Ännchen von Tharau

Vor einiger Zeit veranstaltete die Zeitschrift „chrismon“ eine Leser-Umfrage. Sie wollte die Top Ten der Volkslieder ermitteln. Hitlisten waren und sind angesagt; das Ergebnis dieser sah so aus:

Platz 3: Kein schöner Land in dieser Zeit

Platz 2: Die Gedanken sind frei

Platz 1: Der Mond ist aufgegangen

Die Top Ten und sieben weitere Lieder wurden von dem Leipziger Ensemble „Calmus“ auf einer CD eingespielt, oder besser eingesungen, die den Titel „Lied:gut! Die schönsten deutschen Volkslieder“ trägt, in der edition chrismon erschienen ist und nur wärmsten empfohlen werden kann, da es sich bei dieser a-cappella-Gruppe um gut ausgebildete Sänger aus dem Kreis des Thomaner-Chors handelt. Sie sind in vielen musikalischen Genres zu Hause, von Bach über Jazz bis Pop. Ihre Volkslieder-CD enthält übrigens am Ende ein Angebot zum Mitsingen.

Mein liebstes Volkslied kam nur auf Rang sieben. Es heißt Ännchen von Tharau und die erste Strophe hat diesen Text:

Ännchen von Tharau ist’s, die mir gefällt, / sie ist mein Leben, mein Gut und mein Geld. / Ännchen von Tharau hat wieder ihr Herz / auf mich gerichtet in Lieb und in Schmerz. / Ännchen von Tharau, mein Reichtum, mein Gut, / du meine Seele, mein Fleisch und mein Blut!

Nach heutigen Maßstäben würde man diese Verse wohl kitschig nennen. Allerdings stammen sie von Simon Dach, einem ostpreußischen Dichter, der von 1605 bis 1659 lebte; in einer Zeitspanne, die geprägt war von der großen europäischen Tragödie des Dreißigjährigen Krieges. Elend und Verzweiflung dieses Zeitalters klingen in der zweiten Strophe des „Ännchen“ an:

Käm alles Wetter gleich auf uns zu schlahn, / wir sind gesinnt beieinander zu stahn. / Krankheit, Verfolgung, Betrübnis und Pein / soll unsrer Liebe Verknotigung sein. / Ännchen von Tharau …

Zusammenhalt und Schicksals-Genossenschaft in seiner häufigsten und schönsten Form, der Liebe zwischen Mann und Frau, als Hoffnungsfunken in einer Zeit, einer Gegenwart, die den Menschen wenig Hoffnung und Zukunft zu bieten hatte. Diese Liebe muss dabei nicht einmal unbedingt realisiert werden; es reicht der Glaube an sie, um das Leben, zumindest in Gedanken, zu einem sinnvollen, lebenswerten zu machen. Und so heißt es folgerichtig in der dritten Strophe:

Würdest du gleich einmal von mir getrennt, / lebtest, da wo man die Sonne kaum kennt; / ich will Dir folgen durch Wälder, durch Meer, / durch Eisen, durch Kerker, durch feindliches Heer. / Ännchen von Tharau …

Neben der Interpretation durch das Calmus Ensemble, hat mich besonders jene von Annette Dasch beeindruckt. Zuerst war ich irritiert. Es ist kein Lied, von dem man erwartet, dass es von einer Frau gesungen wird; noch dazu von einer der derzeit besten deutschen Opern-Soprane. Doch Dasch gelingt es in hervorragender Weise, die Intentionen des Dichters, sowie Sehnsucht, Melancholie und Verzweiflung, die mit dieser Liebe verbunden sind, zum Ausdruck zu bringen. Ihre Version in der bekannten Vertonung von Friedrich Silcher aus dem 19. Jahrhundert, findet man auf der im letzten Jahr bei Sony erschienen CD „Wenn ich ein Vöglein wär – Deutsche Volkslieder“.

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