Hesse-Orte in Tübingen. Erster Teil

Ankunft

Hermann Hesse lebte von Oktober 1895 bis Juli 1899 in Tübingen. Als er in der Universitätsstadt am Neckar eintraf war er 18 Jahre alt. Er hatte zu diesem Zeitpunkt einige schwierige und wechselhafte Jugendjahre hinter sich. In Esslingen war ein erster Anlauf eine Buchhändler-Lehre zu absolvieren bereits nach drei Tagen gescheitert. Eine anschließende Mechaniker-Ausbildung bei der Turmuhren-Fabrik Perrot in Calw, war eine rechte Zumutung für den sensiblen Künstler-Charakter. Die Atmosphäre im pietistischen Heimatstädtchen empfand er als bedrängend. Deshalb war Tübingen nicht nur ein weiterer Neuanfang, sondern fast schon so etwas wie die letzte Chance für den jungen Hermann Hesse in einer bürgerlichen Berufslaufbahn.

Heckenhauer

Am 17. Oktober trat Hesse als Lehrling in die Heckenhauer’sche Buchhandlung ein. Das Geschäft befand sich am Holzmarkt, schräg gegenüber der Stiftskirche. Noch heute besteht dort ein, u. a. auf Hesse spezialisiertes Antiquariat, als Nachfolger des ehemaligen Sortiments. Die Ausbildung dauerte drei Jahre und Hesse wurde danach als Sortimentsgehilfe übernommen. Er war zu dieser Zeit bereits fest entschlossen Schriftsteller zu werden und so dienten die zahlreichen Briefe, die er aus Tübingen an die Familie schrieb, auch als Einübung in die zukünftige Laufbahn. Als guter und genauer Beobachter hatte er reichlich Kurioses und Anekdotisches zu berichten; zudem sammelte er fleißig Motive und Charaktere für spätere literarische Arbeiten.

Am akademischen Leben der Stadt, in der die Studierenden und Wissenschaftler bis heute einen großen Teil der Bevölkerung ausmachen, nahm er zunächst nicht teil. „… im ganzen scheint mir das akademische Treiben doch nicht ganz ideal, sondern eng und lückenhaft wie alles Irdische.“ Er eignete sich seinen eigenen Bildungskanon an. Beschäftigte sich jahrelang sehr intensiv mit Goethe, las russische, skandinavische und französische Autoren und wendet sich schließlich Romantikern wie Eichendorff, Tieck und Novalis zu. „Jede Stunde scheint mir verloren, die ich nicht über guten Büchern oder Zeitschriften hinbringe …“. Er las und schrieb, durchforschte im Selbst-Studium die Literaturgeschichte; Zeitschriften druckten bald erste Gedichte von ihm.

Hesses erste selbstständige Veröffentlichung erschien bereits 1898 im Dresdner Verlag E. Pierson. „Romantische Lieder“ wurde in einer Auflage von 600 Exemplaren gedruckt und verkaufte sich schlecht. Ein Jahr danach brachte Diederichs in Leipzig einen Band mit kurzer Prosa heraus. Er trug den Titel „Eine Stunde hinter Mitternacht.“ Mit der späteren Frau des Verlegers Helene Voigt-Diederichs, die etwa in Hesses Alter war, und der seine Arbeiten gefielen, entspann sich ein Briefwechsel. Der Austausch offenbarte gemeinsame Interessen und Neigungen. Zu einer persönlichen Begegnung ist es nie gekommen. Hermann Hesse hatte, neben seiner berufspraktischen Ausbildung, die ersten Schritte auf dem Weg zum etablierten Schriftsteller zurückgelegt.

Herrenberger Straße

Während seiner Tübinger Zeit wohnte Hesse etwas außerhalb der heute bekannten historischen Altstadt. Bei der Dekans-Witwe Leopold hatten ihm die Eltern ein Zimmer gemietet; dort wurde er morgens, mittags und abends mit kräftigen Mahlzeiten versorgt. Der Lehrherr war für ein Vesper am Nachmittag zuständig; meist gab es Bier und Brot. Es war damals durchaus noch üblich, dass die Ausbilder im Betrieb an Erziehung und Menschenbildung der meist noch sehr jungen Lehrlinge mitwirkten; das geschah nicht selten mit einer gewissen Härte. („Lehrjahre sind keine Herrenjahre“ ist bis heute ein oft zitiertes geflügeltes Wort.) Seinem Sohn in der Fremde hatte zudem Vater Hesse diszplinarische Regeln mit auf den Weg gegeben. Eine davon lautete: „Alle anderen Ausgaben sind zu vermeiden … Das Rauchen auf ein Minimum zu beschränken, weil es den Appetit vermindert, die Nerven reizt und Geld kostet.“

Die Adresse Herrenberger Straße 28 war ein damals sicherlich modernes Wohnhaus in nüchterner Vorstadt-Umgebung. Es wurde inzwischen mehrfach umgebaut, ein Anbau errichtet; heute wird hier Musikunterricht gegeben. Hin und wieder sieht man Japaner und Japanerinnen mit etwas ratlosen Minen davor stehen. Die Herrenberger Straße und ihre Umgebung sind seit dem zweiten Weltkrieg zu einer der verkehrsreichsten Gegenden der Universitätsstadt Tübingen geworden.

In den Jahren, die Hesse bei Frau Leopold wohnte und seiner Arbeit bei Heckenhauer nachging, gab er den skeptischen und um die Zukunft ihres Sohnes besorgten Eltern in Calw keinen Anlass zum Klagen. Er fühlte sich wohl bei seiner Wirtin. „Frau Dekan bemuttert mich aufs sorglichste … Vom Mittagstisch komme ich nur mit Mühe los, da sie voller Erzählkunst ist. Sie ist wie aus einem Dickens’schen Roman exzerpiert … zum Platzen voll von alten und neuen Geschichten, und dabei voll Gutmütigkeit und Liebe.“

Sein Zimmer war das größte der Wohnung und gut ausgestattet: Tisch, Sofa, Schrank, Bett und Nachttisch, Bilder und Blumenstöcke. Zum Schreiben stand Hesse ein Stehpult zur Verfügung, von den beiden Fenstern sah man auf das Schloss Hohentübingen. Vom Lehrlingslohn erwarb er noch eine Gipsbüste des Hermes von Praxitiles und hängte Portraits von Schriftstellen und Komponisten auf. „Auf der Kommode vereinigen sich einige Zinnbecher mit Bierkrieg, Hermes, Muschelkorb … zu einer künstlerisch barocken Gesamtwirkung. Auf dem Kasten ein Still-Leben von Zigarrenschachteln, Flaschen, Honigtopf …“

Fortsetzung folgt.

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