Idyll und Grauen

Paulus Hochgatterers Bücher handeln von Grenzübertretungen

Es ist eine schreckliche Geschichte. Kinder werden geschlagen, misshandelt, missbraucht. Pornographie, Mord und Totschlag in der Kleinstadt-Idylle. Daraus könnte man den x-ten brutal voyeuristischen Reiser machen. Oder einen literarisch hochverdichteten, perspektivenreichen Roman, der den Leser von Anfang bis Ende fesselt und durchaus im doppelten Sinne mitnimmt. Mit seinem neuen Buch „Das Matratzenhaus“, gelingt dies dem Österreicher Paulus Hochgatterer bereits zum zweiten Mal.

„Für mich sind das keine Kriminalromane. Das sind Bücher, wie ich sie schreiben und wie ich sie vermutlich auch gerne lesen will. Es macht überhaupt keinen Unterschied. Und Spannung mitzukalkulieren, macht Spaß.“ So der Autor vor einigen Tagen in einem Interview mit der Frankfurter Rundschau. Müssen Leser und Autor ein schlechtes Gewissen haben? Müssten sie sich nicht eigentlich schämen, wenn sie sich von solchen Themen und nahe an der Realität angesiedelten Verbrechen unterhalten lassen? Nach dem Verhältnis der Menschen zu Grenzüberschreitungen und Tabu-Verletzungen gefragt, stellt Hochgatterer fest: „Es gibt so etwas wie eine Notwendigkeit zum Imaginären … Ich halte das für einen psycho-hygienisch extrem wichtigen Mechanismus. Er wirkt einerseits präventiv: Die Dinge, die wir uns vorstellen, müssen wir nicht tun oder oft nicht tun. Andererseits wirkt er auch triebregulierend.“ Das Pathologische der „wenigen Täter, die es real gibt“, sei das Umsetzen von Vorstellungen in wirkliches Handeln.

Zurück zum aktuellen Buch und seinen Protagonisten:

Raffael Horn, Psychiater: Ist schockiert als sein Sohn, dem der Vater – zu unrecht – unterstellt dass er kifft, am Frühstückstisch mit bloßer Hand ein Ei zerquetscht und lebt in ständiger Angst, seine Frau, eine attraktive Cellistin, könne ihn mit einem italienischen Tenor betrügen. Gleichzeitig beschäftigt sich seine eigene Phantasie mit einer ganzen Reihe potentieller Seitensprünge. Gelegentlich spricht er, was er gerade denkt, unbewusst mehr oder weniger deutlich aus, was nicht selten im kollegialen Umfeld der Klinik für Verwirrung sorgt.

Ludwig Kovacs, Kommissar: Ein Mann mittleren Alters, voller Selbstzweifel und dringend auf den Halt seiner Lebensabschnitts-Partnerin angewiesen. Ein Kenner des nächtlichen Sternenhimmel, der Angst vor seiner Tochter, bzw. deren pubertärer und post-pubertärer Entwicklung hat. Sie lebt nicht mehr beim Vater. Als sie ihn besucht, verwirrt sie mit einem knallgrünen Irokesenschnitt und allerhand jungendlichen Eigenheiten und Auffassungen.

Die österreichische Kleinstadt: Im Roman heißt sie Furth. Sie liegt an einem See in der Nähe von Bergen oder am Rande der Alpen. Ein Fluss entspringt dort irgendwo, durchfließt eine Klamm und mündet bei Furth in einen See, dessen Oberfläche zu allerhand Spiegelungen Anlass gibt. Der Ort ist ideal-typisch und verfügt über alle Einrichtungen die solch ein Gemeinwesen ausmachen: Eine Klinik, reichlich Kneipen, etwas Tourismus, aufmüpfige Jugend, schlecht integrierte Zugezogene, die Massen-Siedlung, für Jene mit denen es das Schicksal nicht ganz so gut gemeint hat und natürlich Kriminalität in allen Ausprägungen. Dieser Kosmos wurde vom Autor nicht einfach erfunden, sondern aus vorhandenen Ersatzstücken zusammengefügt. Ich bin mir sicher, dass dem Städtchen Furth ein real existierendes Vorbild zugrunde liegt. Als kein guter Kenner unseres Nachbarlandes, nehme ich gerne entsprechende Hinweise entgegen.

Im geschickten Wechsel von direkter und indirekter Rede, von Eindeutigkeiten und Andeutungen, forciert der Autor seine dichte Erzählweise. Die ständigen Perspektivenwechsel nehmen den Leser in drei unterschiedliche Positionen mit. Die gesellschaftspolitische Sichtweise auf Opfer und Täter, die psychologisch, medizinisch, psychoanalytische Perspektive von Horn und seinen Kolleginnen und Kollegen, sowie die kriminologisch, juristische des Kommissars und seines Teams. Es ist ein Roman auf beachtlichem literarischen Niveau, der dem Leser auch einiges an Lese-Erfahrung abverlangt.

Dass die Opfer irgendwann ebenfalls zu Tätern werden, wie im „Matratzenhaus“ von Paulus Hochgatterer, kann niemanden wirklich überraschen. Gerade diese zentralen Figuren bleiben übrigens während der ganzen Erzählung schemenhaft, stehen im Schatten, werden nie ganz oder deutlich sichtbar. Das öffnet der Phantasie des Lesers breiten Raum, aber vielleicht auch die Möglichkeit, über das eigene Vorstellungsvermögen zu erschrecken.

Paulus Hochgatterer wurde 1961 in Niederösterreich geboren. Er ist im Hauptberuf Kinder- und Jugendpsychiater. In den letzten Jahren sind von ihm die Romane „Über die Chirurgie“, „Wildwasser“ und „Über Raben“ erschienen. 2006 erschien „Die Süße des Lebens“, das erste Buch um die Hauptfiguren Raffael Horn und Ludwig Kovacs. Dass das Werk mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnet wurde, ändert nichts an der Tatsache, dass es weit über das eigentliche Genre hinausgreift.

Hochgatterer hat zuletzt zusammen mit Autoren und Autorinnen wie Ilja Trojanow, Kathrin Röggla u. a. an einem Stück für das Wiener Schauspielhaus zu den Zehn Geboten geschrieben. Dabei hatte jeder Teilnehmer eines der Gebote zu bearbeiten. Der Kinderpsychiater und Schriftsteller Paulus Hochgatterer entschied sich für das Vierte: „Du sollst Vater und Mutter ehren“, wie es in der bekannten und populären Version heißt. Das ausführlichere Original lautet: „Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf daß du lange lebest im Lande, das dir der Herr, dein Gott gibt.“

Hochgatterer, Paulus: Das Matratzenhaus. – Deuticke, 2010. Euro 19,90

derselbe: Die Süße des Lebens. – Deuticke, 2006. Euro 19,90. Taschenbuchausgabe: DTV, 2008. Euro 8,95

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