Arno Schmidt und die HfG in Ulm (2)

Ein Gespräch unter Männern

Das Angebot eines Lehrauftrags an der jungen Ulmer Hochschule für Gestaltung hatte Unordnung und Unruhe in den Alltag von Arno Schmidt gebracht. Er reagierte, wie so oft wenn massive Annäherungen von außen seinem Universum nahten, barsch und abwehrend. Bereits am 15. September zitierte ihn Alice Schmidt in ihrem Tagebuch: „Die Ulmer Sache nehme ich noch nicht so ohne weiteres an. Was die mir alles aufhalsen werden.“

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…die Welt der Kunst & Fantasie ist die wahre, the rest is a nightmare.“

Die Vermutung liegt nicht allzu fern, dass die Entscheidung gegen Ulm nicht erst in jenem kuriosen, von Spekulationen umrankten, Gespräch mit Max Bill am 21. September gefallen sein wird. Sie war es wohl schon, mehr oder weniger eindeutig, einige Zeit vorher. Dass der Schriftsteller durch diese Arbeit weniger Freiraum für sein eigentliches Schaffen fürchtete, ist verständlich, dennoch nicht der Hauptgrund für das Scheitern des Ulmer Vorhabens. Die bei Schmidt immer gegenwärtige soziophobische Veranlagung drängte sich wieder einmal in den Vordergrund.

Am 19.9. befiel ihn um die Mittagszeit ein leichtes hellseherisches Fieber. Abends konnte zwar schon wieder im Garten gegessen und ein Spaziergang durch die umliegenden Felder unternommen werden, doch in der Nacht erfüllten sich die dunklen Ahnungen. Ein Telegramm von Bense traf ein, mit der Einladung nach Stuttgart und Ulm. „Können Sie Mittwoch (21.9.) morgen mit mir nach Ulm fahren. Wann können Sie in Stuttgart eintreffen. Bense.“

Alice Schmidt notierte: „Klagen und Stöhnen, dass er wieder fahren soll und unter die Leute müsse. Arno möchte lieber sterben als nach Ulm fahren.“ Doch schon stand die Fahrt an. Erneutes Zetern und Klagen. „So ungern!“ rief er, notierte Alice. (Arno) „flucht. Trinkt aber noch zwei Schnäpse.“ Eine lange und umständliche Reise aus der Saar-Provinz in die württembergische Metropole begann. Auf dem langen Weg bergab zum Bahnhof Serrig wurde er von seiner Frau begleitet. Morgendliche Nachsommer-Frische.

„Die Saar hatte sich mit einem langen Nebelbaldachin geschmückt.“

Der Zug fuhr um 7 Uhr 20. Um 13 Uhr ging es in Frankfurt am Main weiter. Um 16 Uhr 18 die Ankunft in Stuttgart.

Arno Schmidt reiste an diesem 20. September aus einer französisch besetzten Zone mit Sonderstatus – erst ab 1. 1. 1957 gehörte das Saarland nach einer Volksabstimmung im Oktober 1955 zur Bundesrepublik Deutschland – in das 1952 entstandene Baden-Württemberg. In Stuttgart und Ulm waren, in der Folge des Zweiten Weltkriegs, amerikanische Truppen stationiert. Die sowjetisch besetzte Zone (SBZ) nannte sich seit 1949 Deutsche Demokratische Republik (DDR) und wurde von der Sowjetunion an jenem 20. September 1955 als souveräner Staat anerkannt. Dieses Ereignis, das weltpolitisch weitreichende Folgen hatte, fand bei ihm keinen Niederschlag. Auch im Tagebuch seiner Frau blieb es unerwähnt. Die politische und auch die kulturelle Gegenwart nahm das Ehepaar, wenn überhaupt, nur am Rande war. Deshalb ist anzunehmen, dass Arno Schmidt kaum eine Vorstellung hatte, wie die neu entstandene Hochschule in Ulm einzuordnen und zu bewerten war. Auch den mit der HfG maßgeblich verbundenen Persönlichkeiten – wie Max Bill, Otl Aicher, Inge Scholl – dürfte er, um es positiv auszudrücken, relativ unvoreingenommen begegnet sein.

Allein : Teller : wie wärs, wenns nur schwarze gäbe; und mit unregelmäßig gezacktem Rand?“

Die Hochschule für Gestaltung in Ulm wird andere Formen bevorzugen und hervorbringen. Sie befand sich im September 1955 noch in der Orientierungs- und Aufbauphase. Für die neu dazu kommenden Wissenschaftler, Lehrer und Studenten bot diese Situation eigentlich beste Möglichkeiten eigene Ideen, Pläne und Projekte einzubringen. Das war auch ausdrücklich erwünscht. Aus der Kreativität der Einzelnen sollten neue, spannende Ergebnisse des Kollektivs entstehen. Der egozentrische, verheiratete „Eremit“ Schmidt hat die Möglichkeiten und Chancen, die damit – eben auch und ausdrücklich für ihn – verbunden waren, offensichtlich zu keinem Zeitpunkt erkannt.

IMG00355Am Mittwoch, den 21. September fuhr Arno Schmidt mit seinem Gönner Max Bense von Stuttgart nach Ulm. Von der Stadt rund um das bekannte Münster, die 1955 noch von den schweren Kriegszerstörungen gezeichnet war, ist nirgends die Rede. Der Dichter hatte wohl kein Auge und keinen Sinn für touristische Aspekte. Die neu erbauten Hochschul-Gebäude, von Max Bill entworfen und im Stil stark an die Bauhaus-Architektur angelehnt, lagen weit außerhalb der Stadt auf dem Hochsträß, einem Höhenrücken zwischen schwäbischer Alb und Donauebene. Sie entstanden direkt neben dem Fort Oberer Kuhberg, einem Teil der ehemaligen Ulmer Bundesfestung, der im Dritten Reich ein KZ/Arbeitslager beherbergte. Es war ein milder, fast warmer Tag. Wir wissen nicht, ob der für das Land vor den Alpen typische Fönwind blies. Wenn dies der Fall ist, hat man vom Hochsträß aus weite Sicht auf die Kette der über hundert Kilometer entfernten Berggipfel, die bei solcher Witterung unwirklich nah erscheinen.

IMG00404Arno Schmidt hat – so wird es von Bense und Elisabeth Walter bestätigt – zeitweise mit Max Bill unter vier Augen gesprochen und über eine mögliche Anstellung als Dozent verhandelt. Es gibt zu diesem Gespräch keine unmittelbaren Zeugnisse, keine dokumentierten Aussagen der beiden Protagonisten. Wir sind auf Aussagen durch Dritte angewiesen, die ihre mittelbaren Eindrücke später aufzeichneten oder wiedergaben. Festzustehen scheint allerdings, dass das Gespräch „in Ton und Inhalt unerfreulich“ verlief, wie es Winand Herzog formuliert. Es gab keinen Vertragsabschluss. Auch Alfred Andersch und Walter Dirks hatten bereits abgesagt. Alice Schmidt schrieb an Erika Michels: „…es ergab sich, dass die Arbeit meines Mannes darin bestehen sollte, seinen Schülern ‚kristallklare’ Reklametexte und Schlagworte beizubringen.“ Es wurde sogar kolportiert, Bill hätte Schmidt aufgefordert den sogenannten Bill-Hocker sprachlich „zu verkaufen“.

Zur Sprache nur dieses : Meine wäre ‚künstlich’?“

Welche Erwartungen auch immer Schmidt an diese Verhandlungen und die zur Diskussion stehende Aufgabe geknüpft hatte, sie wurden wohl enttäuscht. Alice notierte: „Es sollten aus der Literaturabteilung keinesfalls Journalisten oder gar etwa Schriftsteller hervor gehen, sondern praktische Leute…Außerdem ist Bill ein absoluter Regententyp. Nun sind Bill und mein Mann gleich sehr heftig aneinander geraten. Prof. Bense und Frau Scholl wollten meinen Mann gleich wieder versöhnen und versuchtens mit allen möglichen Versprechungen…Auch wollte Frau Inge Scholl gleich Schülerin meines Mannes sein…Aber mein Mann sagte: diesen Laden macht er so nicht mit.“

Die Reise nach Ulm hatte auch Elisabeth Walter, die Lebensgefährtin und Mitarbeiterin Max Benses an der Universität Stuttgart, mitgemacht. Sie schilderte den Kern des Zerwürfnisses zwischen Bill und Schmidt später so:

„Schmidt: „Das ist ein unverschämter Kumpan! Was der sich einbildet! Er hat zu mir gesagt: ‚Das was Sie schreiben, Herr Schmidt, das habe ich mit 19 auch geschrieben.’ Und da habe ich zu ihm gesagt: ‚Und das…was Sie malen, Herr Bill, die geraden Linien, die Sie ziehen, die habe ich in der Schule schon gemacht, ich bin nämlich Mathematiker.““

IMG00375Wenn diese Sätze so oder so ähnlich tatsächlich gefallen sein sollten, kann man sicher unterstellen, dass die Unterhaltung eine sehr unsachliche Wendung nahm. Vermutlich hat Max Bill mit 19 Jahren ebenso wenig literarische Meisterwerke verfasst, wie Schmidt ein wirklicher Mathematiker war; so weit bekannt, besaß er lediglich eine Neigung zu diesem Gegenstand. Und Elisabeth Walther berichtete weiter: „Die beiden hatten sich eine Stunde lang gegenüber gesessen und sonst nichts mehr gesprochen.“

Der Lehrer soll das Volk bilden ? : schon recht!!! Wer aber bildet den Lehrer?!“

Es ging bald wieder zurück nach Stuttgart und am nächsten Tag weiter nach Darmstadt zu dem Maler und Autor Eberhard Schlotter, der als Vorsitzender der Neuen Darmstädter Sezession Schmidt zeitweise unterstützte. Es sollte eine Wohnung für das Ehepaar Schmidt gefunden werden, das die katholische Provinz endlich verlassen wollte. Von Darmstadt aus bat er seine Frau telegraphisch um einen Anruf: „bitte sofort Darmstadt 7320 R. Gespräch anrufen. Arno.“ Der erfolgte und Alice Schmidt zitierte die Kernaussage ihres Mannes im Tagebuch: „Arno sagt: mit Ulm sei nichts.“ Hatte er es nicht schon immer gewusst?

Die Reise nach Ulm war sehr wahrscheinlich die weiteste die Arno Schmidt nach 1945 unternommen hat. In Kastel brachte am selben Tag der Postbote eine förmliche Einladung für die offizielle Eröffnungsfeier der HfG am 2. Oktober. Die Festansprache wird von Walter Gropius gehalten werden, der das Unternehmen damit zur mehr oder weniger legitimen Bauhaus-Nachfolge adelte.

Bei Schmidts wurde doch noch einmal gegrübelt. Nachdem Alice mit Arno in Darmstadt gesprochen hatte, notierte sie: „Frage: fährt er sofort mit mir nach Ulm und setzt Bill die Pistole auf die Brust: entweder Literaturabteilung ihm völlig allein überlassen oder gar nichts…Andere Frage: hat’s Arno nötig, sich jeden Tag mit den groben Schweizer rumzuboxen und überdies seine eigene Arbeit zum Opfer zu bringen?“

Für Arno Schmidt war die Entscheidung wohl längst eindeutig und ablehnend ausgefallen. Doch hatte er seiner Frau reinen Saarwein eingeschenkt? Wollte er sie vielleicht nicht gänzlich enttäuschen? Auch sie hatte mit Ulm ja Hoffnungen verbunden, unter anderem die auf eine gesicherte materielle Existenz.

Bei Alfred Andersch war die Nachricht vom negativen Verlauf der Verhandlungen in Ulm ebenfalls angekommen. Er schrieb am 23. September an Arno Schmidt: „…gestern berichtete mir Prof. Bense über den Ausgang ihrer Besprechungen mit Herrn Bill. Heute möchte ich Ihnen sagen, dass ich diesen negativen Ausgang erwartet habe…für die Literatur, ja für die Sprache schlechthin, reicht das konstruktivistische Konzept des Herrn Bill einfach nicht aus…Momentan habe ich den Eindruck, dass die Berufung Bills an die Leitung der Schule sich eines Tages noch zu einer Katastrophe auswirken kann.“

„Sie meinen also tatsächlich, dass ein Kunstwerk kollektiv hergestellt werden könnte?“ -: „Abärrjá!“ – „Ein Einzelmensch ist nie vollkommen: wir versuchen seine Lücken zu ergänzen.““

Ganz so schlimm, wie von Andersch prophezeite, kam es nicht. Doch die Ulmer Hochschule machte nicht nur einmal turbulente Zeiten durch und änderte ihre Konzeption und ihr Führungspersonal schon bald, nach heftigen und konfliktreichen Diskussionen. Es gab zwei Fraktionen, die bei den Grundfragen nach Form und Funktion, Kreativität und Wissenschaft, gegensätzlicher Meinung waren. Der reichlich autoritär auftretende Bill wurde durch eine Leitungs-Gruppe ersetzt. Der vielleicht einflussreichste Strippenzieher war Otl Aicher; seine Gefährtin und spätere Gattin, Inge Scholl, hielt sich im Hintergrund und widmete sich verstärkt dem Aufbau der Ulmer Volkshochschule (vh), die eine außergewöhnliche, stark politisch ausgerichtete Institution wurde, die das gesellschaftliche Klima des protestantischen Ulm maßgeblich prägen sollte. Tomas Maldonado, von dem Alice Schmidt geschrieben hatte: „Mit dem Konrektor allerdings, dem Argentinier: Maler Maldonado (der alle Bücher meines Mannes kannte) hat sich mein Mann recht gut verstanden.“, wurde zum Sprecher des neuen Gremiums gewählt. Mit und über Arno Schmidt war deshalb auch noch nicht das allerletzte Wort gesprochen.

Dieser und der noch folgende Arno-Schmidt-Beitrag meines Blogs sind keine wissenschaftlichen Arbeiten. Es wurden allerdings einige maßgebliche Quellen ausgewertet und das gewonnene Material mit größter Sorgfalt verwendet.

Bei den Bildern von Arno Schmidt handelt es sich um Photographien seiner Frau Alice, die mit freundlicher Genehmigung der Arno-Schmidt-Stiftung verwendet werden.

Mein besonderer Dank gilt Winand Herzog und Michael Meinert, die mir vor Beginn der Arbeit an diesen Ausführungen mit wertvollen Hinweisen auf den richtigen Weg halfen.

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2 Antworten zu Arno Schmidt und die HfG in Ulm (2)

  1. […] Arno Schmidt und die HfG in Ulm (2) […]

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  2. Wunderbar! Ich freue mich schon auf den noch folgenden Beitrag.

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