945 in München Gesellschaft und Politik mit dem geistigen und auch materiellen Erbe der Manns und Pringsheims zurechtkamen. Wie wurde und wird die Zeit des Krieges und des Nationalsozialismus, Vertreibung und Enteignung aufgearbeitet und dargestellt? Welche Zeugnisse liegen vor? Zu welchen Ergebnissen sind die wissenschaftlichen und die politischen Bemühungen gekommen? Bei der näheren Beschäftigung mit diesem Thema stellte sich bald heraus, dass das vorhandene Material nicht nur sehr umfangreich, sondern auch teilweise widersprüchlich und nicht leicht zu interpretieren ist. In erster Linie aber sind es Umfang und Zahl der zu bearbeiteten Quellen, die eine verdichtete und populäre Darstellung, dem Gegenstand dabei in seriöser Form gerecht werdend, nicht leicht machen. Deshalb kann ich das Thema heute und an dieser Stelle nur anreißen und konzentriere mich – wie gewohnt recht komprimiert – auf einige Aspekte der jüngsten Zeit. Eine umfangreichere und ausgewogene Darstellung wäre dann noch in Angriff zu nehmen.

Das Bestreben einer Bürgerbewegung mit einer gewissen Breite ist es seit vielen Jahren, dem Wirken in der Stadt und dem erlittenen Unrecht der Familien Mann und Pringsheim eine würdige, geeignete und gleichzeitig vielfältig nutzbare, geistreiche und offene Be-Hausung des Gedenkens und Aufarbeitens zu gönnen. Zum Sprachrohr und bei Verantwortlichen in Politik und Kultur gern gesehene Vertretung dieser einsatzfreundig, optimistischen Offensive wurde der Thomas-Mann-Förderkreis München. Er besteht jetzt seit 10 Jahren. In einer Veranstaltung am 19. Juni im Literaturhaus wurde auf das bisher erreichte zurückgeschaut, der gegenwärtige Stand der Dinge bilanziert und Ausblick und Vorstellung für die Zukunft formuliert. Derzeitiger Vorsitzender des Vereins ist Dr. Dirk Heißerer, Literaturwissenschaftler, Publizist, Organisator vielfältiger literarischer Spaziergänge und Exkursionen, Schirmherr Prof. Dr. Frido Mann, Schriftsteller, Psychologe, Sohn von Michael, Enkel von Thomas Mann. Beide saßen an diesem Abend, an dem angeregt und lebhaft diskutiert wurde, im übervollen großen Saal am Odeonsplatz auf dem Podium. Mit ihnen der Oberbürgermeister der Stadt, Christian Ude, der Präsident der Bayerischen Akademie der Schönen Künste Prof. Dr. Dieter Borchmeyer und die Diskussionsleiterin Frau Cornelia Zetsche vom Bayerischen Rundfunk.

Es zeigte sich, dass Einiges getan und bewegt worden war in den letzten Jahren. An Münchener Häusern wurden Gedenktafeln angebracht, die Universität richtete eine Thomas-Mann-Halle ein und veranstaltete eine Vortragsreihe. Eine ganze Reihe von Publikationen ist entstanden. Die Monacensia, umfangreiche München-Bibliothek und Literaturarchiv der Stadt, beherbergt die Nachlässe von Erika und Klaus Mann. Diese enthalten sehr viele Unterlagen, darunter auch von Thomas Mann. Von ihm besitzt die Monacensia außerdem zahlreiche weitere Einzelstücke; so das Manuskript „Fiorenza“, seines einzigen Dramas. Klar ist aber auch, und der Oberbürgermeister betonte den Tatbestand an diesem Abend ausdrücklich, aus ehemaligem Haus und Grund der Manns wurde und wird kein Thomas-Mann-Zentrum, keine zentrale Einrichtung für Gedenken und Veranstalten. Ein Erwerb dieser Liegenschaft war nie in greifbarer Nähe, das Gebäude selbst wäre auch wenig geeignet gewesen und ist durch die Besonderheiten seiner Geschichte eigentlich entwertet.

Das Stadtoberhaupt konnte den versammelten Thomas-Mann-Freunden dennoch aussichtsreiche Perspektiven für die weitere Zukunft skizzieren. So sollen die Sammlungen und Bemühungen um das Erbe der Manns und Pringsheims durch die Monacensia ausgeweitet und intensiviert werden. Für Katja und Thomas Mann und ihre Nachkommen soll es über eine verstärkte Web-Präsenz zu so etwas wie einem virtuellen Thomas-Mann-Haus für München kommen. Pläne mit denen sich sowohl die Diskutanten auf dem Podium, als auch das zahlreiche Publikum im Saal durchaus anfreunden können, wie die Reaktionen vermuten ließen.

Informationen zum Thomas-Mann-Förderkreis München findet man hier:

tmfm

Wer sich für die sehr fundierten und interessanten Exkursionen von und mit Dr. Dirk Heißerer, die nicht selten mit den Manns zu tun haben, interessiert, erfährt hier Näheres:

Literarische Spaziergänge und Exkursionen

Lohnend sind auch die Web-Seiten der Monacensia, organisatorisch ein Teil der Stadtbibliothek München:

Monacensia

2 Kommentare zu “München und Thomas Mann

  1. Es ist schon erstaunlich, wie zurückhaltend und wohlwollend sich Mann nach 1945 zu München geäußert hat.

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  2. Der Namen einer Stadt und der Namen eines Schriftstellers- untrennbar sind sie miteinander verbunden. Trotzdem bleiben Fragen offen: Gilt nun „Namen sind Schall und Rauch“, wie Goethe einst sagte oder gilt „Der Name ist ein Stück des Seins und der Seele“, wie der in diesem Blog gefeierte Thomas Mann feinsinnig feststellte? Und welchen Namen meint ThM denn nun: den Vornamen oder gar den Nachnamen?

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