Feste lesen! (2)

Geschenke vom Buchmarkt – Zweiter Teil

Schmöker(n)

Gut und leicht lesbarer Stoff wird jetzt empfohlen. Ausgedehntes Schmökern ist in diesen kurzen kalten Tagen möglicherweise eine vergnügliche, zudem das Sichtfeld erweiternde Alternative zur in nächster Zeit in Aussicht stehenden Überdosis germanisch-christlicher Leitkultur.

Seit vielen Jahren ein zuverlässiger Lieferant spannend süffanten Lesestoffs und inzwischen hoch in die selbigen gekommen, muss John LeCarré nicht mehr vorgestellt werden. Sein Neuer heißt „Verräter wie wir“ (Ullstein. 24,95). Diesmal sind wir von uns selbst überrascht, wie leicht ein böser Russe ans Herz wachsen kann. Der erste Teil, in dem man, wunderbar bissig ironisch geschrieben, das pittoreske Ensemble kennen und schätzen lernt, ist bärenstark. Gegen später schwächelt die Geschichte ganz leicht, um schlagartig zu enden. Die ideale Alternative zur zweiten Portion Schweine- oder Gänsebraten, zu Verwandten-Besuch und Stollen-Überdruss. Der ebenfalls empfehlenswerte Vorgänger „Marionetten“ – eine Geschichte um Islamisten in Deutschland – liegt als Taschenbuch vor (Ullstein. 9,95).

Die bösartig, skurrilen Figuren, mit denen uns die in Russland geborene, Deutsch schreibende Autorin Alina Bronski vertraut macht, sind durchweg weiblich. In rascher Generationenfolge sind Großmutter, Tochter und Enkelin in dieser Welt angekommen. Unfreiwillig und unzertrennlich miteinander verbunden. Auf ihrem schicksalhaften Weg dürfen wir Leser den drei Frauen durch drei Jahrzehnte folgen. Bronskis zweiter Roman nach dem erfolgreichen „Scherbenpark“ (Kiepenheur und Witsch. 8,95) trägt den Titel „Die schärfsten Gerichte der tatarischen Küche“ (Kiepenheuer und Witsch. 18,95). Obwohl hier mancher Brei verdorben wird, ist dies kein Kochbuch. Aber ein gut gewürztes Vergnügen.

Leider ist nach 188 Seiten schon Schluss. Bedauerlich, denn „Der Ministerpräsident“ (Klöpfer und Meyer. 18,90) von Joachim Zelter ist eine spannende Politik-Lektion in schmucker Romanform. Und irgendwie kommt uns das auch noch bekannt vor: Die politisch notwendige Genesung des nach einem Unfall erinnerungsgestörten Ministerpräsidenten entstellt sein Menschsein und lässt ihn zum bloßen Machtinstrument für andere werden. Auch hier ist es einmal mehr eine (junge) Frau, die dem traurig drohenden Schicksal die entscheidende Wende gibt.

Nicht fehlen darf der Krimi, und der kommt hier einmal als Pauschalempfehlung für eine einzige Autorin. Leena Lehtolainen wurde 1964 im finnischen Vesanto geboren und schon in jugendlichem Alter schrieb sie Bücher für ihre Generation, deren Titel im finnischen Original so aussehen: “Ja äkkiä onkin toukokuu” und “Kitara on rakkauteni” (Dt. etwa: Und plötzlich ist es Mai und Die Gitarre ist meine Liebe). Seit 1993 lässt sie die fest im finnischen Alltag verankerte Maria Kallio durch ein kompliziertes Leben und auf Verbrecherjagd gehen. Im mittlerweile neunten Fall – „Auf der falschen Spur“ – (dieses Jahr als TB erschienen. rororo. 8,95) geht es um die Sportjournalistin Jutta Särkikoski, die einen Dopingskandal aufgedeckt hat und deren Leben damit nicht einfacher wird. Bereits im Januar kommt „Die Leibwächterin“ (Kindler. 19,95) auf den Markt. Die junge Finnin Hilja Ilveskero ist Leibwächterin. Ihre derzeitige Auftraggeberin betreibt nicht ganz durchsichtige Immobiliengeschäfte in Moskau und wird Hilja von Tag zu Tag unsympathischer. Lehtolainen ist nur geeignet für Leser die skandinavische Melancholie in der schwermütigen finnischen Variante zu schätzen wissen. Liebhaber von Kaurismäki-Filmen werden also besonders gerne zugreifen.

Backlist

Auf die Backlists von Verlagen kommen lieferbare Bücher, die nicht in der aktuellen Saison oder dem laufenden Jahr erschienen sind. Schlecht verkäufliche Titel werden oft schon nach relativ kurzer Zeit makuliert oder verramscht (modernes Antiquariat). Hier ein kleiner Rückblick auf Titel, die im Herbst vor zwei Jahren erschienen sind. Vielleicht hat man doch etwas übersehen. Zugreifen solange noch lieferbar. Zudem sind diese Bücher in der Regel inzwischen als Taschenbuch-Ausgaben lieferbar.

Sie stammt aus Franken, lebt aber schon lange wie es sich gehört im preußischen Sammelbecken für Kunst- und Kulturschaffende: Iris Hannika. Vor zwei Jahren erschien ihr „Treffen sich zwei“ (TB bei btb. Euro 8). Dass die Liebe zuschlägt, wenn man gar nicht (mehr) damit rechnet, soll ja vorkommen. In diesem Buch macht dies das Leben der Beteiligten keineswegs leichter.

Etwas unterschätzt wird und noch zu wenig bekannt ist der in Ehingen an der Donau geborene Karl-Heinz Ott. Er schreibt und arbeitet seit Jahren hauptsächlich fürs Theater. Inzwischen sind aber auch einige Romane von ihm erschienen; so 2008  „Ob wir wollen oder nicht“ (Hoffmann und Campe. 17,95. Noch keine TB-Ausgabe). Eines Mißbrauchs verdächtig, sitzt der Protagonist im Untersuchungsgefängnis. Jetzt ist für ihn alles mit dicken Mauern umgeben: die Provinz, die Schädeldecke für seine Gedanken…

Zwischen „Beim Häuten der Zwiebel“ (dtv. 9,90) und dem aktuellen „Grimms Wörter“ (kommt gleich noch dran) erschien von Günter Grass „Die Box“ (dtv. 8.90) als zweiter Teil seiner (auto)biographischen Spiegelungen und Betrachtungen. Der Fotoapparat belichtet genüsslich die vielköpfige, aber etwas unübersichtliche Familienstruktur, die Grass mit seinen Frauen gelungen ist. Er selbst nannte das im Untertitel  „Dunkelkammergeschichten“.

Der Sohn von Christoph Hein („Willenbrock“, „Landnahme“, „In seiner frühen Kindheit ein Garten“, um nur drei seiner  allemal lesenswerten Werke zu nennen) heißt Jakob Hein und hatte als gelernter Facharzt für Psychiatrie sicher sein Ein- und Auskommen. Dennoch sattelte er um und wurde Schriftsteller. Sein „Vor mir der Tag und hinter mir die Nacht“ (Piper. 8,95) handelt von Boris der Ideen sammelt, bevor sie verloren gehen und Rebecca. Tja, man ahnt es natürlich schon! – und hat dabei das schmale Buch schneller ausgelesen als einem lieb ist.


Das besondere Buch

Heimat-Format. Anfang Oktober feierte die oberschwäbische Schriftstellerin Maria Beig ihren 90. Geburtstag und wurde in bescheidenem Umfang, wie es ihrem eigenen Naturell entspricht, gefeiert und geehrt. Ihr Tübinger Verlag Klöpfer und Meyer hatte sich bereits rechtzeitig auf das Ereignis vorbereitet. Im Frühjahr erschien das Gesamtwerk in fünf Bänden (Euro 89). Diese Ausgabe enthält den autobiographischen Roman „Ein Lebensweg“, der es Anfang diesen Jahres sogar in die Bestseller-Listen geschafft hatte ebenso wie Rabenkrächzen, den ersten Erfolg der Autorin, die erst im Alter von 60 Jahren zu schreiben begann. Dem Verlag ist dabei eine sehr schön gestaltete, hochwertig gedruckte und gebundene Edition gelungen.

Kunst-Format. Mit mehreren künstlerischen Talenten ist bekanntlich Günter Grass ausgestattet. Zwei davon setzte er ein um uns mit seinen „Grimms Wörter“ (Steidl. 29,80) zu beschenken. Der Schriftsteller erzählt aus seinem Leben – eine große Rolle spielt sein politischer Werdegang – und über den Weg von Jakob und Wilhelm Grimm zum großen deutschen Wörterbuch. Der Zeichner – oder muss es hier Maler heißen? – schuf die farbigen Vignetten vor den einzelnen Kapiteln und auf Umschlag und Schuber. Druck, Papier und Bindung runden das handwerkliche Meisterstück aus dem Göttinger Hause Steidl ab. So schön kann Buch sein und wird es bleiben wenn Oyo, PRS300B, Kindle und Co. längst im Sondermüll gelandet sind.

(Fussnote: Dieser letzte Satz ist nicht als grundsätzlicher finaler Seitenhieb auf elektronische Medien zu verstehen, schon gar nicht als Contra digitale Informationsverarbeitung, vielmehr als auf- und herausforderndes Für. Für mehr Kunst, Kreativität und Ästhetik. Für viel mehr Phantasie in Kultur, Wissenschaft und Alltag. Denn Plaste und Elaste sind aus den Fünfjahresplänen entlassen; ihnen wird das Öl abgegraben.)


 

Über-Format. Im Regal brauchen Sie Platz für 1536 Seiten und 35,6 cm Höhe. Mutig und, wie man inzwischen weiß, erfolgreich, war es von Suhrkamp, Zettel’s Traum in neuem Satz herauszugeben. Ob sich Arno Schmidt gefreut hätte über diese Abwandlung seines Original-Typoskripts? Der Inhalt der eigentlichen Erzählung ist vergleichsweise simpel, der Stoff dafür umso feiner und musterreicher gestrickt. Im Mittelpunkt steht der alternde Daniel Pagenstecher, seineszeichens Poe- und Po-Experte. Der Autor will uns zudem weiß machen, dass der dolle Dan bei der frechen, verlockenden, aber minderjährigen Franzi landen könnte. (Siehe zu diesem, von angejahrten Autoren gern bearbeiteten Thema auch: Goethe, Mann (ein Sonderfall), Nabokov, Walser und wie sie alle heißen. Doch stehts(,) vergebens ist alles Sehnen!) Die Standardausgabe, erschienen als letzter Band der Bargfelder Gesamtausgabe der Werke Schmidts, kostet Euro 298. Eine preiswertere Studienausgabe bekommt man in vier Binde-Einheiten aufgeteilt und broschiert für Euro 198; die limitierte und hochwertig ausgestattete Sonderausgabe kommt auf 448. Nachfragen haben ergeben: Das Werk ist nicht überall vorrätig. Auch im Bestand der einen oder anderen Stadtbibliothek könnte man es möglicherweise vergeblich suchen.

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