„Mit Büchern in Gesellschaft“

Hanns-Josef Ortheil und das Lesen

Vladimir Nabokov, russischer Schriftsteller und Schmetterlingsforscher, der den größten Teil seines Lebens im deutschen, amerikanischen und schweizerischen Exil verbrachte, war auch zehn Jahre an der nordamerikanischen Universität von Cornell als Literatur-Professor tätig. Zu seiner pädagogischen Zielsetzung gehörte es, nach eigener Aussage „Meisterleser für die Autoren von Meisterwerken“ auszubilden. In seinem Buch “Die Kunst des Lesens” hat er seine dahingehenden Vorstellungen an Hauptwerken der russischen Literatur und Schriftstellern wie Tolstoi, Dostojewski und Gorki erläutert, erprobt und weitergegeben.

Man darf dem deutschen Schriftsteller, Literaturwissenschaftler und Hochschullehrer Hanns-Josef Ortheil unterstellen, dass er ähnliche Absichten verfolgt, wenn er, in immer wieder neuen Formen und bei immer wieder anderen Gelegenheiten, über das Thema “Lesen” ausschweift. Beiden Schriftstellern ist zudem gemein, dass sie gerne darauf aufmerksam machen möchten, wie nahe verwandt intensives, lebensbegleitendes Lesen und der Drang und die Fähigkeit zum Schreiben sind.

Im letzten Jahr entstanden sieben kurze Video-Filme, in denen Hanns-Josef Ortheil über jeweils ein konkretes Thema spricht und dazu einige ihn interessierende und, wie er hofft, auch sein Publikum begeisternde Bücher vorstellt. “Ortheils Monologe” entstand in Zusammenarbeit mit dem Literaturhaus Stuttgart, Regie führte Manfred Heinfeldner, die animierten Passagen stammen von Ralf Bohde. Gedreht wurde in der Landeshauptstadt Baden-Württembergs an Schauplätzen, die einen engen Bezug zum jeweiligen Inhalt haben.

In den ersten Folge ging es um “Einfachheit”, “Musik hören”,  und “Gastrophie”, bei der uns der Autor zu besonders labhaften, kulinarischen Schauplätzen mitnimmt. Dann durften wir den berucksackten Ortheil beim “Pilgern” auf lichten, grünen Wegen begleiten, ihn über “Gärten” und “Kunst” plaudern und passende Lektüre empfehlen hören und sehen. Der bisher neueste Film entstand im Dezember letzten Jahres und widmete sich einer Beschäftigung, die für Schriftsteller tägliches Handwerk und künstlerische Passion, manchmal aber auch verwünschte Qual ist – dem Schreiben. Ortheil nimmt uns dazu mit in die Geburtsstadt Friedrich Schillers, nach Marbach bei Ludwigsburg, zu den dortigen Literatur-Museen.

Die Filme bieten reichlich inspirierendes Gedankengut vor manch hintersinniger Kulisse. Sie haben eine unterschiedliche Länge von etwa acht bis knapp 15 Minuten und können auf der Web-Site des Stuttgarter Literaturhauses angesehen werden: “Ortheils Monologe”.

Dem Schreiben voraus, wie uns Nabokov und Ortheil überzeugend klarmachen, geht also unabdingbar das Lesen. Ohne ausdauerndes, dabei tief in Stoff und Stil eines Werkes versinkendes Lesen, ist Schreiben nur selten möglich. Nach einer schöpferischen Pause wurde nun mit einer Veranstaltung im Literaturhaus Stuttgart die nächste Serie von “Ortheils Monologen” gestartet. Diesmal stand das Thema “Lesen” auf dem Programm des Abend; wobei man sich die Frage stellen konnte, warum es bis Folge acht dauerte, bis diese elementare Form allen literarischen Erlebens an die Reihe kam. Wenn der Autor und Protagonist die Absicht hatte, die Spannung zu steigern, so war es ihm zweifellos gelungen. Erwartungsfroh war darum auch das zahlreiche Publikum im Saal des Stuttgarter Literaturhauses am Abend dieses 24. Februar.

Hanns-Josef Ortheil unternahm den breit angelegten, ja bewußt ausufernden Versuch, über das Thema “Lesen” nachzudenken; er tat dies in aller Öffentlichkeit, vor allerdings sehr geneigtem Auditorium. Rhetorisch bestens aufbereitet, geschliffen ausformuliert und in anspruchvoller, aber jederzeit verständlicher Sprache, trug der Wahl-Stuttgarter vor. Um sich auf diesen Abend vorzubereiten war er nach eigener Aussage intensiv durch Bücher, Bibliotheken, Buchhandlungen und das inzwischen unumgängliche weltweite Netz vagabundiert.

Hans-Josef Ortheil signiert im Literaturhaus Stuttgart

Anekdoten- und zitatenreich, mit Bildmaterial unterstützt, stellte er unter anderem verschiedene Lese-Typen in Geschichte und Gegenwart vor. Ortheil selbst zählt sich zum Typus des wilden Lesers. Er liest alles, er liest immer, er wirft auf alles Gedruckte – mindestens – einen Blick. Humorvoll und pointiert gestaltete Ortheil seinen Vortrag in Form eines genussreichen Fünf-Gänge-Menüs. Als einer der Hauptgänge wurde der neue Videofilm zum Thema “Lesen” präsentiert, für den diesmal die Stuttgarter Stadtbibliothek im Wilhelmspalais die Kulisse abgab. Ortheil stellt darin vier Bücher vor, die ihm, selbstverständlich neben vielen anderen, die in diesem kurzen Video-Vortrag nicht erwähnt werden konnten, wichtig erscheinen, um sich mit dem Thema gründlich und vertiefend zu beschäftigen. Zu sehen ist das Ergebnis hier.

Den Abend im Stuttgarter Literaturhaus beschloss Hanns-Josef Ortheil mit einer kurzen Lesung aus seinem Buch “Lesehunger”, in dem er sich ebenfals mit dem Thema “Lesen”, hier aus einer sehr privaten, fast intimen Perspektive heraus, beschäftigt hat. Das Buch enhält Tagebuch-Aufzeichnungen, kleine Erzählungen und essayistische Beiträge, die durch die Rahmenhandlung in Form eines fiktiven Interviews in einen Gesamt-Zusammenhang gebracht wurden. Es liest sich ausgesprochen unterhaltsam und kurzweilig, bietet dabei ein Übermaß an Lektüre-Hinweisen und -Vorschlägen. Die Fülle der  Lese-Anregungen überfordert möglicherweise selbst geübte Viel-Leser.

Ortheil, Hanns-Josef: Lesehunger. – München, 2009. (Sammlung Luchterhand. Euro 8.–)

4 Kommentare zu “„Mit Büchern in Gesellschaft“

  1. Auch vor fast 200 Jahren machte sich ein Dichter schon Gedanken über seine Leser:

    „Und das sind die rechten Leser, die mit und über dem Buche dichten. Denn kein Dichter gibt einen fertigen Himmel; er stellt nur die Himmelsleiter auf von der schönen Erde. Wer, zu träge und unlustig, nicht den Mut verspürt die goldenen, losen Sprossen zu besteigen, dem bleibt der geheimnisvolle Buchstab ewig tot, und er täte besser, zu graben oder zu pflügen, als so mit unnützem Lesen müßig zu sein.“
    (Joseph von Eichendorff in: Ahnung und Gegenwart, Nürnberg 1815)

    Gefällt mir

  2. Der von uns geschätzte „Wäller“ hat offensichtlich zwischen den Stuttgarter Trollinger-Bergen einen für ihn anregenden Lebensmittelpunkt gefunden. Im dortigen Literaturhaus trägt er seine Heimspiele aus und es kommen fast so viele Fans wie zum VfB ins Stadion.

    Gefällt mir

  3. Die Videos mit Ortheils Monologen sind leuchtende Perlen in der nervenden grauen Beliebigkeit und Oberflächligkeit weiter Bereiche der gesellschaftlichen Gegenwart, und des Dichters „Lesehunger“ ist dem Kommentator zu einem Sehnsuchtsort für ein anderes Leben geworden. Dass der Blogger den Wäller und Wahl-Stuttgarter Hanns-Josef-Ortheil in natura erleben konnte: was für ein beneidenswertes Glück!

    Gefällt mir

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.