Leipziger Buchmesse 2011 – eine erste Nachlese

„Wir lieben Leipzig!“

Mit diesem Ausruf beendete dtv-Chef Wolfgang Balk die diesjährige Lesenacht seines Verlags im akademixer-Keller und sprach damit sicher nicht nur den Anwesenden aus dem Herzen, sondern den meisten Besuchern von Buchmesse und “Leipzig liest”.

Am Sonntag ging die diesjährige Leipziger Buchmesse zu Ende; nach erneutem Besucherzuwachs nähert sich dieser Frühjahrshöhepunkt wohl endgültig seiner Kapazitätsgrenze. Der Wunsch nach einem Fachbesuchertag wurde deshalb von zahlreichen Buchhändlern und Bibliothekaren, Verlags- und Medienleuten immer wieder geäußert.

Voll. Voller. Leipziger Buchmesse. Gedränge also, und Geschiebe in allen Hallen und Gängen, an Ständen und vor Foren und Bühnen. Kein Durchkommen und dennoch allerorten buntes, oft fröhliches Treiben. Aber auch ernsthafte Diskussionen und hintergründige Gespräche. Medienrummel zudem. Bei =CONLIBRI= nun einige Eindrücke von – überwiegend – literarischen Aspekten des viertägigen Ereignisses. Eine klitzekleine Auswahl nur, zudem ganz den persönlichen Lieben und Vorlieben des bloggenden Besuchers folgend.

Setz. Clemens Johann Setz bekam den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Belletristik für seinen Erzählband “Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes.” Das war durchaus überraschend und unterstreicht einmal mehr die mögliche Eigendynamik solcher Preisträger-Findungsprozesse. Nun mag der gewollt originell und verstörend wirkende Titel des Buches ebenso etwas abschrecken wie die dargestellten Gewalt- und Pornowelten; mangelndes Schreib-Talent kann man dem 28-jährigen Autor jedoch nicht unterstellen. In bester östereichischer Jungautoren-Tradition – erinnert sei etwa an Handke oder Bernhard – gab er sich in den Tagen vor der Auszeichnung betont raubeinig, pointenreich provozierend, und verzichtete auch nicht darauf kräftige Seitenhiebe an Kolleginnen und Kollegen des schreibenden Gewerbes zu verteilen. Das änderte sich, als dann der Preisträger von Termin zu Termin gereicht wurde. Er lobte sogar ausdrücklich Wolfgang Herrndorf und dessen Roman “Tschick”, den er mit großem Vergnügen gelesen habe und dessen Verfasser den Preis ebenso verdient hätte. Wolfgang Herrndorf hatte wie Arno Geiger (“Der alte König in seinem Exil”) zu den Favoriten gezählt; er konnte wegen seiner tragischen Erkrankung nicht nach Leipzig kommen.

Bank. Zu meinen ganz persönlichen Favoritinnen gehört schon seit einiger Zeit die Schriftstellerin Zsuzsa Bank, deren Debüt-Roman “Der Schwimmer” vor einigen Jahren großen Eindruck auf mich gemacht hat. Insbesondere die sprachlichen Fähigkeiten der Autorin, die aus einer ungarischen Familie stammt, aber von Anfang an in Deutsch schrieb, sind bemerkenswert. Man muss sich in den letzten Jahren immer wieder wundern, wie viele Schriftstellerinnen und Schriftsteller die deutsche Literatur bereichern, die in eine andere Sprache hineingeboren wurden. Auch im neuen Roman “Die hellen Tage” findet Bank wieder zu ihrem weichen, melodiösen Sprach-Rhythmus. Erzählt wird die Geschichte dreier Familien und die zahlreichen Zerreißproben ausgesetzte Dreiecksbeziehung von Seri, Karl und Aja. Das Buch spielt u. a. in einem phantasievoll farbigen Zirkus-Milieu. „“Die hellen Tage“ sind für mich das schönste Buch des Frühjahrs 2011″, sagte Christine Westermann im WDR.

Florescu. Auch die Muttersprache von Catalin Dorian Florescu war nicht Deutsch sondern Rumänisch. Heute lebt er als deutschsprachiger Autor in der Schweiz. Bereits seine letzten beiden Romane “Zaira” und “Der blinde Masseur” fanden große Beachtung und zahlreiche Leser. In Leipzig stellte er sein Buch “Jacob beschließt zu lieben” vor. Es ist die abenteuerliche Lebensgeschichte des Jacob Obertin aus dem schwäbischen Dorf Triebswetter im rumänischen Banat, samt seiner Vorfahren. Florescu erzählt farbig und flott. Anekdotenreich und sinnlich schildert er Sitten und Gebräuche, Glauben und Aberglauben des europäischen Südosten. Manchmal hat man beim Lesen das Gefühl Schnaps und Knoblauch zu riechen. Der Autor berichtete, dass er sich immer wieder einige Zeit in Rumänien aufhält um neue Eindrücke, Stoffe und Geschichten zu sammeln. Für ihn ist Europa im übrigen eine einzige große Migrationsgeschichte.

Catalin Dorian Florescu zu Gast bei 3sat

Sofa. Polstermöbel allerorten. Traditionsreich, zentral positioniert und menschenreich umlagert, das blaue Sofa. Aufgestellt von Bertelsmann, Deutschlandradio Kultur und ZDF, nimmt hier alles Platz was einen Namen hat oder sich einen machen möchte. Nicht alle Gäste sind dabei von wirklich literarischem Rang wie Karen Duve, Margriet de Moor oder Melinda Nadj Abonji. Die meisten sind einfach populäre Figuren oder Darsteller unserer immer stärker ausfasernden Medien-Landschaft. Ein Joachim Krol ist ebenso dabei, wie die unvermeidliche Veronica Ferres, Gutmensch Todenhöfer und Leidfigur Walter Kohl, Radler Täve Schur oder die Übergröße Jörg Thadeusz. Tiefschwarz hingegen ist die Sitzgelegenheit für die Komik- und Manga-Fraktion; rot das Möbel auf dem Stand des Universitätsradios “Mephisto 97.6” – ein bemerkenswerter Messeteilnehmer, über den in einigen Tagen in einer zweiten Nachlese einige Sätze zu lesen sein werden. Ein Sofa befand sich auch im zweiten Stockwerk der innenstädtischen, lauschigen Connewitzer Verlagsbuchhandlung und hier saß dann am Abend nach getaner Messe-Schicht noch einmal der Eine oder die Andere in angenehm intimen Rahmen, las, plauderte, gab bereitwillig Auskunft und signierte vor eher kleinem, aber sehr geneigtem Publikum.

Leipziger Tage sind kurz. Sie sind im Nu vorüber. Und wenn sie zu Ende gehen, hat man immer das Gefühl etwas verpasst zu haben. Doch auch der Kondition buch- und literaturaffiner Geister sind Grenzen gesetzt. Die Füße schwitzen, schwellen und schmerzen. Höchste Zeit also die letzte Station des dann schon fortgeschrittenen Abends anzusteuern. Ein finaler, müder Meinungsaustausch im Sitzen, bei Bier, Wein, spätem Würzfleisch, in „Volkshaus“, „Südbrause“, „Cafè Puschkin“ oder einer der zahlreichen Kneipen und Restaurants auf dem hochfrequentierten Drallewatsch, dann fällt der Vorhang und manche Frage bleibt bekanntlich offen.

Eine zweite Nachlese folgt in wenigen Tagen.

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