Ich packe meinen Koffer …

In mein Reisegepäck kommt der „Literarische Führer Deutschland“ aus dem Insel Verlag. Mit diesem umfangreichen und zuverlässigen Wegweiser folge ich bei Ausflügen und Reisen den Spuren unserer Dichterinnen und Dichter. Er nennt mir die Orte an denen sich Zeugnisse ihres Lebens und ihrer Werke finden lassen.

Das schwergewichtige Paperback überzeugt jeden durch seine gefühlte Vollständigkeit. Man ist sofort sicher, dass da wirklich Alles drin ist. Hier finden wir Geläufiges, wie die allseits bekannten und beliebten Gedenkstätten deutscher Klassik in Weimar (Goethe-Haus, Schiller-Haus usw.), den Hölderlin-Turm in Tübingen oder das Lübecker Buddenbrook-Haus. Aber auch weniger Bekanntes von weniger Berühmten an weniger geläufigen Orten. Erwähnt seien als Appetit-Macher die Dauerausstellung, die Husum dem hier geborenen Theodor Storm widmet – die „graue Stadt am Meer“ kann zudem mit einer Reihe von Schauplätzen aus Storms Werk aufwarten – und das oberschwäbische Wangen, in dem wir überraschenderweise auf ein kleines Zentrum schlesischer Literatur und im örtlichen Museum auf Gedenkräume für Joseph Eichendorff und Gustav Freytag stoßen. Und sollte der Weg uns wirklich einmal nach Luckenwalde führen, so wandeln wir auf Pflastern, die schon der junge Rudi Dutschke mit Füßen trat und entnehmen einer Gedenktafel am Markt, dass einst auch Theodor Fontane einige Tage in der brandenburgischen Kleinstadt verbrachte.

Nicht vergessen seien die Friedhöfe. Sie bieten bei sommerlicher Glut nicht nur dem beschatteten Nachdenken und Verweilen reichlich durchgrünten Raum und erinnern wie nebenbei, doch immer wahrnehmbar, an die Endlichkeit jeglicher Existenz; darüber hinaus beherbergen sie viele und vielfältige Ruhe- und Gedenkstätten einstmals reich beseelter Geister. So wird in dem bereits erwähnten Wangen im Allgäu an die hier verstorbene Frauenrechtlerin und Dichterin Louise Aston erinnert. In der Metropole Berlin – über Jahrhunderte Zentrum für Schriftsteller, Künstler, Intellektuelle aller Art – ist der Dorothenstädtische Friedhof sehr oft von diesen zur letzten Ruhestädte gewählt worden. Hier stehen die Besucher an den Gräbern von Friedrich Hegel, Bertold Brecht und Helene Weigel, Heinrich Mann, Heiner Müller und vielen anderen. Eine wahre Ahnengalerie deutscher Geistesgeschichte. Der Goethe-Wanderweg im etwas beschaulicheren Thüringer-Wald-Städtchen Ilmenau führt schon nach wenigen Schritten an das Grab von Corona Schröter – Sängerin und Schauspielerin unter dem Theaterleiter Goethe in Weimar.

Es hat nach der Wiedervereinigung Deutschlands fast 20 Jahre gedauert, bis von diesem Führer endlich eine gesamtdeutsche Ausgabe erschien. Die Wartburg auf dem Titel weist symbolträchtig darauf hin, und natürlich auf den Sprachschöpfer Martin Luther, der hier mit seiner hochdeutschen Bibelübertragung einen literaturhistorischen Meilenstein schuf. Die erste Ausgabe des vorliegenden Nachschlagewerkes kam im Jahr 1974 heraus, umfasste 658 Seiten und musste sich mit Informationen über die damalige Bundesrepublik Deutschland begnügen; zu spärlich waren die Informations-Möglichkeiten über literarische Spuren und Orte in Thüringen, Sachsen, Anhalt, Brandenburg, Mecklenburg und Vorpommern und zu schwierig bis unmöglich die Reisemöglichkeiten dorthin. Heute, nachdem Alles in einem Druckwerk vereint werden konnte, was der Literaturfreund nie trennen wollte, halten wir dafür einen echten Klotz in der Hand, einen wahren Ziegel, der Koffer und Reisetasche füllig aufwiegt und nunmehr auf 1470 prall informative Seiten angeschwollen ist. Verzichten kann man leichten Sinnes auf ein paar Schuhe oder sonstigen Tand im Gepäck, nicht jedoch auf diesen Leitfaden durch Dichters Lande.

Oberhauser, Fred; Kahrs, Axel: Literarischer Führer Deutschland. – Insel Verlag, 2008. Broschiert. Euro 48.


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