Feste lesen! (3)

Alle Jahre wieder

Damals hatte Paul Geburtstag. Seitdem sind nun auch schon wieder fast vier Monate vergangen. Zwar befand sich über dem Atlantik bereits ein barometrisches Minimum, doch spannte sich ein Himmel von blauer Seide über den milden Spätsommertag und der Garten lag im Sonnendunst eines letzten, schönen Augusttages.

Paul ist der Schwager einer Kusine meiner Frau. Seine Ehrentage gehören zu den wirklichen Höhepunkten eines jeden Jahres und sind für die ganze Familie, die nähere, die weitere und entfernte Verwandtschaft, unumschiffbare Pflichttermine. Je mehr Angehörige, Freunde, Kolleginnen und Kollegen seine zum Festsaal umgerüstete Garage bevölkern, desto glücklicher ist der Jubilar. An diesem runden Geburtstag hatte die Garage einen bierzeltartigen Vorbau bekommen, dessen leichtes Leinendach im sanften Sommerwind harmonisch auf und ab schwang.

Am Morgen dieses wunderbaren und zudem arbeitsfreien Tages, hatte ich noch im Bett, die zum wiederholten Male unterbrochene Lektüre von Tellkamps „Der Turm“ wieder aufgenommen. Auf Seite 371: „Ruhe. Wie ein Boot nach einem letzten Ruderzug schien der Tag zu treiben, nicht mehr in Anstrengung, noch nicht am Ziel, der Himmel, an dem nur noch wenige, federleichte Wolkenbrauen staunten, dehnte sich zu Luftballonbläue … “ Irgendwann meldete sich dann der Tag, riefen Frau und Kinder, nahmen die Dinge ihren festlich unabänderlichen Verlauf, verlangten Gespräch und Gesang, Speis und Trank die volle Konzentration.

Schon bald nach Pauls Geburtstag galt es den Hochzeitstag zu begehen und wenige Wochen später in kurzer Folge die Geburtstage unserer Kinder, mit all ihren Vor- und Nachbereitungen. Am zweiten Wochenende im Oktober wurde Großtante Hilde 90 und vierzehn Tage später im nahegelegenen ländlichen Vorort drei Tage Kirchweih gefeiert. Anfang November weihten Kulturdezernat und Elternbeirat die neue barrierefreie Eingangshalle des Schulzentrums ein, mit im Schulchor sangen die Kinder; Freiwillige waren für Kaffee-, Bier-, Würstchen- und Kuchen-Verkauf gesucht worden. Ende desselben Monats hatte der Schach-Club „Weiße Dame“ hundertjähriges Jubiläum; drei Tage gehörten den Festlichkeiten, einschließlich überregional besetztem und von der örtlichen Volksbank mit attraktiven Preisen ausgestattetem Turnier. Anfang Dezember schied tränenreich Kollege Zeitblom aus dem aktiven Dienst, der Abend klang feuchtfreulichtraurig im Stammlokal des zukünftigen Pensionärs aus.

365 Tage hat das Jahr. An den meisten muss man arbeiten. An allen anderen aber könnte man eigentlich von morgens bis abends lesen. Es spräche wenig dagegen. Aber allzu oft kommt Allzuoft. Höhepunkte des Kalendariums und des Kirchenjahres sind Tiefpunkte für leidenschaftliche Leser. Da vorher (Sekt), aus Anlass (Sekt), zum Essen (Wein) und zum Schluss (Bier und Schnaps) noch reichlich Prozentiges genossen wird, ist es nach der Feier auch meist vorbei mit Schmökern. Es bleibt das Bett, mit unruhigem Schlaf und dem durch Zwiebelrostbraten, Torte und Trinkgenüsse verursachten Alptraum. In diesem stehe ich vor dem Regal und beim Versuch einen Band der neuen kommentierten Frankfurter Werkausgabe zu greifen, löst sich die ganze Konstruktion mitsamt hunderten, nach den Regeln für die alphabetische Katalogisierung (Kennern sprechen von den „RAK“) sortierter Bände von der Wand.

Unter solchen Umständen kommt auch diesmal das Weihnachtsfest heran und wieder verfolgten wir mit Hilfe des Abreißkalenders, auf dessen letztem Blatt ein Tannenbaum gezeichnet ist, pochenden Herzens das Nahen der unvergleichlichen Zeit. Schneeflocken fallen und legen sich auf die weiße Decke, die schon Tagen in den Straßen der Stadt liegt. Die Laternen geben nur spärliches Licht; in den Häusern aber wird es von Minute zu Minute heller.

Unter dem reichgeschmückten Tannenbaum, im Schein der Kerzen, vor erwartungsfrohen, festlich gestimmten, kleinen und größeren Menschen, da liegen sie auch dieses Jahr wieder: Die Klassiker wie der immer aktuelle „Werther“, „Krieg und Frieden“ neben „Vor dem Sturm“, „Buddenbrooks“ neben den Rilke-Gedichten, Neuerscheinungen von Grass und LeCarré, von Melinda Nadj Abonji und Mariam Kühsel-Hussani, Erzählungen und Romane, Kunst- und Bildbände, Koch- und Kinderbücher, neben Socken und Taschentüchern, Gut- und Geldscheinen in diskreten Kuverts, zwischen Lebkuchen und Likören. Da liegen sie. Alle Jahre wieder.

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Danksagung: Ich danke meiner Familie für ihr Verständnis, ganz besonders aber meiner Frau, die mir die Arbeit an diesem Blog mit ihrer Zuversicht stets erleichtert. Außerdem danke ich Robert Musil, Thomas Mann und Theodor Fontane, ohne die dieser Beitrag nicht möglich gewesen wäre. Allen Genannten und Nichtgenannten wünsche ich eine fröhliche und – soweit es die Umstände erlauben und sie noch leben  – lektürereiche Weihnachtszeit.