Wer glauben will muss lesen: „Muttersohn“ von Martin Walser

Im Stuttgarter Literaturhaus las der Autor aus seinem neuen Roman

“Wenn Sie einen Roman schreiben, der in Schussenried spielt, müssen Sie den Handlungsort Scherblingen nennen”, sagte Martin Walser. Und versammelte zur Urlesung aus seinem neuesten Buch unter barockem Himmel, lichten Deckengemälden, zwischen Putten und Goldglanz, im Bibliothekssaal des ehemaligen Klosters, zahlreiches Publikum und seinen ganz privaten Kosmos um sich: Ehefrau und Mitschreiberin Käthe, die kreativen Töchter, Schwiegersöhne, allerhand Künstler und regionale Prominenz.

“Wenn Sie einen Roman schreiben, der in Stuttgart spielt, müssen sie den Handlungsort Philippsburg nennen”, lasse ich Martin Walser auch noch sagen. In Stuttgart fand der Oberschwabe vor dem Beginn seiner langen Schriftsteller-Laufbahn Anstellung beim Südfunk (heute SWR) und arbeitete neben anderen mit Alfred Andersch und Arno Schmidt zusammen. (Arno Schmidt setzt Walser übrigens in “Muttersohn” ein bemerkenswertes, leicht schräges, literarisches Denkmal.) “Philippsburg” heißt der erste Roman von Walser und dieser Ort ist unschwer als Stuttgart zu identifizieren. Am Abend des 14. Juli – letzten Donnerstag – las Martin Walser zum zweiten Mal aus seinem bisher letzten Buch. Im Literaturhaus der baden-württembergischen Landeshauptstadt.

“…es ist eine helle Freude … wie Martin Walser in fünf Kapiteln und mit ungezählten Stimmen vom Suchen und Finden des religiösen Glaubens als schöner Sprech- und Lebenspraxis erzählen lässt, wie er mystischen Tiefsinn mit erzählerischen Leichtsinn paart und sich gelegentlich im hymnischen Blödsinn erholt, wie er rituelle Einübungen in christliche Demut mit wilden Ausübungen von sprachlichem Übermut kreuzt …” (Hans-Jost Weyandt, Spiegel Online, 13.7.2011)

Den großen Saal des Stuttgarter Literaturhauses betritt er schwungvoll, zusammen mit Julia Schröder, der Redakteurin der Stuttgarter Zeitung, die ihn rund um die eigentliche Lesung befragen, sich mit ihm unterhalten wird. Er ist braungebrannt, offensichtlich bester Dinge, schmunzelt von Anfang an. Er hätte endlich einmal kein Buch über gesellschaftliche Fragen, wie den Unterschied zwischen CDU und SPD, schreiben wollen, erklärt er seiner Gesprächspartnerin. Glaubensätze seien von ihm ja nicht erwartet worden und nun wolle er einmal sehen, wie die Leute reagieren. Er lächelt Julia Schröder an. Verschmitzt. “Man darf nicht mehr der Realität dienen.” Außerdem sei ja “alles was möglich ist langweilig.” Uns interessiere doch die Anziehungskraft des Unerklärlichen. Der “Muttersohn”, möglicherweise eine Jungfrauengeburt. “Es gibt ja Vorbilder”, sagt Frau Schröder.

Walser verlässt den Holzstuhl, auf dem er Julia Schröder gegenüber saß und tritt ans Rednerpult, zieht das Mikrophon zu sich heran, verbittet sich weiteres Photographieren. Die Lichtkegel der Scheinwerfer sind auf eine Fläche direkt neben Walser gerichtet. Von draußen fällt letztes Sonnenlicht herein; der Raum ist noch vom späten Tag erhellt. Ich vermisse das Glas Rotwein, dass so oft vor ihm stand, wenn er las. “Ich lese quer durch dieses Buch, um den Percy vorstellbar zu machen.”

Percy. Percy Anton Schlugen, Muttersohn und Hauptfigur. Percy fällt durch Leibesfülle auf, widerspricht den gängigen Lebensentwürfen. “Ich bin ein Echo, und weis nicht von was.” Percy predigt gerne und erlebt dabei “Pfingstaugenblicke”. Seine Lebensstimmung ist von “Glaubensübermut” geprägt. Wenn Percy glücklich ist, denkt er an seine Mutter. Als er eine Frau kennenlernt und bereit ist, sich ihr auszuliefern, besteht diese Sandra auf brieflichen Fernkontakt. Sie kann es sich nicht erlauben, verlassen zu werden. Percy ist in der Kirchenmusik zu Hause. Percy ist Krankenpfleger im psychiatrischen Landeskrankenhaus Scherblingen. Er liebt die lateinische Sprache. Furcht und Ungeduld sind Percy fremd.

Die kräftig kehlige Walserstimme mit allemannischen Akzent. Das rollende R. Das Buch enthält Szenen absurder Situationskomik. Das Publikum, viele der Anwesenden sind in Walsers Alter, darüber oder wenig darunter, fühlt sich prächtig unterhalten.

“An ‘Muttersohn’ beeindruckt die Rücksichtslosigkeit, mit der Walser seinen Ausdrucksnotwendigkeiten nachgeht… Er sprengt die Form, weitet sie bei Bedarf zum Drama. Er verlangt seinen Lesern alles ab: ‘Muttersohn’ ist keine lauwarme Konfektionsware, sondern ein abgründiges, kraftvolles, struppiges Lebens-, Liebes- und Glaubensbuch.” (Jörg Magenau, Literaturen, 102.2011)

Feinlein. Professor Dr. Dr. Augustin Feinlein war Chefarzt am psychiatrischen Landeskrankenhaus Scherblingen, dass der barocken Klosteranlage Schussenried zum Verwechseln ähnelt, bis er von Dr. Bruderhofer nicht ganz schmerzfrei abgelöst wurde. Feinlein ist väterlicher Freund und Förderer Percys; er war sein Lehrer an der Krankenpflegeschule. Nebenbei unterrichtete er den Schützling privat in Latein und Orgelspielen. Feinlein selbst liebt die Musik und Latein. Er erforscht den Reliquienglauben, der in oberschwäbischen Landen sehr verbreitet ist. Doch Feinleins eigener Glauben besteht hauptsächlich darin, dass er glaubt, eine Frau liebe ihn noch immer, die ihn schon vor Jahren verlassen hat. Feinlein kann von seinem Glauben nicht lassen.

Martin Walser litt ja immer etwas an Lobmangel. An diesem Abend holt er sich Aufmerksamkeit und Zuwendung im Übermaß. Der Saal ist proppenvoll. Gesammelte Stille und konzentrierte Hinwendung.

“Es ist, als habe jemand eine Tür aufgestoßen und lasse Licht und Luft hinein in diese oftmals dunkle, schwere Walser-Welt. Walsers Jesus- Rausch bringt in diesen 500-Seiten-Roman Tempo, Farbigkeit und Licht. Und am Ende … einen gelösten Abschiedston von einem Autor, der aber mit Sicherheit noch sechs, sieben Romane schreiben wird.” (Volker Weidermann, FAS, 3. Juli 2011)

Martin Walser wurde am 24. März diesen Jahres 84 Jahre alt.

Fini. Josefine Schlugen, die Mutter Percys. Fini lebt dem Leben zuliebe und forscht nach blauem Blut unter ihren Vorfahren. Sie war in jungen Jahren Percy Sledge Fan. Daher der Vorname des Sohnes. Der kann mit Musik dieser Art allerdings nichts anfangen. Fini hat dem Sohn immer wieder erzählt, dass für seine Zeugung kein Mann notwendig war. “Kein Mensch außer mir muss das glauben”, sagt der Sohn dazu. Fini liebte einst einen Mann, den sie nicht erobern konnte, der sie nicht erhörte; einen Mann, der Jahre später Percy als Patient begegnen wird.

Bild: A. Savin

Anknüpfend an Thomas Manns “Segenszutraulichkeit” geht es Walser um “Glaubensfähigkeit”, die in seiner Heimatregion, dem Bodensee-Hinterland, heute noch stark verbreitet ist. Walser erläutert aber in diesem Zusammenhang immer wieder, dass ein naiver Gottes-Glaube intellektuell nicht möglich ist. “Je nötiger Gott wäre, umso deutlicher wird jetzt, dass er aus nichts bestehe als aus Sprache. Statt etwas haben wir Wörter.“ So hat es Walser in seinem Essay “Sprache, sonst nichts” ausgedrückt.

Einleuchtend sind ihm hingegen die Ausdrucksformen von Glauben. Die Geschichte des Weihnachtsevangeliums als reine Literatur. Musik von Bach, Mozart und Schubert, die künstlerischen Zeugnisse in Kirchen und Klöstern, an süddeutschen Wegrändern. Uns begegnen ständig Ergebnisse realer “Glaubensbewegung”. Deshalb gibt es wohl einen Auslöser für Schöpfungsprozesse hinter der von uns wahrgenommenen Dinglichkeit.

“… Walser macht … zum Gegenstand des Erzählens, was andere Schriftsteller vielleicht als ihr Material bezeichnen würden, die Sprache. Er bedient sich dabei des christlichen, genauer, des katholischen Mythos, und er treibt auf die Spitze, was bei vielen wesentlich jüngeren Autoren in den letzten Jahren untergründig wirksam wird: die Reanimation vielleicht nicht des religiösen Sprechens, aber jedenfalls des Sprechens von der Transzendenz.” (Julia Schröder, Stuttgarter Zeitung, 9.7.2011)

Martin Walser beendet seine Stuttgarter Lesung aus “Muttersohn” mit einer Predigt Percys am Weihnachtstag. Percy predigt über den Satz “Lass mich nicht allein.” In der Geschichte setzt Schneefall ein. Die Anziehungskraft von Gegenpolen: Sprache und Ironie, Dichtung und Wahrheit. Walser auf der Höhe seiner Erzählkunst. Wortwirbel und Formulierungszauberei. Ergriffenheit im Saal. Draußen geht ein sonniger Sommertag in Dämmerung und schließlich Dunkelheit über. Der Schneefall im Buch wird stärker. Percys Predigt ist zu Ende.

Walser schließt das Buch.

Martin Walser hat sein Buch für den Rundfunk eingelesen. In der Reihe „Fortsetzung folgt“, sendet SWR 2 ab 19. Juli um 14.30 Uhr. Die Sendungen werden auch von anderen Hörfunkprogrammen übernommen.

Bereits im letzten Jahr erschien Kapitel III von „Muttersohn“ unter dem Titel „Mein Jenseits“ als selbstständige Veröffentlichung.  Martin Walser wollte damit Gottfried Honnefelder und dessen Verlag Berlin University Press, dem er das Buch überlies, unterstützen.

Walser, Martin: Muttersohn. – Rowohlt, 2011. Euro 24,95

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