Poetische Schwarzweiß-Malerei

Isolde Ohlbaum – die Photographin der Dichter

Auf dem Schreibtisch liegt ein Band mit Gedichten von Oskar Pastior. Das vordere Umschlagsbild zeigt den Dichter im Anzug und mit Krawatte. Sichtlich gelöst, ja losgelöst, die Arme ausgebreitet, lächelnd, verschmitzt über die Brille blickend. Er steht vor einer grauen, herbstlich morbiden Kulisse. Ein älterer Mann, der seiner Portraitistin offen gegenübertritt, erwartungsfroh und mit zuversichtlichem Vertrauen in das Gelingen der Abbildung. Die Photographin kann nur Isolde Ohlbaum heißen. In inzwischen mehreren Jahrzehnten sind uns die vielfältigen Grautöne ihrer Bildsprache hundertfach begegnet. Für ungezählte Buchumschläge hat sie die Autoren-Portraits geliefert. Opulente Bildbände liegen von ihr vor. Über Katzen, Blumen, steinerne Engel; Objekte und Subjekte voll unerwarteter Ausstrahlung. Am bekanntesten aber sind ihre Bilder von Autoren und Autorinnen, von Schriftstellerinnen und Dichtern.

Im letzten Jahr erschienen „Bilder des literarischen Lebens. Photographien aus vier Jahrzehnten“ als üppiger Bildband bei Schirmer/Mosel. Hier sind alle versammelt, die vor ihren Kameras standen, saßen oder possierten: Von Herbert Achternbusch bis Carl Zuckmayer, von Ilse Aichinger bis Juli Zeh – literarische Existenzen, Existenzen der Literatur aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und auch unserer Gegenwart. Auf 360 Hochglanz-Seiten wurde nicht geknausert. Jedes Bild hat eine eigene Seite. Graphische und typographische Gestaltung sind von schlichter Perfektion, der Schutzumschlag ein eigenes kleines Kunstwerk. Man braucht beide Hände um das schwere Großformat zu fassen und alle Sinne um zu erfassen, was die Bilder erzählen und ausstrahlen. Dazu Cees Nooteboom, der das Buch mit einem kleinen Essay einleitet: „In diesem Buch hat Isolde Ohlbaum die Lebenden und die Toten versammelt, die sie im Laufe von vierzig Jahren photographiert hat. Eine Gemeinschaft bilden sie deshalb, weil ihnen allen…auf jeden Fall gemeinsam ist, dass sie sich von Zeit zu Zeit von der Welt abwenden, um in Gedichten, Romanen, Essays, Briefen und Tagebüchern von ebendieser Welt und von der Zeit ihres Lebens zu berichten. Dass sie letzteres mit jener gemeinsam haben, die sie – mit Licht schreibend – abgebildet hat, darin besteht das Wunder des Buches.“

Diesen Herbst nun, zur Frankfurter Buchmesse, kam der Band „Auswärtsspiele. Autoren unterwegs“ bei Wallstein heraus. Er fiel dünner und leichter aus, auch preisgünstiger. Die Aufmachung wirkt deshalb etwas sparsam, die letzte gestalterische Sorgfalt kann man durchaus vermissen. Dennoch hat auch dieses Buch seinen ganz eigenen, nicht genug zu schätzenden Wert. Mehrmals begleitete Isolde Ohlbaum die Frühjahrstagungen der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, die alle zwei Jahre im Ausland stattfinden. So finden wir hier Bilder von den Exkursionen nach Budapest, Krakau, Turin, St. Petersburg, Kopenhagen und Czernowitz im Zeitraum von 1998 bis 2008. Dabei gesellen sich zu den deutschen Vertretern immer auch Dichter und Denker der Gastländer. Da sie auch auf den Photos zu sehen sind, jedoch dem deutschen Betrachter nicht unbedingt auf Anhieb bekannt, hätte hier etwas mehr erläuternder Text ganz gut getan. Interessant und spannend sind die spontanen und überraschenden Momente in denen die Bilder entstanden. Die Menschen sind ohne Pose und man bekommt das Gefühl vermittelt, sehr direkt an einem Teil des literarischen Lebens teilzunehmen. Die natürliche Neugier, der leichte Hang zum Voyeurismus, der fast Jedem eigen ist, wird hier bestens befriedigt. So kann man zum Beispiel sehr gut erkennen, wer sich mit wem besonders intensiv unterhält, welche Gruppen sich bei Spaziergängen bilden, wer lieber für sich bleibt.

Im Vorwort schreibt Wilhelm Genazino: „Ich kenne keinen Fotografen und keine Fotografin, die so nahtlos und ohne Rest mit ihrer Profession verwachsen ist wie Isolde Ohlbaum.“ Sie wurde in Bayern geboren, ihre Familie stammt aus dem Sudetenland. Mit zwölf Jahren bekam sie ihre erste Kamera von den Eltern geschenkt, die Berufswahl war damit bereits entschieden. Ihren Bildern ist anzumerken, dass sie eine Beziehung zum Gegenüber aufbaut. Sie bildet immer eine Persönlichkeit ab, kein reines Objekt. „Ich muss nicht jemanden in die Enge treiben, bis zur Erschöpfung jagen, um zu einem guten Foto zu kommen. Viele sagen, man würde es gar nicht merken, wenn ich fotografiere,“ sagte sie in einem Interview.

Mein Lieblingsbild in „Auswärtsspiele“ findet man auf Seite 131: Herta Müller, gelöst und entspannt lächelnd, wie man sie in der Öffentlichkeit selten erlebt, versucht dem wissend duldenden Oskar Pastior eine frisch gepflückte Blume ins kräftige graue Haar zu stecken. Die Szene spielt sich in der Nähe Kopenhagens ab, auf einem Steg über Wasser, vermutlich der Ostsee.

Es gibt auch einen literarischen Wochenkalender von Isolde Ohlbaum. Der Jahrgang 2010 ist auf dem Markt. Hier sind es keine Autorenbilder, sondern Photographien von Lesenden in verschiedensten Situationen, ergänzt um Zitate der Weltliteratur, die sich mit Lesen und Büchern beschäftigen. Leider haben die farbigen Bilder nicht die gleiche Intensität wie jene gewohnten, die in der von Ohlbaum meist verwendeten und perfektionierten schwarzweißen Bildsprache entstanden sind.

Dieser Blog-Beitrag wird diesmal ganz ohne Abbildung auskommen, als reine Text-Wüste gleichsam. Was mir an Material zur Verfügung stand oder was ich selbst produziert habe, ist im Zusammenhang mit dem hier behandelten Thema und der vorgestellten Künstlerin, nicht verwendbar, nicht zumutbar.

Dem zweimal erwähnten Oskar Pastior wird man in Kürze in diesem Blog erneut begegnen können.

Ohlbaum, Isolde: Bilder des literarischen Lebens. Photographien aus vier Jahrzehnten. – Schirmer/Mosel, 2008. Euro 68.–.

Ohlbaum, Isolde: Auswärtsspiele. Autoren unterwegs. – Wallstein, 2009. Euro 24,90.