Geschichten aus Oberschwaben

„Sumerwunne

so du dine liehten tage erglenzen wilt

was kan in der welte danne hügelicher sin

und diu sunne

dringet liehtem meien dur den grüenen schilt“

(Frühlingswonne,

die uns den Glanz der lichten Tage schenkt,

was kann in dieser Welt denn schöner sein,

wenn Sonne

strahlend durch des Maien Grünen dringt.)

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„Dennoch gibt es flüchtige Bilder von Heimat: den nachtblauen Sternenhimmel, die trägen Wintertage in der hinteren Stube, das Dämmerlicht draußen, wenn stundenlanges Schneegeflimmer die Grenze zwischen den Gärten, Dächern und dem Himmel auflöste, die Apfelkisten im oberen Flur, die Flaschen mit dem selbstgemachten Johannisbeersaft in den wackeligen Kellerregalen, die Eisblumen am morgendlichen Abortfenster, die Krokusse und Narzissen im Frühlingsgarten, die Sommerlichen Kletterrosen, der tägliche Krach der Düsenjäger…“

Etwa 750 Jahre trennen diese beiden Texte. Der erste stammt von Schenk Ulrich von Schmalegg-Winterstetten, der um 1225 in der Nähe von Ravensburg geboren wurde. Die Sätze des zweiten stehen in dem 1998 erschienen Roman „Ins Offene“, den Karlheinz Ott geschrieben hat. Ott wurde 1957 in Ehingen geboren und gehört inzwischen zu den etablierten deutschen Schriftstellern der mittleren Generation. Zu finden sind beide Zitate in der Anthologie „Geschichten aus Oberschwaben“, die in diesem Herbst bei Klöpfer und Meyer erschienen ist. Die Auswahl erstellt und den Band herausgegeben haben der langjährige Leiter des Kulturamtes des Bodenseekreises, Elmar L. Kuhn und der aus Waldburg stammende Literaturwissenschaftler und Autor Peter Renz. In einer weit gespannten Auswahl versammelt der Band Gedichte, Auszüge aus Erzählungen und Romanen, Erinnerungen, Aufsätzen und Vorträgen.

Oberschwaben war und ist sicher keine traditionell literarische Landschaft. Minnesänger zog es in weinseligere Gegenden, kritisch-kreative Geister suchten oft früh den Weg in die Großstadt. Erst im Laufe des 20. Jahrhundert hat sich die Situation zwischen Donau und Bodensee verändert. Es waren eigenwillige, mutige Frauen, die mit ihren Arbeiten ein Publikum fanden, bald auch über die Region hinaus. Die drei Marien, Maria Beig, Maria Menz und Maria Müller-Gögler, sind bis heute fester Bestandteil eines eher bescheidenen literarischen Kanons der hügeligen Gegend.

Einer der bedeutensten bundesdeutschen Großschriftsteller hatte nach Lehr- und Wanderjahren den Weg zurück zum springenden Brunnen gefunden und sich am See niedergelassen. Martin Walser hat viel getan für die oberschwäbische Literatur und ihre Repräsentanten. Er hat unterstützt und gefördert, geholfen und gelobt, wo er konnte. Walser schreibt vom „hiesigen Ton“: „Der Ton ist fest. Immer durchwachsen. Mühelos feierlich, absichtslos ernst.“ So wie jener der Maria Menz, die meist im Dialekt schrieb, der religiösen Mystik zuneigte und von der ein Gedicht auf den Text von Walser folgt. Walser und Menz waren sich über lange Jahre in Erfurcht von ihrer und Respekt von seiner Seite, auf eine besondere Weise und in aller Gegensätzlichkeit und Distanz verbunden.

Hermann Hesse schildert einen Aufenthalt in Ulm, Siegfried Landauer seine Jugend in Riedlingen, Golo Mann schwärmt vom Salemer Tal. Viele der Autoren und Autorinnen waren nur kurz in Oberschwaben zu Hause oder schreiben lediglich darüber. So staunt man nicht schlecht, dass da auch ein Johannes R. Becher auftaucht, ehemaliger Kulturminister und amtlicher Großschriftsteller der DDR. Im informativen Anhang, der biographische Abrisse zu allen vertretenen Persönlichkeiten bietet, erfährt man, dass der in München geborene, nicht nur den Text zur DDR-Hymne verfasst, sondern auch ein „Lob des Schwabenlandes“ geschrieben hat. „Mein Städtchen du im Donautal – Es war ein Glückverwehen – Es war einmal…Ein Totenmal – Sah ich beim Wiedersehen.“ Der Sammelband und auch wir halten das aus. Wir trösten uns mit dem Satiriker Dr. Owlglass, dem deftigen barocken Sebastian Sailer und dem Biberacher Klassiker Christoph Martin Wieland.

Der letzte Teil des Buches ist mit „Arbeiten, denken und beten“ überschrieben. Möglicherweise die aktuelle oberschwäbische Prioritätenliste. Bis vor wenigen Jahrzehnten musste den meisten Menschen Beten und Arbeiten genügen. Mehr oder weniger behütet von fürstlicher und kirchlicher Obrigkeit, die sich heute schwer damit tut, dass sich die Verhältnisse und Prioritäten – auch in Oberschwaben – verschoben haben.

Das Literarische Forum Oberschwaben hat über viele Jahre den Dichtern und Schriftstellern in loser Bindung Podium und Austausch geboten. Seit einigen Jahren unterstützt auch die Gesellschaft Oberschwaben Literatur und Autoren. In seinem Vorwort zum Buch skizziert Peter Renz, die literaturgeschichtliche Entwicklung bis in die Gegenwart. Im Nachwort macht uns Elmar L. Kuhn mit den historisch-politischen Gegebenheiten vertraut.

Kuhn, Elmar L.; Renz, Peter (Hrsg.): Geschichten aus Oberschwaben. – Klöpfer und Meyer, 2009. Euro 22,90