Neue Krimi-Autorin aus Schweden

Das maritime Mord-Milieu der Viveca Sten

Es geht gleich saftig los. Mit einem drastisch geschilderten Todesfall. Und man denkt: Wieder so ein Krimi für Hartgekochte, mit detailliertem Morden, Sektionen in Nahaufnahme und anderen Scheußlichkeiten, die häufig begrenzte erzählerische Fähigkeiten wettmachen müssen. Obwohl am Ende drei Opfer zu beklagen sind, haben wir es hier aber dennoch nicht mit reißerischem Stil, der auf billige Effekte setzt, zu tun. Vielmehr bekommen wir neben den eigentlichen Kriminalfällen soviel Landeskunde und authentisches Lokalkolorit, wie selten in einem der zahlreichen, von sogenannten „Crime-Ladies“ verfassten, Schwedenkrimis.

Dieses Buch ist das erste einer Trilogie, deren schwedische Originalausgaben in den Jahren 2008 bis 2010 erschienen sind und die jetzt nach und nach in Deutsch bei Kiepenheuer und Witsch herauskommen. Fast hätte ich jedoch auf Kauf und Lektüre verzichtet. Denn der deutsche Titel „Tödlicher Mittsommer“ ist ein derber Marketing-Fehlgriff, eine unlogische, billig ausschließlich an Kauf-Instinkte appellierende und eher abschreckende Zumutung.

Viveca Sten, eine Stockholmer Juristin, Ehefrau und Mutter, legt ihr erstes belletristisches Werk vor. Es führt uns an Schauplätze, die manchen von uns aus jungen Jahren oder durch Kinder und Enkel schon recht gut bekannt sind – vorausgesetzt sie waren oder sind eifrige Astrid-Lindgren-Leser. Diesmal ist das Geschehen allerdings nicht auf dem idyllischen Saltkrokan angesiedelt, sondern auf einer der größten Schären-Inseln, dem etwa 30 Kilometer vor der Küste in der Ostsee liegenden Sandhamn. Auch in der vielverkauften „Millenium“-Trilogie von Stieg Larsson spielt das Felsen-Eiland eine Rolle. Mikael Blomkvist, die männliche Hauptfigur der Thriller, besitzt dort eine kleine Hütte, in die er sich gerne zum kontemplativen Arbeiten oder ausgedehnten Liebesspielen zurückzieht.

Viveca Sten kennt die Ferien-Insel durch zahlreiche eigene Aufenthalte. Nach der Lektüre ihres Krimis dürfte sich auch jeder der irgendwann einmal selbst diesen Ort besucht, bereits bestens orientieren können. Namen und Lage der schönsten Sehenswürdigkeiten, Gasthäuser und Strände sind geläufig und vertraut. Ebenso die Fährverbindungen vom Festland und zwischen den einzelnen Schärenfelsen, einschließlich Abfahrts- und Ankunftszeiten. Die Autorin erzählt plastisch und detailgetreu. Maritimes Milieu und maritimer Wortschatz („Roringknoten“, „zwei halbe Schläge um die eigene Part“) sind Seite für Seite gegenwärtig. Immer wieder besuchen wir mit ihr den edlen königlich schwedischen Segelclub (KSSS) mit seinen Traditionen, auf konservative Männlichkeit ausgerichteten Ritualen und seinen situierten Mitgliedern aus besten Kreisen.

Die Todesfälle erschüttern das kleine Soziotop und erzeugen ein Klima der Verunsicherung und des Misstrauens. Das gesellschaftliche Gefüge wankt, Wunden der Vergangenheit werden aufgerissen. Der zuständige Polizeibeamte ist Thomas Andreasson von der Dienststelle Nacka. Ein Mann Ende dreißig, der auf vielfältige Weise mit den Menschen der Schären-Welt verbunden ist. Er vergräbt sich gerne in seine Arbeit, da er persönliche, noch nicht allzu lange zurückliegende, Schicksals-Schläge zu verarbeiten hat.

In einer langen Tradition, seit dem Autorenpaar Maj Sjöwall und Per Wahlöö, bis zu aktuellen Autorinnen wie Camilla Läckberg und Aasa Larsson, sind gute schwedische Kriminalromane auch spannende Gesellschaftsdramen. Viveca Sten reiht sich hier gekonnt ein.

Neben dem Polizisten Thomas steht das Ehepaar Nora und Henrik Linde im Mittelpunkt der Erzählung. Wie stark sie in die aktuellen Fälle verwickelt sind, bleibt lange offen und ist eines der Spannungselemente des Buches. Kurze Kapitel und häufiger Perspektivenwechsel sorgen zusätzlich für Tempo und Kurzweil.

In der harmonischen Ehe von Nora und Henrik kommt es zu einem Konflikt, der entfernt an die Figur der Nora in Henrik Ibsens „Ein Puppenheim“ erinnert. Allerdings ist die moderne Nora Linde keine verwöhnte Zicke wie die norwegische Namens-Cousine, sondern eine gut ausgebildete und ambitionierte junge Frau, die gerne eine berufliche Chance wahrnehmen möchte. Dabei lernt sie ihren Ehemann plötzlich von einer ihr bis dahin nicht vertrauten, patriarchalisch konservativen Seite kennen.

Die Lösung der Kriminalfälle erweist sich schließlich, wie eben auch manches gesellschaftliche Phänomen, als im wahrsten Sinne zwiespältig. Mehr kann an dieser Stelle nicht verraten werden. Das Buch ist ideale Urlaublektüre und dabei nicht nur für Ostsee-Strände geeignet. Wir sind auf die Fortsetzungen schon sehr gespannt.

Sten, Viveca: Tödlicher Mittsommer (I de lungaste vatten, dt.). – Kiepenheuer und Witsch, 2010. Euro 14,95

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