100 Jahre mit Max Frisch

Schon vor mehreren Monaten hatte ich begonnen auf den 15. Mai hinzuarbeiten: Für einen weitausholenden und ausführlichen Blog-Beitrag über Max Frisch aus Anlass seines 100. Geburtstages. Gestern habe ich kapituliert, angesichts einer Vielzahl von Veröffentlichungen, die in den letzten Tagen und Wochen in deutschsprachigen Organen aus diesem Anlass erschienen sind. Und ich muss feststellen: Die Qualität der Artikel und Würdigungen war fast durchweg in Ordnung. Dazu gab und gibt es noch einzelne Fernsehsendungen und im Radio reichlich Hörspiele, Lesungen und interessante Features. Meine Erkenntnis: Da komme ich nicht ran. – Also ab in den Papierkorb? Das brachte ich dann doch nicht fertig. Ich habe statt dessen gestrichen und eingestampft. Drei Punkte, die mir wert schienen noch einmal aufgeführt zu werden, blieben am Ende übrig. Hier sind sie:

Biographien

Max Frisch war gut bekannt mit Bert Brecht und von diesem als Dramatiker und politisch denkender Mensch stark beeinflusst. Max Frischs Verhältnis zum Landsmann und Schriftsteller-Kollegen Friedrich Dürrenmatt war ambivalent. Max Frisch verband ein umfangreicher Briefwechsel mit Uwe Johnson. Max Frisch lebte einige Jahre mit Ingeborg Bachmann in Rom, worüber wir wenig wissen und was kein Bild dokumentiert … Dieses Leben, mit all seinen Beziehungen, Bekanntschaften, Begegnungen ist ein Stück Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts. Deshalb war das Jubiläum auch Anlass für das Erscheinen einiger neuer, umfangreicher, unterschiedlicher, aber durchweg spannender Biographien über den Schriftsteller und – für viele von uns – ja auch noch Zeitgenossen.

Max Frisch. Sein Leben, seine Bücher, von Volker Weidermann. Weidermann ist Feuilletonchef der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung und Enthusiast. Der Frisch-Verehrer schöpft zunächst einmal aus der Fülle eigener Anschauung, sprich Leseerfahrung. Wer sich richtig Lust auf die Lektüre von Frischs Büchern machen möchte, der lese Volker Weidermann.

Max Frisch von Julian Schütt. Der Journalist Schütt, ein ausgewiesener Frisch-Kenner, der bereits 1998 eine Frisch-Ausstellung konzipierte, nennt sein Werk die Biographie eines Aufstiegs. Der Schwerpunkt liegt auf den frühen Lebensabschnitten. Es berücksichtigt insbesondere den zeitgeschichtlichen Hintergrund und die Personen zu denen Frisch in Beziehung stand. Eine Arbeit von wissenschaftlicher Akribie.

Max Frisch. Sein Leben in Bildern und Texten. Herausgegeben von Volker Hage, im Hauptberuf Kulturredakteur beim SPIEGEL, hält das Werk, was der Untertitel verspricht. Eine Bild-Biographie mit viel neuem Material, die zudem Gespräche mit Frisch enthält, in denen der Schriftsteller recht offen und ausführlich Auskunft erteilt.

„Jetzt nicht die Wut verlieren“: Max Frisch – eine Biographie von Ingeborg Gleichauf erschien bereits im letzten Jahr und wendet sich in erster Linie an ein junges Publikum. Eine knappe, gut lesbare Einführung, die man ohne Vorkenntnisse lesen kann.

(Die biographischen Angaben finden Sie am Ende des Artikels.)

In der bekannten und beliebten Reihe der Rowohlt Bild-Monographien liegt leider kein aktuelles Frisch-Bändchen vor. Die letzte Ausgabe stammte aus dem Jahr 1997, verfasst von Volker Hage und ist derzeit vergriffen. Man möchte hoffen, dass hier bald nach- bzw. neu aufgelegt wird. Ein solch sachlicher Kurz-Überblick ist neben den ausführlicheren Abhandlungen unverzichtbar.

Zwei Ausstellungen

Die Ausstellung “Max Frisch: Das Tagebuch” im Deutschen Literaturarchiv. 31 Exponate zu Max Frischs Tagebuch 1946–1949, das sich als Keimzelle seiner erfolgreichsten Texte herausstellen wird, sind hier erstmals zu sehen. Im Marbacher Literaturmuseum der Moderne, noch bis zum 26. Juni. Zu diesem Thema ist auch ein “Marbacher Magazin” erschienen (Nr. 133). Mehr dazu hier.

Basierend auf der neuen, großen Bild-Biographie ”Max Frisch – Sein Leben in Bildern und Texten” von Volker Hage (s. oben und unten), zeigt das Literaturhaus München ebenfalls eine Ausstellung zum 100. Geburtstag von Max Frisch. Unter dem Titel “Heimweh nach der Fremde” ist sie bis 29. Juni zu sehen. Zur Ausstellung finden zahlreiche Begleitveranstaltungen statt.
Mehr dazu hier.

Best of Fragebogen

Max Frisch hat einige Fragebogen zusammengestellt, mit Fragen, die jedem, der sie ehrlich beantwortet, vor allem etwas über sich selbst verraten. Man kann sie auch als Gesellschaftspiel verwenden. Das ist jedoch unter Umständen nicht ohne Nebenwirkungen und Risiken. Ich habe die aus meiner Sicht originellsten und hintersinnigsten nachfolgend als kleine Hitliste aufgeführt. Vollständig zu finden sind sie in der am Ende angegebenen Quelle.

Platz 10: „Wen, der tot ist, möchten Sie wiedersehen?“ *

Platz 9: „Möchten Sie Ihre Frau sein?“ *

Platz 8: „Welche Hoffnung haben Sie aufgegeben?“ *

Platz 7: „Kommt es vor, daß Sie sich im Humor als ein anderer entpuppen, als Sie gerne sein möchten, d. h. daß Sie der eigene Humor erschreckt?“ *

Platz 6: „Solange Sie kein Vermögen und ein schwaches Einkommen haben, reden die Reichen vor Ihnen ungern über Geld und umso lebhafter über Fragen, die mit Geld nicht zu lösen sind, z. B. über Kunst: empfinden Sie dies als Takt?“ *

Platz 5: „Gibt es Feinde, die Sie insgeheim zu Freunden machen möchten, um sie müheloser verehren zu können?“ *

Platz 4: „Kennen Sie Tiere mit Humor?“

Platz 3: „Hassen Sie Bargeld?“

Platz 2: „Möchten Sie lieber mit Bewußtsein sterben oder überrascht werden von einem fallenden Ziegel, von einem Herzschlag, von einer Explosion usw.?“

Platz 1: „Sind Sie sicher, daß Sie die Erhaltung des Menschengeschlechts, wenn Sie und alle Ihre Bekannten nicht mehr sind, wirklich interessiert?“ *

* Aus: „Fragebogen“, in: Frisch, Max: Tagebuch 1966 – 1971. Suhrkamp, 1972

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Weidermann, Volker: Max Frisch. Sein Leben, seine Bücher. – Kiepenheuer und Witsch, 2010 (Euro 22,95)

Schütt, Julian: Max Frisch. Biographie eines Aufstiegs. – Suhrkamp, 2011 (Euro 24,90)

Hage, Volker: Max Frisch. Sein Leben in Bildern und Texten. – Suhrkamp, 2011 (Euro 24,90)

Gleichauf, Ingeborg: „Jetzt nicht die Wut verlieren“: Max Frisch – eine Biographie. – Nagel und Kimche, 2010 (Euro 18,90)

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