Arno Schmidt und die HfG in Ulm (3)

Nachspiel

1956 hatte Max Bill nach langem internen Richtungsstreit die Hochschule für Gestaltung (HfG) in Ulm mehr oder weniger freiwillig verlassen. An seine Stelle war ein Leitungsgremium getreten, dem Aicher, Gugelot, Vordemberge-Gildewart und Maldonado angehörten. Im September 1957 amtierte Tomas Maldonado als geschäftsführender Rektor. Für ihn war die Bauhaus-Philosophie inzwischen nicht mehr aktuell, sondern ein historisches Phänomen.

Max Bill und Tomas Maldonado.

(Foto: Hans G. Conrad, Archiv: René Spitz)

Bill MaldonadoKnapp zwei Jahre nach dem ergebnislosen Gespräch in Ulm, wandte sich der argentinische Maler in einem Brief erneut an Arno Schmidt: „…streben deshalb, uns Ihrer qualifizierten Mitwirkung zu versichern…Unser Vorschlag für Sie besteht darin: ein zweistündiges, wöchentliches Seminar…über ein Thema, das sich annähernd bezeichnend ließe als: geschichtliches Seminar über moderne Literatur, mit einer Betonung der sprachanalytischen Seite…Ich wünsche sehr, von Ihnen eine positive Antwort zu erhalten.“

Ein wirklich kompromissbereiter, entgegenkommender Ton; der rote Teppich war ausgerollt. Am 20. Oktober reiste Maldonado nach Darmstadt, um Schmidt endgültig für Ulm zu gewinnen. Arno Schmidts Gedanken kreisten in diesen Wochen, neben der täglichen schriftstellerischen Arbeit, um einen Wunsch, dessen Realisierung möglicherweise näher rückte: „ein kleines Häuschen in der Heide, riesen Zaun drum rum und nie mehr raus oder einen Menschen sehen!“ Das waren nicht die optimalen Voraussetzungen für den Emissär aus Ulm sein Ziel zu erreichen. Schmidt gab sich zögerlich, stellte Bedingungen, behauptete gegenüber seiner Frau: „…sieht annehmbarer aus als zuvor.“ Maldonado legte nach: „Ich bin jeden Tag überzeugter, dass Sie in Ulm sobald wie möglich unterrichten sollten.“ Zusammen mit Bense kam er am 11. Dezember noch einmal nach Darmstadt.

Mit der endgültigen Absage ließ sich Schmidt dann bis zum 26. März 1958 Zeit: „Es tut mir leid, dass ich Ihnen…einen abschlägigen Bescheid geben muss; er ist nicht durch ‚Weltfluchtstimmung’ oder Escapismus irgendwelcher Art bedingt…; es ist ganz simpel Arbeitsüberlastung.“ Es war aber immerhin Ulm-Flucht-Stimmung und „Escapismus“ konnte man ihm tatsächlich nicht unterstellen; hatte  er sich doch stets bemüht jegliche Art von Eskapaden zu meiden.

AS HeideDie beiden Künstler müssen sich nicht schlecht verstanden haben. Eine gewisse gegenseitige Sympathie war wohl vorhanden. In Schmidts „Gelehrtenrepublik“ wird „Chubut“ auftauchen, in der Realität eine patagonische Provinz. Winand Herzog hält dies für eine mögliche Reminiszenz an Maldonado. Der Schriftsteller zeigte sich von der kollektiven Wohn- und Arbeitsweise an der HfG angetan. Parallelen finden sich im Werk wieder. Doch das entspricht nicht dem tatsächlichen Verhalten und der Lebenswirklichkeit Schmidts, der sein Einzelgängertum pflegte, ängstlich Kontakte mied, nur ungern und selten zum Verlassen der gewohnten Umgebung bereit war. Leben und Arbeiten an dieser Hochschule wäre für Arno Schmidt ohne Zweifel ein „nightmare“ geworden. Er wird also nie Lehren oder Dozieren.

Arno und Alice sind dann ein letztes Mal umgezogen, aber nicht nach Ulm. 1958 wurde der Heide-Traum im niedersächsischen Bargfeld nahe Celle Wirklichkeit und die intensivste Schaffensphase des besessenen Zettelkasten-Verwalters und sprachlichen Feinmechanikers begann. Sie fand ihren Höhepunkt mit der Veröffentlichung von „Zettels Traum“ im Jahr 1970. Auf inszenierten Bildern sieht man den bemüht lächelnden Verleger Ernst Krawehl, dem Arno Schmidt ein Paket überreicht, welches offensichtlich das unhandliche, umfangreiche Typoskript enthält.

AS Zettel1977 kommt es zur Bekanntschaft von Jan Philipp Reemtsma mit dem Schriftsteller. Der Hamburger Germanist und Millionenerbe wird zum zuverlässigen Mäzen, der das Ehepaar Schmidt aller materieller Sorgen enthebt. Doch bereits am 3. Juni 1979 stirbt Arno Schmidt in Celle im Krankenhaus. 1981 gründen Alice Schmidt und Reemtsma die Arno-Schmidt-Stiftung, die seitdem das Werk herausgibt, den Nachlass, sowie das ehemalige Wohnhaus mit Archiv in Bargfeld betreut. Alice Schmidt ist am 1. August 1983 verstorben.

Die Hochschule für Gestaltung hatte während der ganzen kurzen Periode ihres Bestehens mit finanziellen Schwierigkeiten, Anfeindungen von außen und internen Richtungsstreitigkeiten zu kämpfen. Sie endete in Auszehrung und Siechtum. Dazu Herbert Wiegandt in seiner Ulmer Stadtgeschichte: „Die Schlussphase der HfG begann 1967…Äußerer Anlass war, dass zunächst vom Bund, dann vom Land, die Mittel in untragbarer Weise gekürzt wurden. So sehr dies bestritten wurde, haben hier doch, besonders vom Landtag, ohne Zweifel auch politische Motive unterschwellig, aber auch ausdrücklich, mitgespielt.“

1967 wurde in Ulm eine medizinisch-naturwissenschaftliche Hochschule gegründet, die sich heute, um einen technischen Zweig erweitert, Universität nennt und ihren Hauptsitz auf dem Oberen Eselsberg hat. Aber auch in den Gebäuden der ehemaligen HfG auf dem Kuhberg waren viele Jahre lang Abteilungen untergebracht. Die letzten werden Ende dieses Jahres ausziehen. Dann steht für die dünnen Betonteile der Bill-Bauten eine General-Sanierung an. In Zukunft sollen dort Design-Firmen und –Studios, sowie das HfG-Archiv angesiedelt werden.

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One Response to Arno Schmidt und die HfG in Ulm (3)

  1. Bemich sagt:

    Der Ulm-Bezug von Arno Schmidt, der leider nicht durch einen Ulm-Einzug desselbigen ins Monumentale gesteigert werden konnte, ist eine sehr interessante historische Spur, die aus dem Dunkel der Vergangenheit ins Sichtbare der Gegenwart gehoben wurde. Es ist immer wieder erstaunlich, dass Nationalliteraturen solche Monolithen, wie Arno Schmidt es für die deutsche Literatur ist, hervorbringen können. Der dreiteilige Blog-Beitrag jedenfalls hat „Das steinerne Herz“ auf meiner mittelfristig angelegten Wunschleseliste ziemlich weit nach oben katapultiert.

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