Von Menschen und Büchern

Nachträge zur Leipziger Buchmesse 2010

Erster Teil – mit zwei Geburtstagen

Der Preis der Leipziger Buchmesse ging in diesem Jahr an Georg Klein für seinen „Roman unserer Kindheit“, den Sachbuchpreis erhielt Ulrich Raulff für sein Buch „Kreis ohne Meister. Stefan Georges Nachleben“, Ulrich Blumenbach erhielt für seine Übertragung des Romans „Unendlicher Spaß“ von David Foster Wallace die Auszeichung für die beste Übersetzung. Das war im Donnerstag letzter Woche. Dem ersten Tag der Leipziger Buchmesse 2010.

Am Samstag wurde es sehr eng. Die Besucherströme mussten durch Sicherheits-Kräfte gesteuert, die Übergänge in die einzelnen Hallen zu Einbahnstraßen erklärt werden. Als am Abend des letzten Tages die Tore der Leipziger Buchmesse für dieses Jahr wieder geschlossen wurden, hatte man 159.000 Menschen gezählt. Erneut einige Tausend mehr als im Vorjahr. Geschätzte 5000 – fast ausschließlich Kinder und Jugendliche – waren in besonderer Mission unterwegs. Diese „Cosplayer“ (von costume play) verkleiden sich als Figuren aus Mangas, Computerspielen, Fantasy- oder Märchen-Literatur. Da sah man Naruto, Ume oder eine Herzkönigin, Engel mit überdimensionierten Flügeln, Rotkäppchen, das in dieser Version dem gefräßigen Wolf Schluckbeschwerden bereiten wird. Nicht wenige Besucher nahmen allerdings Anstoß an dieser Farbigkeit und fanden die, aus ihrer Sicht karnevalesken Elemente, fehl am Platz. Doch Messe-Direktor Oliver Zille stellte im MDR-Gespräch klar, dass Messe Markt ist und dass er es sehr begrüße, dass dieses Segment alljährlich nach Sachsen kommt. Es wäre auch zu schade und folgenreich, so ein engagiertes und belebendes Publikum zu vertreiben. Jungen Menschen einmal mehr klar zu machen, dass sie mit ihrer Art und ihren Interessen nicht erwünscht sind, kann kein Weg sein.

Sehr viele Besucher kamen wegen der präsenten Prominenz. Dem greisen Ex-Präsidenten Richard von Weizsäcker, Stasi-Aufklärer Joachim Gauck, der Sieben-Brücken-Combo Karat, der schrill-vitalen Missionarin Nina Hagen, der drall-vergnügten Plaudertasche Marianne Sägebrecht, um nur Einige zu nennen. Andere, eher die kleinere Zahl, waren auf der Suche nach literarischem Neuland, nach Künstlern, die in unserem Lande noch nicht so oder auch gar nicht bekannt sind, wie jene aus Südost-Europa oder einige Skandinavier.

Der demonstrativen Wucht der allgegenwärtigen Medien konnte sich niemand entziehen. Allerdings waren von den Rundfunk- und Fernseh-Anstalten nur die öffentlich-rechtlichen vor Ort. RTL, SAT1, Vox und wie sie alle heißen, haben natürlich ganz andere Sorgen, Stars und Zielgruppen. Bei den Tages- und Wochenzeitungen durfte man sich über die Anwesenheit echter Qualitätsorgane wie Zeit, Süddeutsche usw. freuen und darüber wundern, wo eigentlich „Der Spiegel“ geblieben war. Offensichtlich wird in Hamburg zielstrebig an der weiteren Boulevardisierung des einstmals wichtigsten deutschen politischen Wochen-Blattes gearbeitet. Besonders groß ist Jahr für Jahr der Einsatz der hervorragend gestaltet und geschriebenen örtlichen „Leipziger Volkszeitung“. Deren ständig überfüllte Lesearena, in der zahlreiche bekannte und noch bekanntere Persönlichkeiten auftraten, benötigt in der Zukunft vielleicht einmal ein verändertes, möglicherweise offeneres, Konzept, um dem Massen-Ansturm Herr zu werden. Bei den westdeutschen Medien kann man insgesamt eine gewisse Zurückhaltung feststellen, was die Berichterstattung über die Leipziger Buchmesse betrifft. Wird berichtet, ist nicht selten eine leichte Überheblichkeit zu verzeichnen, die Züge herablassenden Spotts annimmt, wenn die Zeitung aus Frankfurt kommt.

Die Musik spielt in Leipzig. Und auch auf der jährlichen Buchmesse. Dort ist die Musikstadt mit einem eigenen Stand vertreten, auf dem Komponisten, die in Leipzig wirkten – wie Johann Sebastian Bach und Felix Mendelssohn-Bartholdy – die zentrale Rolle spielen. Just während der Messetage, am 21. März, konnte der 325. Geburtstag von Johann Sebastian Bach begangen werden. Zur Feier dieses Jubiläums wurde das Bach-Museum erweitert und generalüberholt neu eröffnet und fand in der Thomas-Kirche ein Fest-Konzert mit dem Thomaner-Chor statt; zu Gehör gebracht wurden Kantaten von Bach und Telemann. Der Musikstadt-Messestand sollte auch den jüngsten Nachwuchs erreichen. Um seine Aufmerksamkeit wurde mit allerhand spielerischen Klangwerken geworben. Einen eigenen Ausstellungsbereich bekamen erstmals die Musik-Verleger. Neben großen Namen, wie Bärenreiter und Schott, nutzten auch kleinere Anbieter die Leipziger Gelegenheiten. Gerade bei diesen und ähnlich bei den schmalen, weniger bekannten Literatur-Verlagen, gab es die Möglichkeit zu mancher Entdeckung und interessanten Gesprächen.

Die vielbesprochene und –diskutierte Helene Hegemann konnte einem nur Leid tun. Im Rahmen der auch in Leipzig sehr heftigen Debatte rund um die akuten Probleme mit einem zeit- und mediengerechten Urheberrecht, wurde sie zum Spielball der verschiedenen Interessen-Gruppen. Gleichzeitig sollte sie als Teenie-Star der deutschen Literatur herhalten und für Zulauf und Umsätze sorgen. Eine Rolle mit der sie sichtlich überfordert war und deshalb völlig erschöpft die Messe vorzeitig verlassen musste. Was den Plagiatsvorwurf und im Zusammenhang damit, ihre literarischen Fähigkeiten betrifft, bekam sie Unterstützung von prominenter Seite. Martin Walser in einem Interview der Frankfurter Rundschau: „Die Anfangsgeschwindigkeit – wenn ich das mal mit einer Rakete vergleiche – hat sie doch von sich. Andernfalls würde sie doch das nicht alles herholen wollen. Das ist doch klar.“

Walser selbst, gern gesehener Gast in Leipzig und immer noch und wieder ein Publikumsmagnet, konnte gleich zwei neue Bücher präsentieren. Seine glaubenssehnsüchtige Novelle „Mein Jenseits“ und den neuesten Tagebuchband „Leben und Schreiben – Tagebücher 1974 – 1978.“ Gerade dieses Buch bot reichlich Diskussions- und Gesprächsstoff. Der Autor, in seinem Leben von den Medien mal links, mal rechts einsortiert, seine Werke, mal zerrissen, dann wieder in den Himmel gelobt, machte deutlich, wie wertvoll Tagebücher für die Aggressions-Abfuhr und die Bewältigung von Alltagen unterschiedlichster Zumutbarkeits-Schwere sind. „Tagebuchschreiben ist eine Lebensart“, sagt Martin Walser deshalb. Am heutigen 24. März wird er 83 Jahre alt. In Leipzig gab er sich offen plaudernd, dachte und formulierte brillant. Noch immer ist der Dichter vom Bodensee „Gedankenreich. Sprachmächtig.“ (Denis Scheck) Möge uns dieser wichtige Autor mit all seiner vitalen Schaffenskraft noch lange erhalten bleiben. Von dieser Stelle: Alles, alles Gute, Martin Walser!

Den sprachlichen (Ur-)Gewalten und der intellektuellen Präsenz eines Clemens Meyer waren nicht alle Moderatoren gewachsen. So flüchtete sich Tina Mendelssohn im 3sat-Gespräch in die Bitte, der Autor möge doch – was eigentlich nicht vorgesehen war – aus seinem neuen Buch „Gewalten“ vorlesen, da sie offensichtlich Schwierigkeiten hatte, angemessene Fragen zu formulieren. Meyer ergab sich mit ironischer Nachsicht, das Publikum unterstützte mit kräftigem Beifall und nach der Veranstaltung mit vielen Signierwünschen. Sein neuestes Werk trägt den Untertitel „ein Tagebuch“. Ein Kunstgriff, wie Meyer erläuterte, der es ihm ermöglicht hat, die Kurzgeschichten mehr oder weniger lose miteinander zu verbinden, zueinander in Beziehung zu setzen oder auch persönliche Elemente einfließen lassen zu können, ohne zwischen Autor und Protagonisten ständig differenzieren zu müssen. Ein Verfahren dass bereits Daniel Kehlmann in seinem Erzählband „Ruhm“ anwandte. In Meyers Geschichten geht es um Ereignisse des Jahres 2009 und ihr Gewaltpotential. Der Autor spannt einen Bogen von den Erlebnissen eines Einzelnen in der psychiatrischen Notaufnahme bis zum traumatisierenden Amok-Lauf von Winnenden. Die Stärke des Buches ist es, dass solche Ausmaße von Wahnwitz, solche Alpträume, erzählbar werden und dass es damit auch einen Beitrag zur Verarbeitung leistet.

Das umfangreiche, bunte Lese-Festival „Leipzig liest“ breitete sich vier Tage in der gesamten Sachsen-Metropole aus und bewies erneut, wie ein großes, dennoch sehr unterschiedliches Publikum, für die Literatur und ihre vielfältigen Darstellungs-Möglichkeiten, zu begeistern und gleichzeitig postmoderne, urbane Räume mit Menschen, Phantasie und Lebensart gefüllt werden können. Bis weit in die Nacht hinein waren Kneipen, Theater und Buchhandlungen, alte Kino- und Gerichtssäle, Bibliotheken und Museen voller Neugieriger und Enthusiasten, die danach noch stundenlang an Theken oder im Freien unter Heizpilzen bei Bier, Wein und Bionade Gedanken und Ideen austauschten.

Die Nobelpreis-Träger waren natürlich auch da. Herta Müller las im bis auf den letzten Platz besetzten Central-Theater aus „Atemschaukel“ und Günter Grass traf, sah und hörte man auf dem Messegelände eigentlich überall. Zu Günter Grass demnächst mehr in diesem Blog.