Thomas Mann im Mittelpunkt

„Die kürzeste Geschichte der deutschen Literatur und andere Essays“ von Hermann Kurzke

Eigentlich mag ich sie nicht besonders, diese Kompilationen, in denen Schriftsteller und Publizisten bereits einmal, meist verstreut, Veröffentlichtes, bündeln und neu herausgeben. Oft sind es teuer verkaufte Sammlungen zweiter Aufgüsse, die hauptsächlich der Wertschröpfung der simpel verführten Käufer dienen. Manchmal kommen sie auch daher wie die Supplement-Bände zur wuchtigen kommentierten Werkausgabe letzter Hand, dabei ist der Autor doch eben erst an seinem zweiten Prosaband knapp gescheitert und feiert demnächst seinen, meinetwegen, 33. Geburtstag. Nun liegt ein Band dieser Art auch von Hermann Kurzke vor. Und – um es gleich vorweg zu nehmen – er ist ganz anders. Es handelt sich um ausgesprochen originelle, lohnende und genussreiche Lektüre.

Hermann Kurzke hat Germanistik und katholische Theologie studiert; das zweite Fach sollte seine Sichtweise auf die Literatur nicht unwesentlich beeinflussen. Viele Jahre war er Professor für Neuere deutsche Literaturgeschichte an der Universität Mainz; inzwischen ist er emeritiert. Er forscht und veröffentlicht über Thomas Mann, Goethe, die Romantik (Novalis), Hymnologie (Kirchenlied, politisches Lied) und das ihm bedeutsame – und deshalb in vielen Publikationen anklingende – Thema Kulturreligiosität. Kurzke ist Verfasser einer umfassenden Thomas-Mann-Biographie, die bei Erscheinen mit einigen erfrischenden Neudeutungen von Werk und Leben des Nobelpreisträgers überraschte. Das gelang ihm auch als Herausgeber von Manns „Betrachtungen eines Unpolitischen“ im Rahmen der neuen kritischen Gesamtausgabe. Dieser Band, sowie ein von Kurzke verfasster, breit angelegter Kommentarband, erschienen Ende letzten Jahres.

Sein neuestes, ansprechend als wohlfeiles Paperback gestaltetes Buch, trägt den Titel „Die kürzeste Geschichte der deutschen Literatur und andere Essays.“ Essays sind – je nach Definition – sicher auch enthalten, bei den meisten Beiträgen handelt es sich allerdings um nachgedruckte Ausätze und Artikel aus Zeitungen und Zeitschriften. Außerdem sind auch einige unveröffentlichte Arbeiten enthalten.

Im ersten Teil stellt Kurzke uns seinen ganz persönlichen Kanon der deutschen Literatur vor, dabei nicht nur Bewunderung zum Ausdruck bringend, sondern auch kritische Töne anschlagend, wenn es etwa um Autoren im „inneren Exil“ während der Nazi-Diktatur geht. Besonders hart fällt sein Urteil über den stets gefälligen, anpassungsfähigen, aber mehrbödigen Erich Kästner aus: „Kästner war ein Pharisäer.“ Im zweiten und titelgebenden Teil berichtet Hermann Kurzkes knapp über sein vorläufiges Scheitern eine deutsche Literaturgeschichte zu verfassen. Dabei dürfen wir sicher sein, dass hier das letzte Wort noch nicht gesprochen ist.

Der dritte Teil enthält Portraits historischer Persönlichkeiten, von Schriftstellern und Dichterinnen. Die zentralen und gewichtigten Beiträge sind Goethe und Novalis gewidmet; seine Auseinandersetzung mit „Thomas Mann als Lyriker“ ist einer der für Kurzke typischen, originellen Denkansätze über den großen deutschen Epiker. Vergnüglich ist auch der Aufsatz über Sophie La Roche und Nachkommen, mit dem Titel „Die unaufgeklärte Leidenschaft.“ In diesem erklärt uns Kurzke warum Mainz als Ausgangspunkt der wichtigsten klassischen Liebeshändel und –bändel betrachtet werden muss. Dabei überrascht es geneigte und kundige Leser weniger, dass uns der Weg aus dem Rheinischen alsbald nach Weimar führt.

Teil vier bringt vorgeblich „Persönliches“, wobei zu berücksichtigen ist, wie vielschichtig die Dimensionen des Privaten und Persönlichen in der Literatur und der sie behandelnden Wissenschaft zu beurteilen sind. Dennoch genießen wir leicht erheitert die humorvolle Glosse „Kilchberg, Alte Landstraße 39; Sommer 1976“, in der eine denkwürdige Begegnung des jungen Literaturwissenschaftlers mit Katia, Golo und Michael Mann geschildert wird: „Es war skurril, beklemmend, ja gespenstisch.“ Im fünften und letzten Abschnitt des Buches ist dann Vermischtes versammelt. Beiträge über Kurzkes Kirchenlied-Forschung (Empfehlenswert der Beitrag: „Kirchenlied und Psychoanalyse“) und erneut über, selbstverständlich wiederum aus anderer Sichtweise, Novalis und Thomas Mann.

Wie ordnet der Autor und Wissenschaftler Hermann Kurzke nach 67 Lebens-, und man darf vermuten, fast ebenso vielen Lese-Jahren, seine Erfahrungen und Erkenntnisse? Er nennt seine Großen beim Namen: Brecht, Kafka, Novalis und Heine, Hamsun und Dostojewski, Goethe und Mann. Er kommt zu überraschenden Urteilen und Einsichten. Die veränderten Blickwinkel auf Thomas Mann wurden bereits angesprochen. Man staunt aber auch, wenn man zum Beispiel erfährt, was Kurzke dem Werk Martin Walsers abgewinnen kann. Erstmals erfahre ich hier, dass ich mit meiner Doppel-Zuneigung Mann/Walser nicht allein stehe. Auch meine Vermutung, dass Walser in kurzen Formen besser ist, bei einigen seiner umfangreichen Romane jedoch einfach zu viel Worte verbraucht, wird von Kurzke bestätigt.

Ich staune noch mehr, als ich über den späten Goethe-Roman Walsers, an dem ich persönlich heftig gezweifelt hatte, lese: „Walser hat ein großes Buch geschrieben, vielleicht sogar das beste seines ganzen Lebens.“ Bei Themen wie Glaubensnotwendigkeit und Glaubensunmöglichkeit sind sich Walser und Kurzke meiner Einschätzung nach ohnehin gedanklich sehr nahe. (Weiterführend dazu: Hermann Kurzke, Jacques Wirion: «Unglaubensgespräch. Vom Nutzen und Nachteil der Religion für das Leben». Und Martin Walser neue Novelle „Mein Jenseits“.) Der positive Blick auf den Mann vom Bodensee, schließt nicht aus, dass Hermann Kurzke auch dessen Gegenspieler, den Frankfurter Kritiker und ebenfalls intimen Thomas-Mann-Kenner Marcel Reich-Ranicki verehrt. Eine beeindruckend unabhängige Urteilsbereitschaft.

Kritik, Bewunderung, Analyse und Urteil münden schließlich in den einen finalen Superlativ: „Der Joseph-Roman (von Th. Mann) ist und bleibt das größte Ereignis meines ganzen Lektürelebens. Sein Zauber erneuert sich bei jedem Wiederlesen.“

Zur Zeit macht sich Hermann Kurzke in der Öffentlichkeit etwas rar, hält sich mit Vorträgen, Lesungen, Diskussionsteilnahmen sichtlich zurück. Er sei nicht mehr so oft wahrzunehmen, erfahren wir, weil er zwei neue Publikationen in Arbeit hat. Wir wollen deshalb auch nicht weiter stören und freuen uns auf Neues.

Kurzke, Hermann: Die kürzeste Geschichte der deutschen Literatur und andere Essays. C. H. Beck, 2010. Euro 14,95