„Mein Jenseits“ von Martin Walser

Das Scheitern des Augustin Feinlein

Jetzt versucht Martin Walser ernsthaft „seinem“ Schiller in Sachen Zitierfähigkeit und -häufigkeit Konkurrenz zu machen. „Mein Jenseits“, das neue kleine Werk, ist prall gefüllt mit Sätzen und Passagen, die bestens zum dauerhaft und vielseitig verwendbaren Aphorismus taugen. Hier ist eine Rangliste der besten Sieben:

Platz 7: Jeder muss, um seine Strafe zu ertragen, ein bisschen strenger strafen, als er gestraft worden ist.

Platz 6: Ich bin froh, dass ich etwas nachzuschlagen habe. Hoffentlich brauch ich lange, bis ich es finde.

Platz 5: Das Jenseits muss schön sein. Sonst kannst du es gleich vergessen.

Platz 4: Die Welt entspricht dir nicht, aber du sollst ihr entsprechen.

Platz 3: Ich ging immer an einer Wand entlang, die würde aufhören, dann begänne das Leben, die volle Berührung. Das war ein Irrtum. Diese Wand war das Leben.

Platz 2: Von allen Menschen gleich weit weg, dann bist du am richtigen Ort.

Platz 1: In die Irre gehen. Wissend. Nichts gewöhnlicher als das.

Um es gleich zu sagen: Es ist ein schönes Buch und es ist eine schöne Geschichte. Verheißungsvoll bereits der Auftakt. Eine kleine Abhandlung über das Komischwerden und die damit verbundenen menschlichen „Mödelen“ (Eigenheiten, Skurrilitäten) von älteren Menschen im Oberschwäbischen. „Südlich der Donau sagt man zum Beispiel: Der und der wird auch allmählich komisch. Das merken alle, wissen alle, nur der, der allmählich komisch wird, merkt es nicht.“ Augustin Feinlein, Chefarzt eines Psychiatrischen Landeskrankenhauses, ahnt, dass auch ihn dieses Schicksal ereilen könnte, ja, kann nicht ausschließen, dass es ihn schon eingeholt hat. Er weiß was Älterwerden bedeutet, deshalb hat er an seinem 63. mit dem Zählen der Geburtstage aufgehört. Zudem wird ihm immer mehr klar, dass er im beruflichen Alltag zum Störfaktor geworden, dass die Zeit über ihn hinweg gegangen ist.

Deshalb fliegt er seit einigen Jahren gerne einmal zwischendurch für zwei, drei Tage nach Rom um sich in der Basilika San Agostino, in das Caravaggio-Bild „Madonna dei Pelligrini“ zu versenken. Auch in seiner Heimat hält er sich sehr gerne „immer wieder ohne Anlass im Kirchendämmer“ auf und lässt „die Zeit vergehen“. Das sind kleine Fluchten um das „klinische Quältheater“ zu unterbrechen. Dämmrig, wie die Kirchenräume, sind auch die Zimmer des immer gleichen Hotels, in dem er in Rom wohnt. „Man kann nicht lesen in diesem Hotel … Das ist so befriedigend. Du darfst dich mit dir selber beschäftigen.“ Damit hat Feinlein mehr als genug zu tun. Nebenbei resümiert und reflektiert er einige wesentliche Kapitel süddeutscher Kirchen- und Klöstergeschichte und beschäftigt sich mit der Reliquien-Seeligkeit des oberschwäbischen Katholizismus. Zudem zeigt sich, dass die Liebe seines Lebens, die bisher unerfüllt blieb, dies wohl endgültig bleiben wird.

Lebensgeschichte ist Glaubensgeschichte macht Walser deutlich. Und auch nicht zu glauben, kann eine persönliche Glaubensgeschichte sein. Zwischen glauben und nicht glauben ist nicht viel Platz, lediglich für ein paar Zweifel. Martin Walser setzt  auf die künstlerischen Schöpfungsakte der Musik und der Kunst als lebendigste, oft genug überwältigende menschliche Glaubenszeugnisse. Die Lebensgeschichte eines Menschen handelt immer auch von vergebenen Möglichkeiten, falsch gewählten Alternativen. Diesen trauert Feinlein im fortschreitenden Alter nach, dazu der verlorenen Geliebten, den nicht genutzten Chancen anderer beruflicher Weichenstellungen. Jetzt wünscht er sich „bloß keine Kreuzung mehr. Keine So-oder-so mehr.“ Doch im sechsten Kapitel nimmt die Erzählung für unseren in Liebe und Beruf gescheiterten Protagonisten noch einmal eine kleine, fast dramatische Wende. Dass dieses Buch am Ende jedoch sieben Kapitel haben muss, versteht sich fast von selbst.

Wie man hört, haben wir es mit dem Präludium zum nächsten großen Roman des 82-jährigen Schriftstellers, der im nächsten Jahr erscheinen wird, zu tun. Dort wird uns Prof. Dr. Dr. Feinlein erneut begegnen. Wir Leser freuen uns auf weitere Details aus dem Leben dieses neuen Walser-Helden.

Wie schon vor einiger Zeit bei Lenz, wird auch mit „Mein Jenseits“ eine etwas längere Kurzgeschichte in Apotheker-Manier und dank eines renommierten Autoren-Namen, überteuert an Mann und Frau gebracht. Immerhin ist dieses Buch sorgfältig gedruckt und geschmackvoll ausgestattet. Mit schwarzem Vorsatz und weinrotem Einband. Dazu ein Schutzumschlag, der ein Foto des Autors mit Bodensee im Hintergrund und auf dem Titel eine Abbildung von Anselm Kiefers „Sappho“ zeigt. Martin Walser hat auch nicht die Mühe gescheut, das Werk als Hörbuch einzulesen. Am 9. Februar liest er außerdem im Literaturhaus Frankfurt und am 23. Februar – auf Einladung von Osiander – in Tübingen aus seinem neuen Buch.

Walser, Martin: Mein Jenseits. Novelle. – Berlin University Press, 2010. – Euro 19,90

4 Kommentare zu “„Mein Jenseits“ von Martin Walser

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  3. Wow, sehr gut g(b)eschrieben! Dem allem kann ich nur zustimmen.
    Ich frage mich allerdings die ganze Zeit, ob es in dieser Novelle wirklich hauptsächlich um das Thema des Gottes-Glaubens geht. Klar, das wird jetzt überall, und teilweise sehr vereinfachend, so interpetiert. Aber ein kleiner Hinweis auf dem Buchrücken könnte auch etwas ganz Anderes meinen: „In diesem Buch überschreitet die Sprache ihre allseits praktizierte Vernünftigkeit. Sie vollbringt Glaubensleistungen. Und wird schön dadurch.“. Walser als „Sprach-Gläubiger“? Könnte mir auch gefallen, denn manchmal scheint es mir, als würde sich die Sprache in dieser Novelle fast verselbständigen, über sich hinauswachsen. Manche Passagen erinnern mich eher an Gedichte oder an Musik.-

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