Sophie Scholl: + 22. Februar 1943

„Hitler kann den Krieg nicht gewinnen, nur noch verlängern. Seine und seiner Helfer Schuld hat jedes Mass unendlich überschritten.“

„Sophie Scholl, war eine deutsche Widerstandskämpferin gegen die Diktatur des Nationalsozialismus.“ So steht es in der Online-Enzyklopädie Wikipedia. Eine Formulierung die alles andere als zutreffend, eigentlich barer Unsinn ist. Man könnte meinen, Widerstand zu leisten, sei ihre Hauptbeschäftigung gewesen. Diese Vorstellung ist falsch.

Sophie Scholl war eine junge Frau wie viele andere, eine ganz normale Studentin, ein junger Mensch aus bildungs-bürgerlichem Elternhaus, von der Mutter christlich, vom Vater liberal geprägt, auf der Suche nach dem eigenen Weg. Eine junge Frau mit Geschwistern, Freunden, viel Freude am Leben, intelligent, neugierig, nachdenklich, kritisch. Sie erkannte das Unrecht und tat dagegen, was in ihrer bescheidenen Macht stand. Sie gehörte, wie ihr Bruder Hans, zu einer Gruppierung, die sich „Weiße Rose“ nannte und hauptsächlich aus Münchener Studenten und Studentinnen bestand. Den Weg des Widerstands gegen die Nazi-Diktatur und ihre verheerenden Folgen ging Sophie Scholl – nach jungendlichen Umwegen – konsequent, wenig zweifelnd, sich möglicher Folgen bewusst.

Von Barbara Beuys ist vor Kurzem eine neue Biographie Sophie Scholls erschienen. Eine ausführliche Darstellung dieses kurzen Lebens, die weit ausholt und zunächst einige Kapitel der Herkunft, dem Elternhaus, den Großeltern, widmet. Auch die geschichtliche Entwicklung vom Ersten Weltkrieg zur Hitler-Diktatur wird kenntnisreich und detailiert ausgebreitet. In manchen Passagen ist die Autorin vielleicht schon zu weitschweifig, in den familiären Berichten fast etwas geschwätzig.

Die Historikerin Beuys hat bereits eine ganze Reihe Biographien verfasst, u. a. über Paula Modersohn-Becker und Hildegard von Bingen. Dem Werk über Sophie Scholl liegen neben den bekannten, vielfach verwendeten Quellen, erstmals Dokumente zugrunde, die Sophies ältere Schwester Inge gesammelt hat und die heute im Münchener Institut für Zeitgeschichte aufbewahrt werden. Beuys schildert einerseits sehr präzise, macht aber auf der anderen Seite nicht immer deutlich, welche Quellen wozu genau herangezogen wurden.

Der Band enthält zahlreiche Fotografien, zum Teil bekannte Motive, teilweise auch neue oder weniger bekannte Bilder. Trotz einiger Schwächen, lohnt sich die Lektüre dieser Biographie.

„Es gilt den Kampf jedes einzelnen von uns um unsere Zukunft, unsere Freiheit und Ehre in einem seiner sittlichen Verantwortung bewußten Staatswesen.“

Dieser Satz steht in dem Flugblatt der Gruppe „Weiße Rose“, das von Hans und Sophie Scholl am 18. Februar 1943 in der Münchener Universität verteilt wurde. Dabei hat sie ein Hausdiener (Pedell) beobachtet und an die Gestapo verraten. Die Geschwister und weitere Gruppenmitglieder wurden umgehend festgenommen, inhaftiert und verhört.

Münchener Denkmal für die ermordeten Mitglieder der „Weißen Rose“.

Am 22. Februar 1943 wurde Lina Sofie Scholl, ebenso wie ihr Bruder Hans und der gemeinsame Freund Christoph Probst, von einem sogenannten Volksgerichtshof in München, wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ zum Tode verurteilt. Das Urteil wurde noch am selben Tag mit dem Beil vollstreckt. Die Studentin Sophie Scholl – wie sie sich selbst nannte und schrieb – wurde 22 Jahre alt.

Im Gebäude der Ulmer Volkshochschule (Einstein-Haus), die nach dem Zweiten Weltkrieg von Inge Scholl gegründet wurde, findet man im Erdgeschoss eine kleine Dauerausstellung über die „Weiße Rose“ und ihre Mitglieder. Im Rahmen einer Gedenkfeier zum zehnjährigen Bestehen dieser Ausstellung, liest am 23. Februar, 20 Uhr, Barbara Beuys aus ihrem neuen Buch.

Beuys, Barbara: Sophie Scholl. Biographie. – Hanser, 2010. Euro 24,90

Nach wie vor zu empfehlen ist auch diese knappere, besonders, aber nicht nur, für junge Leser geeignete Darstellung:

Vinke, Hermann: Das kurze Leben der Sophie Scholl. – Ravensburger, versch. Ausg. u. Aufl. Euro 6,95

4 Kommentare zu “Sophie Scholl: + 22. Februar 1943

  1. Ergänzen möchte ich den Titel „Hoffentlich schreibst du recht bald“ von Hermann Vinke. Das Buch beinhaltet den Briefwechsel zwischen Sophie Scholl und ihrem Verlobten Fritz Hartnagel, der später Sophies Schwester Elisabeth heiratete. Das Buch ist beim Ravensburger Buchverlag erschienen.

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  2. Pingback: H.-J. Neumann / H. Eberle: «War Hitler krank?» « Glarean Magazin

  3. Oder um es mit Georg Büchner zu sagen: „Jeder Mensch ist ein Abgrund; es schwindelt einem, wenn man hinabsieht.“ (Aus: Woyzeck; zur Zeit im Theater Ulm zu sehen, das dieses offenbar zeitlose Fragment laut SWP als eine „scherbenreiche Studie über Soldatentum und Gewalt“ inszeniert, in dem die Täter Uniform tragen. Der Kommentator ringt noch mit sich, ob er sich diesen gewalttätigen Bildern und Worten aussetzen soll).

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  4. Danke für diesen Beitrag zur neuen Biographie über Sophie Scholl- es ist immer wieder erschütternd, bewegend, aufwühlend, von den damaligen Geschehnissen zu lesen, zu hören. Letzlich bleibt diese menschengemachte Katastrophe unvorstellbaren Ausmaßes auf einer ganz tiefen Ebene der menschlichen Existenz und deren Sinn und Berechtigung im Unverstehbaren. Und im Verstehenwollen tut sich ein Abgrund auf, an dessem tiefsten Punkt die Natur des Menschen als Höllenfeuer lodert.

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