Feste lesen!

Bei Kerzenschimmer, Zimtgebäck und Malventee. In Wollsocken unter der Leselampe. Mit Büchern durch den Winter.

“Es ist etwas Besonderes um Menschen, die am gedruckten Wort Interesse haben. Sie sind eine eigene Spezies: kundig, freundlich, wißbegierig – einfach menschlich.” Dieser Satz stammt von Nathan Pine, der, als er im Dezember 1982 neunzigjährig in New York verstarb, 77 Jahre als Buchhändler gearbeitet hatte.

Lange Lesen

Zum Beispiel mit Jan Brandt und seinem “Gegen die Welt” (Dumont. Euro 22,99). Der aus Leer stammende Jungautor und Journalist macht seine Heimatregion Ostfriesland zur literarischen Landschaft. Die Geschichte beginnt Mitte der Siebzigerjahre und erzählt wird auf fast 1000 Seiten die Geschichte des Daniel Kuper, der gerne zwischen Stühle und geistige Fronten gerät und in dessen Leben es nicht immer mit rechten Dingen zu geht. “Rebellisch und bewegend, wahnsinnig und witzig”, fand Söhnke Wortmann das Buch.

“Der wahrhaftige Volkskontrolleur” von Andrej Kurkow (Haymon. Euro 22,90) hat leider nur schlappe 500 Seiten. Man hätte gerne mehr gehabt von diesen absurden, skurrilen und doch der Realität so nahen Episoden und Ereignissen, die in Russland angesiedelt sind. Kurkow selbst stammt aus der Ukraine und ist spätestens seit seinem “Picknick auf dem Eis” auch bei uns bestens bekannt. Ob Russland oder Ukraine – nicht auszuschließen, dass der Alltag in beiden Staaten derzeit große Ähnlichkeit mit Kurkows Romanen hat. In seinem neuen Buch geht es um einen eher harmlosen Zeitgenossen, der unerwartet in das groteske Amt eines Volkskontrolleurs gewählt wird. Das bleibt nicht folgenlos.

Wer den diesjährigen Gewinner des deutschen Buchpreises noch nicht gelesen hat, sollte die Feiertage dazu nutzen. “In Zeiten des abnehmenden Lichts” (Rowohlt. 19,95) reisen wir mit Eugen Ruge. Und es sind sehr deutsche Zeiten. Eine breit angelegter Familienroman, der ganz aus östlicher, also DDR-Perspektive erzählt wird. Der Autor war bereits 57 Jahre alt, als sein Erstling dieses Jahr erschien und für den die eigene Familiengeschichte reichlich Stoff lieferte. Einer der Höhepunkt, wie in so manch gutem Generationen-Roman, ist ein Weihnachtskapitel. Rasant und amüsant wie hier linienharte Stalinisten den Spagat versuchen zwischen völligem Ignorieren und gelassenem Hinnehmen dieser christlich-heidnischen Traditionsveranstaltung.

Wer lieber etwas lesen möchte, das mit unseren aktuellen Problemen zu tun hat, ist bei einem anderen Buch richtig, das ebenfalls ein wundervolles, vor allem nahrhaftes Weihnachtskapitel zu bieten hat. Hauptsächlich geht es jedoch um Spekulation, Warentermin-Geschäfte, geschäftlichen Niedergang, die Krise des Kapitalismus, die Unzufriedenheit breiter Bevölkerungsschichten und um Probleme mit der nachwachsenden Generation. Das Buch ist dick, gut und erschien erstmals vor 110 Jahren: “Buddenbrooks” von Thomas Mann. (S. Fischer. Gebunden Euro 14, als TB Euro 9,95)

Besonderes Lesen

Judith Schalansky erfüllt mir viele Wünsche. Sie hat ihr neuestes Werk traumhaft schön gestaltet, selbst gesetzt, Material, Schrift und Farben ausgewählt. In der Hand hält man mit “Der Hals der Giraffe” (Suhrkamp. Euro 21,90) ein ganzheitlich erfahrbares Sinnes- und Lese-Erlebnis, das die vielfach begabte Schriftstellerin schelmisch einen Bildungsroman nennt. Es ist zeitlich vor und nach der deutschen Wende angesiedelt und handelt von einer Lehrerin, die Naturwissenschaften unterrichtet und deren Verstand Gefühlsregungen ablehnt. Eine grausame und gleichzeitig bemitleidenswerte Figur, für die man als Leser seltsamerweise alsbald echte Sympathie entwickelt. Ein faszinierender Beweis, was Literatur anrichten kann.

“Wunsiedel” (Wunderhorn. Euro 18,90) ist ein kleines Städtchen im nördlichen Franken, nahe der Grenze zu Tschechien. Nicht jeder kennt es. Im Sommer finden dort auf Deutschlands ältester Freilicht- und Naturbühne die Luisenburg-Festspiele statt. Wunsiedel ist der Geburtsort des ebenso originellen, wie zu wenig geschätzten Dichters Jean Paul. Beides spielt in dem schmalen Band von Michael Buselmaier eine zentrale Rolle. Der Autor, der wenig und selten veröffentlicht, lässt seinen Protagonisten zweimal in die Provinz reisen. Das reicht um den Leser über dessen Leben zu unterrichten. Lektüre für Menschen, die sich bei Handke, Hermann Lenz oder Kappacher nicht langweilen.

“Die Herrlichkeit des Lebens” (Kiepenheuer & Witsch. Euro 18,99) ist ein wirklich doppelbödiger Titel für das neue Buch von Michael Kumpfmüller und inhaltlich ein starker Kontrast zu seinem vielbeachteten “Hampels Fluchten”. Geht es darin doch um die letzte Liebe, das elende Siechtum und das frühe Sterben des Franz Kafka. Irgendwo zwischen jeder Menge Elend und Aussichtslosigkeit glimmt der Funke eines kleinen Glücks, das fast alles erträglich macht. Eindrucksvoll und einfühlsam erzählt. Franz Kafka, der deutschsprachige Jude aus Prag, einer der größten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, starb am 3. Juni 1924. Er wurde nur 41 Jahre alt.

Preiswert lesen

Eine ebensfalls längst vergangene jüdische Welt und Kultur lernen wir in Peter Manseaus “Bibliothek der unerfüllten Träume” (dtv. Euro 9,90) kennen. Ein junger amerikanischer Autor mit praller osteuropäischer Erzähllust. In den Zwanzigerjahren des vorigen Jahrhunderts wandert Itsik Malpesch aus dem bessarabischen Kischinau nach New York aus. Sein Leben ist von zwei großen Lieben geprägt. Zur Literatur und zur Metzgerstochter Sascha Bimko. Malpesch denkt und dichtet in einem ausgestorbenen jiddischen Dialekt. Am Ende seines Lebens ist er der einzige der diesen noch beherrscht.

Hanns-Josef Ortheils  “Die Erfindung des Lebens” (btb. Euro 11,99) ist wieder etwas für Leute, die gerne länger am selben Buch lesen. Fast 600 Seiten umfasst dieser stark autobiographische und kaum verschlüsselte Roman des in Köln und im Westerwald verwurzelten, heute in Stuttgart lebenden Schriftstellers, Nachdenkers und Genießers. Wie der Autor, erlebt die Hauptfigur des Romans, eine Mutter, die nach zahlreichen Schicksalschlägen nicht mehr spricht. Und so bleibt auch das Kind zunächst stumm. Der Vater und die Musik öffnen den Jungen schließlich für die Welt der Sprache. Er wird Schriftsteller. Eine Geschichte, fast zu schön, wüßte man nicht, dass sie im Kern wahr ist.

Viele sagen: Das ist der hinreisenste Liebesroman der letzten Jahre. Und die Geschichte ist bereits in unseren Kinos angekommen. Doch man sollte keinesfalls auf das Buch verzichten. “Zwei an einem Tag” (Heyne. Euro 9,99) von David Nicholls. Sie sind zwanzig als sie sich kennenlernen, aber eine gemeinsame Zukunft werden sie nicht haben. Getrennt durch Jahr und Tag, verpassen und begegnen sich immer wieder. Solide Erzählkunst, Humor und ein wenig Tragik, dazu ein Schuss britische Ironie – das macht zumindest die Leser glücklich.

Und zum guten Schluss noch: Das herrliche “Das war ich nicht” (Goldmann. Euro 8,99) des deutsch-isländischen Hamburgers Kristof Magnusson gibt es inzwischen auch als Taschenbuch. Drei Menschen, die vorher nichts voneinander wussten, geraten in abenteuerliche Wechselbeziehungen und eine Bank bricht zusammen. Rasant und amüsant. Mit für deutsche Romane ungewöhnlich flotten Dialogen.

Nun machen wir uns also auf zum Buchhändler unseres Vertrauens, Friedrich Nietzsches Satz immer im Hinterkopf: “Ein Buch, das man liebt, darf man nicht leihen, sondern muss es besitzen.”

Die Fotos dieses Beitrags sind von Wiebke Haag. Sie entstanden in dem walisischen Buchdorf Hay-on-Wye.

Ein Kommentar zu “Feste lesen!

  1. Hanns-Josef Ortheils “Die Erfindung des Lebens”: Ein fürwahr gutes Buch für lange WInterabende! Dieser Entwicklungsroman, dessen pulsierendes Herz eine anrührende Vater-Sohn-Geschichte ist, macht den Leser, die Leserin, am Ende der Lektüre einfach nur glücklich…

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