Herbst-Lese (2)

Mein kleiner chinesischer Beitrag

Für uns Mitteleuropäer war es schon immer ein Leichtes nach China zu gelangen; es geht am besten mit der Eisenbahn ab Lummerland mit Lokführer Lukas. (1) Und am fernen Bahnsteig werden wir von Frau Mahlzahn in Empfang genommen. Die Reise für Chinesen in der umgekehrten Richtung scheint nicht ganz so einfach. Dennoch ist es nicht Wenigen gelungen, die Einladung als Gast der diesjährigen Frankfurter Buchmesse anzunehmen. Andere, die sich auch auf die Reise machen wollten, kamen nicht an; am Heimatbahnhof fuhr der Zug ohne sie ab. In Frankfurt ging es derweil hoch her. Scheinriesen und Feuerdrachen kraftmeierten aufeinander los. Diplomaten und Politiker kamen ins Spiel.

Nun gehöre ich ja immer noch zu jenen Naiven, die glauben, man bräuchte nur die richtigen Bücher lesen, dann wird das gegenseitige Verständnis gefördert und man kommt damit Lösungen für Konflikte näher. Autoren, Bücher und Leser – geht es auf der Messe nicht hauptsächlich darum? Und irgendwie um China.

Selbst des vielschichtigen Themas völlig unkundig, machte ich mich auf die Suche nach Einstiegslektüre und stieß – wars im Börsenblatt oder bei Amazon? – auf die Autorin Luo Lingyuan. Beim Hinschreiben des Namens wird mir bereits wieder zweiflig. Hatte doch erst neulich der in China lebende und für den deutschen Buchpreis (2) nominierte Hesse und Jungautor Stephan Thome in einem Interview die Problematik der chinesischen Namensgebung und -nennung erläutert.

Luo 2Wie dem auch sei. Luo Lingyuan wurde in der Volksrepublik China geboren und absolvierte Ausbildungen zur Computerwissenschaftlerin und zur Journalistin. Nachdem sie in Shanghai Deutsch gelernt, dabei einen deutschen Studenten kennengelernt und geheiratet hatte, kam sie 1990 nach Berlin und erkannte als Erstes, dass es mit ihren real existierenden Sprachkenntnissen nicht weit her war. „Alles klang anders, als ich es gelernt hatte, ich verstand überhaupt nichts.“ Mit 27 fängt sie neu an, kellnert, putzt, arbeitet in einem Kaufhaus und nebenher lernt sie richtig Deutsch. Bald kann sie die Sprache ihrer neuen Heimat lesen und verstehen, wird Reiseführerin und Übersetzerin. Sie beginnt in der  Zweitsprache auch zu schreiben. 2005 erscheint ihr erster Erzählband, 2007 der erste Roman, „Die chinesische Delegation“ (3).

Darin erleben wir, wie die Reiseführerin Song Sanya eine Abordnung der chinesischen Millionenstadt Ningbo durch Europa begleitet. Während wir mit dieser Gruppe die chinesische Sichtweise auf unseren Kontinent kennenlernen, erfahren wir gleichzeitig Interessantes, Komisches und Intimes über die einzelnen Reisenden und damit auch über ihr Heimatland, dessen Denkweisen und Kulturen. Luos Schreibstil ist sehr realistisch und dialogbetont. Glänzend versteht sie es mit wörtlicher Rede dem Leser ihre Eindrücke und Vorstellungen zu vermitteln. Manchmal ist der Ton ironisch; den chinesischen Bilderreichtum von Schilderungen und Vergleichen hat sie übernommen und setzt ihn gekonnt zur Charakterisierung des handelnden Personals ein.

Das neueste Buch der Autorin – „Wie eine Chinesin schwanger wird“ – ist jetzt pünktlich zur Luo BuchFrankfurter Messe erschienen (4). Darin kehrt die chinesische Fotografin Tingyi nach jahrelangem Aufenthalt in Deutschland, gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten Robert, nach China zurück, um den 70. Geburtstag des Vaters zu feiern. Zu ihrem Entsetzen erklärt das Familienoberhaupt im Kreis der Verwandten, ihre vorrangige Aufgabe bestehe nun darin, möglichst bald schwanger zu werden und der Familie ein weiteres Mitglied zu schenken. Ihr deutscher Partner ist begeistert von diesem Plan, aber die Irrungen und Wirrungen von Liebe und Eifersucht, sowie kulturelle Missverständnisse, bringen erst einmal alles durcheinander. Und wir Leser haben auch mit diesem Buch die unterhaltsame Möglichkeit mehr über Land und Menschen zu erfahren, als uns  gängige Reiseführer verraten.

Deshalb: Alle, die wie ich, über China weniger wie nichts wissen, aber darauf bestehen, chinesische Literatur lesen zu wollen: Luo Lingyuan lesen. Nicht der schlechteste Anfang einer Annäherung. Ein nicht ganz unvergnüglicher Weg damit zu beginnen, China etwas näherzukommen.

Ein schönes Buch über Unverständnis für fremde Kultur gab es vor etlichen Jahren ja schon einmal – und das sehr erfolgreich. Damals andersherum, von Ost nach West. Da kam einer nicht nur von  China nach Europa, sondern – kaum steigerungsfähig – ins bierschunklige München. Erschwerend kam hinzu, dass der Held aus fernöstlicher Vergangenheit in eine bayerische Gegenwart voller technischer Wunder und zwischenmenschlicher Formlosigkeit geriet (5). Allerdings kam er nicht nach Frankfurt, so dass wir uns nicht ausmalen können, wie der Zeitreisende auf die diesjährige China-Messe reagiert hätte. Der Belustigungsfaktor des Buches ist hoch, das Werk immer noch sehr lesenswert.

(1) Ende, Michael: Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer. – Stuttgart, Thienemanns, versch. Aufl. und Ausgaben

(2) Thome, Stephan: Grenzgang. Roman. – Frankfurt, Suhrkamp, 2009

(3) Luo, Lingyuan: Die chinesische Delegation. Roman. 2. Auflage. – München, dtv, 2007

(4) Luo, Lingyuan: Wie eine Chinesin schwanger wird. – München, dtv, 2009

(5) Rosendorfer, Herbert: Briefe in die chinesische Vergangenheit. – München, dtv, versch. Aufl.