Spät-Lese (1)

 
(Die =conlibri= Spät-Lese: Reife Bücher aus älteren Jahrgängen. Erstmals, neu oder wieder gelesen.)

Anna Karenina von Leo (Lew) Tolstoi

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Warum jetzt?

„Das Element der Epik mit seiner rollenden Weite, seinem Hauch von Anfänglichkeit und Lebenswürze, seinem breit rauschenden Rhythmus, seiner beschäftigten Monotonie – wie gleicht es dem Meere, wie gleicht ihm das Meere! Es ist das homerische Element, das ich meine, das Ewig-Erzählerische als Kunst-Natur, als naive Großartigkeit, Körperlichkeit, Gegenständlichkeit, unsterbliche Gesundheit, unsterblicher Realismus.“

Wie Thomas Mann fasziniert mich die epische Erzählform in Gestalt umfangreicher Romane; sie sind nahezu alltägliches Zentrum meines Schmökerns, Lesens und Studierens. Thomas Mann selbst habe ich nicht nur besonders oft und intensiv gelesen, ich folge auch bereitwillig seinen Spuren, Quellen und Hinweisen. So habe ich seine norwegischen Vorbilder Alexander Lange Kielland und Jonas Lie entdeckt, so folgte ich auch seiner Wahrnehmung der beiden großen russischen Schriftsteller Dostojewski und Tolstoi.

Das war und ist nicht immer leicht. Bei „Krieg und Frieden“ war nach zwei Dritteln der Textmasse erst einmal Schluss. Ich scheiterte an den vorausgesetzten militärgeschichtlichen Kenntnissen und dem ganzen rabiaten Schlachtengetümmel. Nun also „Anna Karenina“.

In der letzten Zeit waren die neuen zeitgemäßen Übersetzungen von Werken Dostojewskis und Tolstois sehr im Gespräch. Den Anfang machte vor einigen Jahren die inzwischen leider verstorbene Swetlana Geier mit Dostojewski. Für ihre Neuübertragung von Tolstois „Krieg und Frieden“ bekam Barbara Conrad im März diesen Jahres den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Übersetzung verliehen, verbunden mit viel Beifall und Anerkennung.

Ebenso hätte man Rosemarie Tietze auszeichnen können. Von ihr stammt die aktuellste deutsche Version der „Anna Karenina“. Drei Jahre hat sie ausschließlich daran gearbeitet. In die Hand kam mir diese Ausgabe in einer Bibliothek eher zufällig, doch nach neugierigem Anlesen blieb ich bald hängen. Diese Übersetzung ist wohl das, was man „frisch“ nennt und mich als Leser nicht mehr unterscheiden lässt, ob Faszination und Genuss der Lektüre Autor oder Übersetzerin zu verdanken sind. Rosemarie Tietze versteht es offensichtlich in ganz einmaliger Weise, in zwei Sprachen literarisch zu denken und zu schreiben. So kommt es, dass man einen 135 Jahre alten Roman nicht mehr beiseite legen kann.

Das Leben des Autors

Lew Nikolajewitsch Graf Tolstoiin Deutschland meist: Leo Tolstoi – wurde am 9. September 1828 auf dem etwa 200 Kilometer südlich von Moskau gelegenen Gut Jasnaja Poljana geboren. Nach dem frühen Tod der Eltern lebte er bei einer Tante in Kazan, wo er auch von 1844 bis 1847 orientalische Sprachen und Jura studierte. Dem Studium folgte ein fünfjähriger Militärdienst. Tolstoi nahm u. a. an Kampfhandlungen im Kaukasus und auf der Krim teil. Auslandsreisen in den Jahren 1857 bis 1861 führten ihn nach Italien, Deutschland, Frankreich und England.

Tolstoi auf einem Gemälde von Ilja Jefimowitsch Repin (1887)

1862 heiratete Tolstoi Sofija Andreeva Bers und lies sich auf dem ererbten Landgut nieder. Die großen Romane „Krieg und Frieden“ und „Anna Karenina“ schrieb er zwischen 1864 und 1876. Die Literaturwissenschaft nennt ihn einen typischen Vertreter des psychologischen Realismus. Sein Erzählwerk zeichnet sich durch anschauliche und detaillierte Darstellung von Menschen und Natur aus. Seine Gattin hatte selbst breit gefächerte künstlerische Veranlagungen, die sie jedoch als Mutter von 13 Kindern und engste Mitarbeiterin ihres Mannes lange zurückstellen musste. Heute können wir auch von ihr Literarisches lesen. Zuletzt erschien in einer Neuausgabe „Kreuzersonate / Eine Frage der Schuld“, eine Art Gegenentwurf zu einem der bekanntesten Werke ihres Mannes. Doch ohne die geduldige Unterstützung Sofija Tolstojas wären die monumentalen Romane Leos wohl kaum entstanden.

Leo Tolstois Werk hatte seine Quellen u. a. in der Ethik und der Aufklärung des mitteleuropäischen 19. Jahrhunderts. Vor allem die Ideen Rousseaus beeinflussten sein Denken und Schreiben stark. Sie führten auch dazu, dass er sich im Laufe seines Lebens vom feudal-patriarchalischen Großgrund-Besitzer zum humanistisch-christlich motivierten Sozialreformer und zu einem Kritiker kirchlicher und staatlicher Autoritäten wandelte. Er setzte sich besonders gegen die Leibeigenschaft und für die unteren Stände des zaristischen russischen Gemeinwesens ein.

Durch Aufgabe eigener Besitzansprüche im Alter, die sich auch auf die Rechte an seinem umfangreichen und einträglichen Werk erstreckte, geriet er mit seinen Angehörigen in Konflikt. Im letzten Lebensjahr verließ er daher das heimatliche Gut und die Familie, um in asketischer Einsamkeit zu leben. Am 20. November 1910 starb er in Astapovo. Seine Beerdigung wurde zu einem großen gesellschaftlichen Ereignis. Mehrere tausend Menschen folgten dem Trauerzug.

Die Geschichte des Werks

Im 18. Und 19. Jahrhundert war es üblich selbst umfangreiche Werke zunächst in Fortsetzungen in literarischen Blättern zu veröffentlichen, die sich zu dieser Zeit eines breiten Interesses der gebildeten Schichten erfreuten. Aber auch Erstveröffentlichungen in populären Zeitschriften waren durchaus nicht ungewöhnlich. Gedruckte und gebundene Bücher waren teuer, das Publikum, das als Käufer dafür in Frage kam, noch sehr begrenzt.

„Anna Karenina“ erschien von 1875 bis 1877 erstmals in der Zeitschrift „Russkji vestnik“. Die erste Buchausgabe, die anschließend in einem Moskauer Verlag herauskam, bestand aus drei Bänden. Die erste deutsche Übersetzung war von Paul Wilhelm Graff und erschien 1885 bei Wilhelmi in Berlin. Die aktuellsten Übersetzungen in deutscher Sprache stammen von Hermann Asemissen (Aufbau und Insel), Fred Ottow (bei dtv) und eben Rosemarie Tietze, deren Arbeit zu diesem Artikel anregte.

Das Werk wurde seit seinem Erscheinen unzählige Male rezensiert und kommentiert. Eine Bibliographie der Sekundärliteratur wäre kaum noch überschaubar. Bis heute ist „Anna Karenina“ Gegenstand vieler populärer und wissenschaftlicher Abhandlungen, die dieses weltliterarische Ereignis aus den verschiedensten Blickwinkeln untersuchen. Zu den bedeutendsten und sprachlich eindrucksvollsten Reaktionen zählt zweifellos der 1939 erschienene Aufsatz von Thomas Mann, aus dem auch das Eingangszitat stammt.

Der Inhalt

Vereinfacht könnte man die Handlung darauf reduzieren, dass eine Frau fremdgeht, ihre Familie verlässt und damit sich und einige andere Beteiligte in großes Unglück stürzt. Über die ganze epische Breite betrachtet, ist es die Geschichte dreier russischer Familien von unterschiedlichem Stand, vor dem Hintergrund des feudalen zaristischen Russland der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Die scheiternde Beziehung der Karenins auf der einen und die hinlänglich gelungene Ehe Kittys mit Lewin auf der anderen Seite, bilden die wichtigsten gegensätzlichen Handlungspole.

Eines der zentralen Themen des Romans ist die Rolle der Frau in einer hierarchisch und patriarchalisch strukturierten Gesellschaft. Die Verankerung der Menschen in Glauben und Kirche festigte die Verhältnisse. Gleichzeitig machten sich jedoch immer stärkere Veränderungen der Moralvorstellungen bemerkbar. Zudem sorgte die innovative wirtschaftliche und technologische Dynamik für Umwälzungen, denen die Menschen zunächst nicht gewachsen waren. Daraus resultierende politische, soziale und religiöse Konflikte sorgen im Buch für Spannung erzeugende unterschiedliche Einstellungen und Lebensentwürfe der Protagonisten. Große Romane, wie Flauberts „Madame Bovery“ und Fontanes „Effi Briest“, die aus dem gleichen Zeitraum stammen, setzen sich ebenfalls mit solchen Grundfragen auseinander.

Höhepunkte und Schwierigkeiten

Ein Höhepunkt ist gleich der erste, berühmt gewordene und oft zitierte Satz: „Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich.“  Danach jede der über 1200 Seiten. Dieser heute allgemein bekannte Anfang wurde übrigens erst später vorangestellt. Der erste Satz den Tolstoi in der handschriftlichen Erstfassung niederschrieb, hieß: “Im Hause der Oblonskis herrschte große Verwirrung.” Schwierigkeiten bereiten – wie häufig in russischen Werken – die Vielzahl handelnder Personen, sowie die russischen Personen- und Familiennamen. Es ist außerdem nicht einfach den Überblick über die verzweigten Verwandtschafts, Dienst- und Freundschafts-Verhältnisse zu behalten.

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Tolstoi, Lew: Anna Karenina. Übersetzt und kommentiert von Rosemarie Tietze. – Hanser, 2009. Euro 39,90

Im Mai erscheint eine Taschenbuch-Ausgabe bei dtv (Euro 16,90)


Ein Kommentar zu “Spät-Lese (1)

  1. Nachdem ich durch den Film der fünf Elefanten, den ganzen Hype um S. Geier mitbekam, wollte ich ebenfalls in den Genuss dieser vermeintlich sagenhaften Neuübersetzungen kommen. Ich wählte den Jüngling von Dostojewski, da ich den sowieso noch einmal lesen wollte. Ich bin sehr enttäuscht worden und habe das Buch auch nicht zu Ende gelesen. Ich empfinde diese Übersetzung trist und um den Charme der Sprache der damaligen Zeit gebracht, Atmosphäre vernichtend. Eine Übersetzung gleich einem Rasenmäher, der gut arbeitet, aber alles auf der Wiese niedermacht. Es ist ja Geschmackssache, aber ich würde diese Übersetzungen beinahe schon als Frevel bezeichnen.

    Über das Verhältnis von Tolstoi und Dostojewski, die sich nie begegnet sind, sich so nahe standen und doch in fast allem widersprüchliche Betrachtungsweisen können Sie auf dieser Seite vielleicht etwas Interessantes erfahren.
    Erfahren kann man dort auch nicht alles aber auch nicht wenig über Dostojewskis Leben.
    http://dostojewski.npage.de/

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