Oskar Pastior (1927 – 2006)

„Ich sitze stumm und kraule / das Kleinhirn zwecks Belebung / die Sprache zwecks Bestrebung“

„Natürlich weiß ich nie, wann ein Projekt beginnt. Das ist das Aufregende: erst wenn es begonnen hat (nach 3, 4, 7, 8 Anläufen oder Würfen) hat es gegriffen, so genau kennt man den Zeitpunkt nie.“

Aber wir kennen zumindest diesen Zeitpunkt: Am 20.  Oktober 1927 kam Oskar Pastior in Hermannstadt (Sibiu) als Angehöriger der deutschen Minderheit in Rumänien zur Welt. Und bei allem, was wir heute über den Menschen und sein Werk wissen und nicht wissen, ist zu vermuten, dass er schon als Dichter geboren wurde. „Als könnte Sprache indem sie mich erfindet, dem ‚Wort vor dem Ding vor dem Wort vor dem Ding vor dem Wort’, usw., auf die Spur kommen.“

Der Vater war Zeichenlehrer, das Elternhaus kulturell inspiriert und vergleichsweise aufgeschlossen, die Umgebung seiner Kindheit und Jugend deutsch. Deutsche Sprache, Kirche und Schule, deutsche Bücher. Von 1938 bis 1944 besuchte er das Gymnasium in der Heimatstadt. Wie für viele Menschen nahm sein Leben durch den Zweiten Weltkrieg eine entscheidende Wende, mit Ereignissen und Erlebnissen, die für immer nachwirkten und die zu prägenden Traumatisierungen führten.

Gegen Kriegsende wurden Rumäniendeutsche in die damalige UdSSR deportiert. Sie sollten sich am „Wiederaufbau der Sowjetunion“ beteiligen und damit ihre „Kriegsschuld“ abtragen. Oskar Pastior traf es bereits im Januar 1945. Da ist er 17 Jahre alt. Fünf Jahre wird er in sowjetischen Arbeitslagern verbringen. Er wusste nicht, ob er wieder aus dem Lager herauskommen würde. Doch die Großmutter hatte ihm zum Abschied gesagt: „Ich weiß, du kommst wieder.“ Dieser Satz habe ihn am Leben erhalten, wird er später Herta Müller erzählen. Auch Bücher, die er mitgenommen hatte, gaben ihm Halt und Kraft um Hunger und Demütigungen zu überstehen. Darin gelesen werden konnte nicht, man musste sie verstecken, der Besitz von Papier war verboten.

Nach seiner Rückkehr schlug er sich zunächst als Kistennagler und Bautechiker durch, leistete Militärdienst. „Ansonsten erkläre ich hiermit, dass ich im Nageln von Butterkisten weniger gut bin als im Nageln von Auberginenkisten, bei denen ich es einmal auf 800 Nägel die Stunde gebracht habe. Es lebe die Auberginenkiste, sie ist eine Naturschönheit.“ So steht es in einer biographischen Skizze aus den 70er Jahren.

1953 konnte er endlich Abitur machen und 1955 mit dem Germanistik-Studium in Bukarest beginnen, das er 1960 mit dem Staatsexamen abschloss. Die folgenden Jahre arbeitete er bei einem deutschsprachigen Rundfunkprogramm in der rumänischen Hauptstadt. 1964 erschien der Lyrikband „Offene Worte“, zwei Jahre später „Gedichte“. Erste Auszeichnungen folgten.

1968 nutzte Oskar Pastior einen Studienaufenthalt in Wien zur Flucht in die Bundesrepublik Deutschland, über München kam er nach Berlin, wo er ab 1969 als freier Schriftsteller lebte. Noch im selben Jahr erschien mit „Vom Sichersten ins Tausendste“ eine erste Gedichtsammlung in Deutschland. Wenig später mit „Kopfnuss und Januskopf“ ein Titel der andeutete, was die Leser bei diesem Autor erwartet. Von vielen Begriffen auch die Kehrseite, von vielen Reimen auch der Kehrreim. Er war ein Wortspieler und Buchstaben-Jongleur, er wirbelte Sprache durcheinander, gewann ihr spielerische Elemente ab. Die FAZ bezeichnete ihn als „einen der legitimen Nachfahren von Dada“. Doch das trifft nur ungenau. Zu komplex sind die Inhalte und Themen, zu vielfältig die Chiffren, Verweise und Anspielungen. Es ging nicht einfach um neue Formen oder scheinbare Form-Auflösungen. Nicht um Originalität mit aller Macht, aber auch nicht um eine Kapitulation vor der Allmacht von Sprache. Oskar Pastior war im besten und vieldeutigsten Sinne ein Sprach-Beherrscher.

In den neunziger Jahren war der Schriftsteller Gastdozent in Kassel und Frankfurt. Seine Frankfurter Poetik-Lesungen wurden bei Suhrkamp unter dem Titel „Das Unding an sich“ veröffentlicht. Sie bieten mögliche Erklärungen und Interpretationen – einige von vielen denkbaren – für die programmatische Programmlosigkeit, für die Dauerversuche an Wort, Satz und Vers. Jörg Drews nannte Pastior einen „lingualen Neutöner“. Es entstanden Experimente mit Stilformen wie Anagramm, Sonett und Sestine, eine aus dem italienischen übernommene Gedichtform der Troubadoure mit sechszeiligen Strophen:

„voilà une sixtine francaise-anglaise:

this is an english-german sestina:

oh eine deutsch-rumänische sestine:

iata si sextina romino-ruseasca:

äto – russo-italjanskaja sestina:

eccola una sestina italian-italiana:”

(Liebe Rumänen, Rumäniendeutsche, Kenner des Rumänischen: Zu gerne hätte ich die vierte Zeile obiger Gedicht-Strophe mit den notwendigen Akzenten ausgerüstet, doch die mir zur Verfügung stehenden Zeichensätze waren darauf nicht vorbereitet. J. H.)

Was ihm an sprachlichem Material zur Verfügung stand, aus welchen Brunnen er schöpfen konnte, schilderte Oskar Pastior in einer der Frankfurter Vorlesungen: „…die siebenbürgisch-sächsische Mundart der Großeltern; das leicht archaische Neuhochdeutsch der Eltern; das Rumänisch der Straße und der Behörden; ein bissel Ungarisch; primitives Lagerrussisch; Reste von Schullatein, Pharmagriechisch, Uni-Mittel- und Althochdeutsch; angelesenes Französisch, Englisch.“

Im Jahr 2004 besuchte Oskar Pastior zusammen mit Herta Müller die ehemaligen Arbeitslager in der heutigen Ukraine. Die Schriftstellerin plante eine Roman-Biographie über das Schicksal eines deportierten Rumäniendeutschen. Das Erlebte des Kollegen Pastior sollte als Grundlage dafür dienen. Dieser unterstützte das Vorhaben, erzählte Herta Müller viele Einzelheiten aus Lagerzeit und –leben. Er ist für sie einer der wenigen brauchbaren Zeugen und Quellen, „weil seine Erinnerung aus Winzigkeiten besteht, aus Details. Und genau das ist der Stoff für Literatur.“ Sie wollten das Buch gemeinsam schreiben, formulierten Sätze, die aus langen Gesprächen entstanden, arbeiteten zusammen an den einzelnen Kapiteln. Oskar hat alles mit einer mechanischen Schreibmaschine getippt und sich über die ständigen Änderungswünsche von Herta geärgert. „Ich wusste nicht, dass Prosa so schwer ist.“

Am 4. Oktober 2006, mitten in den Arbeiten am entstehenden Buch, starb der Mitverfasser Oskar Pastior überraschend. Zwei Wochen vor Verleihung des Büchnerpreises der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung; er war gerade in Frankfurt eingetroffen, um die Buchmesse zu besuchen.

„Doch wer, wenn der Schnee schmilzt,

wird dort finden, was übrigblieb von uns beiden,

und den rissigen Findelstein

aufnehmen bei sich?“

Seine Stimme lebt in den Hörbüchern fort, die er selbst eingesprochen hat. Sie stellen ein ideales Medium für die vielfarbigen, ausdrucksstarken Sprachwerke eines einmaligen Dichters dar. Der österreichische Kollege Ernst Jandl brachte es auf den Punkt als er ihm folgenden Vers widmete: „oskar passt zu pastior / pastior paßt zu oskar“. Die schwerste Zeit seines Lebens, die Jahre größter Not und Verelendung, sind aufgehoben in dem Roman „Atemschaukel“ von Herta Müller. „Ich wollte eine Beschädigung deutlich machen, und ich musste Situationen zeigen, die das Trauma verursacht haben.“ Im Dezember wird Herta Müller in Stockholm den Nobelpreis für Literatur entgegennehmen. Oskar Pastior wird sie begleiten.

Pastior, Oskar: durch – und zurück. Gedichte. Mit einem Nachwort von Michael Lentz. – Fischer Taschenbuch Verlag, 2007. Euro 9.95

Pastior, Oskar: Das Unding an sich. Frankfurter Vorlesungen. – Suhrkamp, 2006. Euro 7,50

Bei Hanser ist in den letzten Jahren eine vierbändige Werkausgabe erschienen.

Müller, Herta: Atemschaukel. Roman. – Hanser, 2009. Euro 19,90

Ein Kommentar zu “Oskar Pastior (1927 – 2006)

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