Betrachtungen eines Unpolitischen

Thomas Manns „Betrachtungen“ und ihre Betrachter

„Die Kultur der Vergangenheit kann man nur durch ein streng historisches Herangehen verstehen, nur dann, wenn man sie mit dem ihr entsprechenden Maße misst. Einen einheitlichen Maßstab, dem man alle Zivilisationen und Epochen unterordnen könnte, gibt es nicht, da kein Mensch existiert, der in allen Epochen der gleiche ist.“ (1)

Im Rahmen der „Großen kommentierten Frankfurter Ausgabe“ der Werke Thomas Manns sind jetzt die „Betrachtungen eines Unpolitischen“ erschienen. Zusammen mit dem Kommentarband, für den der Germanist und Thomas-Mann-Spezialist Hermann Kurzke verantwortlich zeichnet.

Die „Betrachtungen“ sind ein Werk über das viel gesprochen und diskutiert, in dem viel herumgelesen wurde und wird, das aber nur Wenige vollständig gelesen haben. Macht nichts. Wichtig ist, zu wissen, dass dieses Buch, wie kein anderes Thomas Manns, vielfach missverstanden wurde, dass die meisten Zu- und Einordnungen Polemik und Vorurteil sind, Haltungen, Formeln, die sich verselbständigt haben. Denn es wurde eigentlich nicht für ein Leser-Publikum geschrieben. Der Autor schrieb sie in erster Linie für sich. Er zog eine Zwischenbilanz seiner bisherigen Laufbahn und verabschiedete das bürgerliche Zeitalter. Machte sich frei für ein neues Denken und einen neuen Weg als Künstler und Bürger einer veränderten Welt.

Erstaunlich, dass gerade dieses Werk immer noch so sehr interessiert und zu Diskussionen und Besprechungen reichlich Anlass liefert. Wie es jetzt wieder nach dem Erscheinen der neuen kritischen Ausgabe beobachtet werden kann. Etwa am Beispiel einer ausführlichen Rezension in der alternativ-liberalen TAGESZEITUNG (taz), verfasst von Michael Rutschky und erschienen in der Ausgabe vom 4. Januar. Hier steht, womit fest zu rechnen war. Rutschky erörtert ausführlich den Bruderzwist und Thomas Manns konfliktreiche Auseinandersetzungen mit Wesen und Art deutscher Nation, Kultur, insbesondere Sprache und Literatur.

Es ist kein unfreundlicher Artikel, aber auch einer der verbreitete Fehleinschätzungen nicht zu vermeiden versteht. „Was den Leser auf die Dauer am Grübeln des Unpolitischen abstößt“, schreibt Rutschky in einer Art Resümee, „das ist…der perfomatorische Selbstwiderspruch.“ Rutschky zieht Parallelen zu Günter Grass, die völlig deplaziert sind und weder Mann noch Grass gerecht werden und kommt schließlich bei der Feststellung an: „Thomas Mann träumte sich seinerzeit ein Deutschland als literarische Erfindung gegen den Rest der Welt zusammen. Das Äquivalent heute ist Peter Handkes Jugoslawien.“

Ja, hätte es nur damals schon die TAZ gegeben und hätte Thomas Mann sie gelesen!

Rutschky nennt Hermann Kurzke als maßgeblichen Interpreten der „Betrachtungen“ und lobt dessen Kommentarband. Doch wirklich auseinandergesetzt hat er sich mit dessen Erkenntnissen nicht, denn Rutschky übersieht, dass es eben Kurzke war, der uns in den letzten Jahren eine ganz andere Sichtweise auf die „Betrachtungen“ nahe gelegt hat.

Der, wie sein Gegenstand stets ironische, und damit auch die nötige Distanz wahrende, oft feinsinnig spöttelnde Hermann Kurzke, hat wesentlich zu frischer Lesart und neuer Interpretation der „Betrachtungen“ beigetragen und damit Maßstäbe gesetzt, die zu berücksichtigen sind, wenn man sich mit diesem Werk heute auseinandersetzt. Nachlesen konnte man das schon seit Jahren in seiner Thomas-Mann-Biographie (2), bestätigt und bekräftigt hat er es u. a. in launischem Referat auf der Herbst-Tagung der Deutschen Thomas-Mann-Gesellschaft 2008 in Weimar.

Die „Betrachtungen“ sind hier vor allem eine demonstrative und nach außen gerichtete Gegenposition zum Bruder, der Konflikt zwischen den Geschwistern schwelte in der Zeit der Niederschrift auf seinem Höhepunkt. Außerdem dürfen Form und Zielrichtung nicht verwechselt werden: „Dass der rhetorische Gestus der Betrachtungen der des Bekenntnis ist, davon darf man sich nicht irritieren lassen; es ist eben nur der rhetorische Gestus.“ (2). Das heißt, dass Mann in den Betrachtungen bewusst zelebriert. Die ganze Wahrheit steht nur in den Tagebüchern und kam erst nach dem Tod des Autors an die Öffentlichkeit. War es also Absicht, wie Kurzke vermutet, dass er die Tagebücher der Jahre 1918 – 1921 nicht wie andere frühe Jahrgänge verbrannte?

Schwierigkeiten: Im März 1918 hatte Thomas Mann die Arbeit am Manuskript abgeschlossen. Der Termin für den Druck war noch unklar, da es … durch den 1. Weltkrieg Probleme mit der Papierzuteilung gab. Erst am 11. November schwiegen nach über vier Jahren Krieg in Europa die Waffen.

Die „Betrachtungen“ sind auch „ein Experimentieren mit verschiedenen Positionen. Die Monarchie, die Sozialdemokratie, die Räterepublik, der Kommunismus und allerlei radikalkonservative Bestrebungen: wir finden Äußerungen für und wider alles.“ (2)

Natürlich war Thomas Mann ein Konservativer, er entstammte dem Patriziat einer ständisch verfassten Stadt-Republik, die Teil eines monarchistischen Staatswesens war. Konservative sind zunächst einmal loyal gegenüber den herrschenden Verhältnissen. Doch mit der Morgen-Dämmerung einer faschistischen Herrschaft hatte diese Loyalität für Thomas Mann ein Ende. Er war sich über die Konsequenzen für alle Konservativen, vor allem aber für alle Künstler, und er definierte ja jede Form von Außenseitertum als Künstlertum, schon früh im Klaren. Er erkannte die „Barbaren“ bereits, während weite Kreise, auch und gerade deutscher Intellektueller, noch große Hoffnungen in die neuen Herren setzten.

Seine „Betrachtungen“, die schließlich im Oktober 1918 in einer Auflage von 6000 Exemplaren erscheinen konnten, halfen ihm die großen Zeitströmungen und Konflikte seiner Generation zu verstehen, so wurde er urteilsfähig für das was Ende der 20er-Jahre als die Zukunft Deutschlands sichtbar wurde.

Lebensumstände: Im Sommer 1918 hält sich die Familie in ländlicher Abgeschiedenheit in der Nähe des oberbayerischen Tegernsees auf. „Wie erwartet war die Reise höllisch“, schreibt er an Ernst Bertram. Der Alltag ist von Geldentwertung und Verpflegungsschwierigkeiten geprägt. „Ich ernähre mich vorwiegend von Honig.“ (Brief an Paul Amann) Frühjahr 1919: Revolution in München. Ermordung des bayerischen Ministerpräsidenten Kurt Eisner und Einsetzung einer Räteregierung. Verschonung der Villa der Familie Mann in München-Bogenhausen vor Plünderung dank Ernst Toller.

Wenn man über die Betrachtungen schreibt, muss auch der Begriff des Opportunismus eine Rolle spielen. Denn diesem hat sich der Autor immer entzogen und in seinen „Betrachtungen“ vergewissert er sich dieser Haltung. Sie sind deshalb auch Pamphlet gegen alle Mitmacher und Mitlacher, Mitschwätzer und Mitläufer, gegen alle Ja-Sager und Nach-Sager.

Wie der Schriftsteller Thomas Mann verweigern auch die meisten seiner Hauptfiguren das Anpassen aus Zugehörigkeits-Verlangen. Tonio Kröger und Felix Krull, sein Erwählter und sein Adrian Leverkühn, ja bereits der kleine Hanno Buddenbrook zu Beginn des 20. Jahrhunderts, sind Anti-Opportunisten, Non-Konformisten – Künstler! Sie bezahlen dafür einen hohen Preis. Sie stehen einsam unter Blauäugigen, um sie ist faustische Kälte. Unter diesem Aspekt sollte man die Betrachtungen unbedingt auch sehen und man sollte auf eine Einordnung in politische Block-Klischees verzichten. Am allerwenigsten ist es möglich Begriffe und Definitionen unserer Gegenwart oder jüngsten Vergangenheit zu verwenden. Die 68er-Maßstäbe und Post-68er-Erfahrungen des Michael Rutschky taugen dafür ganz gewiss wenig.

„Die menschliche Gesellschaft befindet sich in einer ständigen Bewegung, Veränderung und Entwicklung, und in verschiedenen Epochen sowie unterschiedlichen Kulturen erfassen und erkennen die Menschen die Welt auf ihre Art.“ (1)

Thomas Mann: Grosse Kommentierte Frankfurter Ausgabe / Betrachtungen eines Unpolitischen. Text und Kommentar in einer Kassette. Hrsg. von Hermann Kurke. – Frankfurt am Main, 2009

(1)   Gurjewitsch, Aaron J.: Das Weltbild des mittelalterlichen Menschen. – Dresden, 1978 (hier zitiert: 5. Auflage. München, 1997)

(2)   Kurzke, Hermann: Thomas Mann. Das Leben als Kunstwerk. Eine Biographie. – München, 1999


3 Kommentare zu “Betrachtungen eines Unpolitischen

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  2. Ergänzung: 1999 wurde Katharina Rutschky mit dem Heinrich-Mann-Preis für Essayistik ausgezeichnet, womit sich der Kreis zu Thomas Manns „Betrachtungen“ und seinem Bruderzwist sowie der Blog-Abhandlung wieder schließt.

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  3. Kurze Nebenbemerkung zu diesem klugen Beitrag, dessen inhaltliche Ausrichtung durch die formale Klammer der beiden Gurjewitsch-Zitate am Anfang und am Ende trefflich vorgegeben ist: Am 14.01.2010 ist Katharina Rutschky, die Frau des taz-Rezensenten Michael Rutschky, gestorben. Dem Kommentator ist diese linke, durchaus umstrittene, Publizistin bekannt geworden als Herausgeberin der „Schwarzen Pädagogik“ 1977 bzw. deren Aufgreifen durch Alice Miller in ihrem wichtigen Werk „Am Anfang war Erziehung“, Erstauflage 1980. Darin macht Miller klar, dass die langen Schatten des von K. Rutschky in ihrer Quellensammlung pädagogischer Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts belegten Prinzips der Demütigung von Kindern noch bis zum Ende des 20. Jahrhunderts reichen.

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