Sudeleien

18. Oktober 2010: Der neue Buff oder ein Lob der Preisbindung

„Bunt sind schon die Wälder, gelb die Stoppelfelder und der Herbst beginnt.“ Die Blätter fallen und die Bücher kommen. Der neue Buff ist erschienen. (Buff, Charlie: Das Drama von Wetzlar. – 2. Teil: Die wahre Geschichte. – Leipzig : Panna Cotta, 2010. Euro 19,90.) „Der beste Buff, den es je gab“, schrieb die „Zeit der Welt“. Den muss ich haben! Sofort. Wenn ich bei Amazon bestelle ist er am nächsten Tag da. Vielleicht werden auch schon „Gebrauchte“ angeboten, dann kann ich elegant den gebundenen Preis unterlaufen.

Amazon? Die korrekte und branchenaffine Alternative ist natürlich der Kauf im kompetenten Sortiments-Buchhandel vor Ort. Zum Beispiel in der kuschelig überquellenden Vorstadt-Buchhandlung bei der beflissenen hageren Dame, die ihr Geschäft seit vielen Jahren mit unermüdlicher Selbstausbeutung betreibt. Könnte jedoch sein, dort sind schon alle Exemplare weg. Dann würde das heute nichts mehr mit der ersehnten Lektüre.

Bleibt die Großbuchhandlung in der City. Mantel und Shawl sind nötig um die Reihenhaus-Siedlung Richtung brodelndes Geschäftsleben zu verlassen. Auto oder Tram? Auto, damit bin ich schneller zurück und kann alsbald mit dem Lesen beginnen. Doch eine innere Stimme ist deutlich zu vernehmen: „ÖPNV ist nachhaltiger und auf der Schiene kannst Du gleich loslesen. Der innere Schweinehund antwortet: „Nimm das Auto, dann stehst Du nicht in Regen, Wind und schlechter Gesellschaft.“

Nun denn: Mit betont benzinsparender Fahrweise ins Parkhaus am Rande der City im ersten Geschoss vorbei an den Plätzen für Frauen die schon allein fahren können und gleich auf Ebene drei einen freien erwischt … jetzt nur noch wenige Schritte bis zur Bücherschwemme „Am Dom“ … da ist Manni mit der Obdachlosen-Zeitung die letzten zwei Ausgaben habe ich nicht gekauft deshalb spricht jetzt mein soziales Gewissen ein ernstes Wort mit mir Manni bekommt was ab vom Wohlstandskuchen (5,00 Euro)  und ich die neue „Pflaster“ … an Straßen-Musik komme ich nie vorbei Münzen werfe ich selten ein außer bei jenen begabten fülligen Herren mittleren Alters den aus Russland zugereisten Instrumentalisten die dir erstaunlicherweise ausgerechnet den amerikanischen Südstaaten-Dixie so intensiv durch die Blutbahn jagen (2 Währungseinheiten) … der mittelgroße Hunger meldet sich lieber jetzt noch Kalorien nachfüllen und nachher in Ruhe gelassen werden die Garnelen-Box „Forest Gump“ im „Shrimps-Paradies“ von „Südsee“ hat auch schon wieder aufgeschlagen (3,99) der zwangsfolgende Durst führt unmittelbar zu einer von der Ernährungsberaterin nicht empfohlenen „Happy-Cola“ (1,50) … aber dann habe ich endgültig das Eingangsgebläse der 1a-Lage für Lese-Bedarf passiert … Enttäuschung folgt denn im Regal unter B steht kein Charlie Buff die runde Blonde an der Info „den Buff finden Sie auf dem Aktionstisch“ achja und das gleich hundertfach und wird ständig aufgefüllt und nachgedruckt schon in der dritten Auflage … jetzt nur noch die Schlange an der Kasse überstehen die Dame vor mir möchte das Dixie-Büchlein für den Enkel als Geschenk verpackt der Herr nach ihr zählt Kleingeld ab dann ich „nein danke, keine Tüte“ und kurz danach mit dem neuen Charlie Buff unterm Arm erst raus aus dem Laden und dann noch ganz schnell rein zum Italiener liegt sowieso auf dem Weg zum Parkhaus ein kleiner espresso doppio (2,90) während ich die Schutzfolie vom Buch löse den Klappentext lese und erste Fingerabdrücke auf dem Hochglanz-Umschlag hinterlasse.

Ich schlage hinten auf, lese den letzten Satz zuerst: „Es ist mehr als Wahrheit, es ist Dichtung.“

Eben. Der neue Charlie Buff und sein wahrer Preis: 5 Euro für Manni, 2 für die Musik, 3,99 gegen Hunger, 1,50 gegen Durst, die Überdosis Koffein kostete 2,90, die Parkgebühr 2, die Benzinkosten schätze ich vorsichtig auf 1 Euro. Dazu ist der feste Ladenpreis für deutschsprachige Bücher aus deutschen Verlagen zu addieren. Im vorliegenden Fall 19,90. Das macht summa Buff: 37 Euro und 29 Cent. Ein Lob der Preisbindung. Da weiß man immer was Buch kostet.

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One Response to Sudeleien

  1. magda.lena sagt:

    Lieber Jan, da kannst du aber Stölzl auf dich sein. f e Lena

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